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Ulrike Becker, Henrike Friedrichs u.a. (Hrsg.): Ent-Grenztes Heranwachsen

Cover Ulrike Becker, Henrike Friedrichs, Friederike von Gross, Sabine Kaiser (Hrsg.): Ent-Grenztes Heranwachsen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 329 Seiten. ISBN 978-3-658-09792-9. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

In einer Zeit, in der Grenzen dicht gemacht werden, könnte es unter Umständen zynisch anmuten, von ent-grenztem Heranwachsen zu schreiben. Diese Art von Entgrenzung ist im Sammelband „Ent-Grenztes Heranwachsen“ jedoch nicht gemeint.

Das Thema Entgrenzung fand in den Sozialwissenschaften – ausgehend von der Beobachtung einer sich zunehmend entgrenzenden Arbeitswelt – spätestens seit dem Freiburger Kongress für Soziologie im Jahr 1998 („Grenzenlose Gesellschaft?“) breiteren Eingang in die sozialwissenschaftliche Diskussion und Forschung und verbreitete sich in den folgenden Jahren in weitere Wissenschaftsbereiche.

In der vorliegenden Publikation werden die Begriffe Be- und Ent-Grenzung unter verschiedenen erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven diskutiert sowie in Bezug auf unterschiedliche Bereiche der Erziehungswissenschaften kritisch beleuchtet und reflektiert: sei es in Bezug auf eine Ent-Grenzung der Jugendphase, eine Ent-Grenzung von Jugend und Arbeit, eine Ent-Grenzung der Mediennutzung; aber auch die Frage nach der Notwendigkeit einer Be-Grenzung des Medienkonsums im Sinne des Jugendmedienschutzes wird gestellt. Darüber hinaus findet hier eine kritische Annäherung an das Konzept der Ent-Grenzung ihren Platz.

Herausgeberinnen

Dipl.-Päd. Ulrike Becker, Dr. Henrike Friedrichs, Dr. Friederike von Gross und Dr. Sabine Kaiser sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld in der Arbeitsgruppe 9 für Medienpädagogik, Forschungsmethoden und Jugendforschung bei Prof. Dr. Uwe Sander.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um einen Sammelband, der anlässlich des 60. Geburtstags von Prof. Dr. Uwe Sander im Jahr 2015 von den oben genannten Mitarbeiterinnen der Arbeitsgruppe 9 an der Universität Bielefeld herausgegeben wurde. Zu Wort kommen in diesem Werk wissenschaftliche WegbegleiterInnen von Uwe Sander aus früheren und aktuellen Arbeitszusammenhängen.

Aufbau

Der vorgestellte Sammelband enthält Artikel von Autorinnen und Autoren, die in unterschiedlichen Kontexten mit Prof. Dr. Uwe Sander zusammengearbeitet haben bzw. zusammenarbeiten. Dies macht seinen Reichtum aus, führt aber auch zu einer gewissen Heterogenität, die für Sammelbände jedoch oftmals typisch ist. Nicht nur in ihren Spezialthemen, sondern auch in den Zugängen und Herangehensweisen unterscheiden sich die einzelnen Artikel. So finden sich:

  • theoretische Grundlagendiskussionen (z.B. S. Andresen, W. Ferchhoff und B. Dewe)
  • anwendungsbezogene Analysen (z.B. Th. Junge)
  • empirische Forschungsergebnisse (z.B. H.-J. v. Wensierski, K. v. Bebber, R. Möller)
  • Kritik an existierenden Forschungsansätzen, Thesen und Diskursen (z.B. M. Bienefeld und O. Böhm-Kasper, Z. Clark und H. Ziegler, J. Dubiski, Y. Chehata und A. Thimmel)
  • Ausblicke auf kommende Herausforderungen (z.B. U. Becker).

Ihren gemeinsamen Ort finden die unterschiedlichen Beiträge jedoch unter dem thematischen Dach des Ent-Grenzten Heranwachsens.

Als Zielgruppe der Publikation werden Forschende und Fachkräfte auf dem Gebiet der Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Jugendforschung und Medienpädagogik genannt.

Der Sammelband wird von einem Vorwort der Herausgeberinnen eingeleitet und ist in drei Hauptabschnitte gegliedert, die jeweils Artikel verschiedener AutorInnen versammeln.

Zu 1. „Heranwachsen im 21. Jahrhundert – zwischen Wandel und Beständigkeit“

Der erste Abschnitt widmet sich der Betrachtung von Kindheit und Jugend „vor dem Hintergrund aktueller Diskurse und empirischer Forschungen innerhalb der Erziehungswissenschaften“ (S. 11).

  • Sabine Andresen: Normierte Kindheit. Kritische Anfragen an die Kindheitsforschung
  • Wilfried Ferchhoff und Bernd Dewe: Entstrukturierung und Entgrenzung der Jugendphase. Prozesse der retroaktiven Erziehung und Sozialisation
  • Karin Wehmeyer: Entgrenzte Jugend im begrenzten öffentlichen Raum
  • Marc Bienefeld und Oliver Böhm-Kasper: Jugend und Politik. Eine kritische Betrachtung empirischer Befunde der Jugendforschung
  • Arne Schäfer und Matthias D. Witte: Jugendrevolten in Europa. Gewalt und zerstörerische Wut als flüchtige Handlungsermächtigung
  • Hans-Jürgen von Wensierski: Homosexualität bei jungen Muslimen in Deutschland

Zu 2. „Mediensozialisation als Katalysator von Wandlungs- und Entgrenzungsprozessen“

Der zweiten Abschnitt „Mediensozialisation als Katalysator von Wandlungs- und Entgrenzungsprozessen“ fokussiert vor allem auf den Wandel der Mediensozialisation.

  • Sonja Ganguin: Entgrenzung von Jugend und Arbeit im Kontext des medialen Wandels
  • Sabine Kaiser: Medienaneignung im Jugendalter. Zwischen sozialer Ungleichheit und Anerkennung von Heterogenität
  • Kira van Bebber: High School Musical und dessen Aneignung durch Jugendliche
  • Renate Möller: Das Smartphone als Leitmedium
  • Sonja Kröger und Dorothee M. Meister: Kinder, Kommerzialisierung und (Online-) Werbung. Rück- und Ausblicke auf ein brisantes Forschungsfeld

Zu 3. „Herausforderungen für Bildung und Erziehung“

Im dritten Abschnittwerden schließlich Herausforderungen diskutiert, die sich aus den zuvor dargestellten und weiteren, hier ausgeführten Veränderungsprozessen ergeben.

  • Zoë Clark und Holger Ziegler: Jugend, Capabilities und das Problem der Pädagogik
  • Thomas Walden: Medienkompetenz 2.1
  • Thorsten Junge: Grenzenlose Mediennutzung? Jugendmedienschutz und Medienerziehung im digitalen Zeitalter
  • Henrike Friedrichs, Friederike von Gross und Katharina Herde: Die Computerspielnutzung Heranwachsender aus Elternsicht unter dem Blickwinkel der Habitustheorie
  • Judith Dubiski, Yasmine Chehata und Andreas Thimmel: „Youth on the move“?! Mobilität und learning mobility. Europäische Perspektiven auf internationale Jugendarbeit
  • Ulrike Becker: Internationale Jugendarbeit. Eine Analyse von Machtstrukturen unter intersektionaler Perspektive

Das Buch schließt mit einem ausführlichen Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Die Beiträge des Sammelbandes „Ent-Grenztes Heranwachsen“ unterscheiden sich nicht nur inhaltlich und thematisch, sondern auch in ihrer Herangehensweise (s.o.). Darüber hinaus reichen auch die Art der Darstellung und die Formulierung der Artikel von anschaulichen Präsentationen praktischer Forschungsresultate bis zu elaborierten theoretischen Diskussionen. Insofern ein so breites Spektrum abgedeckt wird, wird jede Leserin/jeder Leser interessante Beiträge für sich entdecken, vermutlich aber auch mit Artikeln konfrontiert werden, die für sie/ihn von geringerer Relevanz sind.

Exemplarisch werden an dieser Stelle drei Artikel des Sammelbandes vorgestellt und diskutiert:

Gleich der erste Artikel des Bandes „Normierte Kindheit. Kritische Anfragen an die Kindheitsforschung“ von Sabine Andresen wirft kritische und interessante Fragen an die Kindheitsforschung, im Speziellen an die ihr inhärenten Normalitätsannahmen, auf. So wird am Beispiel der Inklusion kritisch auf die Funktion und Wirkung normierter Kindheit sowie auf die begleitenden Diskurse geblickt, werden die Herausforderungen, denen sich Kindheitsforschung im Umgang mit Inklusion stellen muss, hinterfragt und wird danach gefragt, welche Rolle Vulnerabilität heute in den Erziehungswissenschaften spielt; zuletzt wird das Konzept des Wohlbefindens in Hinblick darauf befragt, inwiefern es selbst zu Normierung beitragen kann. Leider werden in diesem Beitrag viele äußerst interessante Fragestellungen zumeist nur angerissen und der Leser/die Leserin wartet vergeblich auf eine weitere Ausführung der komplexen Gedankengänge.

Potentielle Leserinnen und Leser sollten sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn im Weiteren folgen viele spannende Einblicke in den aktuellen Stand von Theorie und Forschung zum Thema Entgrenzung und Jugend.

So eignet sich meiner Meinung nach der erste Artikel des zweiten Abschnitts „Entgrenzung von Jugend und Arbeit im Kontext des medialen Wandels“ von Sonja Ganguin gut als Einleitung in die Hauptthemenkomplexe des Buches. In ihrem Beitrag wird, ausgehend von der Problematik einer zunehmenden Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit und Arbeitswelt, die Entgrenzung der Jugendphase und von Jugend allgemein beschrieben und diskutiert. Gemeint ist in diesem Kontext mit „Entgrenzung“ zum einen, dass es nicht nur die eine Jugend gibt, sondern dass man im Sinne von Pluralisierung und Diversität von diversen „Jugenden“ sprechen könnte, die unterschiedliche gesellschaftliche Akzeptanz finden (S. 139) und zum anderen, dass eine Entgrenzung der Jugendphase in dem Sinne stattfindet, dass das Jugendmoratorium Erosionsprozessen ausgesetzt ist und sich der „Schonraum Jugend“ (S. 140) zunehmend auflöst. Im letzten Abschnitt des Artikels wird die Interdependenz von Entgrenzungsprozessen in den Bereichen Arbeit, Jugend und Medien beleuchtet. Die Mediennutzung und die damit einhergehenden Kompetenzen Jugendlicher werden in diesem Zusammenhang als Potenzial diskutiert. Hiermit eröffnen sich Sichtweisen, die in der alltäglichen Diskussion zum Thema manchmal zu kurz kommen.

Der Artikel „Das Smartphone als Leitmedium“ von Renate Möller präsentiert im Gegensatz zu den beiden anderen theoretischen Beiträgen Forschungsresultate aus der Praxis, die deutlich machen, wie rasant der Wandel im Bereich der digitalen Medien gegenwärtig voranschreitet. Zwischen 2013 und 2014 wurden Studierende im Alter von 20 bis 25 Jahren gebeten, ihre eigenen Medienbiographien zu erstellen. Die im Rahmen des Artikels von Renate Möller analysierten Ergebnisse zur Perspektive junger Menschen auf das Smartphone wirken trotz der somit sehr aktuellen Forschungsergebnisse zum Teil schon wieder überholt. Dem Smartphone wird in der Auswertung zwar schon ein „Normalitätsstatus“ (S. 191) zuerkannt, einzelne Aussagen der Befragten, wie „mit 18 habe ich mein erstes Smartphone bekommen“ (S. 193) oder die kritische Anmerkung „statt sich die Zugfahrt mit einem Buch zu vertreiben, dient das Handy z.B. dazu Musik zu hören oder im Internet zu surfen“ (S. 197) dürften sich jedoch schon in der nächsten Alterskohorte vermutlich kaum mehr finden lassen. (U.a. deshalb, da Bücher mittlerweile einfach auf´s Smartphone runtergeladen werden.) Es wäre interessant, wenn diese Erhebung alle paar Jahre repliziert werden würde, um den schnellen Wandel der Möglichkeiten, die das Smartphone bietet und die Einschätzung und Bewertung dieser Prozesse durch die jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer dokumentieren zu können.

Fazit

Der Sammelband „Ent-Grenztes Heranwachsen“ der Herausgeberinnen Ulrike Becker, Henrike Friedrichs, Friederike von Gross und Sabine Kaiser wurde anlässlich des 60. Geburtstags von Prof. Dr. Uwe Sander im Jahr 2015 erstellt. Als Zielgruppen des Bandes werden Forschende und Fachkräfte auf dem Gebiet der Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Jugendforschung und Medienpädagogik genannt. Zu Wort kommen wissenschaftliche WegbegleiterInnen von Uwe Sander aus früheren und aktuellen Arbeitszusammenhängen. Die Artikel sind drei Hauptabschnitten zugeordnet: 1. Heranwachsen im 21. Jahrhundert – zwischen Wandel und Beständigkeit, 2. Mediensozialisation als Katalysator von Wandlungs- und Entgrenzungsprozessen und 3. Herausforderungen für Bildung und Erziehung. Die einzelnen Beiträge eröffnen ein breites Feld unterschiedlicher Perspektiven und thematischer Zugänge. Der vorliegende Sammelband ist somit empfehlenswert für LeserInnen, die sich einen Überblick über das Forschungsfeld des Heranwachsens – vor allem im Hinblick auf Neue Medien – mit Fokus auf das Motiv der Entgrenzung verschaffen wollen; er bietet aber auch ExpertInnen vielfältige Anlässe zu weiterführenden Diskussionen.


Rezensentin
Diplomsoziologin Monika Stürzer
Dozentin an der Fachakademie für Sozialpädagogik München, davor als wissenschaftliche Mitarbeiterin in diversen Projekten des Deutschen Jugendinstituts München
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Zitiervorschlag
Monika Stürzer. Rezension vom 14.09.2016 zu: Ulrike Becker, Henrike Friedrichs, Friederike von Gross, Sabine Kaiser (Hrsg.): Ent-Grenztes Heranwachsen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-09792-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20098.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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