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Ingrid Kollak, Stefan Schmidt: Instrumente des Care und Case Management Prozesses

Cover Ingrid Kollak, Stefan Schmidt: Instrumente des Care und Case Management Prozesses. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2015. 22 Seiten. ISBN 978-3-662-48084-7. D: 14,99 EUR, A: 15,41 EUR, CH: 16,00 sFr.
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Thema

Ingrid Kollak und Stefan Schmidt stellen einfache Dokumentationshilfen und Instrumente für die Fallebene des Case Management vor.

Autor_innen

Prof. Dr. Ingrid Kollak hat Germanistik, Soziologie und Pädagogik studiert, ist Krankenschwester, Assessorin nach dem EFQM-Modell, Yoga-Lehrerin und Case Management-Ausbildnerin (DGCC). Sie lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin Pflegetheorien, Strukturen und Prozesse professionellen Pflegehandelns, und Gesundheitsförderung.

Stefan Schmidt hat Pflege und Pflegemanagement studiert, ist Altenpfleger, Diplom-Pflegewirt, Case Manager und Case Management Ausbildner (DGCC). Er lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin und der Hochschule Neubrandenburg Care und Case Management und Grundlagen der Pflegewissenschaft.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird auf 1,5 Seiten geklärt, was die AutorInnen unter Case Management verstehen.

Das zweite Kapitel skizziert den Regelkreislauf des Verfahrens und die Aufgaben der Case ManagerIn, ausgewählte Instrumente zur Dokumentation des Vorgehens werden vorgestellt.

Rechte und Pflichten von PatientInnen und Case ManagerInnen werden im dritten Kapitel angedeutet.

Im einseitigen Kapitel 5 erfolgt ein Plädoyer für Netzwerkarbeit, im ebenso kurzen Kapitel 6 werden die Ausbildungsrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management vorgestellt.

Hauptteil des Büchleins ist Kapitel 7, in dem eine Handvoll Instrumente und Dokumentationshilfen vorgelegt werden. Es finden sich hier Vorlagen für die Kommunikationsvereinbarung, eine Datenschutzerklärung und Schweigepflichtentbindung, Hinweise zu Assessment-Instrumenten wie Netzwerkkarte und der Lebensereignisskala, Angst- Wut- und Trauerskalen, sowie Vorschläge für die Strukturierung von Aktenvermerken und Protokollen.

Diskussion

Ähnlich wie das Büchlein „Fallübungen“ derselben AutorInnen besticht auch dieser Beitrag durch seine Komplexitätsreduktion und Anwendungsorientierung. Für Case Management-AnfängerInnen in Versicherungen, Krankenhäusern oder Pflegestützpunkten können die vorgestellten Instrumente als Anregung zur Entwicklung einer standardisierten Dokumentation dienen.

Für ExpertInnen des Case Managements und für SozialarbeiterInnen kann dieses Büchlein wenig Neues und Hilfreiches bieten und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Die inhaltlichen Ausführungen verweisen auf ein sozialtechnologisches Verständnis des Case Management. Das Verfahren wird derart komplexitätsreduzierend und mittels ausgesprochen einfach strukturierter Instrumente umsetzbar beschrieben, dass sich die Frage stellt, weshalb Case ManagerInnen derart umfassende Qualifikationen benötigen.
  2. Die AutorInnen stellen nicht einen Pool an Instrumenten vor, aus dem Case ManagerInnen fallbezogen und „passgenau“ wählen können. Im Gegenteil: Es wird der Eindruck erweckt, als gäbe es „das eine“ Instrument zur Auseinandersetzung mit der Biographie von PatientInnen oder die eine Form der Ziele-Arbeit. Außer Acht gelassen wird dabei, dass einschlägig qualifizierte Personen über ein umfangreiches Repertoire an Methoden und Techniken verfügen (sollten).
  3. Die den Techniken zugrunde liegenden Theorien werden nicht explizit gemacht und die Form ihres Einsatzes wird derartig vereinfachend beschrieben, dass ihr Spezifikum schlichtweg verloren geht. So geht es bei der Wunderfrage eben nicht darum, sie in gleichlautender Form standardmäßig abzufragen. Die Verkürzung von Techniken der (systemischen) Beratung auf ihre manifesten Inhalte bei gleichzeitiger Reduktion letzterer lassen den Schluss zu, dass es weniger um die Professionalisierung des Verfahrens geht als um eine bürokratische, sozialtechnologische Auffassung des Case Managements. Dass ein solcher Einsatz des Verfahrens den gewünschten Erfolg bringt bzw. Unterschiede macht, darf bezweifelt werden. So werden erfahrene Case ManagerInnen um die Grenzen der betriebswirtschaftlichen Ziele-Arbeit („Management by objectives“, s.m.a.r.t) für die Arbeit mit Menschen in dynamischen Multi-Problemlagen wissen.
  4. Die vorgestellten Techniken und Dokumentationshilfen unterscheiden sich in keinster Weise von Arbeitshilfen, die in der gängigen Einzelberatung von PatientInnen angewandt werden können. Dem Spezifikum des Case Managements, der Koordination und Moderation von einrichtungs- und professionsübergreifenden Unterstützungsprozessen wird nicht Rechnung getragen. Erwartet habe ich mir Instrumente bzw. Dokumentationshilfen für Zielwidersprüche, den Umgang mit Konflikten zwischen den involvierten AkteurInnen, Vorschläge für Kooperationsvereinbarungen zwischen Organisationen u.ä.m.

Kurzum: Das Büchlein folgt einem derart unterkomplexen Verständnis von Case Management, dass seine Lektüre ausschließlich NeueinsteigerInnen in der Pflegeberatung zu empfehlen ist. Wer an differenzierteren Instrumenten interessiert sind, die sich für das Case Management eignen, der/dem sei die Lektüre des Grundlagenbuches von Monzer (2013) empfohlen.

Fazit

Ingrid Kollak und Stefan Schmidt haben mit ihrem Beitrag eine prägnante, komplexitätsreduzierende Beschreibung von Arbeits- und Dokumentationshilfen des Case Managements vorgelegt, die folgenden Leser_innen empfohlen werden kann:

  • Teilnehmer_innen an Fortbildungen zu Case Management im Versicherungs- und Gesundheitswesen, die in leicht lesbarer Form möglichst einfache Vorlagen für die Dokumentation der einzelnen Prozessschritte kennenlernen wollen.
  • LeserInnen, die sich bereits eingehender mit Care und Case Management beschäftigt haben und die die Kritik an der sozialtechnologischen Ausprägung des Case Managements nachvollziehen können wollen.

Rezensentin
DSA(in) Mag(a) Karin Goger
MMSc. Dozentin Bachelor-Stdgg. und Master-Stdgg. Soziale Arbeit, Fachhochschule St.Pölten GmbH; Lektorin an der Fachhochschule Burgenland; freiberufliche Referentin und Leiterin von Case Management-Lehrgängen; Organisationsberaterin, Supervisorin, Psychotherapeutin
Homepage www.sozialmass.at
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Zitiervorschlag
Karin Goger. Rezension vom 14.04.2016 zu: Ingrid Kollak, Stefan Schmidt: Instrumente des Care und Case Management Prozesses. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2015. ISBN 978-3-662-48084-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20128.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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