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Sybille Bauriedl (Hrsg.): Wörterbuch Klimadebatte

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 29.12.2015

Cover Sybille Bauriedl (Hrsg.): Wörterbuch Klimadebatte ISBN 978-3-8376-3238-5

Sybille Bauriedl (Hrsg.): Wörterbuch Klimadebatte. transcript (Bielefeld) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-3238-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.
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Prima Klima – oder: Klimakatastrophe?

Obwohl mittlerweile im wissenschaftlichen wie im alltäglichen Diskurs und Bewusstsein unumstritten ist, dass die prognostizierten, sich bereits heute in vielfältigen Zusammenhängen zeigenden Auswirkungen von Klimaveränderungen menschengemacht sind, also der Mensch mit seinem ökonomischen, profitorientierten und egoistischen Denken und Tun für Entwicklungen verantwortlich ist, die Auswirkungen auf die menschliche Existenz auf unserer Erde haben, unternimmt die Menschheit individuell und gesellschaftlich, lokal und global viel zu wenig, um mit Klimaschutz und -bewahrung eine mögliche Klimakatastrophe zu verhindern. Die aktuellen, internationalen Verhandlungen bei der UN-Klimakonferenz in Paris zeigen, dass verbindliche Vereinbarungen darüber, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, äußerst schwer und nur mit zahlreichen Kompromissen und Ausnahmeregelungen zu erreichen sein werden. Denn selbst dann, wenn dieses Ziel erreicht werden würde, so bestätigen Klimaexperten, wären die Vereinbarungen nicht ausreichend, um alle Menschen auf der Erde vor den Folgen der Erderwärmung und der damit direkt zusammenhängenden Klimaveränderungen und -katastrophen schützen zu können.

1972 hat eine Gruppe von jungen WissenschaftlerInnen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Prognose mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ vorlegt und zu bedenken gegeben, dass die Menschen sich bewusst sein müssten, dass nur ein Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur, zwischen Ökonomie und Ökologie eine humane Existenz der Menschheit gewährleisten könne: „Je eher sich die Menschheit sich entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, dass sie ihn auch erreicht… Maßnahmen, die erst ergriffen werden, wenn sich schädliche Wirkungen gezeigt haben, kommen viel zu spät“, so Daniel L. Maedows und sein Team in der Prognose von fast einem halben Jahrhundert.

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Dass ein Perspektivenwechsel des homo oeconomicus notwendig ist, darüber wird in der Wissenschaft wie im Alltag in vielfältiger Weise gesprochen; und es werden Veränderungen im Denken und Tun der Menschen gefordert; etwa, wenn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) dazu aufruft: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“; oder wenn Philosophen auffordern: „Du musst dein Leben ändern!“ (Peter Sloterdijk). Immer sind es Appelle, die im Dickicht von Egoismus, Gier, Verantwortungslosigkeit und Allmachtvorstellungen untergehen. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass wir die Klimadebatte mit der Annahme führen, „dass Wachstum mit reduziertem und langfristig sogar ohne Umweltverbrauch möglich sei, und dass Wachstum und Ressourcenverbrauch voneinander entkoppelt werden könnten“. Dieser Auffassung von „der scheinbaren Alternativlosigkeit einer neoliberal globalisierten Klimapolitik“ wird im „Wörterbuch Klimadebatte“ widersprochen.

Die an der Universität in Bonn tätige Geografin Sybille Bauriedl geht in dem Sammelband davon aus, dass Klimaschutz eine Menschheitsaufgabe ist, und diese ökonomisch, ökologisch, sozial und anthropologisch bewältigt werden müsse. Sie fordert auf, die Phänomene des Klimawandels neu zu diskutieren und zu bewerten. Sie plädiert dafür, eine Win-Win-Situation zwischen den ökonomischen und gesellschaftskulturellen Interessen der Menschen herzustellen und auf der Grundlage „buen vivir“ (gutes, gelingendes Leben) „grünes Wachstum“ und „ressourcenschonendem Wachstum“ zu erproben.

Aufbau und Inhalt

Im Wörterbuch „Klimadebatte“ diskutieren 27 Expertinnen und Experten 40 Begriffe, die mit Blick auf die zentralen und peripheren Inhalte analysiert, einer kritischen Betrachtung unterzogen und in die diskursprägenden Argumentationen eingeordnet werden: „Das Wörterbuch will damit ein Nachdenken über vorherrschende Strategien und mögliche Zukünfte anregen… (und) „Kritik an der scheinbaren Alternativlosigkeit einer neoliberalen globalisierten Klimapolitik formulieren“. Die einzelnen Beiträge balancieren zwischen den realistischen Überzeugungen, „dass es einfache und bequeme Lösungen für die komplexen Dynamiken des Klimawandels und die damit zusammenhängenden sozial-ökologischen Verhältnisse nur zu hohen sozialen Kosten geben kann“, gleichzeitig auch, dass „diese Kosten ( ) genauso ungleich verteilt sein (werden) wie bisher und damit eine nachhaltige Entwicklung, die auf internationale und intragenerationale Gerechtigkeit zielt, verunmöglichen“. Sie sind aber auch getragen von der Vision, dass die Menschen als verstandesbewusste und empathische Lebewesen in der Lage sein können, eine gerechtere, friedlichere und humane Welt zu schaffen.

Die 40 Begriffe zu den einzelnen Inhaltsanalysen werden alphabetisch geordnet. Sie beginnen mit den Auseinandersetzungen zum umstrittenen Begriff „Agrartreibstoffe“, den die Wiener Politikwissenschaftlerin Melanie Pichler sachkundig und differenziert darstellt. Allen Begriffen wird eine herausgehobene Kurzfassung mit den relevanten Schlüsselpositionen zur Thematik vorangestellt, wie auch zum Schluss eine Liste von ausgewählter, weiterführender Literatur. Der Aufbau der einzelnen Begriffsanalysen ist nach einem gleichlautenden Schema geordnet: Begriffserklärung und Bedeutung im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs – Kontroversen und Beispiele – Bewertung.

  • Mit dem Begriff „Anthropozän“ setzt sich der Wiener Ökologe und Anthropologe Christoph Görg auseinander.
  • „Bioökonomie“ wird von der Berliner Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Sarah K. Hackfort thematisiert.
  • Der Bielefelder Politologe Timmo Krüger bringt das Problem der „CO²-Abscheidung und -Speicherung“ zur Sprache.
  • Der Wuppertaler Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Tilman Santarius reflektiert den Begriff „Effizienzrevolution“.
  • Die Politik- und Sozialwissenschaftler(in) vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner, Sören Becker, Matthias Naumann und Laura Weis, bringen den Begriff „Energiedemokratie“ in die Debatte ein.
  • Der Geograf vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg/Berlin, Harry Hoffmann, informiert über „Energieeffiziente Kocher“, als Beispiel für sparsamen Energieverbrauch.
  • Die freiberufliche Geografin, Umweltpsychologin und Verwaltungswirtin Stefanie Baasch bringt die Zusammenhänge zum Begriff „Energiewende“ auf den Punkt.

Es geht weiter mit den Begriffen

  • „Entkoppelung“ (Tilman Santarius),
  • „Geoengineering“ (Thilo Wiertz),
  • „Geschlechtsspezifische Verwundbarkeit“ (Bauriedl / Hackfort),
  • „Globales Umweltmanagement“ (Ulrich Brand / Christoph Görg),
  • „Inwertsetzung von Natur“ (Görg),
  • „Klima-Governance“ (Achim Brunnengräber),
  • „Klimaanpassung“ (Kristina Dietz / Brunnengräber).
  • „Klimabewegung“ (Philip Bedall),
  • „Klimaflüchtlinge“ (Carsten Felgentreff),
  • „Klimafreundlicher Konsum“ (Ines Weller),
  • „Klimagerechtigkeit“ (Brunnengräber / Dietz),
  • „Klimakatastrophe“ (Tobias Schmitt),
  • „Klimakompatible Entwicklung“ (Detlef Müller-Mahn),
  • „Klimakonflikte“ (Jürgen Scheffran),
  • „Klimaneutralität“ (Bauriedl),
  • „Klimavulnerabilität“ (Dietz),
  • „Klimawissenschaft“ (Werner Krauß),
  • „Nachhaltigkeit“ (Pichler),
  • „Nullemission“ (Bauriedl),
  • „Ökologische Modernisierung“ (Krüger),
  • „Partizipation“ (Baasch),
  • „Planetarische Grenzen“ (Görg),
  • „Raumschiff Erde“ (Bettina Köhler),
  • „REDD“ (Julia Kill),
  • „Resilienz“ (Sabine Höhler),
  • „Smart City“ (Köhler),
  • „Sozial-ökologische Transformation“ (Ulrich Brand),
  • „Suffizienz“ (Uta von Winterfeld),
  • „Wachstum und Wohlstand“ (Brand),
  • „Weltbürgergesellschaft“ (Malte Timpte),
  • „Weltklimarat“ (Krüger) und
  • „Wissensunsicherheit“ (Baasch).

Fazit

Ein Wörterbuch ist ein Nachschlagewerk, das ExpertInnen und InteressentInnen greifbar in ihrer Nähe zur Verfügung haben. Es wird meist benutzt, um schnelle und prägnante (Kurz-)Informationen einzuholen und gewissermaßen eigene Standortpositionen einnehmen zu können. Ein Sach- und Fachwörterbuch, zumal wenn es einen spezifischen Themenbereich umfasst, muss zudem mit dem Problem zurecht kommen, dass darin nicht alle, im historischen wie aktuellen (Fach-)Diskurs benutzten Begrifflichkeiten und Sachinformationen zu finden sind. So wird es auch im Wörterbuch „Klimadebatte“ sein. Ein weiteres Problem dürfte auch darin bestehen, dass bei den dargestellten, subjektiven Begriffsdefinitionen nicht alle möglichen Interpretationen und Sachzusammenhänge thematisiert werden. Das ist normal und vermutlich auch nicht zu verhindern! Benutzern des Wörterbuchs „Klimadebatte“ jedoch würde helfen, wenn die Herausgeberin ein Sachverzeichnis angehängt hätte. Für erfahrene Handbuchbenutzer kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Die Paperback-Ausführung des Handbuchs dürfte den Anforderungen bei öfterem Gebrauch kaum standhalten, und die Benutzer werden vermutlich bald lose Blätter in den Händen halten. Es wäre also besser gewesen – das als Hinweis für eine mögliche weitere Auflage – das Handbuch mit stabiler Bindung und festem Einband herauszugeben.

Dass bei der Begriffsauswahl der Themenanalysen sich immer wieder Aspekte und Fragestellungen zur Gesamtthematik wiederholen, ist nicht schlimm, sondern eher dem Phänomen geschuldet, dass die Klimadebatte nur in ihren vielfältigen Ausprägungen, Zugangsweisen, Fragen und Antworten immer wieder wiederholend und neu bedenkend diskutiert und analysiert werden muss. Wie in vielen anderen Diskursen um Humanität, Menschlichkeit, Solidarität und Empathie kommt es auch bei den Auseinandersetzungen um eine fach-, sachgerechte und humane Klimapolitik darauf an, nicht nach allzu vereinfachenden Ja-Nein-Lösungen Ausschau zu halten, sondern ganzheitliches Denken und Handeln zu üben und im alltäglichen und gesellschaftlichen Diskurs zu praktizieren. Deshalb sollte das Wörterbuch Klimadebatte“ gute Dienste leisten; und, weil Wandlungs- und Veränderungsprozesse im menschlichen Dasein natürliche Entwicklungen und Chancen darstellen, sind Herausgeberin und das Autorenteam aufgefordert, das Wörterbuch weiter zu schreiben!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.12.2015 zu: Sybille Bauriedl (Hrsg.): Wörterbuch Klimadebatte. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3238-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20085.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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