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Michael Macsenaere, Joachim Klein u.a. (Hrsg.): Sexuelle Gewalt in der Erziehungshilfe

Cover Michael Macsenaere, Joachim Klein, Michael Gassmann, Stephan Hiller (Hrsg.): Sexuelle Gewalt in der Erziehungshilfe. Prävention und Handlungsempfehlungen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2015. 251 Seiten. ISBN 978-3-7841-2743-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Im Jahr 2010 erschütterten zahlreiche Fälle von sexualisierter Gewalt durch Mitarbeitende gegenüber Kindern und Jugendlichen in Heimeinrichtungen und Internaten die Öffentlichkeit. Auch katholische Einrichtungen waren betroffen, was u.a.dazu führte, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz mit dem Problem beschäftigte. Eine Hotline für Betroffene wurde eingerichtet, eine kirchliche Präventionsordnung für die katholische Kirche erlassen und in vielen Diözesen und Glaubensgemeinschaften eine Vielzahl von Aktivitäten entfaltet. Um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und insbesondere auf der strukturellen und fachlichen Ebene Veränderungen vorzunehmen, hat der Bundesverband der katholischen Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe intensive Präventions- und Aufklärungsarbeit bei seinen Mitgliedern angestoßen. Ein Ergebnis des Prozesses sind systematisierte Handlungsempfehlungen, die in die vorliegende Veröffentlichung eingeflossen sind. Die Darstellung der Ergebnisse dient dazu, interessierte Einrichtungen von den Erfahrungen der beteiligten Einrichtungen profitieren zu lassen.

Autorinnen und Autoren

Im vorliegenden Handbuch werden zentrale Ergebnisse des Präventionsprojektes des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e. V. (BVkE), das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) durchgeführt wurde, dargestellt. Darüber hinaus wurden namhafte Autorinnen und Autoren gewonnen, die den Themenbereich der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Mitarbeitende mit Fachbeiträgen weiter vertiefen. Aus den im Projekt beteiligten Einrichtungen werden bewährte Praxismodelle vorgestellt, die sozusagen die verschiedenen Möglichkeiten der Operationalisierung aufzeigen.

Entstehungshintergrund

Der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e. V. (BVkE) hat von 2011 bis 2014 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) ein Projekt durchgeführt, das die Prävention von (sexualisierter) Gewalt nicht nur in katholischen Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe sowie den Schutz der betreuten jungen Menschen zum Ziel hatte. Im Mittelpunkt standen dabei die Formen (sexualisierter) Gewalt durch Mitarbeitende gegenüber Kindern und Jugendlichen. Gefördert wurde das Projekt von der Stiftung Glücksspirale. Auch wenn Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ein wichtiges Thema in den Einrichtungen der Erziehungshilfe ist, konnte es im Rahmen dieses Projektes nicht aufgegriffen werden.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort durch den Vorsitzenden, Hans Scholten, und den Geschäftsführer, Stephan Hiller, des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe e. V. (BVkE) erfolgt eine Einleitung durch Michael Macsenaere, Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), und Joachim Klein, wissenschaftlicher Mitarbeiter des IKJ.

Das erste Kapitel ist Fachbeiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren zum Themenbereich „Sexualisierte Gewalt“ gewidmet:

Bruno W. Nikles beschreibt „Die Verantwortungskette in der Präventionsarbeit“, wozu auch die Runden Tische gehören.

Aus der Perspektive der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und der wissenschaftlichen Traumaforschung beschreibt J.M. Fegert „sexuellen Missbrauch“. Dabei geht es um die „spezifische Situation von Kindern und Jugendlichen in Institutionen“, um die Themen Trauma und Traumatisierung sowie um Strategien von Tätern und Täterinnen in Institutionen. Sodann wird eine „Mehrebenenestrategie zur Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen“ vorgestellt.

„Sexualisierte Gewalt in der Erziehungshilfe“ ist der Titel des Beitrages von Claudia Bundschuh. Sie informiert über „Erkenntnisse über die Verbreitung von sexualisierter Gewalt in der Erziehungshilfe“ und über „Erkenntnisse über Risikofaktoren“. Anschließend zeigt sie „Möglichkeiten der Prävention“ auf und formuliert „Empfehlungen zur Intervention“.

Andreas Zimmer geht in seinem Beitrag der Frage „Auf dem Weg zu einer Kultur der Achtsamkeit?“ nach. Er beschreibt die „Veränderungen, Impulse, Perspektiven aus fünf Jahren kirchlicher Präventionsarbeit“. Weitere Aspekte, die in diesem Beitrag berücksichtigt werden, sind: „Botschaften schaffen Kenntnis“, „Risikomangement: CIRS – Schutzkonzept kirchliche Präventionsordnung“, „Achtsamkeit“, „Ausblick: Achtsamkeit und die ‚passiones animae‘“.

Anna Julia Wittmann beschreibt, wie Kinder mit sexuellen Missbrauchserfahrungen stabilisiert (KiMsta) werden können. In einem entsprechenden Forschungsprojekt an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim wurde u.a. „das Hildesheimer Curriculum zur Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte“ entwickelt. Dargestellt werden „die Ausgangsbasis: Forschungsfragen und -methoden“, die „Forschungsergebnisse: Unterstützungsbedürfnisse der Kinder und Anforderungen an die Fachkräfte“ und „Ausblick: Praktische Umsetzung und politische Dimension“.

Das Kapitel der Fachbeiträge wird von Werner Meyer-Deters abgeschlossen, der „Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen mit Institutionenfortbildungen zur Primär- und Sekundärprävention von sexualisierter Gewalt“ zieht. Sein „Plädoyer gegen die thematische Einengung auf sexuellen Missbrauch bei der Entwicklung von Standards zur Prävention und Intervention in den Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe“ umfasst folgende Aspekte: „Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Diskurs“, „die Verantwortung der katholischen Kirche und ihrer Einrichtungen“, „Auch die körperliche und psychische Gewalt sind in der Jugendhilfe nicht nur ein Thema der Vergangenheit“, „Macht und Machtgefälle – ein leider vernachlässigtes Schlüsselthema der Gewaltprävention“, „der professionelle Umgang mit Nähe und Distanz, mit Grenzverletzungen einerseits und Übergriffen andererseits“, „weitere Probleme der Präventionsschulung, Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten“, „das Problem pfadabhängiger Prozesse der Konzeptionen zur Gewaltprävention“. Der Beitrag schließt mit einem Fazit.

Das zweite Kapitel der Veröffentlichung widmet sich dem Projekt „Prävention von (sexualisierter) Gewalt in katholischen Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe“. Joachim Klein beschreibt den „Projekthintergrund“, die „Projektziele“ und „Projektergebnisse“. Im Projekt gab es eine Online-Befragung und Mitarbeiterbefragungen in den Teilnehmereinrichtungen. Entstanden sind „evidenzbasierte Qualitätsstandards für Präventionsstrategien (praxiserprobte Checkliste)“. Dargestellt werden darüber hinaus die „Entwicklungen in den Teilnehmereinrichtungen während der einjährigen Implementierungsbegleitung.“

Im dritten Kapitel werden schließlich „bewährte Praxismodelle aus Teilnehmereinrichtungen des Projektes“ vorgestellt. Rubén Molina-Schmalhofer stellt im Kontext der „Personalauswahl“ eine „Selbstverpflichtungserklärung für Mitarbeiter/-innen“ der Jugendhilfe St. Elisabeth in Dortmund, die „Ampel Erzieherverhalten“ des Christopherus Jugendwerk Oberrimsingen sowie „die Entstehung eines Präventionskonzeptes im Frère-Roger-Kinderzentrum“ vor. Marco Gilrath beschreibt die „Leitlinien Sexualpädagogik“ des Jugendhilfezentrums Raphelshaus in Dormagen. Um das „Ampelsystem Erzieherverhalten“ des Kinder- und Jugenddorfs Marienpflege Ellwangen geht es in dem Beitrag von Kathrin Vaas. „Aufgepasst!“, ein „Fortbildungskonzept zur Prävention von grenzüberschreitendem Verhalten“ des Christopherus Jugendwerks Oberrimsingen beschreibt Kathrin Hoffmann. Weitere Beispiele aus verschiedenen Einrichtungen, die dargestellt werden, sind eine „Checkkarte für Kinder und Jugendliche“ im Kontext von „Transparenz/Offenheit/Beschwerde“, die „Entwicklung von Regeln für Mitarbeiter/-innen“, „SMET – Sexueller Missbrauch – Experten Team“ im Kontext von „Kooperation/Beteiligung“ und drei Varianten von „Handlungsabläufen bzw. Ablaufschemata für Verdachtsfälle (sexualisierter) Gewalt durch Mitarbeitende“ für den Bereich der Intervention.

Die Veröffentlichung schließt mit Literaturhinweisen, wobei jede Autorin, jeder Autor am Ende der jeweiligen Beiträge ebenfalls Literaturangaben angefügt hat. Als Serviceleistung sind nach Bundesländern geordnet Beratungsstellen und Fort- und Weiterbildungsangebote gelistet. Es gibt darüber hinaus eine Link-Liste mit weiteren Fortbildungsangeboten. Den Abschluss bilden Informationen über die beteiligten Autorinnen und Autoren sowie über die Herausgeber.

Diskussion

Als 2010 auch weiten Teilen der Öffentlichkeit bekannt wurde, dass Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen, in denen sie lebten oder betreut wurden, (sexualisierter) Gewalt ausgesetzt waren, wurden zahlreiche Aktivitäten entwickelt, um Mädchen und Jungen zukünftig besser zu schützen. Dies betrifft in besonderer Weise auch die katholische Kirche. Auch wenn viele der damals bekannt gewordenen Fälle in der Vergangenheit liegen, kommt es auch heute zu gewaltförmigem Verhalten von Mitarbeitenden den anvertrauten Kindern und Jugendlichen gegenüber. Insofern ist es nur konsequent, dass sich die katholischen Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe zur Entwicklung von Präventions- und Schutzkonzepten entschlossen haben und der Prozess von einem Institut für Kinder- und Jugendhilfe begleitet und evaluiert wurde. In dieser Hinsicht ist der Anspruch der Veröffentlichung zu begrüßen, andere Einrichtungen an den Erfahrungen mit der Umsetzung teilhaben zu lassen. Die in der Veröffentlichung differenziert dargestellten Projektergebnisse machen deutlich, wie umfangreich und komplex die Implementierung von Präventions- und Schutzkonzepten in der Praxis, in den Einrichtungen ist. So sind in den meisten Einrichtungen entsprechende Maßnahmen ergriffen worden. Deutlich wird, dass insbesondere die Themen „Beteiligung und Transparenz“ noch unzureichend umgesetzt sind. Es ist noch nicht selbstverständlich, dass alle Angehörigen (Leitung, Mitarbeitende, Kinder und Jugendliche, Eltern) und alle Ebenen einer Einrichtung im Sinne eines umfassenden Organisationsentwicklungsprozesses beteiligt werden. So gelingt Beteiligung auch in grundlegender struktureller Hinsicht häufig noch nicht. Sie erfolgt eher bedarfsorientiert, wenig strukturiert und ist kaum etabliert.

Ähnliches gilt für das Thema „Transparenz“ bzw. „Kommunikation“. Verantwortungsebenen, zu Grunde liegende Konzepte, der Umgang mit Beschwerden etc. sind zwar geregelt, aber nicht für alle Beteiligten klar erkennbar oder ausreichend kommuniziert. Auch scheinen notwendige einrichtungsspezifische Risikoanalysen unter Beteiligung aller noch keine hinreichende Berücksichtigung vor der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen zu finden. Festgestellt wird daher durch das begleitende Institut noch „Optimierungsbedarf“ zu den verschiedenen Bausteinen. Diese Projektergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen aus dem Monitoring durch den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die im „Handbuch Schutzkonzepte sexueller Missbrauch“ 2013 veröffentlicht wurden. Mittlerweile ist es unbestritten, dass es keinesfalls reicht, Unterlagen und Konzepte zu verfassen, die den Umgang miteinander regeln und die Beachtung der Kinderrechte verlangen, wenn nicht gleichzeitig an einer Haltung gerade der Mitarbeitenden gearbeitet wird, die der Garant dafür ist, dass die niedergeschriebenen Vorgaben auch tatsächlich gelebt und Kinder somit besser geschützt werden.

Dies ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass mit dem Bundeskinderschutzgesetz 2012 entsprechende Vorgaben verbindlich eingeführt wurden und daher die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in besonderer Weise gefordert sind, die Rechte der von ihnen betreuten und geförderten Mädchen und Jungen zu gewährleisten. Hier sei § 79a SGB VIII „Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe“ zu nennen, der von den Trägern „die Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen und ihren Schutz vor Gewalt“ verlangt. In Verbindung hiermit ist § 74 SGB VIII „Förderung der freien Jugendhilfe“ zu betrachten, der eine öffentliche Förderung nur dann vorsieht, wenn der Träger die „Grundsätze und Maßstäbe der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung nach § 79a SGB VIII“ berücksichtigt.

In einer Institutionenbefragung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in den Jahren 2010/2011 zum Umgang mit sexueller Gewalt wurde festgestellt, dass insbesondere stationäre Jugendhilfeeinrichtungen eine gewisse Anfälligkeit für sexualisierte Gewalt sowohl durch Mitarbeitende gegenüber den betreuten Mädchen und Jungen als auch für sexualisierte Gewalt von Kindern und Jugendlichen untereinander haben. Neben verschiedenen Risiken, die vor allem strukturell verursacht sind, sind Macht, Nähe und Distanz in stationären Jugendhilfeeinrichtungen ein zentrales Thema. Berücksichtigt werden muss, dass Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen zumeist schwierige Lebenserfahrungen machen mussten, die die Heimaufnahme begründeten. Von daher haben viele von ihnen wenig Erfahrung von Selbstwirksamkeit und somit mit Einflussnahme auf ihr Leben. Das Thema stellt sich noch zugespitzter im Hinblick auf Mädchen und Jungen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten und daher in stationären Einrichtungen leben. Diese unterschiedlichen, negativen Lebenserfahrungen führen bei vielen Kindern und Jugendlichen zu Gefühlen der Abhängigkeit. Je nach den Gegebenheiten in den Einrichtungen, ihren Strukturen, ihrem Führungsstil, ihrem Selbstverständnis, dem Fachwissen und der eigenen Reflexion der Mitarbeitenden und vielen weiteren Aspekten mehr, können sich diese Abhängigkeitserfahrungen intensivieren oder kompensiert werden. Festzustellen ist, dass es noch immer keine Selbstverständlichkeit in Einrichtungen ist, sich mit den Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen in erzieherischen Kontexten auseinanderzusetzen. Fachkräfte haben Fachwissen, Detailkenntnisse über die betreuten Mädchen und Jungen und somit Deutungsmacht. Dies schafft u.a. die Voraussetzungen für Gewalt.

Interessant sind in der vorliegenden Veröffentlichung auch die Ergebnisse des Forschungsprojektes aus Hildesheim: Ermittelt wurden die Unterstützungsbedürfnisse von Kindern mit sexuellen Missbrauchserfahrungen im pädagogischen Alltag, verbunden mit der Frage, was pädagogische Fachkräfte leisten müssen, um diese Unterstützung zu gewähren. Hieraus entwickelt wurde ein Aus- und Weiterbildungscurriculum für Fachkräfte, das die notwendigen Handlungskompetenzen vermitteln soll und zwar auf den Ebenen Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen.

Zu begrüßen ist, dass in einem Beitrag der Veröffentlichung die Fokussierung auf sexualisierte Gewalt kritisch beleuchtet wird. Denn Kinder, die Opfer sexualisierter Gewalt werden und sind, erleben häufig auch andere Formen der Gewalt wie Vernachlässigung als auch physische und psychische Misshandlung. Kinder und Jugendliche, die keine sexualisierte Gewalt erleben, erleiden dennoch u. U. Demütigungen, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden sowie Herabwürdigung in professionellen erzieherischen Kontexten. Die Beispiele der Verhaltensampeln in der Veröffentlichung beinhalten auch Verbote von Essen- oder Taschengeldentzug. So kann nur vermutet werden, dass dies noch immer eine weit verbreitete Praxis in Einrichtungen der Erziehungshilfe darstellt, obwohl dies einen klaren Verstoß gegen die Kinderrechte darstellt. Die Konzentration auf die sexualisierte Gewalt lässt befürchten, dass die anderen Formen gewaltförmigen Verhaltens von Mitarbeitenden nicht hinreichend in den Blick geraten. Insofern ist zu hoffen, dass das Projekt „Prävention und Intervention von (sexualisierter) Gewalt in katholischen Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe“ tatsächlich umfassend jedes Fehlverhalten und jede Kinderrechtsverletzung berücksichtigt.

Mittlerweile lassen sich aufgrund vielseitiger Erfahrungen die Bausteine nennen, die ein Präventions- und Schutzkonzept ausmachen. Dies ist zunächst eine einrichtungsspezifische Risikoanalyse der strukturellen und arbeitsfeldspezifischen Risiken des Trägers und seiner Handlungsleitlinien. Auf der Grundlage der dabei gewonnenen Erkenntnisse ist die Personalführung in den Blick zu nehmen, wozu neben der Personalqualität auch die gemeinsame Entwicklung eines Leitbildes sowie die Erarbeitung eines Verhaltenskodexes als auch der Umgang mit Nähe und Distanz gehören. Die Beachtung der Kinderrechte sollte sich vor allem in der Entwicklung von Beteiligungsstrukturen manifestieren. Hier ist nicht die „Schein-Beteiligung“ von Kindern und Jugendlichen gefordert, sondern Beteiligung im Sinne der Mitentscheidung sowohl hinsichtlich struktureller Gegebenheiten als auch hinsichtlich Entscheidungen, die das eigene Leben betreffen. In diesem Zusammenhang sind darüber hinaus Beschwerdestrukturen zu schaffen, die es Mädchen und Jungen ermöglichen, mögliche Kinderrechtsverstöße zur Beschwerde zu bringen. Da insbesondere im Kontext sexualisierter Gewalt institutionelle Konzepte möglicherweise nicht ausreichend sind, sollten auch externe Ombudsstellen oder -personen den Kindern und Jugendlichen gegenüber benannt sein. Vervollständigung erfährt ein Präventionskonzept dann, wenn auch ein sexualpädagogisches Konzept, über das bis heute leider nur wenige Einrichtungen verfügen, erarbeitet worden ist und allen Beteiligten als Orientierung dient. Ebenso sollte präventiv, also im Vorfeld, ein Krisenplan erarbeitet sein, der für einen „worst case“ eine Orientierung für das Krisenmanagement bietet. Und natürlich müssen Fälle von sexualisierter Gewalt gut mit allen Beteiligten aufgearbeitet werden.

In dieser Veröffentlichung finden sich zu den hier genannten Bausteinen verschiedene Praxisbeispiele, die aufzeigen, wie eine Umsetzung in mehreren Schritten und Maßnahmen gelingen kann. Wichtig ist dabei, alle Beteiligten mitzunehmen und einzubeziehen: Die betreuten Kinder und Jugendlichen, die Mitarbeitenden sowie ihre Eltern bzw. Sorgeberechtigten. Hier scheint der größte Umsetzungsmangel zu konstatieren zu sein.

Fazit

Die Veröffentlichung eignet sich gut für Praktikerinnen und Praktiker, die in ihren Einrichtungen bzw. Organisationen Präventions- und Schutzkonzepte zur Gewährleistung der Rechte der Kinder und Jugendlichen entwickeln wollen/müssen. Zum einen enthalten die Beiträge grundlegende Informationen zur Thematik der sexualisierten Gewalt in Organisationen. Zum anderen zeigen die vielen Praxismodelle, wie tatsächlich Präventions- und Schutzkonzepte umzusetzen sind. Und gleichzeitig weisen die Projektergebnisse auf die Bereiche hin, die schwieriger umzusetzen sind und von daher sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Berücksichtigung finden müssten.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 03.08.2016 zu: Michael Macsenaere, Joachim Klein, Michael Gassmann, Stephan Hiller (Hrsg.): Sexuelle Gewalt in der Erziehungshilfe. Prävention und Handlungsempfehlungen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2015. ISBN 978-3-7841-2743-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20148.php, Datum des Zugriffs 11.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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