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Hartmut Kraft: Die Lust am TABUbruch

Cover Hartmut Kraft: Die Lust am TABUbruch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 244 Seiten. ISBN 978-3-525-49154-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Es geht um Tabus. Tabus in unserer Gesellschaft sind „Meidungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft wird“ (S.12). Tabus befinden sich in einen stetigen Wandel. Sie können bewusst und öffentlich diskutierte aber auch nonverbal vermittelt aber auch unbewusst sein. Tabus sind umso wirkungsvoller je mehr sie mit Macht, der Verteilung von Macht, den „offenen und verborgenen Machtstrukturen“ verbunden sind. Der Autor geht folgenden Fragen nach: Welche Tabu gab und gibt es in unserer Gesellschaft? Wie verändern sich Tabus? Was geschieht, wenn Tabu verletzt werden und wie entstehen neue Tabus?

Autor

Prof. Dr. Hartmut Kraft, Nervenarzt, Psychoanalytiker und Lehranalytiker (DGPPT) in eigener Praxis in Köln. Sammler, Ausstellungskurator und Autor zahlreicher Bücher zu den Grenzgebieten zwischen Medizin, Psychoanalyse, Kunst und Ethnologie. Honorarprofessor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn.

Entstehungshintergrund

Der Autor beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit dem Thema Tabu. Die Anfrage zu einem Artikel für ein Handbuch psychoanalytische Grundbegriffe führte ihn zu einer intensiven fachlichen Auseinandersetzung, die u.a. auch Kurse auf Psychotherapietagungen mit der Fragestellung „Tabu – warum wir uns ihm unterwerfen“ beinhalteten. Intensive Recherchen und Diskussionen mit Freunden und Kollegen und den Teilnehmer dieser Gruppen haben dem Autor wesentliche Anregungen zur Klärung des Tabubegriffs hier und heute gebracht.

Aufbau und Inhalt

Das Konzept des Buches besteht im Wechsel zwischen theoretische Aspekten, die durch möglichst viele Einzelbeispiele belegt werden und Kapiteln, die sich auf die Darstellung von Beispiele konzentrieren.

Im ersten Kapitel finden sich als Einführung zehn Thesen zum Tabu. Damit will der Autor die unterschiedlichen Aspekte von Tabu thematisieren. „Immer wieder aber geht es um den zentralen Punkt, den angedrohten Ausschluss aus der Gemeinschaft“ (S.18).

Im zweiten Kapitel zeigt der Autor die Kulturgebundenheit von Tabus und die Schaffung neuer Tabus z.B. in der „politisch korrekten Sprache“ auf. „Einzelne Worte werden aus dem Sprachgebrauch ausgeklammert (Meidungsgebot). Werden sie trotzdem verwendet, droht dem Sprecher der Ausschluss aus seiner beruflichen und/oder sozialen Gruppe“ (S.21). In Amerika hat das N-Wort eine hohe gesellschaftliche Brisanz. In Deutschland kommt dem Begriff der „Judensau“ eine ähnliche gesellschaftliche Brisanz zu, vor allem seit den antisemitischen Hetzparolen gegen Walter Rathenau und seiner Ermordung.

In einem Exkurs zeigt der Autor die „christliche Vorgeschichte“ des Begriffs und seiner bildlichen Darstellung seit dem 13. Jahrhundert auf, aber ebenso den Wandel. „Weder als bildnerische Darstellung noch als Schimpfwort kann die Judensau heute Aktualität für sich beanspruchen. Dies ist ein Verdienst der politischen Entwicklung in Deutschland nach dem Ende des Naziregimes“ (S.30).

„Jedes Tabu muss im Kontext der Geschichte, der Region und der Zeit gesehen werden.“ (S. 35)

Im dritten Kapitel stellt der Autor die kulturgeschichtliche Entwicklung dar. Durch James Cook, der in seinen Aufzeichnungen über Tabus, Mana und andere Wörter aus der Südsee berichtet kommt der Begriff nach Europa. Der Blick auf das Tabu erfolgt nun aus unterschiedlichen Perspektiven: Tabu als negative Magie (James George Frazer 1854-1941), Tabu als Kompromisssymptom eines Ambivanenzkonflikt Tabu in funktionalistische Ansätzen als Mittel der sozialen Kontrolle. Tabus haben eine zweischrittige Strategie der Ausgrenzung „Auf ein Meidungsgebote für bestimmte Verhaltensweisen (Sprach-Berührungs- und Handlungstabus) folgt bei Übertretung die Androhung, gegebenenfalls der Vollzug der sozialen Ausgrenzung“ (S.47), die in früheren Zeiten auch zu einem psychogenen Tod führen konnten. In unserer Kultur heute sind eher psychosomatischen Reaktionen bis hin zu einem Herzinfarkt oder auch Suizid zu beobachten.

Im vierten Kapitel nimmt der Autor Tabus in der Transplantationsmedizin auf. Es geht um Befürchtungen zur Kommerzialisierung bei Organspenden, um Befürchtungen und Tabus bei Organspendern und ihren Angehörigen sowie bei Explantations- und Transplantationsteams aber auch bei den Empfängern.

In den weiteren Kapiteln werden Tabus nochmals spezifiziert in Handlungstabus, Berührungstabus, Sinnentabus, in unbewusste und intrapsychische Tabus und Partialtabus. Deutlich wird hervorgehoben wie wichtig der jeweilige Kontext ist (eigenes Erleben, Gruppenzugehörigkeiten, Nationalitäten). Darauf folgt als praktisches Beispiel der gesellschaftliche Umgang mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs und den damit verbundenen Tabuisierungen des Leids der Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen, der Kinder während der Bombennächte und dem Untergang der Gustloff bei dem mehr als 9.000 Menschen zu Tode gekommen sind. Der Autor verortet die Trennung von „nüchterne Fakten und emotional hoch aufgeladene Empfindungen“ (S.85) u.a. nicht nur bei den eigenen Schuldgefühlen wegen des deutschen Angriffskrieges, den unermesslichen Gräuel des Holocaust sondern auch bei den von den Siegermächten erwarteten Schuldgefühlen.

Im siebten Kapitel beleuchtet Hartmut Kraft Freuds Werk „Totem und Tabu“ und nimmt dabei auch Bezug zur Auseinandersetzung zwischen Freud uns seinen Schülern. Darauf folgt die Auseinandersetzung mit der Tabuisierung des sexuellen Missbrauchs – der Autor spricht von Inzesttabu – z.B. in Familien und verweist dabei auf die Tabuisierung der realen Ereignisse in der psychoanalytischen Theorie bei Freud.

Im neunten Kapitel geht es um die Frage wie Tabus Identität sichern? Dies wird mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven und Beispielen belegt. Am Ende des Kapitels stellt der Autor fest: „Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen Entwicklungen“ (S. 124).

Als praktisches Beispiel dienen im Kapitel zehn u.a. die Zeichnungen von Theo Wagemann, der in seinen Leben ca. 800 bis 1.000 Hitlerbilder angefertigt hat und dessen Leben zum Verständnis der Porträts ausführlich dargestellt wird.

Anschließend geht es um Tabugeber, Tabunehmer und Tabuwächter sowie deren Methoden und Hilfsstrategien der Tabuisierung. Im darauffolgenden Praxisbeispiel beleuchtet der Autor unseren Umgang mit Tod, mit Selbsttötung, mit Selbstmord und die schwierige Diskussion über aktive, indirekte oder passive Sterbehilfe in unserer Gesellschaft.

Im dreizehnten Kapitel geht es um Mana und Tabu. Mana lässt sich übersetzten als „das außerordentlich Wirkungsvolle“ als eine numinose Macht, die hinter jeden Tabu steht (S.161).

Tabuisierungen betreffen aber auch gesellschaftliche Erinnerungen. So werden als Widerstandskämpfer gegen Hitler vor allem die Geschwester Scholl und die Offiziere um Graf von Stauffenberg erinnert. Einfache Handwerker wie z.B. Johann Georg Elsner oder der Schweizer Maurice Bavaud wurden lange vergessen.

Im fünfzehnten Kapitel geht um die Aussage, dass durch Tabubrüche Entwicklungen ermöglicht werden. Der erste Schritt dazu ist die Wahrnehmung von Tabus. Wie schwierig dies ist zeigt u.a. die späte Wahrnehmung der Häufigkeit von Kindesmisshandlungen. Gute Beispiele für eine gelungene Enttabuisierung sind z.B. die Forschungen zur „Judensau“ (dargestellt im Kapitel zwei) und die Aufdeckung des Missbrauchs durch katholische Priester an Kindern und Jugendlichen. Bei der Frage, ob es Tabus gibt, die nicht gebrochen werden sollten zieht der Autor einen Bogen von individuellen Tabus (traumatische Erlebnisse) zu kollektiven Traumatisierungen durch den Holocaust bis zum heutigen Antisemitismustabu (S.200).

Danach geht es um Tabus und ihre Witze (politische Witze, Tabus in Witzen). Abschließend stellt der Autor fest, dass die Unterwerfung unter ein Tabu Identität, Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl bringt. Es gilt aber auch, dass die Lust am Tabubruch eine der entscheidenden Grundlagen der individuellen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung ist (S.223). Die Unterwerfung unter ein Tabu, die Aufhebung und die Neubildung von Tabus unterliegen somit einen stetigen Wandlungsprozess.

Zielgruppen

Das Buch finde ich sehr gut geeignet für alle Berufsgruppen im pädagogischen/ psychologischen Feldern und den Studierenden dieser Fächer. Besonders lege ich natürlich dieses Buch allen SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen im Beruf und in der Ausbildung ans Herz. Es eignet sich aber genauso zur eigenen Reflexion und der Auseinandersetzung mit den Tabus der eigenen Familie, Berufsgruppe und Gesellschaft.

Fazit

Es ist ein empfehlenswertes Buch und bringt neue und spannende Erkenntnisse über die Wirkweisen von Tabus auf den Ebenen von Individuum, Gruppe und Gesellschaft. Deutlich wird auch, dass die Darstellung der unterschiedlichen Facetten und Wirkungen von Tabus nur schwer voneinander abzugrenzen sind. Das Buch sensibilisiert, gibt interessante Einblicke in Kunstgeschichte und Ethnologie und das Kapitel über Tabu und Witze fand ich sehr gelungen.


Rezensentin
Prof. Christa Paulini
HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Christa Paulini. Rezension vom 12.09.2016 zu: Hartmut Kraft: Die Lust am TABUbruch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-49154-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20096.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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