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Verena Rothe, Gabriele Kreutzner u.a.: Im Leben bleiben (demenzfreundliche Kommune)

Cover Verena Rothe, Gabriele Kreutzner, Reimer Gronemeyer: Im Leben bleiben. Unterwegs zu demenzfreundlichen Kommunen. transcript (Bielefeld) 2015. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-2996-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.
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Thema

Die Robert Bosch Stiftung fördert seit vielen Jahren u. a. Projekte mit dem Themenschwerpunkt Demenz. So wurde von 2004 – 2006 die Initiative „Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“ in Gestalt der Erarbeitung von u. a. versorgungstechnischen Fragestellungen (z. B. „Wie können Demenzkranke frühzeitig aufgefangen werden?“) in sieben Fachkreisen („Werkstätten“) erarbeitet und anschließend im Verlag Hans Huber publiziert (siehe Rezension www.socialnet.de/rezensionen/4873.php). Das hieran anschließende Förderprogramm der Robert Bosch Stiftung hat den Themenschwerpunkt „Menschen mit Demenz in der Kommune“, die von der „Aktion Demenz e. V.“, ebenfalls von der Stiftung initiiert und gefördert, in den Jahren 2008 – 2015 umgesetzt wurde.

In drei Auflagen wurden insgesamt 78 Antragsteller (lokale Initiativen mit kommunaler Unterstützung) mit bis zu 15.000 EUR gefördert. Insgesamt stellte die Robert Bosch Stiftung ca. eine Million EUR an reinen Fördergeldern zur Verfügung. Die vorliegende Publikation kann als eine Art Abschlussbericht verstanden werden.

Autorinnen und Autor

  • Verena Rothe (M.A.) ist Soziologin und Projektleiterin des Förderprogramms „Menschen mit Demenz in der Kommune“ und zugleich Leiterin der Geschäftsstelle der Aktion Demenz e.V.
  • Gabriele Kreutzer (Dr. phil.) ist Kultur- und Medienwissenschaftlerin und „Demenz-Aktivistin“ aus Stuttgart und stellvertretende Vorsitzende der Aktion Demenz e.V.
  • Reimer Gronemeyer (Prof. Dr. Dr.) ist Theologe und Soziologe an der Universität Gießen (emeritiert), Autor zahlreicher Bücher und erster Vorsitzender der Aktion Demenz e.V.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in drei Teile untergliedert.

Der Teil 1 „Die Demenzfreundliche Kommune – das Wagnis“ (Seite 17 – 40), verfasst von Reimer Gronemeyer, führt in die Thematik ein. Zu Beginn werden Überlegungen über die wachsende Bedeutung der Demenz in einer modernen und zugleich alternden Gesellschaft angestellt, wenn z. B. kritisch der „medizinisch-soziale Demenz-Komplex“ mit seiner Eigendynamik und seinen eigenen Interessen angeführt wird. Erwähnt werden diesbezüglich die Versorgung in Pflegeheimen und der extrem hohe Einsatz von Psychopharmaka bei Demenzkranken mit dem Vorwurf der „Übermedikation“. Anschließend wird auf die dem Förderprogramm „Menschen mit Demenz in der Kommune“ vorhergehenden Aktivitäten wie die Experten-Workshops „Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“ und dem „Esslinger Aufruf“ von 2008 („Menschen mit Demenz sind Bürger, gehören dazu, haben Rechte und gehen uns alle an!“) verwiesen. Es gehe bei diesen Forderungen vor allem um die „Sensibilisierung für das Thema Demenz“ und die „Wiederentdeckung der Nachbarschaftlichkeit“ im Umgang mit Demenzkranken. Die demenzfreundliche Kommune ist für Gronemeyer ein Weg in Richtung auf eine „neue Konvivialität“ in den „kommunikativen Wüsten der Kommunen“ („Einkaufschluchten, Kinocenter und Essgelegenheiten“), denn er vermutet: „Manchmal könnte man denken, dass die Alten lieber verrückt werden, als sich diesem Wahn, der aus Einsamkeit, Kaufakten und Lieblosigkeit gemixt ist, auszuliefern.“ (Seite 36f).

Teil 2 „Menschen mit Demenz in der Kommune – das Programm“ (Seite 43 – 235), erstellt von Verena Rothe, enthält den Bericht über das Projekt, der aus fünf Abschnitten besteht:

  • Im Abschnitt „Unterwegs zu Demenzfreundlichen Kommunen?“ wird zuerst auf die Rahmenbedingungen (Auswahl der Projekte, Zielgruppe und die Evaluation) eingegangen. Es folgen Ausführungen über die Erwartungen bezüglich der Auswirkungen der Projekte auf den Umgang mit Demenz im lokalen Nahbereich. Man hofft, durch die Aktivitäten eine Sensibilisierung und „Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit“ herstellen zu können. Des Weiteren erhofft man sich u. a. eine „gemeinsame Verantwortungsübernahme und Zusammenarbeit aller lokaler Akteure“. In diesem Rahmen wird sogar angenommen, dass eine „offene, `sympathische` kommunale Umwelt“ sich „mildernd auf den Verlauf der Demenz auswirken“ wird (Seite 53).
  • Der Abschnitt „Unterschiedliche Themen und Aktionen“ enthält die Darstellung einer Reihe von konkreten Projektbeispielen mit teils ausführlicher Sachdarstellung aus den folgenden Bereichen:
    • „Kunst und Kultur“ (u. a. Theateraufführungen, Besuche von Museen und Konzerten, Kunst-Workshops für Betroffene und Mitarbeiter und die gemeinsame Erarbeitung eines Musicals)
    • „Kirche und Religion“ (Einfügung demenzspezifischer Inhalte in das Gemeindeleben einschließlich Gottesdienste im Sinne einer so genannten „demenzsensiblen Gemeinde“ und die Zielorientierung einer so genannten „Normalität der Verschiedenheit“),
    • „Kinder und Jugendliche“ (u. a. Einfügung von Demenzthemen in den Unterricht, Vorlesenachmittage in einer Grundschule, Bildung einer halbjährigen „Demenz-Arbeitsgruppe“ für Schüler und Hospitationen in Einrichtungen) und
    • „Bewegung und Sport“ (u. a. Wander- und Fahrradgruppen teils in Verbindung mit örtlichen Sportvereinen).
  • Im Abschnitt „Gewählte Methoden und erzielte Wirkungen“ beschreibt die Autorin die verschiedenen Vorgehensweisen in der Projektrealisierung. Es geht teilweise um „symbolische Aktionen“ und die „Sensibilisierung der Öffentlichkeit“ mithilfe von u. a. Straßentheateraufführungen auf Märkten, der Einsatz von „Gesundheitsclowns“, Luftballonaktionen, Brückenbauaktion mit Bauklötzen, Malwettbewerbe in Schulen und Plakataktionen. Darüber hinaus wurden u. a. „Demenzlotsen“ als wohnortsnahe ehrenamtliche Helfer und Koordinatoren ausgebildet und Formen der gegenseitigen Hilfe ähnlich einer verbindlichen Nachbarschaft initiiert. Auch auf die Thematik „Migration und Kultursensibilität“ wurde anhand von Projekten der Vernetzung und Kooperation mit türkischen Organisationen und Bewohnern eingegangen.
  • Der Abschnitt „Gemeinsame Themen und Erfahrungsaustausch“ enthält u. a. die Darstellung verschiedener Projekte. Zu Beginn wird die Thematik der Angehörigen von Demenzkranken anhand einiger Modelle der Motivierung und Einbeziehung dieser Personengruppe in das Projektgeschehen mit teils unterschiedlichem Erfolg beschrieben. Es folgen Überlegungen der Autorin, ob es sich bei der Demenz nicht nur um eine Erkrankung, sondern auch um eine natürliche Form der Alterung handeln könnte. Berichtet wird im Anschluss über Formen der Zusammenarbeit und auch der Schwierigkeiten mit anderen Institutionen und Trägern vor Ort bei der Realisierung der jeweiligen Projektvorhaben. Mit der Einschätzung, „Demenz geht uns alle an!“ und ist somit ein Querschnittthema, das der Einbeziehung, Bildung und Mobilisierung vieler ortsnaher Einrichtungen und Dienstleistungsträger bedarf, werden Projekte mit verstärkten Qualifizierungsmaßnahmen des sozialen Umfeldes angeführt. Anschließend wird die Bedeutung der Kommune als entscheidende Institution für die Projektbeantragung und Projektbewilligung hervorgehoben. Erwähnt wird auch, dass in den Projekten ein weites Spektrum der Mitwirkung und teilweise auch der Honorierung existiert, das von der reinen ehrenamtlichen Tätigkeit über Aufwandsentschädigungen bis hier zu begrenzten Entlohnungsformen reicht.
  • Im abschließenden Abschnitt „Fazit“ wird u. a. darauf verwiesen, dass die Projekte sich grob in drei Kategorien einteilen lassen: Institutionen als Projektträger, ausschließlich ehrenamtliches Wirken und Mischformen von Institutionen und ehrenamtlichen Helfergruppen.

Im Teil 3 „Zwischen Reflexion und konkretem Tun“ (Seite 237 – 278), verfasst von Gabriele Kreutzner, werden noch einmal die entscheidenden Positionen und Perspektiven des Projektvorhabens hervorgehoben. Von Bedeutung sind u. a.

  • Nach Alternativen zu der bestehenden Versorgungspraxis zu suchen.
  • Die „Zivilgesellschaft“ in Gestalt des vermehrten „bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements“ aller „Bürgerinnen und Bürger“ gilt es zu schaffen.
  • „Das „einseitige pathologische Bild der Demenz“ muss überwunden werden.“ (Seite 239).
  • Eine „neue Kultur des Umgangs“ nebst einer „gesellschaftlichen Erneuerung“ im zivilgesellschaftlichen Kontext gilt es zu schaffen, die dann die Voraussetzungen für „neue Netze der Freundschaft“ bilden werden.

Die Autorin geht auf die dem Projekt vorhergehenden Aktionen, Tagungen und Initiativen ein, wobei sie u. a. besonders die Bedeutung der Tagung „Aufbruch!“ in Esslingen am Neckar 2008 mit der entsprechenden Initialwirkung bei den einschlägigen Organisationen und Gruppierungen hervorhebt.

Diskussion und Fazit

Ein langjähriges und umfangreiches Projekt mit dem Themenschwerpunkt „Demenzfreundliche Kommune“ lässt aufhorchen. Werden neue Perspektiven und Anregungen für diese äußerst hilfebedürftige Personengruppe im lokalen und kleinräumigen Bereich zu erwarten sein, fragt man sich. Doch nach Lektüre des vorliegenden Projektberichtes bleiben beim Rezensenten nur Verwunderung und Fragen über das Vorgehen bei diesem Vorhaben:

  • Warum wird ein Demenzprojekt von Mitarbeitern umgesetzt, die keine ausreichende Berufserfahrung in wissenschaftlichen, klinischen oder pflegerischen Bereichen der Demenzversorgung besitzen? Soziologen, Theologen und Kulturwissenschaftlern fehlt in der Regel der nötige professionelle Einblick in diese äußerst diffizile Materie.
  • Mit welcher Begründung wird der Appell „Demenz geht uns alle an!“ verknüpft mit der implizite Aufforderung zur ehrenamtlichen Mithilfe belegt? Ist es Anmaßung oder bloßes Klienteldenken einer Lobbygruppe?
  • Bedarf es einer besonderen Terminologie wie „Demenz-Lotsen“, „Demenzpaten“ und „Demenz-Aktivisten“ bei den diversen „symbolischen Aktionen“ und „Sensibilisierungsaktivitäten“ in einigen der Projekte? Das hat eher den Charakter von Propaganda, Missionierung und Subkultur ähnlich einer Sekte. Durch derartige Aktionen werden wohl kaum weite Bevölkerungskreise erreicht werden können.
  • Warum wird bewusst die bestehende wohnortsnahe Versorgungsstruktur aus ambulanten, teilstationären und stationären Dienstleistungen der Altenhilfe mit dem Schwerpunkt Demenz in diesem Projekt als integratives Element ausgespart oder auch ausgegrenzt? Ist es das Anliegen, nach „neuen Alternativen zu der bestehenden Versorgungspraxis“ zu suchen, also eine „neue Kultur des Helfens“ zu kreieren? Gebrechlichkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit sind im Kontext Demenz bei den Autoren nicht en vogue, gilt es doch, das „einseitige pathologische Bild der Demenz zu überwinden“. Wenn dann Demenz in diesem Projekt nun keine Krankheit sein darf, was ist es dann? Auch hier fehlen Antworten der Autoren.

Der Rezensent möchte keineswegs das Engagement und die Schaffensfreude aller Beteiligten in den 78 Demenzprojekten infrage stellen bzw. schmälern, doch es gilt zu fragen, ob u. a. Luftballonaktionen, Schülerwettbewerbe und Museums- und Theaterbesuche mit Demenzkranken gegenwärtig angesichts eklatanter Engpässe in der Versorgung (Stichworte fehlendes und qualifiziertes Personal und die demografisch bedingte Minderung der familiären Pflegepotentials) von weitreichender Bedeutung für diese Personengruppe zu sein scheinen.

Es bleibt das Fazit zu ziehen, dass das Projekt „Demenzfreundliche Kommune“ viele neue Wege mit einem eigenen Blickwinkel („Neue Kultur“) in ersten Ansätzen versucht hat zu erproben, dabei aber den Alltag mit den anstehenden Problemen einer angemessenen Versorgung und Begleitung der Demenzkranken aus den Augen verloren hat.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 07.03.2016 zu: Verena Rothe, Gabriele Kreutzner, Reimer Gronemeyer: Im Leben bleiben. Unterwegs zu demenzfreundlichen Kommunen. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2996-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20135.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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