socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Inga Stolp: Die geschichtliche Entwicklung des Jugendstrafrechts von 1923 bis heute

Cover Inga Stolp: Die geschichtliche Entwicklung des Jugendstrafrechts von 1923 bis heute. Eine systematische Analyse der Geschichte des Jugendstrafrechts unter besonderer Berücksichtigung des Erziehungsgedankens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 239 Seiten. ISBN 978-3-8487-2398-0. 69,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Verfasserin erkundet die Geschichte des Jugendstrafrechts und verweist zu Beginn ihrer Arbeit kritisch auf den Nazi-Juristen Eduard Kohlrausch, der Motto des „neuen Strafrechts“ in das Zentrum stellte: Das Problem sei im Jugendstrafrecht das Verhältnis von Erziehung und Strafe. Sie weckt damit Erwartungen, dass eine junge Juristin der Enkelgeneration sich noch einmal dem Erziehungsgedanken mit Skepsis zuwenden werde. Zugleich erwarten wir eine historische Revue, die die Wandlungen des Erziehungsbegriffes im Blickfeld hat (S.21)

Autor

Inga Stolp hat in Kiel promoviert und über Ihre Dissertation hinaus noch nicht viel publiziert. Der Band enthält leider keine Angaben über die Autorin, aber sie dankt auf liebenswerte Weise ihren Eltern, den Doktorvätern und dem Ehemann.

Entstehungshintergrund

Gerade die Kieler Universität könnte ein besonderes Interesse haben, sich mit den Rechtsfiguren der Nazi-Zeit zu beschäftigen, ist doch dort die „Kieler Schule“ ein faschistischer „think tank“ gewesen.

Aufbau

Die Arbeit umfasst 236 Seiten. Sie gliedert sich in neun Hauptkapitel. Diese folgen der Historie:

  • Von der Behandlung junger Straftäter vor 1923 (B),
  • über die Umsetzung des Erziehungsgedankens im JGG von 1923 (C.)
  • in den Jahren 1933-1943 (D.) bis hin
  • zu den Gesetzesänderungen des 2. JGGÄndG vom 13.12.2007 und vom 4.9.2012 (H.)
  • In einem ausführlichen Fazit (I.) plädiert Stolp noch einmal dafür, das JGG nicht weiter zu verschärfen.

Ausgewählte Inhalte

Im Kapitel die Geltung des RJGG 1943 in der Nachkriegszeit (E.) erforscht die Autorin die Implikationen der Alliierten bei der Entnazifizierung des RJGG. Interessant ist es, dass die Überprüfung schon vor Kriegende begann, will sagen, der Wunsch der Amerikaner, Engländer und Franzosen im Jugendstrafrecht Demokratie zu konstituieren war groß (S. 96 ff.) So empfahl Dr. Mannheim, ein rückkehrender Emigrant aus England, die sofortige Aufhebung einzelner Vorschriften, die Beschränkung des JGG auf Deutsche (§ 1 Abs.2 RJGG) oder die Möglichkeit der Strafrechtlichen Verantwortlichkeit von 12 jährigen, ebenso die Auflösung der Hitlerjugend.

Die Verfasserin macht deutlich, dass jeder Reformvorschlag zu Diskussionen in den anglo-amerikanischen Rechtsabteilungen führte und man sich letztlich einigte, nur „die schlimmsten nationalsozialistischen Vorschriften außer Kraft zu setzen.“ (S.97)

Die Verfasserin untersucht im Folgenden die sieben verschiedene Entwürfe, die zum Teil auch von deutschen Juristen stammten, dabei benennt sie aus dem Bundesarchiv seither wenig bis unveröffentlichtes Material. Sie macht deutlich, dass letztlich das Autoritative siegt, dass Strafe im Vordergrund bleibt und der Erziehungsgedanke in den Hintergrund tritt, weil er vielleicht von den Nazis inhaltlich bestimmt war und der jungen Demokratie, wenn sie eine werden wollte, ein Menschenbild fehlte. Sträflich die Beibehaltung der Zuchtmittel (S.111) und von daher ist es konsequent, wenn die Verfasserin resümiert: Der Kontrollrat hat also nicht nur kein neues JGG verabschiedet, sondern auch keinen der Verabschiedung reifen Entwurf erarbeitet, aber zumindest einen Weg zu weiteren Arbeit an der Reformierung des Jugendstrafrechts geebnet, die zunächst dem beginnenden Kalten Krieg weichen musste. (S.125)

Diskussion

In jedem Kapitel diskutiert die Verfasserin die einzelnen Gesetzesentwürfe der historischen Epochen Deutschlands, sowie die hieran anknüpfenden Diskussionen in Parlamenten und juristischer Öffentlichkeit, andererseits die Bedeutung und Umsetzung des Erziehungsgedankens in der jeweiligen historischen Situation. Mit der Ausarbeitung der Quellenlage versucht Stolp bisherigen Aussagen zur geschichtlichen Entwicklung des Jugendstrafrechts zu spezifizieren und neue Erkenntnisse aus der Zeit von 1945 bis 1949, zu gewinnen.

Dieses Anliegen ist verdienstvoll, aber es gelingt ihr nur unzureichend. Allein der Abwägungsprozess, ob das RJGG von 1943 gegenüber dem RJGG Vor- oder Nachteile habe, wirkt sehr bemüht (S. 89 ff.). Dabei fällt auf, dass Stolp sich scheinbar einer quantitativen Methode bedient. Sie zählt ab, sie listet auf zwischen Fort-und Rückschritt (S.90). Zentral ist aber doch dem RJGG von 1943, auch wenn es von Nazi-Juristen wie Schaffstein und Sieverts tatsächlich als druchdachtes und wohl formuliertes Gesetz bezeichnet wurde, dass mit dem völkischen Gedanken und dem Rasseprinzip, alles vernichtet wurde, was jung, aufsässig und eben nicht deutsch war. Dies auch noch unter dem Deckmantel eines rechtsstaatlichen Verfahrens.

So bleibt die Arbeit positiv bemüht, auch in der Aufarbeitung der Nazi-Zeit und in der Bewertung der Nachkriegszeit. Die Autorin sucht auch vergeblich nach dem reformierten Erziehungsgedanken der Reformen des Jahres 2006. Sie beurteilt kritisch die Einführung der nachträglichen Sicherungsverwahrung (S.197), aber es fehlt im Komplex der Verschärfungsreformen eine von ihr vorzunehmende wissenschaftliche Bewertung. Zwar formuliert sie am Schluss der Arbeit: „Zur Bekämpfung der Jugendkriminalität, die wohlgemerkt insgesamt gesunken ist, reicht das JGG daher vollkommen aus. Den Jugendrichtern werden genügend Maßnahmen zu Verfügung gestellt, Straftaten Jugendlicher angemessen zu ahnden und das Ziel des künftigen Legalverhaltens des Jugendlichen zu erreichen.“

Jedoch fehlt meines Erachtens ein paradigmatischer Vergleich zwischen der Entwicklung des Erziehungsbegriffes in der pädagogischen Wissenschaft zur Strafwissenschaft.

Fazit

Inga Stolp fügt der Literatur um den Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht eine weitere rechtshistorische Arbeit hinzu. En Detail bestätigt sie, dass Schaffstein und Sieverts zu den Nachkriegsjuristen gehören, die das RJGG von 1943 bagatellisiert haben, sie zeigt auf, dass Erziehung keineswegs als Kategorie eines Mittels der Strafe benutzt werden sollte, aber es fehlt ihr die entschiedene Kraft der Kritik, den Erziehungsgedanken im Strafrecht zu entlarven, als das, was er ist, eine ideologische Konstruktion der Bestrafung von Tätern jenseits ihrer Tat.


Rezension von
Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix
Intendant Theater Konstanz
Professor an der Universität Bremen
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Christoph Nix anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christoph Nix. Rezension vom 03.08.2016 zu: Inga Stolp: Die geschichtliche Entwicklung des Jugendstrafrechts von 1923 bis heute. Eine systematische Analyse der Geschichte des Jugendstrafrechts unter besonderer Berücksichtigung des Erziehungsgedankens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2398-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20123.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung