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Le Monde diplomatique (Hrsg.): Auf den Ruinen der Imperien

Cover Le Monde diplomatique (Hrsg.): Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2016. 112 Seiten. ISBN 978-3-937683-58-4. D: 8,50 EUR, A: 8,50 EUR, CH: 12,50 sFr.
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Thema

Thema der Veröffentlichung ist Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass Kolonialismus heute nicht vorbei ist, sondern ein geschichtlicher Zusammenhang bzw. eine Kontinuität zwischen Kolonialismus und den globalen Verhältnissen und Ungleichheiten heute besteht: „Ging es den Kolonisatoren von gestern um Silber, Sklaven und Gewürze, sichern sich die Global Player von heute Ressourcen, Land und Märkte“ (http://monde-diplomatique.de/index.php?cPath=81)

Herausgeberin

Herausgeberin ist die Redaktion der Monatszeitung Le Monde diplomatique.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist Teil der Edition Le Monde diplomatique, einer Reihe von Themenheften, die sich aus ausgewählten Texten aus der Le Monde diplomatique, einer Monatszeitung für internationale Politik, zusammensetzen, Texte, die also bereits publiziert wurden. Es handelt sich dabei vornehmlich um kurze, zwei- bis maximal dreiseitige Artikel.

Aufbau

Im Anschluss an ein kurzes Editorial von einer Seite Länge, gliedert sich das Heft in vier thematische Kapitel.

  1. Das erste Kapitel versammelt Beiträge zum Thema „Neue Weltordnung oder Neokolonialismus“,
  2. das zweite Kapitel zu „Widerstand, Reaktion und Befreiung“,
  3. das dritte Kapitel zu „Fremdherrschaft und Ausbeutung“ und
  4. das vierte Kapitel zu „Imagination und Erfahrung“.

Zum ersten Kapitel

Das erste Kapitel versammelt verschiedene Beiträge, die die Herausgeber*innen dem Thema „Neue Weltordnung oder Neokolonialismus“ zuordnen.

Dazu zählt ein grundlegender Text von Jane Burbank und Frederik Cooper zum Thema „Was ist ein Imperium?“ (S. 6), in dem die Autor*innen die Bedeutung eines historischen Verständnisses der Welt unter der Perspektive Imperium erläutern. Vor allem ist den Autor*innen daran gelegen, durch den Begriff des Imperiums „die Vielfalt von Formen wahrzunehmen, in denen Macht über geographische Räume ausgeübt wurde“ (S. 9) und wird. Für die Autor*innen ist es zentrales Problem von Imperien, wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen regiert werden können und wie Herrschaft über große Entfernungen ausgeübt werden soll. Ein wesentliches Merkmal von Imperien im Unterschied zu Nationalstaaten ist es den Autor*innen zufolge, dass in ihnen „Unterschiede zwischen den Völkern“ erhalten bleiben bzw. bleiben sollen – ein wesentlicher Unterschied zum Nationalstaat, dem die „Fiktion der Homogenität“ zugrunde liegt.

Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit der Ukraine und der Frage, was am Vorwurf des russischen Ministerpräidenten, Dimitrij Medwedjews, dran ist, die europäische Ukraine Politik sei eine neokoloniale. Der Autor Tim Neshitov weist in guter geschichtlicher Kontextualisierung nach, dass dies sowohl für die Politik der EU, wie derjenigen Russland nicht zutrifft, wir es also im Zusammenhang des Ukraine Konflikts mit vielem, nicht aber mit Neokolonialismus zu tun haben.

Der nächste Text von Stephen W. Smith widmet sich dem chinesischen „Aufbruch nach Afrika“ (S. 14) seit den frühen 1990er Jahren. Er behandelt Chinas wachsenden Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent im Vergleich zu ehemaligen Kolonialmächten wie Frankreich. China ist heute größter Handelspartner des afrikanischen Kontinents und wird häufig als Alternative zum Westen wahrgenommen, weil den Beziehungen mit China ein kolonialer Hintergrund und eine „zivilisierende Mission“ (S. 15) fehlt. Dennoch scheint derselbe „ungleiche Tausch und dieselbe Korruption“ (ebd.) im Spiel zu sein, der auch für die Beziehungen mit den ehemaligen Kolonialmächten bestimmend war und ist.

Charlotte Wiedemann diskutiert Frankreichs Militäreinsatz in Mali im Jahr 2013, der offiziell zum Ziel hatte, Dschihadisten aus dem Norden Malis zu vertreiben. Anders jedoch, als vielfach berichtet, wurde der Militäreinsatz zur „Plattform für eine drastisch ausgebaute und dauerhafte französische Militärpräsenz in der Region“ (S. 19) und scheint auch und vor allem einer neokolonialen Interessenpolitik Frankreichs zu dienen und zwar auf Kosten Malis und seiner politischen Kultur und Integrität.

Tony Judt diskutiert die weitverbreitete Ansicht, „das Problem mit Israel“ (S. 23) sei, dass Israel eine „europäische Enklave innerhalb der arabischen Welt“ darstelle. Dem entgegen argumentiert er, bei Israel handele es sich vielmehr um einen verspäteten Staat, um ein „typisches separatistisches Projekt des späten 19. Jahrhunderts“ (ebd.), welches in eine Welt „der Menschenrechte, der offenen Grenzen und des Völkerrechts“ (ebd.) importiert wurde. Das Problem sei, dass Israel eine Demokratie ist und gleichzeitig seine „Bürger aufgrund ethnisch-religiöser Kriterien“ (S. 25) beurteile – ein aus der Zeit gefallenes Staatsgebilde. Judt sieht Israels Perspektive in der Umwandlung von einem jüdischen in einen binationalen Staat.

Gavan McCormack behandelt in seinem Artikel die amerikanische Militärpräsenz auf den japanischen RyuKyu-Inseln und den Widerstand gegen eine geplante neue U.S. Militärbasis. Dabei zeigt er, wie bedeutend der Einfluss der U.S.A. auf die Inselgruppe, die von Japan 1879 kolonisiert wurde ist und wie wenig die vorherige unabhängige Geschichte der Bewohner*innen der Inselgruppe zählt.

Zum zweiten Kapitel

Das zweite Kapitelversammelt Beiträge zum Thema „Widerstand, Reaktion und Befreiung“.

Zu Beginn steht ein Beitrag von Iwan Michelangelo D´Aprile zum „Fall Haiti“ (S. 29). Zwei Dinge zeigen sich hier: (1) die nicht auf Europa begrenzten Werte der Aufklärung, von Emanzipation und Revolution in der haitianischen Revolution von 1793/94, die erstmals die Sklaverei abschaffte und in der Gründung des ersten unabhängigen schwarzen Staates in einer ehemaligen europäischen Kolonie mündete und (2) die verheerenden Folgen des europäischen Kriegskapitalismus des 18. Jahrhunderts, die bis in die Gegenwart (nicht nur) Haitis wirken.

Dirk Wiemann beschäftigt sich mit dem britischen Abolitionismus, d.h. der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Über die Gründe für ihren Erfolg wird kontrovers diskutiert. So stehen Positionen, die den Erfolg des Abolitionismus mit Gedanken der Aufklärung und der Menschenrechte in Verbindung bringen und solche, die neue Form der kapitalistischen Wertschöpfung anführen, gegeneinander. Wiemann beschreitet einen Mittelweg und zeichnet nach, wie der britische Abolitionismus zu einem „karitativen Paternalismus“ wurde und also Sklav*innen als „passive Opfer konstruierte, die auf ihre britischen Befreier warteten“ (S. 33). Dies scheint immer noch das vorherrschende Bild in Großbritannien zu sein, wie das Gedenken an den Abolitionismus zum 200. Jahrestag in 2007 zeigen kann, bei dem immer noch keine Rede von afrikanischen Freiheitskämpfer*innen, sondern nur vom Geschenk Großbritanniens an die ehemaligen Sklav*innen war.

Es folgt ein Artikel über die Sepoy Aufstand 1857 gegen das britische Kolonialregime in Indien. Der Autor William Dalrymple beschreibt diese Zeit als Nährboden für religiöse Fundamentalisierungen, weil besonders die gemäßigten islamischen Kräfte mit den Briten kooperiert hätten. Diskurse des Orientalismus, wie sie zur Rechtfertigung des Kolonialismus in Indien nötig waren, seien heute wieder in ähnlicher Art und Weise anzutreffen. Der Autor mahnt an, aus der Geschichte zu lernen und Fundamentalismen in ihrer geschichtlichen Einbettung zu sehen. Dann aber muss sich Großbritannien und ‚der‘ Westen viel involvierter sehen, als er es gewohnt ist, zu tun.

Alain Ruscio beschreibt in seinem Beitrag den vietnamesischen Unabhängigkeitskampf, der bereits 1941 begann, als Schlüsselereignis der Dekolonisierung und zeigt die Breitenwirkung auf, die der vietnamesische Triumph über die französische Kolonialmacht auf die meisten asiatischen und afrikanischen Freiheitsbewegungen hatte.

Phillippe Pataud Célérier beschreibt die von vier Frauen angeführte indigene Protestbewegung „Idle No More“ Kanadas. Er vollzieht unter anderem nach, warum die Bewegung gerade von indigenen Frauen getragen ist. Diese sind häufig von doppelter Diskriminierung betroffen, als Frau und als Indigene. Darüber hinaus waren die indigenen Gesellschaften vor der Kolonialisierung eher matriarchal und matrilineal organisiert, was sich erst durch die patriarchal geprägten Kolonialmächte und ihre aufgezwungenen Praktiken änderte.

Clara Delpas und Pierre-William Johnson befassen sich mit Schutz und Nutzung indigenen Wissens und der Frage geistigen Eigentums. Über den möglichen – aber schwierigen – Schutz von Patenten hinaus, scheinen Bemühungen um Archivierung indigenen Wissens eher aus individuellen oder nationalstaatlichen wirtschaftlichem Interessen heraus in Angriff genommen zu werden, anstatt den Interessen indigener Gruppen dienlich zu sein.

Jürgen Zimmerer behandelt in seinem Beitrag die Aufstände gegen die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwest und -Ostafrika. Er beschreibt die extreme Brutalität mit der die deutsche Kolonialmacht gegen die Widerstandsbewegungen vorging: durch Vernichtungskriege gegen die Herero und Nama, Einrichtung von Konzentrationslagern und Errichtung des ersten deutschen „Rassenstaates“. Er zieht Verbindungen von den Ereignissen in Deutsch-Südwestafrika zum Nationalsozialismus Während der Hererokrieg langsam Anerkennung findet, wird der Krieg in Ostafrika von der deutschen Geschichtsschreibung immer noch ausgeblendet.

Ein Beitrag von Ralf Sotschek behandelt Irland als Beispiel von Kolonialismus. Irland war England erste Kolonie Englands, bereits seit 1169, mit einem brutalen Kolonialregime, an das der Autor 2016, zur Feier von 100 Jahren Widerstand gegen die Kolonialherrschaft erinnert.

Zum dritten Kapitel

Das dritte Kapitelversammelt Beiträge zum Thema „Fremdherrschaft und Ausbeutung“.

Zu Beginn steht ein Beitrag von Phillippe Pataud Célérier und befasst sich mit Papua in West-Neuguinea als Indonesiens Kolonie sowie dem bereits 50 Jahre währenden Unabhängigkeitskampf der Papua gegen die indonesische Kolonialherrschaft.

Es folgt ein familiengeschichtlich inspirierter Beitrag von Katharina Döbler über ‚Kaiser-Wilhelms-Land‘, die ehemalige deutsche Kolonie in Ost-Neuguinea.

Thomas Taterka behandelt die 700-jährige deutsche Kolonialgeschichte im Baltikum – insbesondere das heutige Lettland und Estland betreffend. Er beschreibt die Geschichte der Kolonisierung des Baltikums in Zusammenhang mit dieser korrespondierenden Diskursen deutscher Überlegenheit.

Ein Artikel von Mathilde Auvillain und Stefano Liberti beschreibt am Beispiel von Dosentomaten, wie die internationale Politik mit Hilfe von Organisationen wie IWF und seinen Strukturanpassungsmaßnahmen sowie mit europäischen Einfuhrzöllen und Subventionen für europäische Produkte die einheimischen Produzenten für die Märkte Ghanas kaputt machen.

Eduardo Galeano beschreibt in seinem Beitrag, wie der Handel mit Guano und Salpeter um den es im Pazifikkrieg zwischen Chile, Peru und Bolivien ging, ein Krieg, den Chile gewann, durch Großbritannien vereinnahmt wurde. Chile war in der Folge in größerer Abhängigkeit von Großbritannien von ca. 1840 bis zum ersten Weltkrieg als bspw. Indien.

Charlotte Wiedemann schreibt über die Verstrickungen der kolonialen Welt in die beiden Weltkriege. Hunderttausende Soldaten aus den Kolonien kämpften auf Seiten der Franzosen und Engländer in den Weltkriegen mit. Ihnen wurde aber die Anerkennung dafür bis heute verwehrt. Es handelt sich um eine – im Westen – fast völlig vergessene Geschichte. Pierre Daum beschreibt die Nachwirkungen des französischen Kolonialregimes in Algerien für diejenigen Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg gewollt oder ungewollt auf Seiten Frankreichs standen und die heute systematisch Diskriminierungen ausgesetzt sind. Das betrifft ca. 150.000 Algerier*innen.

Hakima Abbas beschreibt das Konzept der Entwicklungshilfe als ein neokolonialistisches und damit Entwicklung als ein Konzept, dass an westlichen Vorstellungen orientiert ist und eher dazu dient an die afrikanischen Märkte zu gelangen als zu ‚entwickeln‘. Um aus diesen Abhängigkeiten heraus zu gelangen bedarf es der Autorin zufolge, ein anderes Verständnis von Entwicklung.

Chandran Nair setzt sich mit dem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty auseinander, eine Studie zu Armut und Reichtum heute und ein Thema, das zunehmend auch westliche Gesellschaften beschäftigt. Nair kritisiert Pikettys Eurozentrismus – für viele ehemalige Kolonialgebiete ist seiner Ansicht nach die Studie ein alter Hut – und darüber hinaus dessen Zentriertheit auf ökonomisches Kapital. Seiner Ansicht nach kommt ökonomisches Kapital erst an vierter Stelle der wichtigen Kapitalien, nach Naturkapital, menschlichem Kapital und sozialem Kapital. Wo, so fragt er, finden sich bei Piketty die Menschen „die es gar nicht auf die Leiter schaffen“ (S. 85), also nicht zum ökonomischen System gehören und denen die elementarsten Ressourcen fehlen.

Zum vierten Kapitel

Das vierte Kapitel versammelt Beiträge zum Thema „Imagination und Erfahrung“.

Zunächst beschäftigen sich Lars Eckstein und Anja Schwarz mit einer geographischen Karte von Tupaia, einem pazifischen Meistersegler, der James Cook durch Teile Polynesiens navigierte und diesem eine Karte der Region anfertigte. Die Autoren sehen die Karte und den Umgang mit ihr als Beispiel dafür, dass die Grundlagen der Moderne außerhalb Europas liegen und beschreiben Effekte, die eine weltweite Gültigkeit beanspruchende europäische Wissensordnung hatte und weiter hat. Konkurrierende Ordnungen von Wissen gerieten nämlich entweder in Abhängigkeit oder wurden verdrängt. Tupaias Karte ist ein Bsp. für eine solche Wissensordnung, die sich eurozentrisch nicht mehr lesen lässt, weil in ihr ein anderes kulturelles und praktisches Wissen eingeschrieben ist. Erst im Zuge der pazifischen Emanzipationsbewegungen wurde auch altes Wissen wieder „entdeckt“ und auch Tupaias Karte wieder lesbar.

Alain Gresh schreibt über Denker*innen der Aufklärung und ihre Doppelmoral in Bezug auf Sklaverei und Kolonialismus. Gab es bis ins 19. Jahrhundert noch Interesse an ‚anderen Kulturen‘ so war dies spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr der Fall. Hier setzte sich gemeinsam mit einer globalen militärischen und ökonomischen Vormachtstellung ein westliches Überlegenheitsdenken durch, dass immer noch präsent ist.

Amartya Sen kritisiert die weitverbreitete Vorstellung eines „‚westliche‘[n] Wesen[s] der Demokratie“ (S. 93) und zeigt demgegenüber auf, dass sich die „sogenannte westliche Wissenschaft auf das Erbe der gesamten Menschheit stützt“ (ebd.).

Pankaj Mishra schreibt über unterschiedliche Geschichtswahrnehmungen vor allem im Vergleich Asien – Europa/der Westen und konstatiert dem Westen immer noch eine narzisstische Geschichtswahrnehmung. Eine eurozentrische Geschichtsschreibung steht aber einem sinnvollen Verständnis der Welt heute entgegen: „Für die meisten Europäer und Nordamerikaner ist die Zeitgeschichte immer noch weitgehend durch die Siege im Zweiten Weltkrieg und die lange Konfrontation mit dem sowjetischen Kommunismus bestimmt. Für den größeren Teil der Weltbevölkerung dagegen ist das wichtigste Ereignis der Moderne etwas ganz Anderes, nämlich das intellektuelle und politische Erwachen Asiens und die – noch nicht abgeschlossene – Erhebung dieses Kontinents aus den Ruinen der asiatischen wie der europäischen Imperien“ (S. 101).

Christian Semler stellt eine Weltkarte vor, welche die Surrealisten des frühen 20. Jahrhunderts entworfen hatten und thematisiert dabei die Westzentriertheit der klassischen Kartierung und Geographie (Nord-Süd; Nullmeridian in Greenwich). Die Surrealisten erscheinen hier als frühe Kritiker*nnen der Aufklärung und ihrer Ideale und thematisierten bspw. bereits Weißsein, „als eine zum Naturverhältnis verwandelte gesellschaftliche Konstruktion“ (S. 100). Sie waren dabei auf der Suche nach anderen Formen von Wissen und Wirklichkeit.

Phillipp Trerr beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der historischen Verbundenheit Deutschlands und Polens und hier insbesondere mit Deutschlands imperialem Erbe in diesem Verhältnis, das nur selten zum Thema wird. Die ungleiche Beziehung beginnt früh – bereits im Mittelalter, sie wird ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit Besetzung weiter Teile Polens kolonial und bedient sich rassistischer Unterscheidungen zwischen Deutschen und Polen. Es lässt sich erst nach 1989 im Verhältnis der beiden Länder von einem postkolonialen Verhältnis sprechen.

Tahar Ben Jelloun schreibt in seinem sehr persönlichen Beitrag über den Diskurs der Frankophonie und seine Folgen für die Unmöglichkeiten sich als „Frankophone*r“ in der französischen Sprache richtig zu Hause zu fühlen.

Diskussion

Zunächst muss ich sagen, dass mich die Masse an interessanten und wichtigen Texten zum Thema beeindruckt hat. Ich habe viel aus dieser Lektüre mitgenommen und gelernt, habe aber auch anderes erwartet und habe auch einiges kritisch anzumerken.

Auch wenn ich die Beiträge im Heft größtenteils positiv und auch passend finde, fehlt mir eine Rahmung des Themas Kolonialismus und der einzelnen Beiträge durch die Herausgeber*innen. Die einzelnen Beiträge stehen zwar zu jeweils einem Oberthema im Heft, es fehlt aber eine Erklärung dazu, wieso dieses Oberthema vor dem Hintergrund von Kolonialismus eigentlich ausgewählt wurde und wie die Beiträge eigentlich genau zu diesem Thema passen. Es wird dadurch nur implizit deutlich, wofür die Beiträge in diesem Band eigentlich genau stehen und was sie für eine Erkenntnis in Hinsicht auf die Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus bringen. So wird leider auch nur implizit und das teils in widersprüchlicher Weise deutlich, was die Herausgeber*innen eigentlich unter Kolonialismus und seinen Implikationen für heute verstehen. Dies wäre m.E. wichtig gewesen, auch um zu beleuchten, was es eigentlich ausmacht, wenn vor dem Hintergrund der Geschichte des Kolonialismus geschrieben wird: von wem über wen und wie eigentlich? Und wer schreibt und spricht eigentlich in diesem Band? Was für ein Umgang mit der Perspektive der Schreibenden und derjenigen, über die geschrieben wird, folgt daraus? Was folgt für den Umgang mit Begrifflichkeiten, die im Kontext von Kolonialgeschichte stehen? Was für Themen gibt es noch, über die, auch aus Gründen der begrenzten Herkunft der Texte – aus dem Fundus von Le Monde diplomatique und vornehmlich aus dem französischen und deutschen Diskursraum – nicht gesprochen werden kann, die aber auch bedeutend wären? Eine solche, im Kontext von Kolonialismus immens wichtige, Einordnung fehlt leider. Dabei macht es einen Unterschied, wer ein Heft herausgibt und aus was für einer Position gesprochen wird. Diese Rezension wird bspw. aus einer weiß, männlich, deutsch usw. sozialisierten Perspektive geschrieben. Diese Perspektive verstellt mir potentiell andere Blicke auf das Thema und diese meine begrenzte Sicht lässt sich nur einigermaßen fassen, wenn ich sie auch zum Thema mache.

Die fehlende Rahmung der Beiträge zeigt sich im Heft auch darin, dass nicht immer klar wird, was die einzelnen Beiträge genau mit (Neo-)Kolonialismus zu tun haben. Gavan McCormacks Text zu den RyuKyu Inseln beispielsweise ist nur zwischen den Zeilen ein Artikel zu Kolonialismus, die Leser*innen müssen sich die Bedeutung von Kolonialgeschichte in diesem Kontext in Teilen selbst erschließen. Gleiches gilt für Clara Delpas´ und Pierre-William Johnsons Text zum Schutz indigenen Wissens. In anderen Beiträgen werden nur Teile der Kolonialgeschichte erzählt. So entsteht bspw. im Text von Phillippe Pataud Célérier zum Widerstandskampf der Papua gegen Indonesiens Kolonialregime der Eindruck, Indonesien wäre die erste Kolonialmacht in West-Neuguinea gewesen. Dabei waren zuvor die Niederlande Kolonialmacht, mit japanischer Unterbrechung. Danach gab es eine sehr kurze Zeit der Unabhängigkeit Papuas, die durch die Besetzung durch Indonesien endete, welches zuvor selbst einmal Kolonie war. In Katharina Döblers Text über „Kaiser-Wilhelms-Land“ wird der deutsche Kolonialismus als eher unbedeutend und wenig erfolgreich dargestellt. Das mag wohl stimmen und dennoch entsteht der Eindruck, der deutsche Kolonialismus in Papua sei für die Papua nicht sonderlich schlimm gewesen. Wenn wir weiter recherchieren finden wir allerdings weiterhin heraus, dass erst Japan und dann Australien im Anschluss den gleichen Ort kolonisiert haben und dass Ost-Neuguinea erst ab 1972 unabhängig ist. Davon ist im Text leider keine Rede.

In einigen Beiträgen zeigt sich eine stark eurozentrische und paternalistische Perspektive. So benutzen Mathilde Auvillain und Stefano Liberti in ihrem Artikel über die Politik der Dosentomate „Prince Bonys“ Geschichte als Aufhänger und stellen diesen als ahnungslosen Migranten dar, dem der „Überblick fehlt“ (S. 65), ein Überblick, den die Autor*innen aber natürlich haben. Stephen W. Smith vergleicht in seinem Text zum chinesischen „Aufbruch nach Afrika“, China mit Afrika, also ein Land mit einem Kontinent, ein Vergleich, der im Hinblick auf Afrika nicht selten vorkommt und durchaus im Kontext von Kolonialgeschichte reflektiert werden könnte und müsste. Im einleitenden Text von Jane Burbank und Frederik Cooper verbleiben die Beispiele für Imperien einzig im europäischen und asiatischen Raum (Chinesisches Kaiserreich, Mongolisches Reich, Osmanisches Reich, Russisches Reich). Es werden u.a. Afrika, Mittel- und Südamerika und Ozeanien ausgespart. Leider, denn so entsteht der Eindruck eines doch recht eurozentrischen Blicks auf das Thema Imperium. Tony Judt kritisiert am Beispiel Israels die Ethnisierung von Staatsangehörigkeit als wäre dies nur Israels Sorge/Problem. Rassismuskritische Studien zeigen jedoch, dass auch beispielsweise in Deutschland Zugehörigkeit stark ethnisiert wird (vgl. Mecheril 2003). Alain Gresh sieht in seinem Beitrag das westliche Denken, so es denn von seinem imperialen Ketten befreit ist, als Geschenk für die Menschheit, das habe ja auch schon die globale Widerstandsgeschichte gezeigt, in der sich auf westliche Werte bezogen wurde. Was er dabei übersieht, ist, dass das Denken der Aufklärung eben nicht originär westlich ist, sondern dass schon zuvor und woanders über Freiheit und Menschenrechte nachgedacht und dafür eingetreten wurde. Ein Aspekt übrigens, der im Beitrag von Amartya Sen im gleichen Heft, hervorgehoben wird. Anstatt, dass diese Widersprüchlichkeit von den Herausgeber*innen beleuchtet wird (z.B. konzeptionell angelegt ist und Fußnoten die Verknüpfungen erklären), müssen sich die Leser*innen hier aber selbst ein Bild machen und Vergleiche ziehen. Darüber hinaus gibt es teils widersprüchliche Informationen. Bei Charlotte Wiedemann ist der erste schwarze Abgeordnete 1914 in der französischen Nationalversammlung und bei Iwan Michelangelo D´Aprile bereits 1794. Vermutlich ist dies ein Beispiel für die in einigen Artikeln beschriebene Geschichtsvergessenheit des Westens, wo gerne ein wichtiges Stück Geschichte, nämlich das der haitianischen Revolution, vergessen wird. Es stellt sich mir erneut die Frage, warum die Herausgeber*innen die Texte einfach so stehen lassen und nicht wenigstens mit Fußnoten versehen und kontextualisiert haben? Hier ließen sich wichtige Erkenntnisse für die Auseinandersetzung mit dem Thema gewinnen.

In einzelnen Beiträgen gibt es Begrifflichkeiten, die koloniale Geschichten haben und die daher missverständlich sein können. So benutzt beispielsweise Phillippe Pataud Célérier in seinem Beitrag das Wort „Indianer“ ohne Anführungszeichen, während die indigenen Frauen, die zitiert werden, sich als indigen bezeichnen und dies sicher auch die richtigere, wenn auch immer noch nicht perfekte Bezeichnung wäre (vgl. Sow 2015 690f.; Arndt 2015: 691). Bei Jane Burbank und Frederik Cooper wird der Begriff „Häuptling“ (Arndt 2015: 687) ohne Anführungszeichen benutzt, allerdings durchaus in seiner kolonialen Geschichte gesehen.

Zu großem Teil sind die Beiträge übersetzt worden und so können auch Übersetzungsfehler Grund für problematische Bezeichnungen sein. Umso wichtiger erscheint hier eine gründliche Hinsicht der Herausgeber*innen und eine rassismuskritische Rahmung des Bandes. Leider fehlt eben jede Erklärung zum Konzept des Bandes und sowohl Herausgeber*innen wie AutorInnen positionieren sich nicht in ihrer jeweiligen Sprecher*innen/ Schreiber*innenperspektive. Vielleicht geraten diese wichtigen Aspekte auch durch die Ausweitung des Themas Kolonialismus auf Imperialismus aus dem Blick und vielleicht haben sie eben auch etwas mit der Herausgeber*innenperspektive zu tun. Interessant und sehr bedenklich finde ich auch, dass im ganzen Heft nicht ein einziges Mal die deutschen Kolonien in ihrer Gesamtheit vorgestellt werden.

Gleichzeitig habe ich zahlreiche Beiträge und unter anderem auch solche der hier kritisierten sehr genossen, auch aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit. Die Vielfalt von abgebildeten Perspektiven ergibt ein breites Bild auf das Thema. Die Ausweitung des Themas auf Imperien ermöglicht den Blick auf mehr Formen des Kolonialismus und Neokolonialismus als sonst vielleicht möglich gewesen wäre. Beispielsweise wird so auch der deutsche Kolonialismus im Baltikum und die imperial bis kolonialistische Politik Deutschlands Polens gegenüber zum Thema. Themen, die in Deutschland oft verschwiegen werden und die erst Recht nicht in Bezug zu Kolonialismus gesetzt werden. In einigen Beiträgen werden eurozentrische Wissensordnungen thematisiert – bspw. mit Tupaia´s Karte -. Mit Chandra Noir wird nicht dabei stehen geblieben, zu sagen, es brauche andere Konzepte von Entwicklung, sondern auch eines präsentiert. Pankaj Mishra krisitiert die Europa- bzw. Westzentriertheit der westlichen Geschichtsschreibung in Hinsicht auf die beiden Weltkriege. Alain Ruscio hebt die transnationale Verbundenheit der Widerstandsbewegungen gegen den Kolonialismus hervor. Mit Jürgen Zimmerer wird der Völkermord an den Herero und Nama sowie der Maji-Maji Krieg zum Thema. Es wird weiterhin die Haitianische Revolution vorgestellt, über die Zusammenhänge von Kolonialismus/Imperialismus und Diskurse der Überlegenheit und Entmenschlichung geschrieben und Geschichte oft in großer Komplexität auf wenigen Seiten zum Thema.

Fazit

Es handelt sich um einen Sammelband mit vielen interessanten und wichtigen Beiträgen zur Geschichte und Aktualität des Kolonialismus, wobei der Fokus eher auf Politik und Geschichte gerichtet ist und weniger die aktuelle Bedeutung des Kolonialismus „hier“ (in Deutschland) im Zentrum steht. Die Herausgeber*innen versäumen es, den Band selbst und die Beiträge des Bandes in einen (rassismuskritischen) Rahmen einzubinden, der sie in ihrer Bedeutung in Hinsicht auf Kolonialismus früher und heute verständlich(er) werden lässt. Dies bleibt leider den Leser*innen selbst überlassen. Dennoch handelt es sich um einen sehr vielfältigen und sehr interessanten Band.

Literatur

  • Arndt, Susan (2015): „Häuptling“, in: Arndt, Susan & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2015): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast Verlag, S.687.
  • Arndt, Susan (2015): „indigen“, in: Arndt, Susan & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2015): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast Verlag, S.691.
  • Mecheril, Paul (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-) Zugehörigkeit. Univ., Habil.-Schr.--Bielefeld, 2002. Münster: Waxmann (Interkulturelle Bildungsforschung, 13).
  • Sow, Noah (2015): „Indianer“, in: Arndt, Susan & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.) (2015): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast Verlag, S.690-691.

Rezensent
Manuel Peters
Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl Interkulturalität / UNESCO Chair in Heritage Studies BTU Cottbus-Senftenberg
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Zitiervorschlag
Manuel Peters. Rezension vom 04.10.2016 zu: Le Monde diplomatique (Hrsg.): Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2016. ISBN 978-3-937683-58-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20112.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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