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Menno Baumann: Neue Impulse in der Intensivpädagogik

Cover Menno Baumann: Neue Impulse in der Intensivpädagogik. "was tun, wenn wir nicht mehr weiter wissen ...?". SchöneworthVerlag (Hannover) 2015. 116 Seiten. ISBN 978-3-945081-09-9.
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Thema und Aufbau

Das vorliegende Heft beschreibt in insgesamt neun Beiträgen vor allem Projekte und Erfahrungen aus EREV-Praxiseinrichtungen in drei Abschnitten.

Zu Abschnitt 1

Im ersten Abschnitt „Intensivpädagogik in der Theorie“ skizziert der Herausgeber selbst in zwei Beiträgen ausgewählte Aspekte intensivpädagogischer Arbeit.

Sein erster Beitrag „Intensiv heißt die Antwort – wie war noch mal die Frage?“ stellt die konzeptionellen Überlegungen zur Intensivpädagogik in den Kontext medialer Skandalisierungen einerseits und der Hilflosigkeit der Institutionen und ihrer Fachkräfte andererseits. Er weist auf das Theoriedefizit intensivpädagogischer Bemühungen hin sowie auf den Umstand, dass in intensivpädagogischen Settings eine besondere Sensibilität für Ziele wie Inklusion oder Partizipation notwendig ist, weil hier tendenziell ein Spannungsfeld besteht. Er erläutert anschaulich unterschiedliche Erscheinungsformen intensivpädagogischer Arbeit und erörtert in diesem Kontext die Bedeutung einer fundierten Indikation. Seine Schlussfolgerungen muten allerdings gelegentlich etwas banal an, etwa wenn er fordert, den Fokus auf folgende Fragestellungen zu legen:

„1.Was braucht der junge Mensch, um zumindest perspektivisch nicht gegen die Hilfe ankämpfen zu müssen?
2. Was brauchen die beteiligten Helferinnen und Helfer und ihr Umfeld, um das leisten und zum Teil auch aushalten zu können, was in diesem Prozess an Dynamik losbrechen kann?“ (12)

Das gerade nun sind Fragestellungen, die in vorliegenden Studien bereits hinlänglich bearbeitet worden sind.

In seinem zweiten Beitrag „Self-Monitoring – ein neuer Zugangsweg zu schwierigen Fallverläufen?“ entwickelt der Autor hingegen ein interessantes Instrument zur Steuerung des pädagogischen Prozesses. Ausgehend von den Grundannahmen: „Das Hilfesystem muss überprüfen, ob seine Ziele überhaupt mit der Wirklichkeitskonstruktion des jungen Menschen in Übereinstimung zu bringen sind. Zielsetzungen in der Jugendhilfe können nur ein Aushandlungsprozess sein.“ und „Feedback ist die beste Methode, um im sozialen Miteinander Veränderungen zu ermöglichen. Durch konsequentes Feedback wird ein Spiegel aufgebaut, der im Rahmen der pädagogischen Präsenz einen Widerstand leistet ohne in den Machtkampf zu gehen.“ (29) hat der Autor mit Rückgriff auf psychiatrische Vorbilder einen Fragebogen entwickelt, der für diesen Feedbackprozess als Leitfaden dienen soll.

Zu Abschnitt 2

Der zweite Abschnitt widmet sich der „Intensivpädagogik in Modellprojekten verschiedener Träger“ des EREV.

Im ersten Beitrag stellt Maren Peters die „Koordinierungsstelle individuelle Unterbringung“ des PARITÄTISCHEN in Hamburg vor. Und beschreibt deren praktische Arbeit. Ziel ist „…einen institutionsübergreifenden Prozess des gemeinsamen Fallverstehens“ (41) aller Beteiligten zu initiieren. Zentraler Wirkfaktor ist nach den bisherigen Erfahrungen dabei „…die moderierte systematische Prozessbegleitung des Fallverstehens bis hin zur Entwicklung und Umsetzung eines individuellen Hilfesettings.“ (ebd.)

Im zweiten Beitrag stellen Anke Oltrup und Deike Tammena „Innovative Hilfen – Ein Projekt für vermeintliche ‚Systemsprenger‘“ vor. Sie beschreiben die für dieses Projekt in der betreffenden Jugendhilfeeinrichtung etablierten Strukturen im Spannungsfeld zwischen Handlungs- und Verfahrenssicherheit einerseits und der immer wieder notwendigen Flexibilität andererseits und betonen die Notwendigkeit, durch verstehende Zugänge die subjektive Sinnhaftigkeit des jugendlichen Verhaltens zu erkennen.

Mit dem dritten Beitrag „Bude ohne Betreuung“ – ersehnte Freiräume mit beträchtlichen Risiken“ schließlich will Matthias Schwabe einem inzwischen beendeten Projekt ein Denkmal setzen. Das Projekt „Bude ohne Betreuung“ war – seinen Ausführungen zufolge – gerade deshalb innovativ, weil es die Pädagogik im Umgang mit den Jugendlichen wesentlich reduzierte. Neben der „Bude“, die den Jugendlichen zur Verfügung gestellt wurde und die sie von der täglichen Suche nach einem Schlafplatz entlastete, gab es lediglich wenige niedrigschwellige Treffen mit den Jugendlichen, die Entwicklungsimpulse bieten konnten oder zumindest dazu führten, dass man „in Kontakt“ blieb. Schwabe betont, dass für manche autonomiebewusste Jugendliche eine solche – aus professioneller Sicht durchaus risikoreiche – Form der Arbeit oft die einzige Möglichkeit ist, diese noch zu erreichen.

Zu Abschnitt 3

Der nächste Abschnitt des Buches nimmt „Intensivpädagogik als Kooperation in einer Region“ in den Blick.

Sein erster Beitrag „Neue Wege im Umgang mit „Systemsprengern“ stellt ein Praxismodell aus der Region Braunschweig/ Wolfenbüttel/ Salzgitter vor. Knapp skizzieren die AutorInnen die Entstehungsgeschichte des „Projektes“, das aus einer Kooperation im Rahmen der AG § 78 vor Ort entstanden, und erläutern die – allerdings wenig originellen – Arbeitsprinzipien, die vermutlich für viele Sozialraumteams in der Republik gelten.

Unter der Überschrift „Nichts ist unmöglich“ (NIU) stellen zwei Vertreter der Sozialen Dienste in Karlruhe ein dort seit einigen Jahren praktiziertes Vernetzungsmodell vor, das dazu dienen soll „…Haltungen, die sozialpolitisch unter dem Slogan „keiner darf verloren gehen“ transportiert werden, in dass System der Jugendhilfe hineinzutragen.“ (85) Zentrales Element ist auch hier eine NIU-Konferenz örtlicher Jugendhilfeträger und des Jugendamtes, die von einem behördlichen Netzwerkkoordinator vorbereitet und moderiert wird.

Die letzten beiden Beiträge des vorliegenden Heftes beschreiben ein intensivpädagogisches Projekt an einer Schule sowie Überlegungen zur Verantwortung von und gegenüber MitarbeiterInnen in der Intensivpädagogik. Ziel des Schulprojektes ist es, Kinder, die nicht im Schulunterricht gehalten werden können, trotzdem zumindest teilweise im Klassenkontext zu belassen, zeitweise aber auch intensiver in gesonderten Kleingruppen zu beschulen und mittelfristig in den Klassenverband zurück zu führen. Auch für diese Arbeit betonen die AutorInnen die Bedeutung verstehender Zugänge zur kindlichen Entwicklung und einer ressourcenorientierten Haltung.

Der letzte Beitrag schließlich geht den spezifischen Belastungen nach, die sich für die MitarbeiterInnen im Rahmen intensivpädagogischer Arbeit ergeben und beschreibt detailliert, was neben Selbstsorge der MitarbeiterInnen in der Institution strukturell als Unterstützungs- und Entlastungsressource etabliert werden muss.

Fazit

Der vorliegende Band enthält anregende und anschauliche Praxisberichte. Die beschriebenen Konzepte und Projekte sind inhaltlich allerdings weit weniger spektakulär als sie verbal daherkommen. Gelegentlich würde man sich wünschen, dass mit Begriffen wie „neu“ und „innovativ“ etwas vorsichtiger umgegangen wird. Nicht alles was für eine einzelne Jugendhilfeeinrichtung neu ist, ist es auch im Kontext der aktuellen Diskurse über den Umgang mit „schwierigen“ Jugendlichen. Auch der Begriff „passgenau“ wird in der vorliegenden Veröffentlichung inflationär strapaziert, gelegentlich auch in Zusammenhängen, in denen er so genau gerade nicht passt.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 02.02.2016 zu: Menno Baumann: Neue Impulse in der Intensivpädagogik. "was tun, wenn wir nicht mehr weiter wissen ...?". SchöneworthVerlag (Hannover) 2015. ISBN 978-3-945081-09-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20140.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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