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Ulrich Gehrmann: Ressource Jugendhilfe

Cover Ulrich Gehrmann: Ressource Jugendhilfe. Systemische Sozialpädagogik in stationären Jugendwohngruppen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-525-40466-9. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema und Ziel

Wie kann eine systemische Sozialpädagogik in der stationären Jugendhilfe konsequent umgesetzt werden? Der Autor hat diese Praxis über viele Jahre hinweg gemeinsam mit seinen Teams konzeptionell, organisational und beraterisch entwickelt und legt jetzt eine umfassende Darstellung seiner Anschauungen und seiner Praxis vor. Besonders ambitioniert und spannend ist, dass der Autor seine systemische Denkweise im Rahmen einer „verstehenden und straffreien Pädagogik“ in Intensivwohngruppen umsetzen will.

Damit setzt er einen Kontrapunkt zur gegenwärtigen Dominanz verhaltenstherapeutisch orientierter Pädagogik in Intensivwohngruppen. Wo diese auf klare Regeln, Verstärkerpläne und Sanktionen setzen, schlägt der Autor aufbauend auf seiner systemischen Sichtweise eine seiner Meinung nach sinnvollere und humanere Alternative vor.

Autor

Ulrich Gehrmann ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der stationären Jugendhilfe. Seit vielen Jahren leitet und berät er zwei Jugendwohngruppen der AWO Dortmund.

Zielgruppe

Das Buch ist im Wesentlichen für Praktikerinnen und Praktiker der Heimerziehung und für Verantwortliche in der Jugendhilfe geschrieben. Das hebt der Autor selbst hervor und entsprechend sind Inhalte und Sprache praxisnah gewählt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei Teilen:

  1. einer 30-seitigen theoretischen Einführung und Verortung folgen
  2. umfassende Praxisschilderungen (100 Seiten) und
  3. eine 40-seitige Darstellung der praktischen Umsetzung des Ansatzes in Konzeption, Arbeitsorganisation und Rahmenbedingungen.

Im Anhang finden sich einige Praxismaterialien (Hilfeplanformulare, Diagnostikbögen, Anforderungsprofil für Fachkräfte), die veranschaulichen, wie die Einrichtung die systemische Ausrichtung konkretisiert.

Im ersten Teil erläutert der Autor sein Verständnis von systemischer Pädagogik und bezieht sich auf Vorläufer dieses Denkens in der Jugendhilfe, auf die Entwicklungspsychologie, auf Psychiatrie und Psychotherapie sowie die Traumapädagogik. Er nimmt Anleihen bei Wichern, der Reform- und Heilpädagogik (Wilker und Mehringer) und macht mit seinen theoretischen Bezügen vor allem deutlich, was Fachkräfte in der stationären Jugendhilfe heute wissen und können müssten. Dabei wird er seinem Anspruch, verständlich und nicht zu ausschweifend zu erläutern, worauf sich systemisches Denken und Handeln beziehen sollte, gerecht. Es wird deutlich, dass er als Psychologe stark von psychologischen „Quellen“ geprägt ist und aus sozialpädagogischer Perspektive wundert man sich z.B. über seine zentrale Abbildung der Grundlagen und Nachbardisziplinen systemischer Pädagogik (S.14) in der wesentliche Begriffe (z.B. Erziehung und Bildung) ebenso wenig auftauchen, wie bedeutsame Denktraditionen der Erziehungshilfe (z.B. die Lebensweltorientierung). Insofern macht man sich an dieser Stelle des Buches einige Sorgen, ob möglicherweise mit dem systemischen Denken aus der Wohngruppe als Lebensort und „Hilfe zur Erziehung“ ein der pädagogischen Disziplin enteignetes beraterisch-therapeutisches „System“ werden solle – was sich aber später als völlig unbegründet erweist.

Im ersten Teil bleibt also offen, was genau, in Abgrenzung zu den aufgeführten, überwiegend nicht sozialpädagogischen Referenzpunkten systemische Pädagogik genau sein soll, aber das wird dafür im zweiten Teil des Buches anhand praktischer Beispiele sehr deutlich. Im zweiten Teil geht es um die systemische Haltung der Fachkräfte, um die Atmosphäre und Kultur der Wohngruppen sowie um zentrale pädagogische Aspekte systemischer Pädagogik. Es wird verdeutlicht, was es bedeutet, mit Aufträgen und Zielen zu arbeiten, den Wert der Beziehung höher einzuschätzen als den von Strukturen und Regeln, Konflikte auszuhalten, zu gestalten und sogar zu nutzen und in der Erziehung auf Strafen konsequent zu verzichten.

Es ist beeindruckend, zu lesen, wie die ambitionierten normativen Grundhaltungen (Respekt, Achtung, Würde, Kooperation) systemischen Denkens methodisch aufgegriffen und abgesichert werden. Die praktischen Beispiele des zweiten Buchteils machen deutlich, dass systemisches Denken anscheinend für die schwierige Arbeit in Intensivwohngruppen sehr geeignet ist. So wird auffälliges Verhalten nicht der Person zugeschrieben sondern als Ausdruck subjektiv alternativloser ggf. sogar sinnvoller Reaktion auf Systemerleben in Familie, Schule etc. verstanden. Entsprechend wird dem Verstehen der Systeme und der Zusammenarbeit mit ihnen – besonders den Eltern – hohe Bedeutung zuteil.

Im dritten Teil beschreibt der Autor, wie der Arbeitsansatz einer straffreien systemischen Pädagogik konkret in Organisationshandeln umgesetzt wird. Hier wird deutlich, dass nicht nur eine pädagogische Idee proklamiert wird sondern über viele Jahre ein entsprechender Unterstützungsrahmen bereits entwickelt wurde. Hier erfährt man, wie die Arbeit von der Auswahl der Fachkräfte angefangen, über ihre Qualifizierung und Beratung bis zur Dienstplangestaltung umgesetzt wird.

Diskussion

Ulrich Gehrmann legt mit seinem Modell systemischer Sozialpädagogik einen konkreten Vorschlag vor, wie heute mit besonders schwierigen Jugendlichen in stationären Intensivgruppen human, verstehend und helfend umgegangen werden kann. Es verdient Respekt, wie der Autor mit seinen Kolleginnen und Kollegen über mehr als 20 Jahre, aufbauend auf der Idee der straffreien Erziehung, einen konkreten Rahmen entwickelt hat, in dem systemische Anschauungen lebbar gemacht werden. Der besondere Verdienst des Autors ist insofern vor allem darin zu sehen, dass eine konzeptionelle Alternative zur dominierenden Praxis verregelter Enge in der Intensivpädagogik nicht nur erdacht, sondern durchdacht und umgesetzt wurde.

Angesichts dieser Leistung ist es zu verschmerzen, dass der Autor in seinem Grundlagenteil den sozialpädagogisch geschulten LeserInnen eine Kränkung zufügt, da er zentrale und einschlägige Begriffe und Theorien der Sozialpädagogik nicht zur Kenntnis nimmt – bzw. sie allgemein unter „Grundlagen der Heimerziehung und Sozialpädagogik“ subsummiert – und stattdessen auf der Basis psychologischer Wurzeln zu – allerdings interessanten – pädagogischen Ideen kommt. Damit die von ihm entwickelte systemisch-straffreie Erziehung auch in anderen Intensivgruppen der Jugendhilfe umgesetzt werden kann, ist allerdings einiges zu tun. Der Autor macht deutlich, dass eine gründliche Personalauswahl, -schulung und -entwicklung unverzichtbar sind. Ebenso sind enge beraterische Begleitung des Teams und therapeutische Unterstützung der Jugendlichen notwendig. Insofern handelt es sich um ein anspruchsvolles und aufwendiges Konzept für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe.

Fazit

Für Verantwortliche im System der Jugendliche sowie für Fachkräfte in der Erziehungshilfe ist das Buch von außerordentlicher Bedeutung. Es zeigt Alternativen zum Mainstream der pädagogischen Praxis von Intensivgruppen auf. Es wäre wünschenswert, wenn Jugendämter und Träger der Erziehungshilfe sich an den vorgelegten Ideen orientieren würden.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 07.06.2016 zu: Ulrich Gehrmann: Ressource Jugendhilfe. Systemische Sozialpädagogik in stationären Jugendwohngruppen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-40466-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20120.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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