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Jürgen Müller-Hohagen, Ingeborg Müller-Hohagen: Wagnis Solidarität

Cover Jürgen Müller-Hohagen, Ingeborg Müller-Hohagen: Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-8379-2472-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

In der Hauptsache geht es ihn diesem Buch um den kommunistischen, politisch motivierten solidarischen Widerstand gegen die NS-Diktatur; andere Formen des Widerstandes – kirchlicher, 20. Juli 1944, Weiße Rose – werden nur am Rand gestreift.

Berichtet wird unter dem Titel ‚Zeugnisse solidarischen Widerstehens‘ (S. 13 – 139) von autobiographischen Zeugnissen und Interviews mit überlebenden Frauen und Männern, größtenteils aus dem KZ Dachau, die anschaulich den Terror der Verfolgung, ihre bereits vor der Machtübernahme der Nazis bestehende politische Solidarität, die sich auch unter KZ-Bedingungen in zahlreichen, detailliert beschrieben Widerstandshandlungen bewährte. Insgesamt werden acht Zeitzeugen mit Angaben über den biographischen Hintergrund und die familiäre und politische Sozialisation vorgestellt, teils zusammengefasst, teils durch Zitate aus autobiographischen Texten und Interviews ergänzt.

Das Interesse der beiden Interviewer und Autoren war fokussiert auf das Thema solidarisches Handeln ehemaliger Kommunisten, deren familiären und sozialen Hintergrund vor der Machtübernahme und danach, und auf eine kritische Würdigung der fehlenden gesellschaftlichen und politischen Anerkennung dieses Widerstandes – partiell bedingt durch Ost-West-Konflikt – nach 1945. Insgesamt vermittelt dieses Kapitel ein sehr lebendiges Bild des Terrors auf der einen Seite und der zahlreichen und vielfältigen selbst unter KZ-Bedingungen statt findenden Aktivitäten solidarischen Widerstandes.

Für mich als Leser wurde durch die sehr persönlich gehaltenen thematischen Vorgaben der Verfasser und die eingestreuten Zitate der Wunsch nach mehr zusammenhängenden autobiographischen Berichten, aus denen zitiert wurde, geweckt: z.B. Eugen Kessler: Ein Leben 1995 oder Lina Haag: Eine Handvoll Staub 1947/77, ein langer sehr berührender Brief an ihren bereits verstorbenen Mann.

Inhalte

Das Kapitel ‚Wagnis Solidarität‘ (S. 143 – 229) ist im wesentlichen der Erinnerung und der Gefahr des Vergessen kritisch gewidmet, damit auch dem Hauptanliegen dieses Buches, die Zeugnisse festzuhalten und das Wissen über die Entstehungsbedingungen und Motivationen solidarischen Handelns an spätere Generationen weiter zu geben: Eine glückliche Kindheit, humane Einstellungen, politische Orientierungen, prägende Ereignisse, Vorbilder, Gruppenzusammengehörigkeit, Empörung und Protest gegen Ungerechtigkeit, ein klarer, engagierter Blick für gesellschaftliche und politische Verhältnisse schon vor 1933.

Dieses Kapitel enthält zudem viele, sehr persönliche Mitteilungen über das Engagement der Autoren, ihre Motivation, z.B. auch selbst nach Dachau zu ziehen und vor Ort zu recherchieren. Ihre persönlichen Meinungen, wie z.B. die Überlegungen über die Differenz von Altruismus und Solidarität, über die man diskutieren kann, weckten bei mir weniger Interesse. Diese Erörterungen habe ich, wie insgesamt dieses zweite Kapitel, im Gegensatz zum ersten, mitunter als relativ weitschweifig erlebt.

Dass das ‚Vergessen des kommunistischen Widerstandes‘ selbst zum Politikum geworden war, hing mit der Ost-West-Spannung zusammen; es betraf aber nicht nur den kommunistischen, sondern generell den Widerstand gegen das NS-Regime und prägte selbst das literarische Klima der Gruppe 47 (Böttiger 2012). Insgesamt erfolgte die Aufarbeitung verspätet durch eine inzwischen herangewachsene neue Historikergeneration, nicht selten auch erst angestossen durch Kontakte mit ausländischen Kollegen. Dass auch das Erinnern politisch instrumentalisiert werden konnte, zeigt die Handhabung in der ehemaligen DDR, zu der sich die ehemals Verfolgten auch kritisch äußerten.

Im 3.Kapitel ‚Das Erbe annehmen‘ (S. 233 – 298) wird ausführlich über Erfahrungen und Begegnungen mit Schulkindern, Beratungsarbeit und therapeutischen Gesprächen einfühlsam und sehr persönlich berichtet. Ob das ausreicht, um Wege zu einer solidarischen Gesellschaft aufzuweisen, bleibt angesichts der o.g. zahlreichen Faktoren, die zu solidarischem Handeln führten, fraglich, was den Autoren – Psychotherapeut und Pädagogin – auch bewusst sein dürfte, insbesondere wenn man die transgenerationellen Übertragungen auf die nachfolgenden Generationen der Täter wie der Opfer berücksichtigt. Dieses Kapitel kann als Anregung verstanden werden, sich der Erinnerungsarbeit auch in Zukunft in verschiedenen, hier nur exemplarisch vorgestellten Feldern zu widmen und ein Nachdenken über solidarisches Handeln anzuregen.

Fazit

Ich habe das Buch, vor allem das erste Kapitel, mit Interesse gelesen. Das zweite und dritte hätte ich mir etwas prägnanter zusammengefasst und weniger bestimmt von den sehr persönlichen Ansichten, Meinungen und Erfahrungen der beiden Autoren gewünscht. Als Bereicherung habe ich die – leider manchmal doch sehr kurzen und damit den Autoren, z.B. H. E. Richter, auch nicht immer gerechten – Hinweise zur Literatur, ergänzt durch das interessante ausführliche Literaturverzeichnis empfunden, das zu eigenen Studien anregt.

Die Zeitzeugenberichte im 1. Kapitel erscheinen mir sehr hilfreich für die Arbeit im pädagogischen und psychologischen Bereich. Sie sind aufschlussreich und regen an, sich kritisch ein Bild zu machen und eine eigene Meinung zu bilden.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 03.02.2016 zu: Jürgen Müller-Hohagen, Ingeborg Müller-Hohagen: Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS-Gewalt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2472-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20105.php, Datum des Zugriffs 03.08.2020.


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