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Astrid Drick: Sprachförderung im Kindergarten

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 04.02.2016

Cover Astrid Drick: Sprachförderung im Kindergarten ISBN 978-3-8340-1513-6

Astrid Drick: Sprachförderung im Kindergarten. Am Beispiel einer Intervention zur Förderung der kindlichen Erzählfähigkeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 194 Seiten. ISBN 978-3-8340-1513-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

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Thema

Das Buch stellt ein Konzept für die Sprachförderung von Kindern ab 4 Jahren über die Förderung des Erzählens vor und dokumentiert seine Wirksamkeit auf empirischer Basis.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin eröffnet das Buch mit einer Einleitung, die kurz Ziele und die Struktur der Arbeit schildert, welche als Dissertation geschrieben wurde.

Im Teil I, „Theoretische Grundlagen“ sind die Kapitel der Erzähltheorie (Kap. 2) und der Entwicklung von Erzählkompetenzen durch Kinder (Kap. 3) gewidmet. In beiden Kapiteln werden verschiedene Modelle des Erzählens bzw. zur sprachlichen Interaktion beim Erzählen bzw. den dazu erforderlichen Kompetenzen vorgestellt. Kapitel 3 beschreibt im Wesentlichen das „Discourse Acquisition Support System (DASS)“, welches die motivierenden bzw. unterstützenden Aktivitäten von Erwachsenen gegenüber erzählenden Kindern enthält (z.B. Interesse zeigen, Aufnehmen von Inhalten, Nachfragen). Am Schluss von Kap. 3 werden Forschungsergebnisse zum Erwerb von Erzählkompetenzen referiert. Kap. 4 schildert die „Situation der Sprachförderung in Deutschland“ und leitet daraus die Forschungsziele der Arbeit ab. Dazu entwickelt die Autorin in Kap 5 ein „ressourcenorientiertes Konzept zur Förderung der mündlichen Erzählfähigkeit“, das für Kinder ab 4 Jahren anwendbar ist. „Ressourcenorientiert“ bedeutet dabei, dass alle bisher als bezüglich des Erwerbs einer Erzählkompetenz als erfolgreich beurteilten Fördermaßnahmen berücksichtigt werden. Besonders betont wird das Rollenspiel, für das zwei Beispiele („Besuch beim Arzt“ und „Schule“) näher beschrieben werden.

Teil II behandelt als „Empirischer Teil“ die Konzeption einer Studie zur Erzählfähigkeit (Kap 6), der 5 ausführliche Fallstudien zum Erwerb dieser Kompetenzen folgen (Kap 7). Diese geben Längsschnittuntersuchungen an 5 Kindergartenkindern (Dauer 19 Monate bei einer Förderung von je 30-45 Minuten, zweimal pro Woche) wieder. Es handelte sich um 3 Mädchen und zwei Jungen im Alter von ca. 4,5 bis 5,5 Jahren, von denen zwei Deutsch als Zweitsprache hatten, ein Kind mit Deutsch als Muttersprache und einer Sprachverzögerung, sowie ein Zwillingspaar mit deutscher Muttersprache, aber langem Aufenthalt in England. Vier Kinder wiesen beim Eintritt in die Förderung nur geringe Deutschkenntnisse auf. Die Analyse der jeweils gegebenen Erzählkompetenz erfolgte mittels einer ethnomethodologisch orientierten Konversationsanalyse, bezogen auf das Kompetenzmodell von Quasthoff. Die Fallstudien umfassen zwischen 15-27 Seiten und behandeln Textbeispiele aus 5-8 Fördereinheiten pro Kind, die jeweils im Abstand mehrerer Wochen stattfanden. Die Transkripte dieser Fördereinheiten werden ausführlich analysiert (die Autorin bietet InteressentInnen die vollständigen Transkripte privat an) und für jedes Kind ein „Erzählprofil“ entwickelt, in welches auch die beobachteten Entwicklungsschritte Eingang finden.

Teil III bietet eine Zusammenfassung der Ergebnisse (Kap. 8) sowie „Fazit und Ausblick“ (Kap. 9). Die Ergebnisse sind für alle Kinder positiv; die Bedeutung der jeweiligen umgebenden bzw. an der Förderung beteiligten Kindergruppen (Peergroup) für die Entwicklung ist hoch. Das Fazit spricht sich für eine institutionelle Umsetzung des in der Studien erprobten Fördermodells aus. Ihm folgt noch ein Literaturverzeichnis.

Diskussion

Das Buch liefert insgesamt konsistente Darstellungen zum Bereich. Es ist allerdings anzumerken, dass trotz eines Kurzkapitels „Kognitive Ansätze“ (2.3.3.) praktisch die gesamte neuere „Cognitive Narratologie“ (vgl.

http://wikis.sub.uni-hamburg.de/lhn/index.php/Cognitive_Narratology) ausgespart bleibt, da sich die Autorin hauptsächlich auf die Arbeiten von Quasthoff und Hausendorf bezieht. Auch die soziale Unterteilung von Familien – im Gefolge des alten Bernstein-Ansatzes – im Theorieteil ist etwas grobschlächtig („bildungsfern“ vs. „bildungsnah“) und die anfangs vorgestellten Erzählmodelle bleiben formal bzw. stereotyp (beides hat aber keinen Einfluss auf das Förderkonzept). Nichtsdestotrotz ist der Ansatz insgesamt fundiert und plausibel.

Etwas störend ist die Tatsache, dass keine einsprachig deutschen Kinder als Vergleichsgruppe herangezogen wurden.

Formal: Inhaltsverzeichnis bzw. Kapitelnummerierung sind schlampig erstellt. z.B. fehlen die Ordnungszahl 1 völlig, die 7 als Kapitelnummer; Unterkapitel sind in Kapitel 1 nicht im Inhaltsverzeichnis berücksichtigt; dasselbe gilt für Kapitel 7, wo auch im Text unterhalb der 7.x-Ebene keine Nummerierung vorgenommen wird, obwohl eine klare Strukturierung vorliegt.

Fazit

Das Buch illustriert ein Konzept für die Sprachförderung von Kindern ab 4 Jahren über die Förderung des Erzählens. Das Konzept enthält alle Maßnahmen, die als förderlich für die Entwicklung der Erzählkompetenz erkannt wurden. Eine empirische Studie mit 5 Kindern in einem Alter von 4,5 bis 5,5 Jahren und unterschiedlichen Erfahrungen mit Deutsch als Erst- oder Zweitsprache zeigte nach 19 Monaten Dauer und einer Förderzeit von zweimal wöchentlich 30-45 Minuten für alle Kinder Fördererfolge.

Die Förderung der allgemeinen Sprachkompetenzen von Kindern durch die Förderung ihrer Erzählkompetenz ist aus mehreren Gründen plausibel: Erzählen greift direkt auf die szenische Wahrnehmung der Welt zurück, welche die Grundlage für Sprache ist; die Förderung der Strukturierung und Detaillierung der sprachlichen Beschreibung dieser Wahrnehmung fördert alle sprachlichen Bereiche inklusive der kommunikativen Kompetenz. Pragmatisch motiviert die „Zuerkennung“ der Erzählerrolle die Kinder zu aktiver Sprachproduktion; die „Zuerkennung“ einer konstruktiven bzw. interaktiven Zuhörerrolle entwickelt auch ihre kommunikative Beurteilungskompetenz. Bei allen diesen Fördermaßnahmen kommen die an sich gegebene altersabhängige sprachlich-kommunikative „Entwicklungsbereitschaft“, wie auch die soziale Interaktionsbereitschaft zum Tragen, ohne dass explizite Instruktion in isolierten Bereichen – deren Erfolg entsprechend den von der Autorin referierten Forschungsergebnissen oftmals zweifelhaft erscheint – unangemessen häufig eingesetzt werden muss.

Insgesamt ein lesenswertes Buch, dessen Förderansatz berücksichtigt werden sollte.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 04.02.2016 zu: Astrid Drick: Sprachförderung im Kindergarten. Am Beispiel einer Intervention zur Förderung der kindlichen Erzählfähigkeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1513-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20173.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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