socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Birgit Elend: Statik und Dynamik im informellen Lernen

Cover Birgit Elend: Statik und Dynamik im informellen Lernen. Subjektive Perspektiven auf die betriebliche Teamleitung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 312 Seiten. ISBN 978-3-7639-5455-1. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR, CH: 48,65 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Informelles Lernen in der Erwerbsarbeit findet im Zuge der Diskussion um die sogenannte „70-20-10“-Regel, nach der gerade mal zehn Prozent der Fähigkeiten zur Bewältigung der Herausforderungen im Arbeitsprozess in formellen Lernformaten erworben werden, eine zunehmende Bedeutung in der Praxis. Es bildet aber auch einen wesentlichen Schwerpunkt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Lebenslangem Lernen.

Die Autorin untersucht informelles Lernen von Erwachsenen in der betrieblichen Teamleitung am Beispiel von Mitarbeiterinnen, die eine erste Leitungsposition übernommen haben. Sie entwickelt eine handlungsorientierte, lerntheoretische Fundierung für empirische Untersuchungen. Sie gestaltet einen heuristischen Bezugsrahmen zur Erfassung, Kategorisierung und Interpretation der Subjektperspektive zum informellen Lernen. Aus diesen Grundlagen entsteht ein Konzept zur Auswertung von qualitativen Leitfadeninterviews. Mit dem generierten Analysemodell als empirisches Ergebnis sollen Lernen und Lernbegrenzungen identifiziert und „Lerngestalten“ sichtbar gemacht werden. Lernen vollzieht sich dabei vorrangig dynamisch.

Autorin

Birgit Elend hat Pädagogik, Soziologie und Sozialpsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen studiert. Sie wurde mit diesem Werk an der Universität Dresden promoviert. Heute arbeitet sie in einem mittelständischen Unternehmen als Gruppenleiterin für strategische Personalentwicklung.

Entstehungshintergrund

Die betriebliche Arbeits- und Lernwelt verändert sich mit zunehmender Dynamik. Die Leistungsanforderungen und notwendigen Produktivitätssteigerungen können nur durch partizipative Beteiligung und kollektive Anstrengungen aller Mitarbeiter und Führungskräfte erreicht werden. Selbstorganisation und die Kompetenz zum kollaborativen Arbeiten und Lernen werden immer mehr gefordert. Die aktuelle Ausgestaltung der betrieblichen Weiterbildung ist jedoch von dieser Erkenntnis weitgehend abgekoppelt, obwohl die Mitarbeiter sich immer schneller und flexibler Kompetenzen aufbauen müssen. Häufig verweilt die Weiterbildung noch bei standardisierten Angeboten von Seminaren, Trainings, E-Learning Angeboten oder Webinaren, die über betriebliche Veranstaltungskataloge verwaltet werden, als sei die Weiterbildung noch der tayloristischen Management-Denkrichtung verhaftet. Dabei steht die betriebliche Bildung vor bisher unbekannten Herausforderungen.

Wie lassen wir bei Mitarbeitern die Fähigkeiten reifen, offene Probleme selbstorganisiert und kreativ zu lösen? Wie bereiten wir sie auf Herausforderungen vor, die gegenwärtig noch gar nicht existieren, auf die Nutzung von Technologien, die noch gar nicht entwickelt sind, um Probleme zu lösen, von denen wir heute noch gar nicht wissen, dass sie entstehen werden? Diese Herausforderungen werden im aktuellen, meist formell orientierten Bildungssystem weitgehend ignoriert.

Die Bedeutung des informellen Lernens ist zwischenzeitlich unbestritten. Bei der Untersuchung dieser Prozesse treten jedoch eine ganze Reihe von Fragen auf.

  • Wie kann ein Prozess untersucht werden, der als unbeobachtbar gilt?
  • Wie erschließen sich Vollzugsmomente, die als vor-, unbewusst oder handlungsinhärent angenommen werden?

Es geht also darum, Kreisläufe aus Handlungen und Reflexionen während des informellen Lernens im Rahmen der Kompetenzentwicklung zu untersuchen.

Das Forschungsinteresse der Autorin liegt in der Frage, was und wie Mitarbeiterinnen in der Teamarbeit bzw. bei der Übernahme einer ersten Führungsposition informell lernen. Wie bewältigen Sie ihre neuen Herausforderungen? Welche Lernprozesse und Reflexionen werden vollzogen? Was sind hinderliche und förderliche Bedingungen des informellen Lernens?

Aufbau und Inhalt

Im ersten Abschnitt werden spezifische Diskussionsstränge zum informellen Lernen und seiner Abgrenzungskriterien zum formalen und nonformalen Lernen dargestellt. Daraus leitet die Autorin die Begriffe ab, mit denen sie im Zuge der Untersuchung arbeiten will.

Im zweiten Abschnitt bündelt sie den aktuellen Forschungsstand zu dieser Fragestellung auf Basis einer Auswahl von Autoren. Anhand ausgewählter Studien aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und ihrer spezifischen Forschungsergebnisse zum informellen Lernen und der Lernförderlichkeit der Arbeit wird dieser Zusammenhang belegt.

Abstrahiert von den einzelnen Arbeitsaufgaben und -situationen werden unterschiedliche planerische, organisatorische und ausführende Aufgaben der Arbeitsorganisationsform Teamarbeit erfasst und untersucht. Auf Basis einer Literaturanalyse werden die potenziellen Lernmöglichkeiten in der Teamarbeit erörtert.

Im 4. Kapitel entwickelt die Autorin einen Vorschlag zur lerntheoretischen Erweiterung der empirischen Forschung des informellen Lernens in der Arbeit. Sie nutzt dabei Lerntheorien, die es erleichtern, mit einem subjekt-, handlungs- und lernprozessorientierten Blick an das Untersuchungsfeld heranzugehen, um das Lernen in der Teamarbeit und -leitung zu erforschen.

Auf dieser theoretischen Grundlage wird das methodische Vorgehen der qualitativ-empirischen Untersuchung abgeleitet und begründet. Weiterhin wird das Vorgehen in der Datenerhebung und Auswertung beschrieben, um empirische Erkenntnisse über die Lernprozesse in einer neuen Arbeitsorganisationsform zu generieren.

In Kapitel 6 werden die wesentlichen Ergebnisse der Studie in Form eines analytischen Modells und unterschiedlichen Lerngestalten präsentiert. Mit einem Analysemodell zum Lernen in der Teamleitung sollen individuelle Voraussetzungen und Ausgangsbedingungen, Handlungsmuster und Interaktionen eingeordnet werden.

In der abschließenden Zusammenfassung und Diskussion werden die wesentlichen Ergebnisse erörtert und bewertet.

Fazit

Die Untersuchung zeigt, dass den Unterstützungsmaßnahmen, wie Einführungsseminar, Coaching und kollegiale Beratung insbesondere dann von Bedeutung sind, wenn Unsicherheiten auftreten. Es zeigt sich, dass die Lernförderlichkeit von Teamarbeit dort an ihre Grenzen stößt, wo die neuen Aufgaben und Arbeitsformen als schwierig und von der Leitung zu wenig begleitet empfunden werden.

Die Ausgangsfragen zum informellen Lernen im Team werden nicht mit einer Liste von Lernergebnissen beantwortet, sondern mit der Konstruktion von Lerngestalten und Zwischentönen, die den Prozess des Lernens verdeutlichen, der durch eine spezifische Herstellung von Zusammenhängen durch Denken und Handeln, durch Beobachtung und Reflexion und Handlungsorientierung geprägt ist.

Deshalb bietet das Werk keine einfachen Lösungen. Die Lerngestalten sind so komplex wie das Lernen selbst, wie die Lernkontexte und die Herausforderungen des Lernens. Deutlich wurde, dass vor allem folgende Aspekte für den Lernerfolg im Team verantwortlich sind:

  • Entwicklung selbstreflexiver Fähigkeiten,
  • Aufbau kommunikativer und methodischer Kompetenzen,
  • Wissen über Arbeitsorganisation sowie Arbeits- und Unternehmensprozesse,
  • Delegation von Verantwortung und Übernahme von Führungsverantwortung,
  • Herstellung eines lernförderlichen Kontextes,
  • problematische Situationen erkennen und analysieren.

Insgesamt liefert die Arbeit wichtige Aspekte zur weiteren Erforschung informellen Lernens in der Arbeit. Praktiker erhalten Denkanstöße zur Gestaltung eines Ermöglichungsrahmens, der die Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter unterstützt.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
E-Mail Mailformular


Alle 40 Rezensionen von Werner Sauter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 10.02.2017 zu: Birgit Elend: Statik und Dynamik im informellen Lernen. Subjektive Perspektiven auf die betriebliche Teamleitung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-7639-5455-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20082.php, Datum des Zugriffs 27.04.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!