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Karo Zacherl: Psychomotorik für Jungs $ Mädchen

Cover Karo Zacherl: Psychomotorik für Jungs $ Mädchen. Wilde Spiele und Bewegungsangebote für Kita und Grundschule. Don Bosco Verlag (München) 2015. 83 Seiten. ISBN 978-3-7698-2172-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

Das Buch „Psychomotorik für Jungs & Mädchen – Wilde Spiele und Bewegungsangebote für Kita und Grundschule“ von Karo Zacherl bietet eine Sammlung von Spiel- und Entspannungsideen, die die Vorlieben und Interessen vieler Jungen im Kindesalter aufgreifen und die an eine kurze theoretische Einführung anknüpfen. Der Einsatz der Spiel- und Entspannungsideen beschränken sich nicht – wie das Titelbild vermuten lässt – ausschließlich auf geschlechterhomogene Jungengruppen, sondern lassen sich durchaus in geschlechtergemischten Gruppen einsetzen. Das Buch richtet sich vornehmlich an diejenigen, die in die Praxis der Psychomotorik einsteigen möchten und erste praktische Erfahrungen in der Umsetzung von spiel- und bewegungsorientierten Gruppenangeboten, z.B. in der Kita oder in der Grundschule, machen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch verfügt über ein kurzes theoretisches Kapitel (S. 8-12) und einen weitaus ausführlicheren praxisorientierten Teil (S. 13 -82). Zu Beginn werden in groben und vereinfachten Zügen die Grundpfeiler der Psychomotorik umrissen. Zudem wendet sich die Autorin der Frage zu, weshalb eine spezielle psychomotorische Förderung für Jungen sinnvoll ist. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist der Umgang mit Aggressivität bei Jungen, wobei sie sich auf die Beiträge des Lehrers und Familientherapeuten Jesper Juul (2013) stützt, der für einen positiven und konstruktiven Umgang mit Aggressionen plädiert. Ein interessanter Ansatz, der Aggression als eine Facette der menschlichen bzw. kindlichen Emotionen anerkennt, anstatt sie als moralisch zu verteufeln bzw. zu vermeiden. Die Autorin stellt kurz die Passung dieses Ansatzes und der psychomotorischen Idee heraus.

Die ersten beiden Spielideen werden in projektbezogenen Stundenbildern umgesetzt, die an der Struktur einer typischen psychomotorischen Einheit angelehnt sind (vgl. Passolt/Pinther-Theiss, 2003). Die Themen „Piraten“ und „Dschungel“ bieten eine Vielzahl an Anregungen für die Bedürfnisse der Jungen (und Mädchen) im Kindesalter. Der Aufbau der Stundenbilder sieht folgendermaßen aus:

  1. Einstiegsphase (thematisch angepasstes Bewegungsspiel)
  2. Bauphase (Aufbauten zum Thema)
  3. Spielphase (Wertschätzung und Rollenspiel)
  4. Entspannungsphase (thematisch angepasstes Entspannungsangebot)

Die Autorin verdeutlicht zu Beginn des praxisorientierten Kapitels, dass die detaillierte Beschreibung der psychomotorischen Stundenbilder einerseits eine gute Orientierung für unerfahrene Anleiterinnen und Anleiter bzw. Gruppen bieten, andererseits nicht als starre Vorgabe umgesetzt werden sollte, die der Teilhabe der Kinder am Spielprozess entgegenwirken würde (S. 16). Die aufgezeigten Ideen lassen sich demnach als Spielanlässe verstehen, die unter Einbeziehung der Bedürfnisse der Kinder ausgestaltet werden sollten. Die visuell hervorgehobenen Tipps beinhalten wertvolle Hinweise zur praktischen Umsetzung und zu wichtigen Fragen der Sicherheit im Umgang mit großen Aufbauten. Die zeitlichen Vorgaben für die Stundengestaltung (45-60 Minuten) sind im Hinblick auf die großflächigen Aufbauten als unrealistisch einzuschätzen. Fraglich ist auch, inwiefern Kinder im Vorschulalter in der Lage sind, aktiv am Aufbau der größeren Bewegungselemente beteiligt werden können.

Im folgenden Kapitel werden Spielideen unter dem Motto „Wilde Spiele für die Turnhalle“ (S. 39-58) zusammengefasst, die hauptsächlich auf die Förderung grobmotorischer Bewegungserfahrungen abzielen und somit zur Stimulation der vestibulären, propriozeptiven und taktilen Wahrnehmung beitragen. Die Spielideen sind nur im geringen Maße auf die Förderung der sozialen Kompetenz ausgelegt. Typische psychomotorische Materialien und Geräte, beispielsweise das Rollbrett, kommen zum Einsatz. Die vorgestellten Spiele stehen losgelöst voneinander und eignen sich deshalb sicherlich eher für den Einsatz in einem psychomotorisch orientierten Sportunterricht der Grundschule als in einem explizit psychomotorischen Setting. Das eingesetzte Material, die kinderzentrierten Spielideen und der Einsatz des Rollbrettführerscheins bzw. der Sheriffurkunde wirken motivierend und bieten die Möglichkeit zur Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und somit zur Vervollständigung des Selbstkonzepts.

Die „Laufspiele für zwischendurch“ (S. 59-70) als auch die Ideen zum „Auspowern auf kleinem Raum“ (S. 71-75) versprechen eine Sammlung größtenteils bekannter Kleiner Spiele, die im Hinblick auf die geschlechterspezifischen Bedürfnisse von vielen Jungen thematisch neu formuliert wurden (z.B. die Büffeljagd, Autorowdy) und das freudvolle Toben und die Erfahrung von Grenzen im Hinblick auf Leistung fördern. Im Vordergrund steht hier das Kräfte- und Schnelligkeitsmessen mit anderen, das dem Wettkampfbedürfnis der Jungen Rechnung trägt.

Mit den „Entspannungsideen (nicht nur für) Jungs“ (S. 77-82) widmet sich die Autorin einem Thema der Psychomotorik, das im Kontext der Jungenförderung im Fachdiskurs vielfach diskutiert wurde. Es werden vier Entspannungsmöglichkeiten aufgeführt.

Diskussion

Das Buch von Karo Zacherl setzt sich zum Ziel, Jungen psychomotorisch zu fördern. Denjenigen Lesern bzw. Leserinnen, die über einen erweiterten Erfahrungsschatz in der psychomotorischen Förderung verfügen, mögen die dargestellten Spiele bekannt vorkommen. Die Autorin hat diese Spielideen im Hinblick auf die die entwicklungs- und geschlechtsspezifischen Bedürfnisse vieler Jungen im Kindesalter angepasst. Zweifelsohne beinhalten die gewählten Geschichten einen hohen Aufforderungscharakter für die Zielgruppe und können gewinnbringend im psychomotorischen Setting eingesetzt werden. Die anregenden, phantasievollen Ideen können je nach Erfahrungsstand und Flexibilität der Gruppenleitung ausgebaut, verändert und an die einzelnen Mitglieder der Gruppe angepasst werden. Insbesondere die Stundenbilder enthalten vielfältige, individuelle Anknüpfungsmöglichkeiten zur individuellen Förderung der unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder. Besonders hervorzuheben sind die gelungenen Skizzen für größere und umfangreiche Aufbauten, die im praktischen Einsatz sinnvoll sind, sofern man über eine gute Ausstattung an Materialien und Geräten verfügt.

Was das Buch nicht leistet ist eine vertiefende Auseinandersetzung mit der anfangs aufgeführten Frage nach dem Umgang mit Aggressionen, die im Spiel- und Bewegungssituationen bei Jungs (und auch bei Mädchen) entstehen und die im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung konstruktiv genutzt werden sollten. Ein interessanter Ansatz, der von der Autorin vielleicht in zukünftigen Veröffentlichungen nochmals aufgegriffen werden könnte.

Zur Unterstützung des reflektierten Einsatzes der Spielesammlung wären Hinweise auf die Förderschwerpunkte einzelner Spielsettings bzw. -ideen wünschenswert gewesen.

Fazit

Eine gute Spielesammlung mit tollen, abenteuerlichen Geschichten, die Jungen als auch Mädchen ansprechen. Das Buch eignet sich als Ideenratgeber für die psychomotorische Praxis, nicht aber als vertiefende Auseinandersetzung mit dem Konzept der Psychomotorik.


Rezensentin
Katrin Neumann
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Zitiervorschlag
Katrin Neumann. Rezension vom 31.01.2017 zu: Karo Zacherl: Psychomotorik für Jungs $ Mädchen. Wilde Spiele und Bewegungsangebote für Kita und Grundschule. Don Bosco Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-7698-2172-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20170.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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