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Sabine Geiger, Sibylle Baumgartner (Hrsg.): Empathie als Schlüssel

Cover Sabine Geiger, Sibylle Baumgartner (Hrsg.): Empathie als Schlüssel. Gewaltfreie Kommunikation in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-621-28154-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Empathie ist der Schlüsselbegriff der von Marshall B. Rosenberg begründeten Gewaltfreien Kommunikation: „Wenn ich dir meine Präsenz, mein Gewahrsein zur Verfügung stelle, öffnet sich der Raum der Empathie. Dort ist es möglich, miteinander präsent zu sein, ohne Anstrengung, ohne Tun. Sich zu begegnen – von Herz zu Herz. Wenn dies gelingt, ist es ein kostbares Geschenk“ (S. 13). Wie die beiden Herausgeberinnen in ihrem Vorwort darlegen, ist die Gewaltfreie Kommunikation in psychologischen Berufen – der Zielgruppe des vorliegenden Bandes – auf drei Ebenen einsetzbar: als analytische Brille, für das therapeutische Gespräch und als Hilfsmittel, das die Klienten erlernen können und das ihre Integration im Alltag unterstützen kann.

Herausgeberinnen

Sabine Geiger ist als Trainerin in den Bereichen Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktmanagement, Sibylle Baumgartner als Trainerin und Managementprozessberaterin tätig.

Entstehungshintergrund

Der Band zeigt an konkreten Anwendungsbeispielen aus dem Trainingsalltag, auf welch vielfältige Weise Gewaltfreie Kommunikation in der psychologischen Arbeit eingesetzt werden kann, vom klinischen Bereich über die Organisationspsychologie bis zur Pädagogischen Psychologie. Die Autorinnen und Autoren des Bandes sind alle als Trainer oder Coach praktisch tätig.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Hauptteile, denen ein Materialanhang beigefügt ist:

  1. Zunächst werden Grundlagen und Haltung der Gewaltfreien Kommunikation dargestellt.
  2. Dann folgen sieben Beiträge zu Anwendungsmöglichkeiten der Gewaltfreien Kommunikation in klinischer Psychologie und Beratung.
  3. Abschließend folgen fünf Beiträge, die aufzeigen, wie mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation in der Arbeits-, Organisations- und Schulpsychologie gearbeitet werden kann.

Anhang: Der Materialanhang versammelt eine übersichtliche Zusammenfassung zu den Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation, Kopiervorlagen, Übungen und Arbeitsblätter, einen Leitfaden für Personalgespräche, den Autorenspiegel und ein Sachwortverzeichnis.

Zu Teil I:

Die Gewaltfreie Kommunikation will typische Gesprächsfallen in psychologischen, therapeutischen oder pädagogischen Beziehungen vermeiden. Ihr Ziel ist es, mit dem anderen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sie kann sowohl als Erklärungsmodell für menschliches Verhalten und Erleben als auch als Handlungsmodell verwendet werden.

Bei der Gewaltfreien Kommunikation handelt es sich nicht um eine besondere Sprechtechnik, eher kann von einer bestimmten Grundhaltung oder Einstellung gesprochen. Erfüllende menschliche Beziehungen, die nicht allein in der Psychologie und Psychotherapie eine zentrale Rolle spielen, setzen Einfühlsamkeit voraus. Den Kern des Modells bilden vier Schritte:

  1. (wertfrei) beobachten
  2. Gefühle thematisieren
  3. Bedürfnisse erkennen bzw. verstehen, worum es wirklich geht
  4. aushandeln, wie ein Bedürfnis realisiert werden kann und eine (Handlungs-)Strategie entwickeln.

Wichtige Elemente dieses Weges sind Selbstempathie – die Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gefühlen und Empfindungen –, empathisches Zuhören und der aufrichtige Selbstausdruck, wobei auch das gewaltfreie Herausschreien von Gefühlen seinen Ort hat. Nicht zugelassen werden z. B. Ratschläge, Belehrungen, Verhöre, Erklärungen und Ausreden, Vergleiche oder Beschwichtigungsversuche. Gewaltfreie Kommunikation wird bildlich auch als verständnisorientierte „Giraffensprache“, die zuletzt genannten Gesprächsstrategien als schuldorientierte „Wolfssprache“ bezeichnet.

Zu Teil II

Die Beiträge des zweiten Teils stellen folgende Anwendungsbeispiele aus der klinischen und Beratungsarbeit vor:

  • psychotherapeutische Praxis
  • Arbeit mit verletzten und traumatisierten Kindern
  • BodyNVC – ein Therapiemodell, das körpersprachliche Kommunikationsmöglichkeiten, beispielsweise über Bewegung oder Körperempfindung, einbezieht
  • therapeutische Begleitung von Patienten im Maßregelvollzug
  • Mediation
  • das Konzept „Schönheit der Bedürfnisse“ – ein in enger Anlehnung an das Konzept Gewaltfreier Kommunikation entwickelte Prozessmodell zur Wahrnehmung und zum Umgang mit den eigenen Bedürfnissen
  • Transformation von Paarbeziehungen

Die einzelnen Therapiemöglichkeiten werden sehr anschaulich und praxisnah dargestellt, beispielsweise durch Auszüge aus therapeutischen Gesprächsprotokollen. Fallbeispiele, Definitionen oder Zusammenfassungen werden durch grau unterlegte Kästen sichtbar herausgehoben.

Zu Teil III

Im dritten Teil wird aufgezeigt, wie Gewaltfreie Kommunikation

  • das wertschätzende Arbeiten in der Schule stärken kann (HERZ-Training);
  • zur Personalführung und Verbesserung des Betriebsklimas genutzt werden kann (z. B. im Rahmen von Personalgesprächen, bei Mentoringprogrammen oder im Aufbau einer betriebsinternen Konfliktkultur);
  • in Form sogenannter „Kreiskommunikation“ dazu dienen kann, Austausch- und Entscheidungsfindungsprozesse effizient und nachhaltig zu gestalten, und
  • dazu beitragen kann, sozio-emotionale Kompetenzen präventiv zu fördern.

Lorna Ritchie, die sich in ihrem Beitrag mit dem Potential der Gewaltfreien Kommunikation für die Personalführung beschäftigt, rät Führungskräften beispielsweise, sogenannte „Hörstunden“ in der Woche einzurichten, an denen sie im Büro anwesend sind und sich für spontane Anliegen von Mitarbeitern zur Verfügung halten. Am Ende ihres Beitrags stellt sie einen Protokollbogen für Personalgespräche zur Verfügung, die aus einer Haltung der Gewaltfreien Kommunikation heraus geführt werden.

Diskussion

Psychologische, aber auch pädagogische Tätigkeiten sind in erster Linie kommunikative Prozesse. Es ist mittlerweile ein Allgemeinplatz geworden, dass Kommunikation in höchstem Maße störanfällig ist – im Kleinen wie im Großen. Missverständnisse sind eher die Regel als die Ausnahme. Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation kann helfen, typische Kommunikationsfallen zu meiden. Die Stärke des Konzepts liegt darin, eine bestimmte Grundhaltung in konkretes Verhalten umzusetzen. Der vorliegende Band zeigt sehr anschaulich, dass dies möglich ist – ohne dabei in eine neuerliche Kommunikationsfalle zu tappen: Wo Kommunikationstheorien oder -modelle schematisch, gekünstelt oder technokratisch umgesetzt werden, bewirken sie das Gegenteil von gelungener, zielführender, lösungsorientierter Kommunikation.

Der Kern kommunikativer Missverständnisse liegt nicht selten darin, dass sie Kommunikation in einen Machtkampf verkehren. Gerade dies soll verhindert werden. „Gewaltfrei“ ist aber nicht so zu verstehen, dass Konflikte um jeden Preis vermieden werden sollten – im Gegenteil: Diese sind offenzulegen und werden erst dadurch gestalt- und veränderbar. Streiten kann man sich allerdings darüber, ob die Diktion von Giraffen- und Wolfssprache geeignet ist, Gewaltfreie Kommunikation als ein seriöses Konzept hervorzuheben. Der genannte Leitfaden für ein Personalgespräch, den Ritchie vorgelegt hat, zeigt, dass auch eine sachlich-nüchterne Sprache geeignet ist, die gewünschten Anliegen umzusetzen.

Immer wieder wechseln die Beiträge in eine geradezu spirituelle Sprache (z. B. wenn von „heiliger Arbeit“, „Schönheit“ oder „Fülle des Lebens“ gesprochen wird). In diesen Passagen wird besonders deutlich, dass es nicht allein um eine weitere therapeutische Methode, sondern eine bewusst gesuchte und gelebte Haltung geht. Die Herausgeberinnen bleibend einleitend durchaus vage, inwieweit diese auch erlernbar ist. Allerdings kann der genannte vierschrittige Prozess von Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte helfen, die eigene Haltung in der psychologischen Arbeit zu klären und weiterzuentwickeln. Hierfür bietet der Band viel praxisnahes Anschauungsmaterial.

Fazit

Der Band stellt anschaulich und praxisnah dar, wie Gewaltfreie Kommunikation in Coaching und psychologischem Training genutzt werden kann. Der gewählte Fokus wird von den beiden Herausgeberinnen konsequent eingehalten. Ausgehend von den Grundlagen im ersten Teil, können die einzelnen Beiträge der beiden weiteren Teile je nach Interesse und Arbeitsgebiet einzeln zur Kenntnis genommen werden.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 10.01.2017 zu: Sabine Geiger, Sibylle Baumgartner (Hrsg.): Empathie als Schlüssel. Gewaltfreie Kommunikation in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-621-28154-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20126.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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