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Ingo Schneider, Martin Sexl (Hrsg.): Das Unbehagen an der Kultur

Cover Ingo Schneider, Martin Sexl (Hrsg.): Das Unbehagen an der Kultur. Argument Verlag (Hamburg) 2015. 270 Seiten. ISBN 978-3-86754-318-7. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 26,80 sFr.

Argument Sonderband 318.
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Herausgeber und Autoren

Die beiden Herausgeber haben Lehrstühle an der Universität Innsbruck. Ingo Schneider hat dort eine Professur für Europäische Ethnologie, Martin Sexl eine Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Die Autoren, überwiegend renommierte Emeriti, kommen ebenfalls bis auf zwei Ausnahmen aus der Ethnologie bzw. Sozialanthropologie und der Literaturwissenschaft. Iman Attia, die einzige Frau, bekleidet abweichend davon eine Professur für Diversity Studies und John Storey eine Professur für Cultural Studies.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist aus einer Tagung hervorgegangen, die die Herausgeber im September 2014 an ihrer Universität veranstaltet haben.

Thema

Das Motiv für die Tagung und damit für die Publikation war „der Hype um den Begriff der Kultur“ (K.), der in seiner Ambivalenz und Vieldeutigkeit immer wieder „bestimmte gesellschaftliche Problemlagen kaschiert und verdrängt“ (8f.). Die Herausgeber schließen sich also dem vielstimmigen Chor derer an, die die „kulturalistische Überlagerung“ (12) von sozioökonomischen und politischen Problemlagen seit Jahrzehnten kritisieren. Anders als viele Kritiker*innen möchten sie aber den Kulturbegriff nicht völlig verwerfen (15), wobei ihre Position unbestimmt erscheint.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber leiten den Band mit einer kurzen Klärung ihres Anliegens ein und schließen ihn mit einem kulturphilosophisch akzentuierten Beitrag ab. Im Übrigen ist ein den Aufbau bestimmendes Gliederungsprinzip nicht erkennbar, nur dass sich an mehr grundsätzliche Beiträge über den Kulturbegriff Interpretationen von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen anschließen.

Der Germanist Siegfried J. Schmidt bestimmt Kulturtheorie systemtheoretisch als „Beobachtung 2. Ordnung“ (17); denn: „Jede Kulturbeschreibung verweist auf eine Beschreibungskultur“ (ebd.). Mit dem Verständnis von K. als einem Ensemble von stillschweigend sozial geteilten Sinnorientierungen (19) schließt sich der Verf. an verbreitete Auffassungen an. Konzeptionell neu ist jedoch seine Unterscheidung von „Wirklichkeitsmodell“ und „Kulturprogramm“. K. wird definiert als „konstitutive Komponente des integralen Wirkungszusammenhangs von Wirklichkeitsmodell und Kulturprogramm“ (26). Aus der Tradition verfügbare „Programmanwendungen“ schließen einen offenen Horizont für alternative Entwürfe nicht aus (24). K. ist für den Verf. als „Setzung und Voraussetzung, Programm und Anwendung, Vorschrift und Veränderung“ beobachtbar (25). K. als Programm muss sich in Medien wie Kunstwerken, Büchern, Fernsehen, Internet, Kulten oder Kleidung materialisieren (31).

Eine völlig andere Perspektive bringt der Philosoph Wolfgang F. Haug in die Debatte ein mit der Frage „Was ist kulturell an der Kultur“. Auch als Marxist, für den die gesellschaftliche Arbeit Ausgangspunkt der Gesellschaftstheorie ist, bestimmt er „das Kulturelle an menschlicher Praxis“ (50) als das Selbstzweckhafte. Im zweiten Teil des Essays reflektiert der Verf. am Beispiel einer Jugendsubkultur die „passive Dialektik“ von Widerstand und Unterwerfung.

Der Anglist Terry Eagleton prangert in seinem Beitrag „Wider die Kultur“ den romantischen Nationalismus, die Kulturindustrie und „die Ideologie des Kulturalismus“ an.

John Storey, der als Vertreter der britischen Cultural Studies K. als ein System „geteilter und umkämpfter Bedeutungen“ definiert (67), verdeutlicht in seinem Text die Konzeption von Raymond Williams, dem Inspirator der Cultural Studies. K. sei von diesem als eine Dimension aller sozialen Aktivitäten (69) und stets in Machtverhältnisse eingebunden gedacht worden. Die performative Wirkung von Bedeutungen habe der später aufgegriffene Diskursbegriff zur Geltung gebracht. Am Schluss geht der Verf. auf die Rolle der Medien ein.

Der Sozialanthropologe Ulf Hannerz macht in seinem Beitrag auf die verschiedenen „Rahmen“ aufmerksam, innerhalb derer K. thematisch wird. Er unterscheidet „Staat, Märkte und soziale Bewegungen“ (94), ergänzt diese dann aber um „Togetherness“, deren Instrument heute die Sozialen Medien sind (95f.).

Aus der Vergleichenden Literaturwissenschaft steuert Peter v. Zima einen Text bei, in dem identitätstheoretisch begründete Schwierigkeiten des Übersetzens („foreign language anxiety“, 101) beleuchtet werden.

Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba fokussiert das „gesellschaftspolitische Potential“ von K. „als zentrale symbolische Ressource sozialer Identifikation und Repräsentation“ (112). Er verzeichnet eine dramatische Zunahme von „Praktiken der De- und Re-Kontextualisierung kultureller Fragment, Symbole und Zeichen“ (116) in der Politik, der Werbung und im globalen Wettbewerb der Städte, beispielhaft illustriert an Architektur etc.

Jürgen Wertheimer (Literaturwissenschaftler) und Chris Hann (Sozialanthropologe) kommentieren in ihren Beiträgen aktuelle politische Auseinandersetzungen (Ukrainekonflikt, Pegida) und entkleiden sie ihres Scheins als „Kulturkonflikte“ oder „(Kultur)Kämpfe“.

Im Fokus des Aufsatzes von Iman Attia steht die Neufassung von Fremdbildern. Sie erinnert an den Wandel der Fremdbilder von den ehemaligen „Gastarbeitern“ aus der Türkei, die von „Ausländern“ zu „Muslimen“ wurden, bedingt durch die zunehmende Relevanz der „(vermeintlichen) kulturellen Differenz“, welche außerdem „zunehmend religiös begründet wurde“ (185). Der Islamdiskurs dient nach Attia der „Konstruktion einer europäischen Identität“ (186f.). Interessant ist ihre Interpretation des Umgangs mit dem Islam seitens der deutschen Politik.

Die Herausgeber Schneider und Sexl steuern den umfangreichsten Text bei, in dem sie den ganzen Problemhorizont um den Begriff K. umreißen, am Anfang mit dem Schwerpunkt auf kulturphilosophischen Aspekten (Natur und K., K. als Befreiung von Not und als Restriktion, das „Symbolische“ und das „Imaginäre“ nach Lacan). Im zweiten Teil werden Lösungsansätze für einen unproblematischen Gebrauch des Kulturbegriffs gesucht. Die Verf. identifizieren verschiedene „konfligierende Bedeutungsfelder“ oder Versionen von K. Die normalerweise unsichtbar gemachte Kontingenz von K. verlangt für sie nach der Beobachtung zweiter Ordnung. Sprachliche Alternativen zum Kulturbegriff wie Lebenswelt werden auf ihre Vorteile abgeklopft. Zum Gegenstand der Kritik werden die „Kulturalisierung der Politik“ (237) sowie die „Naturalisierung der K.“. Schneider und Sexl beschließen ihren Beitrag mit einem Dialog über Kunst und Literatur als mögliche „Entkulturalisierungsstrategien“.

Diskussion

„Unbehagen an der Kultur“ oder Unbehagen am Kulturbegriff? – Der Titel ist in dieser Hinsicht unklar, wie man bei der Lektüre bald merkt. In den meisten Beiträgen wird der umstrittene Kulturbegriff von neuem explizit oder implizit problematisiert. Nur bei vier Beiträgen wird deutlich, dass die Autoren dem Begriff nach wie vor analytischen Gebrauchswert zusprechen. Beim Vertreter der Cultural Studies nicht anders zu erwarten. Schmidt entwickelt eine interessante Konzeption vom systemtheoretischen Beobachterstandpunkt aus. Haug macht den Begriff des „Kulturellen“ für die gesellschaftspolitische Programmatik fruchtbar. Kaschuba sieht im neuen „gesellschaftspolitischen Potential“ von K. eine wissenschaftliche Herausforderung und stimmt nicht in den „Abgesang auf den Kulturbegriff“ ein (141). Schmidt und Sexl selbst bleiben unentschieden, wobei Skepsis überwiegt. Den Begriff „einfach über Bord zu werfen“ halten sie für unangebracht (15), andererseits bringen sie alternative Begriffe ins Spiel oder eine klare Absetzung vom Alltagsgebrauch (213). Ein prinzipielles Defizit ist wie in vielen Sammelbänden, dass die Autor*innen nicht aufeinander eingehen, wenn man von der Bezugnahme der Herausgeber auf das Konzept von Siegfried J. Schmidt absieht. So empfängt der Lesende nur ein Durcheinander von Stimmen.

Fazit

Die eben hervorgehobenen Beiträge machen den Gebrauchswert des Bandes aus. Der eigene Beitrag der Herausgeber könnte als Seminarlektüre in einer einschlägigen Lehrveranstaltung von Nutzen sein. Im Übrigen bieten die Texte, abgesehen von dem konzeptionellen Entwurf von Schmidt, nichts Neues. Die von den Herausgebern fokussierte Frage ist schon zig-mal erörtert worden, unter anderem innerhalb der Migrationspädagogik. Die Literatur dazu scheint unbekannt – ein Phänomen sozialer Distinktion im hierarchischen Wissenschaftssystem.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 05.02.2016 zu: Ingo Schneider, Martin Sexl (Hrsg.): Das Unbehagen an der Kultur. Argument Verlag (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-86754-318-7. Argument Sonderband 318. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20181.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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