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Julia Schröder: „Ich könnt ihr eine donnern“ (Metaphern Männerberatung)

Cover Julia Schröder: „Ich könnt ihr eine donnern“. Metaphern in der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 235 Seiten. ISBN 978-3-7799-3265-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Julia Schröder beschäftigt sich in dem vorliegenden Band mit der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen. In den Focus stellt sie Beratung von Männern, die im häuslichen Bereich, d.h. gegen Partnerinnen (und Kinder) Gewalt ausüben bzw. ausgeübt haben. Der weite Begriff „Gewalterfahrungen“ wird von der Autorin gewählt, um Stigmatisierungen und Naturalisierungen zu vermeiden. Sie verwendet den Begriff „Männer mit Gewalterfahrungen“ synonym für die in der Debatte existierenden Begriffe Männergewaltberatung, männerorientierte (Gewalt-)Beratung, Männerberatung, Täterberatung, Täterarbeit, Interventionsarbeit, Männergewaltarbeitspraxis etc.

Schröder wendet sich einem seit den 1990er-Jahren existierenden „jungen“ Beratungsfeld zu. Es wurde seitens der zweitens Frauenbewegung immer wieder eingefordert und ist eingebettet in den Diskurs um häusliche Gewalt. Es existieren mittlerweile bundesweit mehrere Beratungsangebote für Männer. Angezeigt werden kann in diesem Zusammenhang ein wissenschaftliches Defizit, das sich insbesondere im empirischen Bereich manifestiert. Diesem Forschungsdesiderat wendet sich die Autorin zu. Sie benennt zwei zentrale Dimensionen, weshalb aus wissenschaftlicher Perspektive das Thema besonders relevant ist: so ist einerseits zu beobachten, dass in der Beratung parteilich (mit den Männern/Tätern) gearbeitet werden sollte, ohne die Gewalthandlung zu verharmlosen. Daraus lässt sich zweitens- so Schröder – die These einer immanenten „Verunmöglichung“ männlicher Gewaltberatung ableiten. Julia Schröder weist darauf hin, dass die empirische Beratungsforschung wenig Kenntnis davon genommen hat, dass die Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen auf Grund des benannten strukturellen Widerspruchs nicht gelingen könnte.

Die Autorin wendet sich einem wichtigen, oft vernachlässigten, ausgewählten Forschungs- und Praxisbereich, der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen, zu. Das vorliegende Buch leistet einen wichtigen Beitrag für die Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Gewaltforschung, Gender Studies, die Männerforschung und Beratungsarbeit. Die empirische qualitative Herangehensweise von Julia Schröder ist sehr gewinnbringend für den Diskussionskontext.

Autorin

Dr.phil.Julia Schröder arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Sie beschäftigt sich insbesondere mit den Themengebieten Gender Studies, Beratungs- und Gewaltforschung und metaphorische Kommunikation.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung basiert auf der im Jahre 2014 eingereichten Dissertation mit dem Titel „Metaphern in der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen“ an der Universität Hildesheim

Aufbau und Inhalt

Julia Schröder erläutert in der Einleitung, Kapitel 1, neben den oben benannten Inhalten zunächst die sozial-konstruktivistische Grundhaltung, die der empirischen Studie zugrunde liegt. So wird davon ausgegangen, dass sowohl die Problemstellung Gewalt als auch die Beratung an sich erst durch die Interaktion im Beratungskontext hergestellt wird. Sie bedient sich des Erkenntnispotentials von Metaphern und reiht sich somit ein in eine interessante Forschungstradition. Es wird davon ausgegangen, dass Metaphern komplexe Sachverhalte durch den Rückgriff auf vertraute Erlebnisse strukturieren. So können einfache Bilder helfen, Sichtweisen, Gefühle und Bewertungen zu kommunizieren.

In Kapitel 2 führt die Autorin in das Forschungsfeld der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen ein. Sie manifestiert einen deutlichen Mangel an vorliegenden sozialwissenschaftlichen Studien bzw. Quellen. Dies führt ihrer Auffassung nach dazu, dass kein zu rezipierender Forschungsstand vorliegt. Sie weist auf unterschiedliche Szenen und Akteure hin, die sich in dem benannten Thema bewegen. So zeichnet sie die Entwicklungen, Diskurse und Erkenntnisse in folgenden Communities nach: in den Focus geraten die Frauen- und Männerbewegung, die Frauen- und Männerforschung, die Männergewaltarbeitspraxis sowie die Gewalt – und Beratungspraxis. Die Sichtweisen werden dargestellt und aufeinander bezogen diskutiert. Am Ende des Kapitels werden aus den vorliegenden Forschungslücken Fragestellungen für die eigene empirische Studie herausgearbeitet. So interessiert die Autorin insbesondere, wie Beratung und Gewalt von den Interagierenden (dem männlichen Klienten und Berater) als bearbeitende Problemstellung hergestellt wird. Die Autorin nimmt einen „neuen“ Beratungsansatz in den Blick, der ihrer Auffassung nach weder in der sozialpädagogischen Beratungsforschung noch der Männergewaltforschung verfolgt wurde. Von Interesse ist nicht, wie Beratung wirkt, wie Gewalt operationalisiert werden kann bzw. was „gute bzw. schlechte“ Beratung ausmacht. Den Focus richtet Julia Schröder auf jene Prozesse, die von den Beteiligten erzeugt werden und dann Männergewaltberatung benannt werden.

In Kapitel 3 gibt Julia Schröder einen umfassenden Überblick über historische Grundannahmen von unterschiedlichen Metapherntheorien und zentralen Begrifflichkeiten, die in diesem Zusammenhang relevant sind. So bereitet sie einen Boden für den methodologischen Rahmen der vorliegenden Arbeit. Beratung wird vor diesem Hintergrund als sprachlicher Prozess wahrgenommen. Komplexe Bereiche der sozialen Interaktion werden u.a. durch metaphorische Sprache geprägt.

Schröder rezipiert drei wichtige Metapherntheorien:

  1. die Substitutionstheorie, die auf Aristoteles zurückgeht,
  2. die Interaktionstheorie der Metapher nach Black und Richards und
  3. die kognitive Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson, die den zentralen Referenzrahmen der Studie darstellt.

Diese spezielle Hermeneutik wird kritisch diskutiert und mit dem Methodenspektrum der qualitativen Sozialforschung in Verbindung gebracht. Es wird ein eigener methodischer Zugang in Anlehnung an Rudolf Schmitt, eine systematische Metaphernanalyse mit eingewobenen gesprächsanalytischen Elementen, entwickelt. Des Weiteren findet eine begriffliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Metapher und Gewalt statt. Die sozialkonstruktivistische Grundhaltung wird präzisiert und die Fragestellungen der Arbeit konkretisiert.

Die Autorin untersucht eine Einzelberatung zwischen dem Klienten Hannes Kurz und dem Berater Peter Moltzen. Vier aufeinanderfolgende Beratungsgespräche, die in einer Männer- und Gewaltberatungsstelle stattgefunden haben, erstreckten sich über den Zeitraum Januar bis Februar 2008. Die Gesamtlänge des Materials entspricht ca. drei Stunden. Es wird eine Fallanalyse vorgenommen.

In Kapitel 4 wird die Fallanalyse vorgestellt, interpretiert und erläutert. In einer ersten Sequenz gerät die Dimension Gewalt in den Focus. Herausgearbeitet wird, wie der Berater und der Klient die Problemstellung Gewalt metaphorisch rekonstruieren. Bestätigt wird die Komplexität des Gewaltphänomens. Ärger und Verlust, Konflikte sowie Metaphorisierungen des männlichen Selbst und der beteiligten Frauen werden sichtbar. Die Komplexität des Miteinander wird dargestellt und analysiert – mehrere Szenarien werden nacheinander abgearbeitet und systematisiert.

Es folgt eine ausdifferenzierte Beschäftigung mit dem Komplex Beratung. So werden von der Autorin elf metaphorische Konzepte für Beratung rekonstruiert. Deutlich wird, dass unterschiedliche und ähnliche Vorstellungen von Beratung differenzierte Deutungen, Rollendefinitionen und Handlungen nach sich ziehen. Julia Schröder geht auf drei Konzepte vertiefend ein. In diesem Kontext wird tiefergehend analysiert, wie mit den Dimensionen konkret umgegangen wird. Es wird schließlich auf der Basis dieser drei Analysen das Beratungs-Gewalt-Szenario in die Analyse miteinbezogen. So wird sichtbar, wie die Problemstellung Gewalt in der Gesprächspraxis der Beratung mit Männern mit Gewalterfahrungen beraterisch rekonstruiert werden kann.

Die Autorin endet mit weitreichenden Gedanken zum Konstrukt der Täterberatung. Sie konstatiert, dass es sich bei der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen nicht um eine Unmöglichkeit handelt. Ein Changieren zwischen den Polen Täter- und Opferschaft, ein Agieren im Dazwischen ohne sprachliche Eindeutigkeit bleibt.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch liefert einen wichtigen Beitrag für die aktuelle Fachdebatte. Wertvoll ist daran, dass die Praxis der Männerberatung und Täterarbeit neue Impulse und Anregungen präsentiert bekommen. Es dient insbesondere als Folie, das eigene Tun aus sozial-konstruktivistischer Perspektiven „neu“ zu verorten und bislang durchgeführte Konzepte und Methoden zu überdenken und zu reflektieren. Auch das Arbeiten mit Metaphern, das in der vorgestellten Arbeit auf wissenschaftlicher Ebene im Kontext empirischer Sozialforschung vorgestellt wird, könnte beraterische Tätigkeit bereichern. Berücksichtigt werden sollte allerdings an dieser Stelle, dass der Praxis die formulierten Denkhorizonte und Zugänge nicht gänzlich fremd sind.

Die vorliegende Studie ist sehr gut zu lesen. Julia Schröder nimmt den/ die Leser_in immer wieder „an die Hand“ und beschreibt, welche Schritte wann weshalb und wie vorgenommen werden. Es werden unterschiedliche Ebenen des Erkenntnisinteresses klar differenziert. Immer wieder werden das methodische Vorgehen, die Fragestellungen im Prozess der Arbeit weiterentwickelt und präzisiert. Hervorragend ist es der Autorin gelungen, in das Material „einzudringen“. Sie nimmt verschiedene Perspektiven ein, differenziert klar zwischen Originalzitat, Deutung und Interpretation. Sie nimmt immer wieder neue, begründete Zugänge ein, die das Material erneut nutzbar machen für eine tiefgehendere Analyse. Das komplexe, gut reflektierte und begründete methodische Vorgehen löst den Anspruch qualitativer Forschung in der Sozialen Arbeit vollkommen ein.

Schröder wählt – wie eingangs erwähnt – den Begriff „Männer mit Gewalterfahrungen“ synonym für die in der Debatte existierenden Begriffe Männergewaltberatung, männerorientierte (Gewalt-)Beratung, Männerberatung, Täterberatung, Täterarbeit, Interventionsarbeit, Männergewaltarbeitspraxis etc. Diese Entscheidung der Autorin ist zwar nachvollziehbar. Sie möchte dadurch Stigmatisierungen und Naturalisierungen vermeiden. Allerdings erscheint mir diese Entscheidung deshalb problematisch, da der Begriff „Männer mit Gewalterfahrungen“ so allgemein ist, dass nicht mehr auszumachen ist, was mit diesem Begriff genau gemeint ist. So sehr sich die Autorin auch um wichtige Differenzierung im Diskurs bemüht, die Dualismen und Ideologien überwinden sollen, so wird an manchen Stellen deutlich, dass auch sie diesem Anspruch nicht gerecht werden kann. Dies zeigt sich spätestens im Fazit – dort werden von ihr klare wichtige und „richtige“ Positionen formuliert. Sie benennt die große Bedeutung, dass Täter als Täter in der Beratung adressiert werden müssen.

Empfehlenswert wäre gewesen, sich nicht in dieser Eindeutigkeit von bisheriger Forschung zu distanzieren, denn auch andere Autor_innen haben sich ausführlich mit diesem Dilemma beschäftigt und den Diskurs um Differenzierung weiterentwickelt. Aktuelle Positionen der konstruktivistischen Gender Studies, neuere Studien aus den USA zu Männlichkeiten wären lohnend gewesen miteinzubeziehen.


Rezensentin
Prof. Dr. Constance Engelfried
Sozialwissenschaftlerin, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, Leitung Master für angewandte Forschung in der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Constance Engelfried. Rezension vom 05.02.2016 zu: Julia Schröder: „Ich könnt ihr eine donnern“. Metaphern in der Beratung von Männern mit Gewalterfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3265-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20134.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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