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Christian Reutlinger, Steve Stiehler u.a. (Hrsg.): Soziale Nachbarschaften

Cover Christian Reutlinger, Steve Stiehler, Eva Lingg (Hrsg.): Soziale Nachbarschaften. Geschichte, Grundlagen, Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 261 Seiten. ISBN 978-3-531-18440-1. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Das Thema ‚Nachbarschaft‘ hat seit den sozialwissenschaftlichen Analysen moderner Gesellschaften und dem Beginn einer komplexen Städtebau-Politik vor 120 Jahren verschiedene Wellen der Aufmerksamkeit erfahren. Nachbarschaft findet sich zwischen gesellschaftlichen Mikro- und Makrostrukturen und hat, da sozialwissenschaftliche Theorien bei dem einen oder dem anderen ansetzen, keine eigenständigen Konzepte gefunden, aber war doch Gegenstand einer – je nach ‚Welle‘ – beträchtlichen empirischen Forschung und planerisch- sozialpolitischen Aufmerksamkeit. Die Herausgeber*innen, selbst in mehreren entsprechenden empirischen Projekten tätig, dokumentieren drei Höhepunkte solcher Wellen (USA 1920er-30er Jahre, Deutschland 1960er Jahre, aktuell) über eine Text-Zusammenstellung und bringen eigenes Material hinzu. Sie behaupten eine krasse Überschätzung der sozialen Leistungsfähigkeit von Nachbarschaften in stadtpolitisch-sozialen Programmen der letzten 15-20 Jahre; das ist für sie Ansatz nicht einer eingehenden Kritik dessen, was diese Programme geleistet haben, sondern eines Versuchs, die zwei maßgebenden Ansätze zu überwinden: den politisch-städtebaulichen Versuch, über Bau- und Raumgestaltungskonzepte soziale Verbesserungen zu erreichen, und den, soziale Verhältnisse nur über vorgegebene „Behälterräume“ zu verstehen und (v.a. sozialarbeiterisch) zu gestalten.

Herausgeber

Eva Lingg ist Architektin und wiss. Mitarbeiterin am Komptenzzentrum Soziale Räume der FHS St. Gallen, das Prof. Christian Reutlinger leitet, er ist Sozialgeograph und Sozialpädagoge; Steve Stiehler ist Professor am FB Soziale Arbeit der FHS St. Gallen. Sie stellen sich netterweise (wie die meisten der AutorInnen) mit Wohnsituation und Wohnort vor.

Aufbau

Das Buch ist erfrischend einfallsreich angelegt. In vier Abschnitten werden jeweils knappe Texte eigener und fremder Machart präsentiert, ein- und z.T. ausgeleitet von einer Reflexion, am Schluss folgen jeweils konkrete Darstellungen von Nachbarschaftsverhältnissen, Planungsvorstellungen oder eigenen empirischen Erkenntnissen.

  1. Im ersten Abschnitt führt ein (nüchterner) Begriff von Nachbarschaft zu Kritik an ihrer Überschätzung;
  2. der zweite verbindet Texte aus den 1920/30er und 1960er Jahren (Schilderungen und Planungsideen zu Nachbarschaften bzw. Stadtvierteln) mit eigenen Reflexionen;
  3. der dritte versammelt einen Einführungstext und fünf sozialwissenschaftliche Analyseansätze aus aktuellen Diskussionen mit Erläuterungen des eigenen Projektansatzes;
  4. der vierte bringt (nochmals) Reflexionen zu Anknüpfungspunkten dieses Ansatzes sowie Hinweise zu konkreten Gestaltungsmöglichkeiten.

Zu 1

In den drei einleitenden Beiträgen (erster Abschnitt) der Herausgeber*innen (zusammen mit Bettina Brüschweiler und Ulrike Hüllemann) geht es um den Begriff ‚Nachbarschaft‘.

Nach M. Weber und B. Hamm umfasst diese Beziehungen aus „erzwungener Nähe“ (Hamm), durch die sich zwar gemeinsames Handeln, aber ebenso Distanz entwickeln kann; sie funktioniert in traditionellen Dörfern und modernen Städten vorwiegend als „Nothelfer“. Dies ist weit nüchterner als in sozial- und stadtpolitischen Programmen und manchen sozialwissenschaftlichen Äußerungen (aber keineswegs in ‚den‘ Sozialwissenschaften!), die hier Selbsthilfe, Aktivierungsmöglichkeiten, Identifikation mit dem Wohngebiet und gesellschaftliche Integration postulieren, und zwar gerade mit Blick auf die Wohngebiete sozial Benachteiligter. Dem liege ein verengtes Verständnis eines einheitlichen Raums mit einheitlicher Bewohnerschaft zugrunde; aber gerade in benachteiligten Gebieten seien die Probleme und die Zusammensetzung der Bewohner*innen zu heterogen für derlei Erwartungen.

Die AutorInnen begehen den kategorialen Fehler, Nachbarschaft mit Wohnquartier gleichzusetzen: Beziehungen und Potentiale in ersterer beruhen auf alltäglichen Kontakten, die zu gegenseitiger Verständigung ebenso wie zu gegenseitiger Störung führen, Hilfe-Potentiale sind ausschließlich von den persönlichen sozialen Lagen der Nachbarn bestimmt. In Wohnquartieren entstehen räumlich und sozial weiter reichende Kontakte, Hilfemöglichkeiten und Konflikte aus Situationen, nicht zuletzt vermittelt durch Versorgungs-, Sozial- und Bildungseinrichtungen und Arbeitsstätten; sie sind eben nicht ‚erzwungen‘ sondern gestaltbar je nach persönlichem Vermögen. [1]

Nützlich und anschaulich ist der abschließende „Nachbarschaftseinblick“ in drei Wohnkomplexen der Agglomeration Zürich. Hier ist intensive Nachbarschaft im Nahraum nicht selten, aber abhängig von Gemeinsamkeiten der Lebensphase und -lage und von der Mobilität jeweiliger Bewohner*innengruppen; leider wird die Auswahl der dargestellten Fälle nicht erläutert.

Zu 2

Im zweiten Abschnitt werden von Christian Reutlinger, Steve Stiehler und Eva Lingg Nachbarschafts-Hilfen in ein verbreitetes aktuelles Verständnis ‚neuer Gemeinschaftlichkeit‘ unter Bedingungen gesellschaftlicher Individualisierung gestellt. Sie werden als individuelles und zugleich strukturell erzwungenes Handeln umrissen im Zusammenhang mit (recht schlagwortartig benannter) Ökonomisierung und Entgrenzung. Neue Nachbarschaftlichkeit spiele sich in neuen Wohnformen und Zweckvereinen ab, wie sie eher Mittelschichten pflegten.

Es folgen Ausschnitte aus C.A. Perry´s „Neighborhood Unit“ (1929), die nicht nur in Eigenheimsiedlungen, sondern auch in verdichteten Industrie- und Zentrums-nahen Gebieten realisiert werden sollte. Nicht gebracht wird seine (soziologisch unterlegte) Gemeinschaftsidee, die im Themenzusammenhang interessanter wäre. Der Kommentar charakterisiert zwar seine Intention einer gesellschaftlichen Verbesserung und führt weitere Sozialtheorien der Epoche auf, aber so verkürzt, dass unklar bleibt, was gemeint ist mit dem (unumkehrbaren!) Übergang von Primärgruppen des Typs ‚Familie‘ zu Sekundärgruppen des Typs ‚soziale Organisation‘, von ‚Gemeinschaft‘ zu ‚Gesellschaft‘. Gut reflektiert wird das Planungskonzept, nicht aber die Gründe seiner tausendfachen Reproduktion in den USA und Westeuropa: als verkehrsarm geplante Eigenheimsiedlung, gruppiert um (Grund-) Schule, durchsetzt mit Grün-, Spiel- und Sportflächen und Einkaufszentrum.

Peter Atteslanders Text (1960) unterscheidet sehr klar zwischen

  1. Gemeinschaft – früher institutionell und normativ zusammengehalten, heute über Verbundenheit innerhalb einer sozialen Schicht –
  2. Gemeinde als Siedlungseinheit mit dichten bestimmten Interaktionen, und
  3. Nachbarschaft, die sowohl normativ als auch „emotiv“ bestimmt ist.

Empirisch bestätigt werden (aus Studien der 1950er Jahre zum Industriearbeiterviertel Dortmund-Nordstadt) nur die normativen Aspekte gegenseitiger Hilfe und kleiner Solidaritäten, das ‚emotive‘ bleibt mangels Abgrenzung zu ‚Freundschaft‘ und ‚Bekanntschaft‘ undeutlich. – Der Kommentar konfrontiert ein funktionalistisches Verständnis räumlich-sozialer Planung (Wohnen – Arbeit – Freizeit – Verkehr) mit dem soziologischen Nachbarschaftsbegriff, bei diesem geht es um lokale soziale Beziehungen je nach Schicht, Lebenszyklus und Geschlecht, räumliche Elemente wirken lediglich fördernd oder hemmend.

Die jeweils angeschlossenen „radikalisierten“ Textauszüge über Nachbarschaft als Teil einer ‚Pfahlwurzel‘ der Volksgemeinschaft (1944) und als Kern der ‚Hausgemeinschaft‘ in der DDR-Planungswelt (1981) bleiben für sich stehen; der Bezug zu Perry, zum funktionalistischen Planen, zu soziologischen Nachbarschafts- und Quartiers-Forschungen bleibt unklar, und man hätte gerne etwas über die gelebte Realität dieser Konzepte erfahren. Die abschließenden „Nachbarschafts-Einblicke“ aus eigener Forschung wirken deskriptiv und etwas ungezielt: Die Ortsbezüge von Kindern zum Quartier spielen sich danach nicht in administrativen Quartiersgrenzen ab und sind sehr unterschiedlich, in ‚Problemvierteln‘ sind sie räumlich eng gesteckt; für alte Menschen können Nutzungsmöglichkeiten im Wohnumfeld partizipativ entwickelt werden, möglich ist dabei eine Zusammenarbeit mit Ämtern. Hier und in den Kommentaren wird immer wieder gewechselt zwischen Nachbarschaft und Quartier („neighborhood“), das verunklärt die Argumentation.

Zu 3

Für den dritten Abschnitt (Gestaltung von Nachbarschaft über das Soziale) hatten die Herausgeber*innen die glückliche Idee, fünf verschiedene Ansätze zum Verständnis von Nachbarschaft (aber eben: mal als face-to-face-Beziehung wie oben, mal mit Quartiers-Bezug) und einen Einstiegstext in Auftrag zu geben.

Sehr klar und dennoch knapp der erstere von Lothar Böhnisch. Danach hat die Nachbarschaft sehr viele Ausprägungen und ist auf verschiedene Milieus bezogen, ihre Probleme und Interessen führen nur bei deutlichen Gemeinsamkeiten zu einem Wir-Gefühl, selbst Migrantengruppen erleben Nachbarschaft sehr ambivalent. Verortet zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, tendiert sie eher zu Privatheit, Konflikte zwischen Nachbarn ähneln Familienkonflikten, gleichwohl sind die Beziehungen eher funktionell und nachrangig.

Sandra Landhäuser erklärt soziales Kapital im Sinne von Bourdieu – Ressourcen, die aus der Einbindung in individuelle oder Gruppen-Beziehungen resultieren – und im Sinne von Putnam – Netzwerke zwischen Personen und/ oder Vereinen auf Basis von Normen und sozialem Vertrauen, die Putnam ausschließlich positiv sieht. Empirisch bestätigt sich zwar seine Annahme: aktive zivilgesellschaftliche Netzwerke der Bewohner zeitigen Wohlergehen und sozialen Zusammenhalt (‚kollektives Kapital‘), aber das sei eine tautologische Feststellung. Und nicht ein irgendwie gegebenes kollektives Kapital, sondern Beziehungen zu ressourcenstarken Personen könnten benachteiligte Lagen verbessern.

Joachim Schroeder erläutert soziales Lernen von sozialen und emotionalen Kompetenzen; Voraussetzung: häufige Interaktion, wie sie in Nachbarschaften offenbar gegeben ist und auch in „Inseln“ verschiedener (Herkunfts-) Gruppen sich abspiele; pädagogisches Ziel: Betroffene von einer Problemwahrnehmung zur gegenseitigen Verständigung zu bringen. Dies sei bei Armutsgruppen schwieriger, da sie keineswegs homogen seien. Als Empirie folgen einige Hinweise auf Kataloge und Empfehlungen zur Sozialarbeit.

Von Heiko Geiling findet sich ein ziemlich kondensierter Traktat über soziale Milieus. Ausgehend von Durkheim, der Milieus als zentrale soziale Akteure sieht, wird die Komplexität einer entsprechenden Empirie verdeutlicht, die im Fall ‚Nachbarschaft‘ Gemeinsamkeiten des Habitus und des sozialen Feldes (nach Bourdieu) und der sozialstrukturellen Position erfassen müsste. Eine räumliche Nachbarschaft, die Beziehungen stifte, finde sich bei jungen Familien und MigrantInnen, sei aber ansonsten eher selten.

Viel Empirie bietet Julia Günter: Soziale Unterstützung impliziert materielle wie emotionale Hilfen und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. In Frage kommen hier zuvörderst enge Verwandte, in der Rangfolge danach Nachbarn, die vor allem (einfachere) Alltagshilfen, auch Information und Beratung und eine Alltagsgeselligkeit böten. Dies könne, besonders bei älteren BewohnerInnen, ähnlich verlässlich wie bei Verwandten sein, aber sei stärker begrenzt – und könne auf ähnliche Weise Abhängigkeiten schaffen. Dörfliche Solidarität unter Nachbarn hänge mit dem lokalen Mangel an institutionellen Hilfe-Einrichtungen zusammen. In benachteiligten Quartieren böten Nachbarn oft wichtige Alltags- und Nothilfen, aber zumeist keine „ressourcenvollen Kontakte“ und seien daher für „wirklich Bedürftige (…) wenig geeignet“ (S. 194): Leitprinzip sozialer (informeller) Unterstützung sei Reziprozität, und hemmend wirke der bei Nachbarn übliche Distanzwunsch; aktivierende Förderung hat hier also enge Grenzen.

Am besten den Punkt treffen Sören Petermanns Erläuterungen zu sozialen Netzwerken. Die Bedeutung lokaler Netzwerke sinkt durch die gewachsene Mobilität, sie seien (im Gegensatz zu überlokalen Netzen) klassenmäßig homogen; Nachbarschaftsbeziehungen entstünden „unbeabsichtigt“. Die einschlägigen Ansätze sehen entweder einen Rückgang von Gemeinschaftlichkeit (und damit: schwindende Bindungen unter Nachbarn), oder die Entstehung neuer Formen von Unterstützung und Geselligkeit, oder schließlich eine gewachsene Freiheit, in der auch reine Nützlichkeitsbeziehungen legitim sind. Empirisch fänden sich Nachbarn nur in 54% der Netzwerke, sie vermittelten eher kleine Hilfen vor allem unter Frauen, das Ausmaß schwanke mit dem Familienzyklus. Lokale und nachbarliche Beziehungen seien relativ wichtig unter Immobilen: bei Kindern, alten Menschen, Nicht-Erwerbstätigen.

Es folgen noch zwei „Nachbarschaftseinblicke“: Die Communities reicher Chinesen in kanadischen Städten seien kulturell und z.T. konsummäßig exklusiv, charakteristisch für eine Migration auf Zeit; damit sollte wohl gesagt werden: Der gelebte Ort hat nur eine relative Bedeutung, daneben stehen transnationale Beziehungen. Ein zweiter Einblick bringt wenig Neues – Nachbarschaft bestehe in einem ständigen Aushandeln.

Zu 4

Der vierte Abschnitt erläutert das Verständnis von „sozialen Nachbarschaften“ und strebt Empfehlungen für eine „professionelle Gestaltung“ an.

Bettina Brüschweiler, Ulrike Hüllemann, Eva Lingg, Christian Reutlinger und Steve Stiehler notieren (nochmals) eine geschwächte Ortsbindung in spätmodernen Gesellschaften – die nicht näher erläutert werden. Sie reduzieren die fünf Ansätze aus Abschnitt 3 auf eine Dichotomie zwischen individuellem Handeln einerseits, Kollektiv bzw. ‚Gemeinschaft‘ andererseits; das dient wohl eher der Profilierung des eigenen Ansatzes – die meisten Ansätze dieses dritten Abschnitts heben auf den sozialstrukturellen Hintergrund und die Machtbedingungen des Verhaltens ab und betonen die soziale, materielle und herkunftsmäßige oder kulturelle Differenzierung von Gebietsbewohnern. Der eigene Ansatz jedenfalls bleibt bis zum Schluss ziemlich abstrakt; das verwundert nicht, da bis zum Schluss nicht zwischen direkter Nachbarschaft und Quartier unterschieden wird und der Begriff „Gemeinschaft“ unerklärt bleibt. Zum Schluss hin werden die allgemeinen Ansprüche an Gestaltungskonzepte „sozialer Nachbarschaften“ aufgeführt: Relevant seien die Verflechtungen der sozialen, räumlichen, individuellen und gemeinschaftlichen Dimensionen des alltäglichen „Nachbarschaften-Machens“, individuelle Wahrnehmung, soziale Lagen und Kontakte seien zu erfassen und auf Lebensphasen und Orte von Alltagspraxen beziehen. Die konkreten Vorschläge zielen auf transdisziplinäres Herangehen, Verwaltungs-Kooperation und Bewohner-Partizipation; Nutzungsvielfalt sei anzustreben, Planung solle sich nicht auf fixierte (administrative) Räume beschränken. Das geht kaum über bisherige Programm-Konzeptionen hinaus und steht in seltsamem Kontrast zur durchgängigen Kritik an diesen Programmen.

Fazit

Der Anlage nach ist das Buch so, wie man sich sozialwissenschaftliche Reader wünschte: Thematische Beiträge werden nicht nach einer Tagungslogik zusammengestellt, sondern systematisch aufgefächert, mit historischen Vorläufern zusammengebracht, mit konkreten Erläuterungen versehen und zusammenfassend reflektiert.

Am gelungensten erscheint der dritte Abschnitt, in dem verschiedene Theorien und Sichtweisen auf das Thema zusammenstellt wurden; das Nebeneinander regt das Nachdenken an, inhaltlich zusammengebracht werden die Ansätze aber nicht. Das verwundert wenig, da das Thema selbst changiert zwischen direkter Nachbarschaft und räumlicher „neighborhood“. Die Konkretionen („Nachbarschaftseinblicke“) tragen teils zum Verständnis bei, zum Teil sind sie nicht konkret, sondern konzeptionell gefasst oder selbst erklärungsbedürftig.

Die gute Idee schließlich, Inhalte aus eigenen und offenbar koordinierten Untersuchungen zu präsentieren, hätte mehr gebracht, wenn die Herausgeber*innen mehr Untersuchungserfahrungen präsentiert und reflektiert hätten. Die grundlegende Kritik an einer Überschätzung der Potentiale und Aktivierungsmöglichkeiten in Nachbarschaften und Quartieren schließlich ist sicher berechtigt, aber sie trägt nicht sehr weit, da sie nur auf Konzeptionen abhebt. Allerdings mangelt es in Deutschland und der Schweiz überhaupt an systematischen Bestandsaufnahmen der praktischen Erfolge oder Misserfolge einer sozialräumlichen Sozialarbeit oder einer Bewohner-Aktivierung nach bisherigen Entwicklungsprogrammen; ob Reutlinger u.a. das noch leisten werden?


[1] Vgl. Neef, Rainer (2011): Quartiersleben und soziale Klassen. In: Herrmann, Heike; u.a. (Hrsg.): Die Besonderheit des Städtischen. Entwicklungslinien der Stadt(soziologie). Wiesbaden: VS Verlag, S. 235-264


Rezensent
Dr. Rainer Neef
bis 2010 akad. Oberrat für Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Soziologie der Universität Göttingen
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Zitiervorschlag
Rainer Neef. Rezension vom 14.03.2016 zu: Christian Reutlinger, Steve Stiehler, Eva Lingg (Hrsg.): Soziale Nachbarschaften. Geschichte, Grundlagen, Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-531-18440-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20101.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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