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Constanze Koslowski: Kindergarten und Grundschule auf dem Weg zur Intensiv­kooperation

Cover Constanze Koslowski: Kindergarten und Grundschule auf dem Weg zur Intensivkooperation. [mit Kopiervorlagen]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 95 Seiten. ISBN 978-3-407-62955-5. 19,95 EUR.
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Thema

Das Land Baden-Württemberg hat während der letzten Jahre mehrere Großprojekte der Forschung und Entwicklung im Bereich von früher Bildung durchgeführt bzw. durchführen lassen – u.a. „Schulreifes Kind“, „Orientierungsplan“ sowie „Bildungshaus 3-10“, also immer Fragestellungen um die Schnittstelle von Kindergarten und Grundschule.

Bei der Verbindung der beiden Einrichtungen miteinander geht es um ein Thema nicht ohne Geschichte. Natürlich sollen sie zusammenarbeiten und sich aufeinander abstimmen sowie gegenseitig ergänzen. Und natürlich sollen die Übergänge (neuerlich Transitionen genannt) für die betroffenen Kinder bruchlos sein. Ich verfolge und bearbeite das Thema über Jahrzehnte. Anfang der 1980er Jahre führte ich selber eine empirische Studie dazu durch. Es war die zweite (nach Krohmann 1968) auf diesem Gebiet. Längst wissen wir ziemlich genau, wie die Zusammenarbeit gehen soll. Keineswegs wissen wir aber, wie man die Praxis zur Umsetzung bewegen kann. Und nun die „Intensivkooperation zwischen 3 und 10“. Wie ist sie zu verstehen?

Entstehungshintergrund

Acht Jahre lang wurde das Landesmodell „Bildungshaus 3-10“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie aus dem Europäischen Sozialfond finanziert (S. 15). An 32 Standorten arbeiteten pädagogischen Fachkräfte „intensiv“ zusammen, wissenschaftlich begleitet vom „Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen“ in Ulm, an dem auch die Autorin der vorliegenden Publikation in dem Projekt arbeitete.

Inhalte

Laut vorliegender Publikation war das Forschungsziel, „Erkenntnisse über Nutzen und Grenzen der Verzahnung von Kindergarten und Grundschule hervorzubringen … Ein Fokus lag auf der Analyse der Wirkung der Bildungshausarbeit in Bezug auf die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung der Kinder, die pädagogische Prozessqualität in den einzelnen Einrichtungen sowie im Rahmen der Bildungshaus-Aktivitäten, die Veränderungen der Arbeitssituation, Arbeitsabläufe und Arbeitszufriedenheit.“ (S. 20)

In der vorliegenden Publikation geht es um zwei weitere Forschungsaufgaben: Die Begleitung der Prozesse in den Personalteams sowie die Dokumentation darüber. Was die genauere Rolle der wissenschaftlichen Begleitung sein sollte, bestimmten nicht die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern die Personalteams von Kindergarten und Grundschule selbst: Entweder (a) Beobachten und Feedback geben, (b) Struktur und Unterstützung geben oder (c) Moderation bei Schwierigkeiten und Konflikten. Die Wissenschaftler selbst verstehen sich nicht pädagogisch (sie wollen möglichst nichts vorgeben und wenig einwirken), sondern sich systemisch verhalten: „Systemisch zu denken bedeutet, in Kreisläufen anstatt linearen Prozessen zu denken.“ (S. 25) Die wissenschaftliche Begleitung der Prozesse in den Teams lassen sich mit Hilfe der Systemik, so die Autorin Constanze Koslowski, in geeigneter Weise erfassen und ggf. auch entwickeln. (Der Rezensent als Erziehungswissenschaftler sieht dieses anders: In der Pädagogik ist der systemische Blick sinnvoll und nahezu unverzichtbar – allerdings reicht diese Position allein keineswegs aus. Pädagogik, auch pädagogische Forschung, impliziert immer auch (!) den normativen Aspekt. Das gilt sowohl für Erziehung und Bildung als Prozess, als auch für die kooperativen Prozesse der Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Erziehern einerseits sowie Lehrkräften der Schule andererseits.) Systemik muss in der Pädagogik als notwendige, darf aber nicht als hinreichende Voraussetzung betrachtet werden.

Die Publikation spricht von zehn zentralen „Themen, die dem Verständnis von Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule Kontur verleihen.“ (S. 24) Die Leserschaft muss sich anstrengen, um zu erfahren, was unter „Themen“ präzise zu verstehen ist und was „Kontur verleihen“ bedeutet. Seite 27 f. werden die „Themenstellungen im Kooperationsgeschehen“ genannt:

  1. Verbindlichkeit ist die Basis für kooperative Entwicklungsprozesse.
  2. Jeder Kooperationsverbund ist speziell.
  3. Die Wege hin zu intensiver Kooperation müssen stets eigene Wege sein.
  4. Die jeweils beteiligten Institutionen haben ein Recht auf die Anerkennung ihrer Individualität und der gewachsenen traditionellen Institutionen.
  5. Die Kooperationsarbeit steht in Wechselbeziehung mit den Bedingungen, Aufträgen, Zielen und rechtlichen Vorgaben der Systeme Schule und Kindergarten.
  6. Kooperation ist eine Dimension im Berufsalltag der Lehr- und Fachkräfte, die einer Neudefinition von Verantwortung für Leitung, Team und einzelne Beteiligte bedarf.
  7. Durch die Intensiv-Kooperation entsteht eine Schnittstelle gemeinsamer professioneller Arbeit, die sich durch spezifische fachliche Ansprüche, Gestaltungsformen und Rituale erst konstituiert.
  8. Die Kooperationsarbeit steht in Wechselbeziehung mit dem Umfeld der beteiligten Institutionen: Eltern, Trägern, weiteren Mitverantwortlichen und Regionalakteuren.
  9. Kooperation ist ein komplexer, von vielen Seiten beeinflusster Prozess, der nicht aufhört, sich auf dem Kontinuum zwischen Gelingen und Misslingen zu bewegen.
  10. Kooperation soll den Kindern, deren Familien sowie den Lehr- und Fachkräften nützen und dabei helfen, pädagogische Qualität fortzuentwickeln.

Für alle „Themen“ werden „Kopiervorlagen“ (mit viel graphischem Aufwand, z.B. große oder kleine laufende Häuschen mit Gesichtern, Armen und Beinen versehen) geboten. Der Anspruch der zehn Themen ist nicht allzu hoch; heißt es doch lapidar (S. 69 f.): „Jeder Kooperationsverbund muss eigene Wege suchen.“ (Was in dieser Sprachführung vom Rezensenten bestritten wird; denn der Mensch ist ein Anderer unter Gleichen.) Weiter (a.a.O.): Die „Themenblätter … geben lediglich Hinweise auf das Gebiet, seine Beschaffenheiten, Schönheiten und Gefahren …“ Die zehn Themen werden an mehreren Stellen genannt: S. 5; S. 27 f.; S. 74.

Was ist nun eigentlich die „Intensivkooperation“ vom Wesen der pädagogischen Sache her? Das wäre vor allem zu fragen mit Blick auf die traditionelle Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule, nicht zuletzt im Hinblick auf die Verwaltungsvorschriften.

Bei den Ausführungen zu den zehn Themen (ich verstehe sie bei wohlwollender Deutung als Impulse einer gelingenden Kooperation von Kindergarten und Grundschule.) werden die „systemischen“ Wissenschaftler recht normativ und pädagogisch, heißt es doch S. 84 und 85 als Beispiele für die Praxis: „Eröffnen Sie … Erlauben Sie … Schauen Sie … Erstellen Sie … Benennen Sie … Vereinbaren Sie“ etc. So kann alle Leserschaft bei wohlwollender Deutung und bei Interesse an Kooperation auf jeden Fall Anregungen entnehmen. Bei einer genaueren Betrachtung der „Intensivkooperation“ – vor allem bei der Frage, was sie denn nun eigentlich ist und sein soll, auch in Zukunft (!) – kommen gewiss „aus der Praxis“ Fragen und Zweifel, z.B.: Haben pädagogische Fachkräfte – ihr Kerngeschäft ist und bleibt die pädagogische Arbeit im engeren Sinne – nicht außerhalb der Kooperation alle Hände voll zu tun? Die Empfehlung des Hospitierens in den jeweiligen anderen Einrichtungen (S. 84) ist zu begrüßen: „Eröffnen Sie in Ihrer Institution den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Möglichkeit, im jeweils anderen System zu hospitieren.“ Aber: Woher kommen Zeit, Geld und Personen, um diese Aufgabe auch tatsächlich zu realisieren? Wäre es angesichts der nach wie vor scharfen Trennung von Kindergarten und Grundschule in allen deutschen Bundesländern (natürlich sollte sie wenigstens mehr oder weniger überwunden werden!) nicht realistischer, die seit Jahren vorhandenen Kooperationskonzepte umzusetzen und die Förder- oder Hemmfaktoren zu benennen – mit dem Ziel, von den 10 000 „Stolperkindern“, die wir allein in Baden-Württemberg am Übergang Kindergarten – Grundschule haben (in anderen Ländern ist es ähnlich), wegzukommen. Oder war das das Ziel von „Bildungshaus von 3-10“? Trägt die Schrift von Constanze Koslowski dazu bei? Sie könnte!

Fazit

Zu bedenken bleibt: Systemik – als ein wichtiges Denkmodell – ist keine Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft. Sie reicht in allen Gebieten der Erziehung und Bildung, auch bei der Zusammenarbeit von Erwachsenen, allein nicht aus und bedarf der pädagogischen Ergänzung. Systemiker wären vermutlich nicht einverstanden, wenn ihre Position als „Magd der Pädagogik“ begriffen würde. Systemik ist ein (!) Element des partial-holistischen Denkens und Arbeitens in der Erziehungswissenschaft.

Zum Buch: Äußerlich ein Opusculum, inhaltlich ein Werk, in dem man lesen kann und sollte – anregend, besonders für solche, die sich anstrengen und etwas tiefer schürfen wollen. Vor allem für solche, die etwas von Forschung verstehen, besonders qualitativer Forschung, oder darüber lesen wollen. Praktikerinnen und Praktiker brauchen Geduld. Auch sie müssten, wie der Rezensent, jede Zeile lesen und verstehen.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 05.12.2016 zu: Constanze Koslowski: Kindergarten und Grundschule auf dem Weg zur Intensivkooperation. [mit Kopiervorlagen]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-62955-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20079.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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