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Manuel Theile: Soziale Netzwerkbeziehungen als Ressource

Cover Manuel Theile: Soziale Netzwerkbeziehungen als Ressource. Soziale Beziehungen im Lebenslauf von Jugendlichen in der Heimerziehung. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2015. 271 Seiten. ISBN 978-3-934963-41-2. 9,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die 245-Seiten umfassende empirische Studie entstand im Kontext der Forschungsarbeiten des „Zentrum für Planung und Evaluation“ (ZPE) an der Universität Siegen. Der Autor ist dort Mitglied der Forschungsgruppe „Heimerziehung“ und darüber hinaus in der Praxis als Sozialpädagoge tätig.

Der Ansatz der Studie ist darauf ausgerichtet, die Erkenntnisse der elementaren Netzwerkforschung auf KlientInnen in der Heimerziehung zu übertragen.

Aufbau

Das Werk ist insgesamt in sieben Kapitel gegliedert.

Nach einer Einleitung, in der insbesondere die Erkenntnisinteressen offengelegt werden, folgen in den Kapiteln 2 bis 4 die theoretischen Erörterungen zu Netzwerkforschung (Kap. 2), Entwicklungsaufgaben im Kontext von Netzwerken (Kap. 3) und Heimerziehung (Kap. 4). Die folgenden beiden Kapitel beschreiben die Untersuchung und ihre Ergebnisse, bevor in Kap. 7 Schlussfolgerungen gezogen werden.

Das Werk weist auf 23 Seiten eine umfangreiche Quellensammlung zum Thema auf und nennt zuletzt auch einige themenbezogene Internetquellen.

Inhalte

In Kapitel 2 werden auf 40 Seiten sehr grundsätzliche Begriffe und Befunde der Netzwerkforschung dargelegt. Dabei wird unmittelbar auch Bezug auf den Lebenslauf genommen. Ausgehend von einer knappen historischen Herleitung werden die neuesten Ergebnisse behandelt und mit zahlreichen Quellenangaben unterstützt. Befunde zu Netzwerken in verschiedenen Lebensphasen werden ebenso benannt wie Studien zu Netzwerken im Kontext der Fremdunterbringung junger Menschen.

In Kapitel 3 werden dann Querverbindungen zu Entwicklungsaufgaben im Kindes- und Jugendalter gezogen. Die Rolle von Netzwerken in Verbindung mit lebensweltlichen Ressourcen und Belastungen wird aufgezeigt, bevor dann im (eher knapp gehaltenen) 4. Kapitel gesetzlicheGrundlagen sowie unterschiedliche Formen der Heimerziehung referiert werden. Auf diesen ersten 80 Seiten wird auf äußerst zahlreiche bedeutende Quellen verwiesen, die im Zusammenhang mit dieser Thematik eine umfassende Basis für die Untersuchung bieten.

In Kapitel 5 wird zunächst der gewählte qualitative Ansatz forschungsmethodisch eingeordnet und begründet. Verschiedene empirische Forschungsperspektiven in Bezug auf soziale Netzwerke werden aufgezeigt, bevor im Anschluss wie spezifisch gewählten Methoden dargelegt werden: Narratives Interview, Zeitstrahl sowie ein Schaubild mit „wichtigen Menschen in meinem Leben“ bilden die methodischen Grundlagen der Datenerhebung.

Aus den Ergebnissen von insgesamt 5 Jugendlichen werden in Kapitel 6 zwei Fälle auf ca. 100 Seiten sehr ausführlich dargestellt. Die Mädchen sind zum Untersuchungszeitpunkt 16 – 17 Jahre alt und leben seit 2 – 4 Jahren in eine Wohngruppe. Es werden aus der Zusammenschau von Interviewdaten und grafischen Darstellungen zum gesamten Lebenslauf die jeweils lebensphasenspezifischen sozialen Netzwerke herausgearbeitet. Im ersten Fall liegt der Schwerpunkt auf der Analyse der Beziehungen zu Eltern und nahen Verwandten. Im zweiten Fall kommen neben den Beziehungen zu den Eltern auch die Beziehungen zu FreundInnen sowie zu Fachpersonen stärker zum Tragen. Die Darstellungen werden durch zahlreiche Interviewauszüge und Abbildungen zu den Lebenslaufgrafiken ergänzt. Auf kritische Lebensereignisse (Tod der Mutter; Psychiatrie-Aufenthalte) wird besonders eingegangen.

Als wichtiges Ergebnis wird festgehalten, dass es im Lebenslauf der jungen Menschen neben den allernächsten Familienmitgliedern kaum längerfristige positive Beziehungen gibt. Kritische Lebensereignisse bilden den Anlass zur Netzwerkerweiterung in Bezug auf professionelle Fachkräfte, die als Ressource gesehen werden. Allerdings gibt es diesbezüglich viele Beziehungswechsel. In der Gruppe stellt jeweils die Bezugserzieherin die bedeutendste Stütze dar. Als weniger bedeutend erscheinen die MitbewohnerInnen, abgesehen ggf. von besten Freundinnen.

In Kapitel 7 werden zunächst die zentralen Ergebnisse getrennt nach sozialen Kontexten (Familie, Freunde, Institutionen) zusammengefasst bevor abschließend Konsequenzen für die pädagogische Praxis angedeutet werden.

Diskussion und Fazit

Das Werk zeichnet sich durch verschiedene Besonderheiten aus: Zum einen wird eine sehr gründliche theoretische Basis gelegt, die gewissermaßen als Einführung in die Theoriebildung und Forschung zu Sozialen Netzwerken gelten kann. Zum anderen nutzt die Studie eine Kombination von interessanten qualitativen Methoden, mit Hilfe deren sie die Bedeutungen der lebensphasenspezifischen Netzwerke sehr gut herausarbeiten kann. Insbesondere wird die Heimerziehung darauf hingewiesen, wie komplex und folgenreich die der Unterbringung vorangehenden Beziehungen sind. Der Stellenwert der pädagogischen Fachkräfte wird gut dokumentiert und steht im Einklang mit früheren Forschungsergebnissen zur Heimerziehung.

Da die Mädchen, deren Lebensläufe dargestellt werden, noch nicht sehr lange in einer Institution wohnen, konnte wohl die Entwicklung dieser institutions-internen Beziehungen weniger untersucht werden. Der Pflege und der Stärkung hilfreicher Netzwerkbeziehungen außerhalb der Institution kommt ein wichtiger Stellenwert in der praktischen Arbeit der Heimerziehung zu. Wie dies tatsächlich erfolgen kann, konnte in der Studie nur ansatzweise angesprochen und müsste ausführlicher konzeptionell entwickelt werden.

Das Buch eignet sich für fortgeschrittene Studierende sowie für Fachkräfte der öffentlichen und freien Träger der stationären wie teilstationären Erziehungshilfen. Es bietet sowohl sehr gute theoretische Grundlagen, ist aber auch forschungsmethodisch interessant.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 19.12.2016 zu: Manuel Theile: Soziale Netzwerkbeziehungen als Ressource. Soziale Beziehungen im Lebenslauf von Jugendlichen in der Heimerziehung. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2015. ISBN 978-3-934963-41-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20151.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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