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Niels Birbaumer, Jörg Zittlau: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst

Cover Niels Birbaumer, Jörg Zittlau: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst. Neueste Erkenntnisse aus der Gehirnforschung. Ullstein Verlag (München) 2015. 269 Seiten. ISBN 978-3-548-37594-6. D: 9,99 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,90 sFr.
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Thema

Das Buch handelt von der nahezu unerschöpflichen Formbarkeit unseres Gehirns in jede nur erdenkliche Richtung. Dadurch entzaubert es die weit verbreitete Neigung, Gehirn und Verhalten als fest, als unveränderlich anzusehen. Zugleich öffnet es dem Leser den Blick auf die unglaubliche Wandelbarkeit, die schier unbegrenzte Formbarkeit (Neuroplastizität) dieses einzigartigen Organs (https://de.wikipedia.org/wiki/Neuronale_Plastizit%C3%A4t).

Ist für manchen allein dieser Gedanke verstörend, so könnte noch mehr irritieren, dass das Gehirn ethisch prinzipienlosist. Es prüft nämlich ausschließlich, ob unsere Handlungen Gewinn bringen (Anerkennung, Erfolg, Reichtum, Prestige, Liebe). Trifft das zu, dann werden Handlungen wiederholt, bleibt der Gewinn aus, werden sie bald unterlassen. Ethische Wertungen spielen dabei keine Rolle. So wurde im Laufe der Evolution das Überleben gefördert. Heute wissen wir: Das Gehirn kann sich ändern, das wenigste ist festgelegt, das meiste wird geformt. Es ist bekannt, nach welchen Prinzipien die Änderung geschieht und daher können wir diesen Prozess beeinflussen. Das führt zu einem gänzlich neuen Blick auf Krankheiten, die derzeit vorwiegend mit risikoreichen Medikamenten behandelt werden: Depression, Epilepsie, Parkinson, Schlaganfall und Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS). Es zeigt überdies Möglichkeiten, auch Wachkoma- und Locked-in-Patienten wieder zu „wecken“ und Psychopathen emotionale Reaktionen zu entlocken.

Autoren

Niels Birbaumer (*1945) leitet das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie sowie das Zentrum für Magnetoenzephalographie an der Universität Tübingen. Renommierte Auszeichnungen würdigen seinen wissenschaftlichen Rang: 1995: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2010: Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2014: Eva-Luise-Köhler-Forschungspreis. Zahlreiche Gastprofessuren im Ausland, Mitglied der Akademie der Wissenschaften Mainz (1993), Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (2003).

Jörg Zittlau (*1960) ist freier Journalist und Sachbuchautor mehrerer Bestseller. Das vorlegende Buch der Autoren wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2015 gewählt.

Aufbau

Nach einem Vorwort (Warum wir uns wandeln) zeigen anschauliche Überschriften zu den elf Kapiteln des Buches dem Leser, was ihn erwartet. Anmerkungen zu den jeweiligen Kapiteln, ein Literaturverzeichnis und ein Register erleichtern Orientierung und Lektüre.

  1. Was ist Persönlichkeit? Von der Jugend-Gang zur Uni ist nur ein kleiner Sprung
  2. Alles möglich? Das plastische Gehirn
  3. Das Coming-out des Locked-in: Wie das Gehirn den Sprachlosen Gehör verschafft
  4. Kein Fall für Sterbehilfe: Über die Lebensqualität von Wachkoma- und Locked-in-Patienten
  5. Hoffnung für Epileptiker und Schlaganfallpatienten: Die enormen Selbstheilungskräfte unseres Gehirns
  6. Brutale Konfrontation: Wie man Ängste und Depressionen ohne Pillen in den Griff bekommen kann
  7. Lebenslang wegsperren? Auch Psychopathen können sich ändern
  8. Das trainierte Gehirn: Besser leben mit Parkinson und Demenz
  9. Auch der Zappelphilipp ist kein Schicksal: Über die nichtmedikamentöse Behandlung von ADS
  10. Genie für alle: Wie wir unsere Wahrnehmung verbessern können
  11. Nirwana: Gibt es ein Leben jenseits von Gier, Sucht und allem Wollen?

Literaturhinweise, Anmerkungen, Register, Danksagung ergänzen den Aufbau.

Inhalt

Das Vorwort eröffnet Birbaumer mit einem Rückgriff auf Heraklit, der vor drei Jahrtausenden mit dem Aphorismus „Panta rhei“ (alles fließt) das ewige Werden und Wandeln von Menschen und Welt auf den Punkt bringen wollte. Diesem Gedanken schließt sich Birbaumer an und will mit dem Buch „die schier unbegrenzte Formbarkeit des Gehirns“ (S. 9) beschreiben und durch überraschende Beispiele aus großteils eigener Forschung belegen.

Kapitel 1 thematisiert die Frage, wie weit wir eine konsistente Persönlichkeit sind oder wie sehr wir eher situationsgebunden handeln. Am Beispiel seiner eigenen Entwicklung vom Rabauken zum renommierten Hirnforscher und mit Rückgriff auf das Milgram-Experiment (https://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment) demonstriert Birbaumer, dass „wir kein ‚Wesen‘ und auch keinen unveränderlichen Charakter (haben), der uns durch das Leben führt“. Vielmehr spielten „äußere Umstände und Zufälle in unserem Leben eine viel größere Rolle, als wir glauben wollen“ (S. 25). Der Mensch hangele sich von Situation zu Situation und das Gehirn ergreife jeweils jene Option, welche den gewünschten Effekt verspreche. Das führt zu den Grundthesen des Buches:

„1. Das Gehirn will Effekte, die als emotional positiv bewertet wurden. Und es ist prinzipiell gleichgültig, worin diese bestehen.

2. Das Gehirn ist offen für alles, sofern es nur einen erwünschten Effekt bringt“ (S. 27).

Die Änderung äußerer Bedingungen führe zur Wandlung eingeübter Verhaltensweisen, die von Außenstehenden gern als komplette Veränderung der Persönlichkeit aufgefasst würden, obwohl sie eher ein Hinweis darauf sei, dass es gar keine Persönlichkeit gibt.

Kapitel 2 zeigt das Gehirn als Organ mit erstaunlicher Plastizität. Birbaumer illustriert das am Beispiel der Londoner Taxifahrer, die für ihre Zulassung 25.000 Straßen und einige Hundert Sehenswürdigkeiten kennen müssen. In dieser Hinsicht hält er die einzigartige Plastizität der Gehirne von Taxifahrern durchaus mit der Plastizität solcher Geistesgrößen wie Einstein vergleichbar. Eine Studie mit neu zugelassenen Taxifahrern erbrachte einen anatomischen Beleg für diese enorme Fähigkeit: Sie verfügten über einen größeren Hippocampus (https://de.wikipedia.org/wiki/Hippocampus) als viele andere Menschen. Das weist auf ein hohe Speicherkapazität für Gedächtnisinhalte hin.

Einen weiteren Beleg für die Hirnplastizität sogar bis ins höhere Alter brachte eine Studie mit Männern und Frauen zwischen 50 und 67 Jahren. Nach einem dreimonatigen Training im Jonglieren hatte sich ihre graue Substanz in der Sehrinde vergrößert, während eine Kontrollgruppe keinerlei Veränderung in diesem Bereich zeigte. Birbaumer folgert daraus: Es gibt prinzipiell keine Altersgrenze für Lernen, das ältere Hirn arbeitet zwar langsamer, bleibt aber plastisch bis ins höhere Alter.

Neben diesen erfreulichen Ergebnissen steht der Hinweis auf das Milgram-Experiment, welches die Annahme stützt, dass es wohl keine stabilen Persönlichkeitsmerkmale gibt, sondern dass die konkrete Situation beim Verhalten eine große, wenn nicht entscheidende Rolle spielt und dass das, was wir Charakter nennen, eher eine zufällige Konstellation von Gewohnheiten ist. Zur Erinnerung: Im Milgram-Experiment zum Gehorsam waren 64 Prozent der 40 ganz normalen Teilnehmer bereit, eine (schauspielernde) Person im Nebenraum für Fehler bei der Lösung einer Aufgabe mit Stromschlägen bis zu 450 Volt zu bestrafen, also bis zu einer tödlichen Dosis zu gehen.

Die Kapitel 3 und 4 sind Locked-in- und Wachkoma-Patienten gewidmet, die völlig eingeschlossen in einer uns schwer vorstellbaren Welt leben. Sie benötigen aufwendige technische Apparate sowie mühsames Training, um sich sprachlich mitteilen zu können. Über das Brain Machine Interface (BMI) (https://de.wikipedia.org/wiki/Brain-Computer-Interface) können sie jedoch zu buchstabieren lernen und Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten. Mühsam und langwierig, aber belohnend. Bei dieser Art von Kommunikation stellt sich heraus, dass sie durchaus noch sehr viel Lebensqualität erleben. Allerdings gelingt der Austausch mit ihnen nur, wenn die Umgebung mit Zuwendung, Geduld und Einfühlungsvermögen handelt. Man darf eben nicht den Fehler machen, den Locked-in-Patienten für einen bewusstlosen Dauerschläfer zu halten. Genau dies geschieht aber nach Birbaumer mit etwa 3000 Menschen in Deutschland. Deutlich wendet er sich gegen das Abschalten von Geräten wie auch gegen Sterbehilfe und warnt vor den „weithin grassierenden“ Patientenverfügungen: Mit vierzig Jahren könne ein gesunder Mensch kaum voraussehen, was er als siebzigjähriger Alzheimer- oder ALS-Patient wollen würde. Er würde die Verfügung womöglich zurücknehmen, weil er eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben ist. Birbaumer und seine Mitarbeiter weisen in der Regel das Ansinnen auf Sterbehilfe zunächst zurück, weil sie – anders als der Patient - wissen, dass er noch Aussicht auf eine gute Lebensqualität hat. Sie wissen, dass sein Gehirn durchaus akzeptieren kann, nur noch wenige Außenreize zu bekommen und dass es diese wenigen Außenreize umso intensiver und positiver erleben wird. Das gelingt jedoch nur, wenn man den Kranken liebevoll pflegt.

Kapitel 5 handelt von den Fähigkeiten des Gehirns zur Selbstreparatur. Nach einem Schlaganfall beispielsweise können Nachbarzellen der zerstörten Gehirnzellen deren Aufgaben übernehmen, allerdings nur, wenn man sie dazu zwingt. Ein gelähmter linker Arm bleibt schlaff, wenn der Betroffene nach einem Schlaganfall ausschließlich den rechten benutzt. Bindet man aber den funktionstüchtigen Arm ab, lernt der Patient in einem längeren Training, den gelähmten Arm wieder zu benutzen. Dazu müssen allerdings noch genügend Restsignale aus dem Gehirn in den Arm gelangen. Ist das nicht der Fall, gibt es nichts zu trainieren.

In Deutschland erleiden etwa 200.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall, die häufigste Ursache für eine schwere Behinderung. Birbaumer kritisiert unzureichende Fortschritte in der Therapie, da die pharmazeutische Behandlung mit Antidepressiva und hormonellen Nervenwachstumsfaktoren zum Teil konträre Nebenwirkungen gezeitigt habe. Sein Fazit: „Wer das Gehirn mit einem Medikament flutet, erreicht eher einen Rundumschlag mit diversen Kollateralschäden als einen gezielten Treffer gegen den eigentlichen Gegner“ (S. 115). Sinnvoller sei es, die enorme Plastizität des Gehirns zur Selbstheilung zu nutzen. Dazu bringt Birbaumer ein Beispiel aus eigener Forschungsarbeit: 32 Schlaganfallpatienten, die an Armen und Fingern einer Körperseite keinerlei Restbewegung mehr zeigten, erhielten ein spezielles Training mit dem Brain-Machine-Interface (BMI). Dadurch wurden ihre vernachlässigten Hirnareale erneut aktiviert. Alle konnten nach dem Training die gelähmte Hand wieder bewegen und in vielen Fällen auch für alltägliche Verrichtungen benutzen.

Auch für Epileptiker – etwa 800.000 leben in Deutschland – zeigt Birbaumer einen Weg fort von Pharmakatherapien mit oft zerstörerischen Nebenwirkungen. Stattdessden sollte trainiert werden, die Aura vor dem epileptischen Anfall früh genug wahrzunehmen. In 30 bis 50 Übungsstunden lernten Kinder und Erwachsene mittels Neurofeedback (https://de.wikipedia.org/wiki/Neurofeedback) ihr Gehirn bei einem nahenden Anfall zu beruhigen. Der Monitor zeigte ihnen den Erregungszustand ihres Gehirns. Ziel war es, Übererregungen des Gehirns zu kontrollieren. Birbaumer sieht die Anwendung des Neurofeedbacks als Erfolgsgeschichte und kritisiert, dass dieses erfolgreiche Verfahren nur allzu selten angewandt wird. Als Gründe nennt er mangelnde Kenntnis und mangelnde Interdisziplinarität sowie das Bestreben von Neurologen und Psychologen, Berufsstandesgrenzen künstlich aufrechtzuerhalten.

Im 6. Kapitel geht es um die Behandlung irrationaler Ängste und Depressionen. An Beispielen wird gezeigt, wie es möglich ist, diesen Störungen ohne Pillen beizukommen. Zwar schaffen Medikamente Erleichterung für den Augenblick, aber Flucht und Vermeidung beseitigen die Angst nicht auf Dauer. Das einzige was nachhaltig hilft, ist die Konfrontation mit den angstauslösenden Reizen ohne Möglichkeit der Flucht. Durch wiederholte Konfrontation wird die Angstreaktion gelöscht, weil die befürchteten Folgen ausbleiben.

Am Beispiel eines schwer traumatisierten Patienten zeigt Birbaumer den schwierigen Weg, lähmende Angst zu therapieren. Der Mann hatte fünf schwere Verkehrsunfälle überlebt und war darüber hinaus von seiner Frau während einer Panikattacke mit Stöckelschuhen am Kopf schwer verletzt worden. Er hatte schwere Gedächtnisstörungen und litt unter lähmender Angst. Übliche psychotherapeutische Verfahren, Physiotherapie und Psychopharmaka waren wirkungslos geblieben. Als Ausweg bot sich eine Konfrontationstherapie ohne jede Ausweichmöglichkeit an. Der Kranke wurde mit seiner Einwilligung im Auto angeschnallt, und der Therapeut „fuhr wie eine gesengte Sau“. Das wiederholte sich dreißigmal: „Festschnallen, Fahren wie ein Hasardeur, Kot, Urin, Erbrochenes – und schließlich Ruhe“ (S. 140). Durch die ständige Konfrontation ohne Fluchtmöglichkeit lernte der Patient wieder das Reisen mit Auto, Schiff, Eisenbahn und Flugzeug. Am Schluss des Kapitels demonstriert Birbaumer die Wirksamkeit kognitiver Therapie bei Depression und konstatiert:Es gibt keinen Grund, eine Depression als irreparables Schicksal zu betrachten, an dem man nichts mehr ändern, das man allenfalls noch per Pharmakatherapie und Elektroschock dämpfen kann“ (S. 150).

Kapitel 7 liefert die optimistische Nachricht:„Auch Psychopathen können sich ändern“, eine Ansage, die Zweifel weckt, wenn man weiß, dass Psychopathen mehr als die Hälfte aller schweren Verbrechen begehen. Das heißt allerdings nicht, dass man sie nur in Verbrecherkreisen und im Gefängnis findet, sondern ganz im Gegenteil: Viele von ihnen sitzen in den „Führungsetagen von Konzernen, Kirchen, Militär, Universitäten, politischen Parteien und anderen Einrichtungen“. Sie arbeiten als Kaufleute, Makler und Börsenhändler. Auch ein Teil der Chirurgen zählt dazu; sie vor allem bieten ein Beispiel, wie ein gesellschaftlich anerkanntes berufliches Tätigkeitsfeld eine Nische für gestörte Menschen werden kann (S. 159). Weitgehend herrscht die Meinung, dass Psychopathie nicht zu heilen sei – nach Birbaumer ein Ausweis für Halbwissen und Ignoranz.

Psychopathisches Verhalten entspringe nicht „einer abstrakt-amoralischen Geisteshaltung oder einem Charakterzug“, sondern beruhe auf einer Art Schweigen oder Unterfunktion verschiedener Gehirnregionen, die an Ängsten beteiligt sind, nämlich Amygdala, Gyrus cinguli, Insula und Präfontralem Kortex (S. 164). Das psychopathische Gehirn kenne folglich weder Angst noch Sorge, sodass Strafe oder Strafandrohung wirkungslos bleiben. Gegen therapeutische Resignation setzt Birbaumer die „ermutigende Nachricht, dass gerade die Angstfunktionskreise im Gehirn extrem plastisch sind“. Auch wenn sie bei Psychopathen funktionsschwach oder sogar unterentwickelt seien, ließen sie sich durchaus anregen, fördern und aufbauen (S.167). Das gelingt mithilfe des Neurofeedbacks (s.o), das erreicht, die funktionsschwachen, unterentwickelten Bereiche im Gehirn zu reanimieren (S. 172), so dass Angst erlebbar wird. Problematisch bleibt, ob das auch in der Alltagssituation gelingt. „Wir können bisher nicht garantieren, dass jedem als geheilt entlassenen Psychopathen der ‚Quantensprung‘ in die Realität gelingt“, so Birbaumer (S. 174).

Kapitel 8 zeigt Strategien im Kampf gegen die degenerativen Hirnerkrankungen Parkinson und Alzheimer. Kurz gefasst geht es um das Training kognitiver Funktionen. Das natürliche Altern kann nicht aufgehalten werden, aber das Gehirn ist ein Großmeister der Kompensation (S. 192). Daher gilt es, gezielt zu trainieren und zu stimulieren. Aktives Musizieren und kognitives Training sind erfolgreiche Strategien im Kampf gegen degenerative Hirnerkrankungen. Patienten mit Alzheimer können damit noch zwei Jahre länger am normalen Alltagsleben teilnehmen.

In Tübingen wird mit einer Kombination aus kognitiven Traningsprogrammen und elektrischer Stimulation (tDCS) (https://de.wikipedia.org/wiki/Transkranielle_Gleichstromstimulation) erfolgreich gearbeitet.

Kapitel 9 behandelt ADS, die Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Der Autor lässt keinen Zweifel aufkommen, dass ADS eine gravierende Störung darstellt, die zu einer späteren Karriere als Psychopath, Drogenabhängiger oder Krimineller führen kann. Andererseits soll der Hinweis auf berühmte ADS-Patienten zeigen, dass ADS nicht zwangsläufig eine Katastrophe bedeutet. In der Liste finden sich: Wolfgang Amadeus Mozart, Thomas Edison, Albert Einstein, Thomas Mann, John Lennon, John Kennedy und Mahatma Gandhi. Das könne besorgte Eltern beruhigen, die unter der Belastung dieser anstrengenden Kinder leiden und deshalb allzu gerne in eine Behandlung mit Ritalin (Methylphenidat: https://de.wikipedia.org/wiki/Methylphenidat) einwilligen. Birbaumer attestiert der Pharmaindustrie ein Interesse, ADS als eine Störung zu propagieren, der man am besten mit Medikamenten beikommen kann. So sei in den letzten zwanzig Jahren die verschriebene Menge von Methylphenidat, explosionsartig auf das 184fache gestiegen (S. 201). In Deutschland schlucken etwa 200.000 Schulkinder Ritalin (S. 205). Dazu hält der Autor die Frage für erlaubt, ob in letzter Zeit tatsächlich die Zahl der ADS-Kinder so dramatisch zugenommen hat oder lediglich die der ADS-Diganosen und Ritalinverordnungen. Es stehe selbstredend außer Frage, dass es Kinder mit ADS gibt. Was zweifelhaft sei, dass sie mit einer amphetaminartigen Droge behandelt werden müssen, die z.B. im Sport auf der Dopingliste steht. Ritalin ist mit Speed und Kokain verwandt, kann zu Abhängigkeit führen und beeinträchtigt Wachstum und Bewegungsfähigkeit der Kinder. Für Erwachsene fällt sie unter das Betäubungsmittelgesetz.

Birbaumer argumentiert, dass die Plastizität des Gehirns erlaubt, ADS auch ohne pharmazeutische Hilfe in den Griff zu bekommen; dies sei schon der Nebenwirkungen und des Suchtrisikos wegen dringend angezeigt (S. 207). Zu therapeutischem Nihilismus bestehe kein Anlass. Mit einem Selbstkontrolltraining mittels Neurofeedback (s.o.) lernten Kinder in 13 Stunden ihr Gehirn selbst zu steuern. Die Ergebnisse seien vergleichbar mit denen von Ritalin: Konzentrations- und Leistungssteigerung, angepasstes Sozialverhalten, gleiche Beruhigungswirkung. Entscheidender Unterschied: es gibt keine Nebenwirkungen. Dazu komme noch, dass für Ritalin, anders als bei Neurofeedback, nur Belege für Kurzzeit-, nicht aber für Langzeiteffekte existierten. Ein weiterer Vorteil der Selbststeuerung: sollte sich nach Jahren der therapeutische Effekt abschwächen, kann man erneut Neurofeedback anwenden.

Kapitel 10 fragt: „Genie für alle“ – wäre das nicht eine reizvolle Perspektive? Die ernüchternde Antwort wird am Ende des Kapitels gegeben: „Kein Genie auf Knopfdruck“ (S.235). Vorher wird am Beispiel eines Savant (https://de.wikipedia.org/wiki/Savant) gezeigt, welche außerordentlichen Gedächtnisleistungen möglich sind.

Kim Peek konnte schon als Vierjähriger acht Lexikonbände auswendig aufsagen. Später hatte er die Inhalte von 12 000 Büchern gespeichert. Er verstand sie zwar meistens nicht, konnte sie aber aus dem Stand hersagen. Kim Peeks Geschichte liefert übrigens die Vorlage für Dustin Hoffmans Film „Rain Man“. 50 Prozent der Savants sind Autisten, viele mit Inselbegabung. Im Tübinger Institut zeigte sich bei Untersuchungen, dass ihr Gehirn bei einer Wahrnehmung deutlich schneller aktiv wird. „Es werden vor allem jene Gehirnareale mobilisiert, die für das präattentive Wahrnehmen, das heißt, die frühe, vorbewusste Verarbeitung von Signalen, zuständig sind, die in den ersten 100 Millisekunden stattfindet“ (S. 221). Bei ihnen dominiert „nicht das bewusste und gefilterte, sondern das vorbewusste und ungefilterte Wahrnehmen“ (S. 222). Was vielleicht erstrebenswert erscheint, hat allerdings erhebliche Nachteile: Zwar konnte Peek die Namen aller Baseballspieler aus den US-Endspielen der letzten Jahrzehnte hersagen, war aber nicht in der Lage, sich die Gesichter seiner Mitmenschen einzuprägen. Inselbegabung lässt sich im Labor herstellen, und zwar durch – ethisch bedenkliche – elektrische Stimulation des Gehirns.

Bei einem anderen Zugangsweg entfallen die Bedenken jedoch: Ohne Eingriff von außen kann durch Zen-Meditation oder Neurofeedback das Wahrnehmungsfenster für Augenblicke geöffnet werden. Trainierte Personen konnten Gesichter schon bei 15 bis 30 Millisekunden Darbietungszeit erkennen. Vielversprechend ist Neurofeedback auch in der Autismus-Therapie.Es bietet den Vorteil, dass dem autistischen Patienten die intensive Kommunikation mit anderen Menschen erspart bleibt und er stattdessen mit dem Computer interagieren kann. Birbaumer weist ausdrücklich darauf hin, dass man Savantpotential nur dort wecken kann, wo schon etwas vorhanden ist. So hatten z.B. Michael Jackson und John Lennon bereits als Zwanzigjährige an die 10.000 Übungsstunden hinter sich. Also: kein Genie ohne Fleiß, wie bereits Goethe betonte.

Kapitel 11 handelt von Gier und Sucht, vom Nicht-genug-Kriegen in den verschiedensten Varianten:

  • vom Sex alter Männer à la Berlusconi und Hefner,
  • von Geld, Adrenalinkicks, ungezügeltem Machtwillen,
  • von Sucht, Glücksspiel, Computerspielen,
  • von Internet-Abhängigkeit und Stalking.

Trotz unzuverlässiger Listen über die Zahl der Suchtabhängigen meint Birbaumer, dass Abhängigkeiten ein Massenphänomen darstellen. „Im Grunde taugen fast alle positiven Objekte und selbst manche negativen Erlebnisse und Reize zum Objekt der Sucht“. In „Erwartung eines Moments der Fülle“ könne man praktisch mit jedem Objekt in die Sucht gleiten (S. 245). Man dürfe nicht darauf hoffen, dass das Suchtrisiko mit dem Alter abnehme. Im Gegenteil: „Die Befriedigung des Wollens lässt nach, das Wollen selbst jedoch nimmt zu“ (S. 247). Gewöhnungsprozesse etwa bei der Einnahme von Schlafmitteln führten dazu, dass diese kaum noch pharmazeutische Wirkung entfalteten und trotzdem könne sich das Gehirn das Einschlafen ohne diese Mittel nicht vorstellen. Überhaupt: „Es gilt zu akzeptieren, dass in jedem Gehirn ein enormes Suchtpotential schlummert“.

Dies ist die Schattenseite „der ständigen Suche des Gehirns nach Effekten (vor allem sein Streben nach Belohnungen) auf der einen und seiner enormen Plastizität auf der anderen Seite“ (S. 250 f.). Effektgier lässt das Gehirn auf die Suche nach Belohnungen gehen, und seine Plastizität bedingt, dass es sich dazu fast jedes Objekt aussuchen kann. „Was zunächst einmal zählt, ist der Effekt, die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung“ (S. 251). Mit dem unmissverständlichen Hinweis, dass eine gesundheitsschädliche Sucht behandelt werden muss, schließt das Kapitel.

Diskussion

Ein Sachbuch, das fundiert und zugleich unterhaltsam Birbaumers in langjähriger Forschungsarbeit gewonnenen Erkenntnisse zur außerordentlichen Lernfähigkeit des Gehirns zeigt. Zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Zittlau entstand ein Werk, das stets verständlich und anregend lesbar ist. Es bietet empirisch belegte Fakten über die schier unbegrenzte Formbarkeit unseres „Zentralorgans“. Es widerlegt die Auffassung, das Gehirn sei durch genetische Ausstattung unabänderlich festgelegt und hebt seine Wandelbarkeit hervor. Das Stichwort dazu heißt Neuroplastizität.

Folglich wendet der Autor sich gegen therapeutisches Nicht-Handeln und kritisiert den ausschließlichen Rückgriff auf risikoreiche Pharmaka, wie zum Beispiel Ritalin bei ADS-Kindern. Auf dieser Basis arbeitet er unerschütterlich optimistisch mit Depressiven, Epileptikern, Schlaganfall- und ADS-Patienten und sogar mit gemeinhin für untherapierbar gehaltenen Psychopathen. Besonders eindrucksvoll zeigt er, wie völlig gelähmte Menschen, so genannte Locked-in-Patienten, wieder mit der Außenwelt kommunizieren können. Ebenso argumentiert er gegen Patientenverfügungen und zeigt an eigenen Praxisfällen, wie diese in gesunden Tagen getroffenen Bestimmungen selbst bei Locked-in-Patienten später gegenstandslos werden können.

Aber: Er nennt das Gehirn auch amoralisch und egoistisch; es ist einzig darauf aus, Effekte zu erzielen. Daher ist es programmierbar zum Guten und Schädlichen - nach dem Motto „Was verspricht die meiste Belohnung?“

Fazit

Das Buch ist ein flammendes Plädoyer gegen die verbreitete Annahme, dass unser Gehirn und unser Verhalten unveränderbar seien. Dagegen setzt es die Erkenntnisse der Neurobiologie von einer schier unbegrenzten Beeinflussbarkeit und Veränderbarkeit. Anschaulich und verständlich geschrieben, nicht ohne Humor, ist das Buch auch einem Nicht-Fachpublikum bestens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 25.04.2016 zu: Niels Birbaumer, Jörg Zittlau: Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst. Neueste Erkenntnisse aus der Gehirnforschung. Ullstein Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-548-37594-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20179.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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