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Nadia Kutscher, Thomas Ley u.a. (Hrsg.): Mediatisierung (in) der sozialen Arbeit

Cover Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer (Hrsg.): Mediatisierung (in) der sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 303 Seiten. ISBN 978-3-8340-1516-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Neben den Begriffen der Globalisierung, der Ökonomisierung, der Digitalisierung oder der Industrie 4.0 etablierte sich soeben auch der Begriff der Mediatisierung. Der Sammelband Kutscher / Ley / Seelmeyer folgt den theoretischen Bestimmungen von Krotz (Krotz F. Hepp A. (Hrsg.)(2012): Mediatisierte Welten: Beschreibungsansätze und Forschungsfelder, Wiesbaden VS Verlag für Sozialwissenschaften; sowie Kratz F. (2008): M wie Mediatisierung, in Avis 47, Heft 2/2008; 13) und baut auf der Feststellung auf, dass die gegenwärtigen Medien nicht nur die Inhalte und Formen von Kommunikation prägen, sondern auch entscheidende Veränderungen in Hinblick auf die Kultur und Gesellschaft mit sich bringen. Medien haben unser privates Handeln durchdrungen. Die Mediatisierungsdimensionen sind jedoch auch in der Sozialen Arbeit sowohl bei den AdressatInnen zu finden, als auch bei den Fachkräften und den Organisationen selbst.

Mit der Mediatisierung ist ein Prozess gemeint, der eine mediale Durchdringung des privaten und beruflichen Lebens (wie Z.B.: Diagnose, Beratungsinhalte, Handlungsabläufe etc.) aller AkteurInnen und Handlungsfelder umfasst. Im Zuge der aktuellen Veränderungen können wir demnach von „einer Technologisierung der Arbeitsorganisation, einer Mediatisierung der Dienstleistung und einer Virtualisierung des ‚professionellen Raumes‘“ (S.5) sprechen. Der Sammelband gibt einen ersten systematischen Überblick über diese neuen Entwicklungen.

Neben einführenden theoretischen Überlegungen, finden die Leser Einblicke in die empirischen Bereiche:

  • Mediatisierte Beratung und Unterstützung;
  • Mediatisierte Dokumentation und
  • Diagnostik als auch Mediatisierte Institutionen.

Aufbau und Inhalt

Das Kapitel: Theoretische Perspektiven bringt die Beiträge von

  • Olivier Steiner („Widersprüche der Mediatisierung Sozialer Arbeit“; S.19-39)
  • Boris Traue und Anja Schünzel („Die technologische Bedingung des sozialen Selbst“, S.39-56) und
  • Andreas Polutta („‚Technologies of Care‘ und wirkungsorientierte Steuerung. Zur aktuellen Transformationsprozessen in der Sozialen Arbeit“; S.56-77).

Steiner skizziert -zeitliche, räumliche, kommunikative und institutionelle- Widersprüchlichkeiten der Mediatisierung in dem er auf zwei entgegengesetzte jedoch aufeinander bezogene Entwicklungen hinweist: auf die Konvergenz von Technologien einerseits und die Divergenz medienkultureller Aneignungs- und Nutzungsweisen andererseits. Infolgedessen setzt er sich für eine „reflexiv verstandene Professionalität“ ein, die die Herausforderungen, Potenziale und Risiken beachtet.

Der nächste Beitrag dieses Kapitels von Boris Traue und Anja Schünzel fragt nach theoretischer Fundierung eines medialen Subjekts. In einer „Dynamik der Relativierung zwischen Ego-, Alter- und Tertiuspositionen und einer sozialen Mobilität“ (S.50) wird eine sozialtheoretische Denkfigur eines Subjektmodells vorgeschlagen, wo Medien in der Rolle des >Tertius fugieren.

Anschliessend diskutiert Andreas Polutta Risiken und Chancen der neuen wirkungs- und softwarebasierten Steuerungsprozesse in der Praxis Sozialer Arbeit, wie etwa in den Controllingverfahren oder den standarisierten Diagnose- und, Evaluationsverfahren. Die Technologies of Care können – z.B.: in der Fallbearbeitung – dank den standarisierten Tools den Fachkräften eine Handlungssicherheit geben. Zugleich erzeugt die Nutzung dieser Technologien jedoch auch neue Unsicherheiten.

Im zweiten Kapitel (Mediatisierte Beratung und Unterstützung) finden die Leser unterschiedliche empirische Einblicke in die Praxisfelder der Sozialen Arbeit.

So behandelt Nicole Alfert („Facebook als Handlungskontext in der Sozialen Arbeit – Potentiale, Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe“; S. 77-94) die Rolle der neuen sozialen Netzwerke in der Kinder- und Jugendarbeit. Primär schlägt die Autorin vor, nicht den aktuellen Entwicklungstrends, sondern dieser Frage nachzugehen: „(I)nwiefern professionelle Standards (…) betroffen sind und wie entsprechend bestimmte Rahmenbedingungen berücksichtig werden müssen oder (…) Facebook unter bestimmten Umständen als Raum pädagogischen Handelns nicht in Frage kommt“? (S91)

Christiane Bollig und Siggi Keppeler erarbeiten in ihrem Beitrag „Virtuell-aufsuchende Arbeit in der Jugendsozialarbeit“ (S. 94 – 115) acht Eckpunkte für eine gelungene Online–Mobile-Jugendarbeit.

Dabei weist Marc Witzel in seinem Artikel „Digitale Medien in der stationären Erziehungshilfe zwischen lebensweltlichen und institutionellen Kontexten“ (S.115 – 130) auf Besonderheiten der Mediennutzung in öffentlichen Erziehungssystemen hin. Der Alltag in der stationären Erziehungshilfe ist heute stark durch Medien geprägt. Man kann aber auf Diskrepanzen in der Computer- und der Handynutzung hinweisen. Die Fachkräfte sind herausgefordert einerseits als medialer Gatekeeper handeln zu müssen und anderseits als Pädagoge positive Verknüpfungen zu medialen Lebenswelten der sozial benachteiligten Jugendlichen herzustellen.

Im nächsten Beitrag dieses Kapitels „Soziale Unterstützung Online – Unterstützungsqualität und Professionalität“ (S.130-151) analysiert die Autorin Alexandra Klein die Attraktivität des Internet als potentiellen Ort sozialer Unterstützung. In ihrem Fazit rät sie der Sozialen Arbeit, hinsichtlich der Datensicherheit und des Datenschutzes, die Beratungsangebote nicht auf Plattformen wie z. B. Facebook anzubieten, sondern professionelle online-Projekte vorzuziehen.

Im letzten Beitrag dieser Gruppe schreiben Barbara Klein, Sebastian Reutzel und Holger Roßberg „Zur Mediatisierung assistiver Technologien – der Hausnotruf als Kommunikationsmedium für ältere Menschen“ (S. 151-168). Seit mehr als 30 Jahren haben wir in Deutschland den klassischen Hausnotruf. Die Autoren schildern die grundlegenden Veränderungen, die in diesem Bereich dank der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), stattgefunden haben.

Der dritte Teil des Sammelbandes widmet sich der Dokumentation und der Diagnostik.

Joachim Merchel und Wolfgang Tenhaken behandeln in ihren Ausführungen („Dokumentation pädagogischer Prozesse in der Sozialen Arbeit: Nutzen durch digitalisierte Verfahren?“; S. 171-192) die Funktion der IT gestützten Anwendungen in der Dokumentation in der Sozialen Arbeit. Trotz einiger Gefahren und Bedenken, ist festzustellen, dass „ein Mehrwert elektronischer Verfahren in der Dokumentation pädagogischer Prozesse sicherlich potentiell gegeben ist. Aber die Steuerung solcher Entwicklungen muss stärker durch die professionsspezifischen Anforderungen geleitet und gelenkt werden“ (S.189).

Im Beitrag von Pascal Bastian und Mark Schrödter („Risikotechnologien in der professionellen Urteilsbildung der Sozialen Arbeit“; S. 192-208) wird die ethische Frage der Anwendung von statistischen Risikoscreenings im Kinderschutz aufgegriffen. Die Autoren zeigen Anhand eines Beispiels aus dem USA-Kinderschutz, dass Risikoeinschätzungen nicht zu einem Rückgang –d.h. einer Deprofessionalisierung– sondern sogar zu einer Fokussierung des professionellen Ermessensspielraumes führen können (S. 193).

Der anschließende Beitrag von Sascha Schierz („Diagnostizieren und Dokumentieren? Risikoorientierung und Informatisierung der Bewährungshilfepraxis als Teil einer neueren Kontrollkultur“; S. 208-222) analysiert vor dem Hintergrund ausgewählter Beispiele aus der BRD sowie der Ergebnisse britischer Studien die Konsequenzen der Einführung von Qualitätsmanagementtools für die alltägliche Bewährungshilfepraxis.

Der vierte Teil des Sammelbandes widmet sich der Mediatisierung der Institutionen Sozialer Arbeit

Dieser Teil wird eröffnet mit dem Beitrag von Helmut Kreidenweis („IT Durchdringung sozialer Organisationen – Empirische Befunde und Folgerungen für die Entwicklung von Praxis und Theorie“; S. 224-242). Der Beitrag diskutiert die Vorteile und Nachteile dieser Entwicklung. Aufgrund bundesweiter quantitativer Studien belegt Kreidenweis eine starke Ausbreitung von Informationstechnologien in den Organisationen Sozialer Arbeit. Der Autor plädiert für eine systematische, wissenschaftliche und methodische Reflexion und eine aktive Gestaltung dieser Ausbreitung.

Eva Nadai erarbeitet in ihrem Beitrag „‚Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme‘. Zur Rolle von Dokumenten für die Verwaltung von Arbeitslosigkeit“ (S. 242-259) anhand eines abgeschlossenen Projekts aus der Schweiz, die Einblicke in die Mediatisierung von Behörden, die arbeitsmarktbezogene Dienstleistungen anbieten.

Die Überlegungen von Daniela Böhringer („Formulare in Aktion: Die interaktive Herstellung von Dokumenten in der Arbeitsverwaltung“; S. 260-277) schliessen die Diskussion ab. Die Autorin untersucht das mediatisierte Arbeiten im U25-Bereich des Arbeitsamtes indem sie das stille Schreiben und das redebegleitende Schreiben am PC während eines Interviews mit Arbeitssuchenden unter die Lupe nimmt. Sie weist darauf hin, dass das stille Schreiben ein „Dilemma zwischen Klientinnenorientierung und Orientierung an organisationalen Vorgaben für die Erstellung von Dokumenten oder andere medial vermittelte Arbeitsaufgaben auszubalancieren“ (S. 275), darstellt.

Der Sammelband endet mit einem Fazit der Herausgeber (Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, „Mediatisierung im Horizont sozialpädagogischer und technikbezogener Theorieperspektiven“; S. 281-299), wo Konzepte des Einsatzes von Technik und Medien in der Sozialen Arbeit abschliessend systematisch dargelegt werden und die aktuellen Fragestellungen in Hinblick auf die Dimensionen der Subjektivierung wie auch der Effektivierung der Arbeitsprozesse herausgearbeitet werden.

Diskussion und Fazit

Die Veröffentlichung „Mediatisierung (in) der sozialen Arbeit“ stellt einen ersten Versuch dar, die Verankerung der Medien in der Sozialen Arbeit weit von den Diskursen um die Medienkompetenzen oder die medienpädagogischen Themen, festzuhalten. Die mediale Entwicklung hat offensichtlich unbemerkt die Felder der Sozialen Arbeit unterwandert und heutzutage kommt dies mit überraschender Wucht zum Vorschein. Es war also an der Zeit ein Buch zu initiieren, in dem diese wichtigen Prozesse sowohl theoretisch als auch empirisch – und zwar aus der Forschungs- als auch Praxisperspektive – behandelt werden.

Der Sammelband von Kutscher / Ley und Seelmeyer markiert somit eine wegweisende Wende in dem wissenschaftlichen Austausch über die Medien und die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Die Publikation sollte in keinem Regal einer Hochschule für Soziale Berufe fehlen. Mit Spannung kann man auf die Fortsetzung hoffen, da die Weiterführung der Themen – z.B.: wie die IT-Techniken das Mitmenschliche in der professionellen Interaktionen aber auch die Weiterentwicklung der Arbeitsprozesse oder die Begehrlichkeiten der Politik, mitbestimmen – klar umrissen wurden.


Rezensentin
Prof. Dr. Anna Zembala
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Zitiervorschlag
Anna Zembala. Rezension vom 13.06.2016 zu: Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer (Hrsg.): Mediatisierung (in) der sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1516-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20137.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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