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Markus Hertwig, Johannes Kirsch: Kooperative Personalwirtschaft

Cover Markus Hertwig, Johannes Kirsch: Kooperative Personalwirtschaft. Modelle, Funktionsweisen und Probleme eines betriebsübergreifenden Arbeitskräfteeinsatzes. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 211 Seiten. ISBN 978-3-8487-2515-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 30,50 sFr.
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Autoren

  • Markus Hertwig, Prof. Dr., hat die Professur „Soziologie mit Schwerpunkt Arbeit und Organisation“ an der Technischen Universität Chemnitz inne.
  • Johannes Kirsch ist Wissenschaftler am IAQ der Universität Duisburg-Essen; seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitsmarktpolitik und betriebliche Personalpolitik sowie betriebliche Umstrukturierungen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Kontext des Verbundprojektes „FlexStat“ zwischen den Jahren 2009 bis 2013 entstanden, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wurde. Ziel war es, vor allem Klein- und Mittelunternehmen Flexibilisierungsoptionen durch personalwirtschaftliche Kooperationsmodelle aufzuzeigen. Die beiden Autoren verfolgen allerdings ein klares Ziel: sie wollen Alternativen zu „kostenorientierten“ Human-Ressource-Strategien thematisieren, indem sie Modelle und Praktiken einer „kooperativen Personalwirtschaft“ vorstellen. Anstelle einer gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung sollen die Möglichkeiten einer kollegialen Arbeitnehmerüberlassung durch kooperierende Betriebe einer Region untersucht werden.

Notwendig ist dies ihrer Meinung nach, da „die vergangenen Jahrzehnte durch die zunehmende Durchsetzung von Personalstrategien und Modellen der Arbeitsorganisation gekennzeichnet waren, die den Unternehmen weitgehende Flexibilisierungs- und Kostensenkungspotenziale eröffneten – in aller Regel zu Lasten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und mit gravierenden Auswirkungen für die tragenden Institutionen des deutschen Erwerbssystems.“ An empirischen Beispielen untersuchen die Autoren zwei solche Instrumente: die tarifvertragliche Arbeitnehmerüberlassung und sogenannte Arbeitgeberzusammenschlüsse.

Aufbau

Im Grundsatz handelt es sich um den wissenschaftlichen Abschlussbericht zum genannten Projekt in Buchform. Dieses ist in drei Teile untergliedert:

  1. „Ausgangslage und Konzeption der Studie“,
  2. „Empirische Befunde der Studie“ und
  3. „Zusammenfassung und Schlussfolgerungen“.

Hinzu kommen Vorwort, Literatur-, Abbildungen- und Tabellenverzeichnis. Parallel zur Bereichsgliederung gibt es auch noch eine Gliederung in acht Kapitel.

Inhalte

I. Ausgangslage und Konzeption der Studie“ enthält die ersten drei Kapitel. In Kapitel 1 „Einleitung“ werden die üblichen Ausführungen zu den Herausforderungen demographischer Wandel, Fachkräftemangel und Prekarisierung gemacht sowie die Ziele und Fragestellungen des Buchs geschildert. In Kapitel 2 wird ein knapper Überblick zu den Studien zum Fremdpersonaleinsatz und zu kooperativen Formen der Personalnutzung gegeben. In Kapitel 3 wird der theoretische und methodische Rahmen dargestellt, wobei die Strukturationstheorie von A. Giddens im Zentrum steht. Erkannt werden sollen die Kulturmuster, welche die Deutungen und Interessen der Akteure beeinflussen. Es geht insbesondere um mikropolitische sowie kulturelle institutionelle Ansätze, die untersucht werden.

II. Empirische Befunde der Studie“ ist, wie der Name sagt, die Dokumentation der empirischen Befunde des Projekts. Im einzelnen werden die folgenden Ergebnisse geschildert: in Kapitel 4 wird die Einführung und praktische Umsetzung tarifvertraglicher Arbeitnehmerüberlassung anhand von drei Regionalfallstudien (Maschinenbau in Braunschweig, Metall-Tarifvertrag Ruhrgebiet und Metall-Tarifvertrag Siegen-Wittgenstein) analysiert. Kapitel 5 beschäftigt sich mit einem Kernelement der Studie, den sogenannten Arbeitgeberzusammenschlüssen (AGZ). Da dieses Modell ursprünglich aus Frankreich stammt, werden zunächst die französischen und dann die deutschen Modelle vorgestellt und anschließend eine Bewertung durch Praktiker vorgenommen. In Kapitel 6 werden die quantitativen Befunde zu AGZ und kollektiver Arbeitnehmerüberlassung dargestellt. Hierbei wurden die Vertreter von sieben AGZ und 30 Regionen interviewt.

In „III. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen“ werden dieselben für Praxis, Politik, Theorie und weitere Forschungen gezogen. Hierbei geht es in Kapitel 7 zunächst um die zentralen Befunde der Studie, an die sich in Kapitel 8 die Hinweise für die Praxis anschließen.

Diskussion

Es ist müßig, im Rahmen einer Rezension über die Wertfreiheit von wissenschaftlicher Forschung zu reflektieren. Es ist den Autoren überlassen, ob sie eine bestimmte Position beziehen und aus diesem Blickwinkel ihre Studien betreiben. Und es ist zweifelsohne richtig zu überlegen, ob gegenüber Kostensenkung und Flexibilisierung nicht neue Paradigmen gesetzt werden können, welche verstärkt eine Balance von Flexibilität und Stabilität anstreben. Schon vor Jahren hat Christian Scholz vor „darwiportunistischen“ Gefahren gewarnt, vor dem „survival of the fittest“ mit loyalitätslosen, opportunistischen Belegschaften. Auf der anderen Seite darf aber auch nicht vernachlässigt werden, dass das Gewinnstreben von Unternehmen ebenso ein konstitutives Element der sozialen Marktwirtschaft ist wie die soziale Balance. Insofern wäre es wünschenswert, die Balance auch in Bezug auf die konkurrierenden Ziele der Wirtschaftsordnung zu diskutieren. Denn der durchaus interessante Gedanke einer kooperativen Personalwirtschaft mit AGZ und tarifvertraglicher Arbeitnehmerüberlassung würde deutlich gefördert, wenn neben sozialen Zielen hiermit auch die wirtschaftlichen Ziele zu realisieren wären. Der von den Betrieben eingeforderte Vertrauensvorschuss kann nur dann gegeben werden, wenn dieser nicht zu wirtschaftlich nicht mehr beherrschbaren Risiken führt.

Fazit

Die Autoren selbst bezeichnen ihre Arbeit als einen Beitrag zu einer „Solidarischen Ökonomie“. Damit beziehen sie eine klare politische Position, die sich in der Studie an vielen Stellen manifestiert. Sie sehen die Leistung dieses Buchs unter anderem in einen Beitrag zu aktuellen Debatten um Flexicurity, Fachkräftemangel, die Prekarisierungseffekte von Leiharbeit und Werkverträgen sowie um die Erosion des Erwerbssystems. Die Zielsetzung ist damit nicht ergebnisoffen formuliert, sondern es soll das Potenzial zwischenbetrieblicher Vernetzung und Zusammenarbeit, ihr Nutzen für Beschäftigte, Unternehmen und Regionen demonstriert werden. Insofern werden andere ökonomische Theorien wie z.B. die Transaktionskostentheorie als ungeeignet für die Analysen bezeichnet (S. 195).


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 03.02.2016 zu: Markus Hertwig, Johannes Kirsch: Kooperative Personalwirtschaft. Modelle, Funktionsweisen und Probleme eines betriebsübergreifenden Arbeitskräfteeinsatzes. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2515-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20125.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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