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Kerstin Herzog: Schulden und Alltag

Cover Kerstin Herzog: Schulden und Alltag. Arbeit mit schwierigen finanziellen Situationen und die (Nicht-)Nutzung von Schuldnerberatung. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. 321 Seiten. ISBN 978-3-89691-728-7. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine (gekürzte) Dissertationsschrift, die im Wintersemester 2014/15 an der Universität Duisburg Essen angenommen wurde.

Autorin

Kerstin Herzog ist Diplom Sozialpädagogin, Schuldner- und Insolvenzberaterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Ludwigshafen.

Thema

Thema des Buches ist, welche Handlungsstrategien im Alltag im Falle von Schulden bzw. ausstehenden Schuldenverpflichtung entwickelt werden. Gerade in den letzten Jahren ist die Problematik der Überschuldung, u.a. in Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit und gescheiterten Unternehmensgründungen, immer wieder thematisiert worden. Es stellt sich die Frage, wie solche Situationen – auch mit dem Rückgriff auf Schuldnerberatungen – bewältigt werden können.

Die Autorin präferiert den Begriff der „schwierigen finanziellen Situationen“ statt jenen der „Überschuldung“, weil sie in letzterem bereits einen öffentlichen (auch durch die Sozialarbeit mitgetragenen) Deutungsprozess beinhaltet sieht, der gesellschaftlichen Machtverhältnisse ausblendet und das Problem „personalisiert“ den (betroffenen) Individuen zuschreibt.

Aufbau und Inhalte

Diese grundsätzliche Positionierung, die Handlungsstrategien der Akteure bzw. Betroffenen in gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu verorten, wird bereits in der Einleitung deutlich gemacht. Die Autorin schließt zwar nicht an eine Kritik der Institutionalisierung der Schuldnerberatung an (Ebli), verweist aber auf die Verortung ihrer Arbeit in der „kritischen Institutionenforschung“ (Cremer-Schäfer). Sie will die Brauchbarkeit, Zugänglichkeit und Tauglichkeit der Schuldnerberatung aus einer Perspektive „from below“ betrachten, d.h. die Sichtweisen und Handlungen der verschuldeten Akteure in Anknüpfung an die Wirkungs- und Nutzungsforschung betrachten.

Im ersten Kapitel wird zunächst die Funktion und Form von Geld und Kredit in Phasen der kapitalistischen Produktionsweise näher betrachtet. Zunächst wird auf das Medium Geld eingegangen und festgestellt, dass das Fehlen von ökonomischen Ressourcen nicht nur ein Liquiditätsproblem darstellt, sich darin vielmehr die Gesellschaftsverhältnisse widerspiegeln. Die Autorin betrachtet zunächst die Differenzen und den Übergang zwischen dem fordistischen und dem finanzdominierten Akkumulationsregime und verweist auf den widersprüchlichen Charakter des Konsum(enten)kredits im Fordismus: er eröffnet und reduziert – durch die bestimmende und disziplinierende Macht des Kredits – die Handlungsmöglichkeiten. Als sich das fordistische Gesellschaftssystem transformierte, Ende der 60er- bzw. Mitte der 70er-Jahre, reagierten sowohl die Kapitalinhaber als auch die Lohnabhängigen auf die Stagnation mit Krediten, sodass Schulden zu einer Form gesellschaftlicher Normalität wurden. Infolgedessen erhielt das Finanzsystem einen Machtzuwachs und Risiken und Kosten ehemals öffentlicher Leistungen wurden im Zuge der Neoliberalisierung re-privatisiert. Es stellt sich letztlich die Frage – so die Autorin-, wie sich Subjektivität (und Handlungsstrategien der Akteure) unter diesem Vorzeichen, dass Finanzierung und Kreditverhältnisse in erweiterter Form zu Machtzentren wurden, (weiter-) entwickeln. Schuldner werden moralisch bewertet – sie werden aufgrund ihrer Bonität beurteilt und evaluiert. Kreditnehmer erlangen mit dieser Option auch nicht nur mehr Handlungsmöglichkeiten, sondern müssen ihre Lebens- und Arbeitsweise weitergehender kontrollieren und disziplinieren. Die Autorin folgt damit postoperaistischen Analysen (Lazzarato und Hardt/Negri), die eine Transformation zur Subjektivität des „verschuldeten Menschen“ annehmen, weil mit Schulden veränderte Bedingungen im Alltag einziehen.

Im zweiten Kapitel wird – ausgehend von diesen theoretischen Konzepten – die Forschungsperspektive geschärft. Die Autorin verortet sich in der Nutzungsforschung, die von Alltagshandeln in gesellschaftlichen Verhältnissen, die von Herrschaft und Ungleichheit geprägt sind, ausgeht. Als Rahmengerüst zieht sie gesellschaftskritische Lesarten von Theorien sozialer Exklusion heran (Steinert; Cremer-Schäfer). Handlungsstrategien und Alltagsgeschehen wird gesellschaftsanalytisch rückgebunden betrachtet. Es geht um eine Rekonstruktion von Strategien, wie Partizipation von Akteur/innen hergestellt wird, wie sie in Situationen sozialer Exklusion (Hilfs-) Angebote nutzen bzw. welche Blockierungen und Barrieren sie erfahren. Die Nutzungsforschung begnügt sich also nicht mit der Analyse des Dienstleistungsbezug alleine, sondern bezieht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein, die sich in der Subjektivität des Individuums zeigen: sie beschäftigt sich mit den „Arbeitsweisen“ am Sozialen – wie die Nutzungsforschung diesen analytischen „Denkbegriff“ bezeichnet. Die Nutzer/innen- und Adressat/innenforschung dagegen zentriert das Verhältnis zwischen den Angeboten der Sozialen Arbeit und den Akteur/innen, die sie in Anspruch nehmen. Diesem Ansatz geht es vielfach um die Professionalisierung des Angebots. Die von der Autorin vertretene Nutzungsforschung will dagegen nicht primär Handlungsempfehlungen an die Praxis der Sozialarbeit entwickeln: Forschung und Theorie zu der Praxis der Sozialarbeit wird vielmehr der Stellenwert des „Reflexionsangebotes“ zugewiesen – sie verortet sich in kritisch-reflexiven Analysetraditionen.

Im dritten Kapitel werden die die eingesetzten empirischen Methoden behandelt, mit denen die Bearbeitungsstrategien der finanziellen (Not-)Situationen erhoben und analysiert werden. Als passend für die Erhebung, um die Perspektive „von unten“ zu sehen, wurde ein narrativer episodenzentrierter Ansatz gewählt. Die Studie basiert letztlich auf neun Interviews: zwei der Interviews erfolgten nicht als Einzel-, sondern Paarinterviews. Drei der Schuldner/innen hatten einen Migrationshintergrund, fünf waren männlich. In vier der neun Haushalte lebten Kinder, drei der Interviewten waren alleinerziehend. Mit Blick auf die (Nicht-)Nutzung der Schuldnerberatung ist das gesamte Spektrum an Möglichkeiten vertreten, wurde teils keine bzw. eine Schuldnerberatung in Anspruch genommen bzw. in einigen Fällen diese Beratung schon wieder beendet. Die Interviews wurden auf Tonband aufgenommen und in anonymisierter Form transkribiert. Neben den Transkripten wurde ein Forschungstagebuch geführt, um die Zugangsproblematik im Feld zu dokumentieren. Das empirische Material bildete die Grundlage – entsprechend den Prämissen einer interpretativen Sozialforschung – für die Entwicklung von sozialwissenschaftlichen Hypothesen und Konzepte. Dazu wurde ein Interpretationsverfahren gewählt, welches in der Studie „Arbeiterleben“ von Peter Alheit und Bettina Dausien vorgestellt wurde. In einem ersten Schritt wurden alle Episoden zur Fragestellung, also schwierige finanzielle Situationen und ihre Bearbeitungsstrategien, herausgesucht, in einem zweiten Schritt Situationen, in denen die Schuldnerberatung vorkam. In einem dritten Durchgang wurde noch auf das Thema Insolvenz(verfahren) Bezug genommen. In jedem Bereich wurden die Handlungsstrategien und die (Nicht-)Nutzung von Ressourcen fokussiert und analysiert.

Im vierten Kapitel werden die (typisierten) Arbeitsweisen zur Bewältigung der finanziell schwierigen Situationen dargestellt. Zunächst werden die „Einzelfälle“ in Form von Portraits dargestellt, dabei auch auf die Entstehung der Schulden eingegangen. Danach werden die Bearbeitungsstrategien dargestellt. Die Autorin konnte vier Strategien rekonstruieren. Eine Strategie wird z.B. als „Sich Bescheiden und ´klug´ Wirtschaften“ gefasst: sie verweist damit darauf, dass sowohl einnahmen- wie ausgabenseitig versucht wird, das Missverhältnis zwischen (zu hohen) Ausgaben und (fehlenden) Einnahmen auszugleichen. Auf der Ausgabenseite wird mit einer sparsamen Haushaltsführung operiert und Teilzahlungen ausgehandelt. Auf der Einnahmenseite werden zusätzliche z.B. durch Tauschgeschäfte oder über soziale Netzwerke erlangt. Die Autorin verweist dabei, dass in den Interviews deutlich wird, dass die Kompensation von fehlender Lohnarbeit durch Sozialleistungen mit Abwertungs- und Stigmatisierungsprozessen verbunden sind. Dies drückt sich etwa in verschiedenen Mitwirkungs- und Auskunftspflichten oder der Überprüfung der Angemessenheit des Wohnraums. Eingegangen wird auch auf verschiedene Probleme, die mit der Verschuldung auftreten können, wie z.B. Alkoholabhängigkeit und dessen Wirkung. Interessant ist in diesem Abschnitt insbesondere noch ein Teil, der sich mit der „Schuld an den Schulden“ beschäftigt. Nicht schon die Schuldenaufnahme selbst wird moralisch bewertet, sondern erst die Zahlungsunfähigkeit macht Schulden unerwünscht. So wird in „redliche“ und „unredliche“ Schuldner differenziert, die in Interviews – genauso wie Scham – diskursiv auftauchen.

Im fünften Kapitel wird die Schuldnerberatung als Arbeitsfeld in der Sozialen Arbeit besprochen. Ausgeführt werden die finanziellen und rechtlichen Grundlagen, typische Arbeitsweisen und Strukturen. So wird auch in Zahlen deutlich, wann und aus welcher (quantitativen) Problemlage heraus sich Schuldnerberatungen et0ablierten. Institutionalisiert wurde mit der Schuldnerberatung auch ein Deutungsmuster der Überschuldung, welches die damit einhergehenden psychosozialen Probleme, Defizite im Umgang mit Geld und Hilfsbedürftigkeit betont. Daran schließen Ausführungen zur grundlegenden Arbeitsweise in der Schuldnerberatung und deren (rechtlichen) Rahmenbedingungen sowie zum Verbraucherinsolvenzverfahren an. Abschließend erfolgen in diesem Kapitel Überlegungen zur Theorie sozialer Ausschließung und der Rolle der Schuldnerberatung, die – so die Autorin – Überschuldung als personenbezogenes Problem bearbeitet.

Im sechsten Kapitel werden die Nutzungsweisen und die Wirkung von Schuldnerberatung behandelt, inwieweit diese „Abhilfe-Institution“ zugänglich ist und die Beratung aus der Sicht „from below“ als nützlich gesehen wird. Das hängt von der Situationsanalyse und den jeweiligen Ressourcen ab. Die Definition und Beurteilungskriterien der Schuldnerberatung hängen vom (zugeschriebenen) Wissen ab, also der (erfahrenen oder eingeschätzten) Expertise. Auch Aspekte der Erreichbarkeit und des Kontaktweges sowie die Möglichkeit, einen Berater zu wählen, spielen eine Rolle. Das Arbeitsbündnis, das für den Verlauf der Beratung zentral ist, wird aus der Sicht von Betroffenen stark davon geprägt, wie sie sich mit ihren Vorstellungen beteiligen können. Auch die Rahmenbedingungen, die knappen Ressourcen und die hohe Auslastung der Berater/innen, welche mit Zeitkategorien der relativ raschen Zugänglichkeit und Wartezeit verbunden sind, bestimmen die Nutzung der Schuldnerberatung mit. Die Schuldnerberatung kann dazu beitragen, dass die Respektabilität, die bei Gläubigern durch die Zahlungsunfähigkeit verloren gegangen ist, (rascher) wieder hergestellt werden kann und Gläubiger bei der Aushandlung einer Rückzahlung häufiger kompromissbereiter sind. Beruhigung und Ermutigung, auch durch Entmoralisierung der Situation, sind in den Handlungsstrategien der Berater eingelassen. Auf dieser Basis können neue Handlungsstrategien im Umgang mit den Schulden und den Gläubigern entwickelt werden. Schließlich wird in diesem Kapitel noch die Entscheidung behandelt, inwieweit es sinnvoll und möglich ist, ein Insolvenzverfahren zu eröffnen.

Im siebenten (und damit letzten) Kapitel werden die Rahmenbedingungen kapitalistischer Gesellschaften mit den empirisch beobachteten Handlungsstrategien nochmals in Zusammenhang gebracht. Zunächst werden die Handlungsstrategien im Rahmen der Phasen einer (post-)fordistischen Entwicklungsstruktur reflektiert. Danach wird die Bedeutung der Schuldnerberatung vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Kategorien diskutiert. Schließlich werden Vorstellungen einer weniger herrschaftsförmigen Sozialpolitik eingebracht, die soziale Infrastruktur verbunden mit einem bedingungslosen Grundeinkommen bereitstellt, um die Bedingungen der gesellschaftlichen Partizipation anders zu regulieren.

Diskussion und Fazit

Von besonderem Interesse erscheint, dass die Autorin einen Ansatz wählt, der die (gesellschaftlichen) Macht- und Herrschaftsverhältnisse, in denen Schuldner/innen (wie auch die Schuldnerberatung) agieren, reflektiert und in die Analyse einbezieht. Die kapitalistischen Verhältnisse und Entwicklungen (post-)fordistischer Prägung werden damit genauso hinterfragt wie die innerhalb dieses gesellschaftlichen Rahmens sich entwickelnden Handlungsstrategien. Aus der Sicht des Rezensenten erscheint die konzeptuelle Einbettung und Zuwendung aber interessanter, als die Ergebnisse der (Re-)Konstruktion der Handlungsstrategien aus neun Interviews. Insbesondere eine biographisch orientierte Perspektive hätte die lebensgeschichtliche Einbettung der Handlungsstrategien zeigen können. Vielleicht hätte auch noch deutlicher, z.B. an den Einzelfällen herausgearbeitet werden können, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen andere Rahmenbedingungen für Schuldner schafft, sodass Akteure in diesem Feld entlastet und ökonomische Handlungsfähigkeit leichter wieder hergestellt werden kann.


Rezensent
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 29.04.2016 zu: Kerstin Herzog: Schulden und Alltag. Arbeit mit schwierigen finanziellen Situationen und die (Nicht-)Nutzung von Schuldnerberatung. Verlag Westfälisches Dampfboot 2015. ISBN 978-3-89691-728-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20147.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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