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Axel Börsch-Supan, Thorsten Kneip u.a. (Hrsg.): Ageing in Europe - supporting policies for an inclusive society

Cover Axel Börsch-Supan, Thorsten Kneip, Howard Litwin, Michal Myck, Guglielmo Weber (Hrsg.): Ageing in Europe - supporting policies for an inclusive society. Walter de Gruyter (Berlin) 2015. 379 Seiten. ISBN 978-3-11-044412-4. D: 89,95 EUR, A: 92,50 EUR, CH: 119,00 sFr.
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Thema

In diesem Buch werden die Forschungsergebnisse der fünften Erhebungswelle der europäischen Langzeitstudie zur sozialen Inklusion von Personen 50+ (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe – SHARE), vorgestellt. Ziel der Erhebung, die u. a. im Rahmen des EU Programmes Horizon 2020 gefördert wurde, war es, ausgehend von einem umfassenden Begriff von In- bzw. Exklusion vielfältige Perspektiven auf die Situation älterer Personen zu werfen.

Herausgeber

Die Herausgeber sind Teil eines europäischen Forschungsnetzwerkes (inklusive Israel).

  • Axel Börsch-Supan ist als Direktor am Max Planck Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München und als Direktor des Münchner Zentrums für Altersökonomie tätig,
  • Thorsten Kneip ist ebenfalls am Max Planck Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München beschäftigt.
  • Howard Litwin ist Professor an der Paul Baerwald School of Social Work and Social Welfare in Jerusalem.
  • Michal Myck ist Direktor des Center for Economic Analysis in Szczecin.
  • Guglielmo Weber ist Professor für Ökonometrie an der Universität Padua.

Insgesamt waren 66 AutorInnen aus 15 Ländern an dem Sammelband beteiligt.

Entstehungshintergrund

Der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) ist eine multidisziplinäre und länderübergreifende Panelstudie mit Mikrodaten zu Gesundheit, sozioökonomischem Status, sozialen und familiären Netzwerken von mehr als 123.000 Personen, die älter als 50 Jahre sind. Die Datenbasis umfasst 20 europäische Länder und wurde 2004 gestartet. Das Buch stellt die Ergebnisse der fünften Erhebungswelle vor, wobei Daten aus Griechenland fehlen, das wegen der Finanzkrise nicht mehr an der Studie teilgenommen hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus fünf Teilen.

Nach einer Einleitung, in der zentrale Begriffe der sozialen Inklusion erläutert und deren Umsetzung in der Studie dargelegt wird und einem Überblick über die Inhalte folgen fünf Teile mit folgenden Schwerpunkten: Materielle Deprivation und soziale Exklusion, Gründe und Erklärungen für Deprivation und soziale Exklusion, Inklusion und soziale Kohäsion, Beschäftigung, soziale Inklusion und soziale Sicherung, Gesundheit und Gesundheitsversorgung.

In der Einleitung entwickeln Axel Börsch-Suppan, Thorsten Kneip, Howard Litwin, Michal Myck und Gugliemo Weber das der Studie zugrunde liegende Verständnis von sozialer Exklusion ausgehend von Konzepten der Exklusion als Folge von fehlender wohlfahrtstaatlicher Verantwortung, Diskriminierung und verhinderter Partizipation Sie beziehen sich weiter auf Sen (Capability Approach) und Bourdieu (Soziales Kapital) und betonen die Bedeutung sozialer Beziehungen für In- bzw. Exklusion.

Im ersten Teil werden konzeptionelle und methodologische Aspekte, die mit der Messung unterschiedlicher Dimensionen sozialer Inklusion verbunden sind, diskutiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die zusätzlichen Items der fünften Erhebungswelle gelegt, die eine Verknüpfung von materiellen Parametern mit subjektiven Einschätzungen anstreben. Der Index zur materiellen Deprivation (Material Deprivation Index), den Marco Bertoni, Danilo Cavapozzi, Martina Celidoni und Elisabetta Trevisan vorstellen, berücksichtigt neben der generellen Frage, ob das Geld reicht (Making ends meet) Aspekte wie Ernährung, Urlaub, unerwartete Ausgaben, Kleidung, Schuhe, Heizung, aber auch spezifische gesundheitsbezogene Aspekte wie Sehbehelfe, zahnärztliche und generell ärztliche Versorgung und wird in den folgenden Kapiteln hinsichtlich Aussagekraft und methodischer Umsetzung erörtert. Für den Index zur sozialen Deprivation (Social Deprivation Index), der im Aufsatz von Michal Myck, Mateusz Najsztub und Monika Oczkowa beschrieben wird, finden nicht nur subjektive Aspekte wie Isolation oder Vertrauen, aber auch Lesefertigkeiten Eingang, sondern auch Aspekte der Teilhabe (Beteiligung an einer Organisation, Erreichbarkeit von Geschäften oder Apotheken) und der Nachbarschaft Eingang (Vandalismus, Infrastruktur). Im Kapitel von Mateusz Najsztub, Andrea Bonifatti und Dominika Duda wird festgehalten, dass allein einkommensbezogene Armutsdaten für die Messung sozialer Exklusion zu wenig aussagekräftig sind. In der Konsequenz müssen auch sozialpolitische Maßnahmen breiter angelegt werden, z. B. den Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Maßnahmen zur Verhinderung von Isolation mitberücksichtigen, um soziale Exklusion zu verhindern.

Im zweiten Teil werden unterschiedliche Aspekte, die einen Einfluss auf soziale Exklusion älterer Menschen haben könnten, wie z. B. Hörbeeinträchtigungen, Zahngesundheit, geistige und mentale Beeinträchtigungen wie Demenz, die Verbindung von körperlicher Gesundheit mit Arbeitsmarktintegration anhand des Datenmaterials diskutiert. Der Beitrag von Fabio Franzese bestätigt die starke Korrelation zwischen Armut und schlechter Gesundheit sowohl unter einer kurzfristigen, aber auch unter einer langfristigen Perspektive, wobei psychische Gesundheit insbesondere von materieller Deprivation, weniger von Einkommensarmut beeinträchtigt wird.

Der dritte Teil legt sein Augenmerk auf die Perspektive des sozialen Kapitals und der sozialen Kohäsion, wobei soziale Inklusion sowohl im Sinne sozialer Solidarität und gemeinsamer Verantwortung als auch aktiv ermöglichter Partizipation gesehen wird. Die Beiträge dieses Teils befassen sich z. B. mit Austauschbeziehungen zwischen Generationen, Einsamkeit, mit den Auswirkungen informeller Pflege auf die soziale Inklusion der Pflegenden, aber auch mit der Situation von sozial exkludierten pflegebedürftigen Personen, deren Bedürfnisse nach ausreichender Pflege und Betreuung nicht erfüllt werden. Weitere Aspekte sind die Situation älterer MigrantInnen und die soziale Mobilität älterer Personen. Im Beitrag von Christian Deindl und Martina Brandt werden die Effekte sozialer Exklusion auf Generationenbeziehungen beschrieben. Sozial exkludierte Eltern geben weniger Geld an ihre Kinder und erhalten mehr Unterstützung von ihren Kindern, wobei interessanterweise in Ländern mit generell geringerer Inklusion auch die intergenerationelle Unterstützung abnimmt, d. h. die Familien wirken in Ländern mit hoher sozialer Ungleichheit nicht subsidiär. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Sharon Shiovitz-Esra: sie beschreibt, dass Einsamkeit im Alter in Süd- und Osteuropa wie Italien, Estland oder Tschechien (also Ländern mit schwachem Wohlfahrtsstaat) verbreiteter ist als in Nord- und Westeuropa. Dabei berücksichtigt sie insbesondere die Rolle der Nachbarschaft für die Entstehung von Einsamkeit im Alter.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Erwerbstätigkeit und sozialer Inklusion. Dabei werden die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Einkommens- und Vermögenssituation der Haushalte im Zeitverlauf analysiert. Daneben werden spezifische Aspekte wie Selbständigkeit als Alternative zur Erwerbstätigkeit, der Erfolg von Job-Trainings oder die Effekte von Computerkenntnissen auf die Arbeitszufriedenheit analysiert. Die Funktion von Hauseigentum als finanzielle Sicherung im Alter ist ein weiteres Thema. Eine Analyse einer spezifischen Maßnahme der deutschen Pensionsreform von Axel Bösch-Supan, Benedikt Alt und Tabea Bucher-Koenen (Rente mit 63), soll das Potential der Verbindung von SHARE Daten mit Daten der Sozialversicherungen aufzeigen. Das Ergebnis belegt, dass die eigentliche Zielgruppe, gesundheitlich beeinträchtigte Personen, von der Maßnahme nicht profitiert.

Der fünfte Teil hat den Zugang zu Gesundheits- und Pflegediensten als Schwerpunkt. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Programme und Maßnahmen wie z. B. Pflegeversicherungen im Rahmen der Langzeitpflege analysiert, sondern auch der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen im Allgemeinen, z. B. für Menschen mit chronischen Schmerzen. Ein weiteres Thema ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung. Aviad Tur-Sinai und Howard Litwin analysieren, inwiefern Arztbesuche aus Kostengründen bzw. wegen langer Wartezeiten aufgeschoben werden, ein Phänomen, das vor allem Italien, Estland und Israel betrifft. Der Beitrag von Hendrik Jürgens belegt, dass unzureichender Zugang zu Gesundheitsversorgung und fehlender Versicherungsschutz in Europa weiterhin von Relevanz sind, insbesondere in Ländern mit geringen Gesundheitsausgaben und großer Einkommensungleichheit wie Estland, Italien, Israel und Spanien. Anne Laferrère und Karel van den Bosch zeigen auf, dass pflegebedürftige Personen ein besonders hohes Risiko an sozialer und materieller Deprivation haben, insbesondere in Wohlfahrtsstaaten, die die Hauptverantwortung für Pflege und Betreuung bei den Angehörigen sehen: ein Drittel der pflege- und betreuungsbedürftigen Personen erhält nicht die notwendige Pflege. Dabei gilt „The more deprived, the more need for long-term care, and the more often these needs remain unmet“ (Laferrère, van den Bosch 2015, 340).

Diskussion

Das Buch leistet Grundlagenarbeit durch die umfassende Analyse der Situation älterer Menschen in Europa in Bezug auf Fragen der sozialen Inklusion. Hervorzuheben ist, dass materielle und soziale Dimensionen der Inklusion zusammengeführt werden, wobei der Index zur sozialen Inklusion (Social Deprivation Index) eine gute Ergänzung zu anderen Konzepten der Armutsmessung wie etwa der EU Statistik zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU Statistics on Income and Living Conditions – EU-SILC) bietet. Ein weiterer Verdienst ist, dass die Daten nicht nur auf Haushaltsebene erhoben und ausgewertet werden, sondern auch auf individueller Ebene und in Verbindung zu Maßnahmen der Sozialpolitik. Die einzelnen Kapitel sind übersichtlich gestaltet und bieten neben einer Übersicht über zentrale Ergebnisse am Anfang des Kapitels am Ende Empfehlungen, wie soziale Inklusion in Hinsicht auf den behandelten Aspekt gefördert werden kann.

Wünschenswert wäre gewesen, dass die zentrale Ungleichheitsdimension Migrationshintergrund durchgängig in den Datenanalysen berücksichtigt worden wäre, da immerhin rund ein Fünftel der Befragten über einen Migrationshintergrund verfügt. Eine generelle kurze Beschreibung des Forschungsdesigns bzw. der Inhalte der vorgegangenen Erhebungswellen über einen Verweis auf eine vorangegangene Publikation hinaus wäre ebenfalls hilfreich gewesen, um das Vorgehen und die Ergebnisse besser in den Gesamtkontext einordnen zu können.

Fazit

Die SHARE-Studie bietet umfangreiches Datenmaterial zur Situation älterer Menschen in Europa. Verdienstvoll ist, dass zum einen die Gruppe der Menschen 50+ weder einseitig als nur pflegebedürftig bzw. als Akteure am Arbeitsmarkt betrachtet wird sowie zum anderen soziale Inklusion in einem sehr umfassenden Sinn operationalisiert wird. Insgesamt bietet das Buch eine Fülle von detaillierten Analysen zur Situation von älteren Menschen, die gerade für die vergleichende Armuts- bzw. Wohlfahrtsstaatenforschung gewinnbringend sein können.


Rezensentin
FH-Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
FH-Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
Homepage www.mci.edu/faculty/eva.fleischer.html
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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 31.08.2016 zu: Axel Börsch-Supan, Thorsten Kneip, Howard Litwin, Michal Myck, Guglielmo Weber (Hrsg.): Ageing in Europe - supporting policies for an inclusive society. Walter de Gruyter (Berlin) 2015. ISBN 978-3-11-044412-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20090.php, Datum des Zugriffs 23.05.2017.


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