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Frank Mathwig, Torsten Meireis u.a. (Hrsg.): Macht der Fürsorge?

Cover Frank Mathwig, Torsten Meireis, Markus Zimmermann, Rouven Porz (Hrsg.): Macht der Fürsorge? Moral und Macht im Kontext von Medizin und Pflege. TVZ Theologischer Verlag Zürich (Zürich) 2015. 212 Seiten. ISBN 978-3-290-17763-8. D: 28,90 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema

Beiträge der unter dem Titel „Macht und Fürsorge“ im Dezember 2013 veranstalteten interdisziplinären Tagung in Bern stellen, ergänzt durch ausgewählte weitere Aufsätze, die Basis der inhaltlichen Ausrichtung des Buches dar. Dabei werden Fragestellungen zur Fürsorge und Macht aus unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen sowie unter Zuhilfenahme verschiedener Themenschwerpunkte ethisch reflektiert.

Herausgeber

Von den vier Herausgebern sind drei in Theologische Fakultäten unterschiedlicher Universitäten in der Schweiz eingebunden, ein Herausgeber (PD Dr. Rouven Porz) ist Leiter der Fachstelle für klinische Ethik eines Schweizerischen Krankenhauses.

Entstehungshintergrund

Die im Rahmen der Fachtagung entstandenen und für die vorliegende Publikation aufbereiteten Beiträge sowie die ergänzenden Artikel sprechen ein interdisziplinäres Publikum an. Dabei wird der Schwerpunkt stellenweise auf theoretische Auseinandersetzungen, und stellenweise auf Möglichkeiten der Übertragung ethischer Reflexionen auf die praktische Versorgungsgestaltung im Gesundheitssystem der Schweiz gelegt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei übergeordnete Schwerpunkte untergliedert. Umfang und Gestaltung der Beiträge sind unterschiedlich. Alle Beiträge beginnen mit dem Aufzeigen der wesentlichen Aspekte sowie der Beschreibung der übergreifenden Gliederung des Beitrags. Sie schließen mit einer, zum Teil in die jeweiligen Kapitel integrierten und nicht explizit ausgewiesenen, Zusammenfassung wesentlicher Inhalte und einem Fazit.

Im ersten Teil, dem Kapitel „Theoretische Konzeptualisierung“, erfolgt eine grundlegende Auseinandersetzung mit für das Verständnis der weiteren Ausführungen hilfreichen Begriffen und in diesem Zusammenhang theologisch-philosophischen Auseinandersetzungen. Torsten Meireis leitet in grundsätzliche Auseinandersetzungen zur Macht und Fürsorge ein und beleuchtet zunächst den Begriff der Fürsorge und im Anschluss den der Macht. Der Beitrag endet mit dem Aufzeigen des Zusammenwirkens von Macht und Fürsorge sowie mit ausgewählten Fragestellungen, die er für den Kontext der Gesundheitsversorgung ableitet. Markus Zimmermann geht Fragen zum helfenden Handeln nach. Aufgezeigt werden in diesem Zusammenhang u.a. Herausforderungen, die mit der Umsetzung helfenden Handelns in der Gesundheitsversorgung einhergehen (können), sowie theologische Perspektiven des Helfens. Frank Mathwig betrachtet die „Fürsorge als gesellschaftliche Aufgabe“. Mit Bezug zu historischen Entwicklungen gesellschaftlicher Fürsorge weist er u.a. auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Fragen zu Professionalisierungsstrategien der „Care-Arbeit“ sowie dem „Selbstverständnis professioneller, asymmetrischer Fürsorge“ aus gesellschaftlicher Perspektive hin.

Der zweite Teil des Buches fokussiert ausgewählte „Perspektiven und Interessen im Gesundheitswesen“. Monika Bobbert stellt unterschiedliche Autonomiekonzepte vertiefend dar und beleuchtet im Anschluss innere und äußere Voraussetzungen für Autonomiefähigkeit im Allgemeinen und in der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Simon Hofstetter bezieht sich auf die Situation pflegender Angehöriger. Er beleuchtet unterschiedliche Aspekte von Macht und Abhängigkeit und weist auf die bisher eher geringe Aufmerksamkeit für die Situation pflegender Angehöriger im Rahmen öffentlicher Debatten. Machtausübung im positiven Sinne in Form von Empowerment und im negativen Sinne in Form von Bereicherung und Missbrauch des eigenen Einflusses durch Pflegende sind Aspekte, denen sich Bianca Schaffert-Witvliet unter Zuhilfenahme einer Fallgeschichte widmet und dabei auch die Perspektive von Patientinnen bzw. Patienten aufzeigt. Mit der Macht institutionalisierter Fürsorge beschäftigen sich Pascal Coullery und Bettina Seebeck und stellen in diesem Zusammenhang Unterschiede der in der Regel anerkannten Gesundheitsfürsorge und der vielfach mit Zugangsbarrieren einhergehenden Sozialfürsorge im Schweizerischen Versorgungssystem dar. Ausgehend von Erfahrungen aus der Praxis in der institutionellen Langzeitpflege zeigt Regula Schmitt, dass gerade in der Versorgungspraxis eine Auseinandersetzung mit Grundhaltungen für den Umgang mit Macht erforderlich erscheint. In dem dieses zweiten Kapitel abschließenden Beitrag greift Céline Ehrwein Nihan den Zusammenhang zwischen „Care-Ökonomie“ und Macht auf. Sie stellt dar, wie „Care-Ökonomie“ einerseits zur Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit eingesetzt werden kann, und diese Ungleichheit auf der anderen Seite jedoch auch reproduzieren kann.

Im letzten Kapitel „Empirische Forschungszugänge und Didaktik“ widmet sich zunächst Daniela Ritzenthaler Fragestellungen zur Fürsorge und Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung im Zusammenhang mit „end of life-Entscheidungen“. In ihrem Fazit weist sie auf die hohe Bedeutung von Weiterbildungen zu Auseinandersetzungen mit Fürsorge und Macht für Heilpädagoginnen und Heilpädagogen und andere Fachkräften, die Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag unterstützen, hin. Settimio Monteverde zeichnet die Entwicklung der Pflege unter dem Blickwinkel pflegerischer Rollen im Gesundheitsbereich bis zur heutigen Professionalisierung nach. Er beschreibt einen Wandel im Verständnis von Pflege im Hinblick auf die neue Konzeptualisierung von Fürsorge als Wissen im Unterschied zur klassischen Tugendorientierung. Abschließend veranschaulichen Andrea Wick und Rouven Porz mit Hilfe von Fallbeispielen implizite Machtstrukturen in der Psychiatrie und stellen die Perspektive einer Patientin und eines Patienten in den Vordergrund.

Diskussion

Die unterschiedlichen Beiträge bilden ein umfassendes Spektrum an Auseinandersetzung mit Fragen zur Macht und Fürsorge im Kontext pflegerischer und medizinscher Versorgungssettings ab. Dabei regen die Beiträge des ersten Kapitels vor allem eine vertiefende theoretische Auseinandersetzung an, durch die in erster Linie Vertreterinnen und Vertreter theologisch-philosophischer Disziplinen mit einem entsprechenden Vorwissen angesprochen werden. Die Beiträge des zweiten Kapitels stellen mögliche Auswirkungen struktureller Rahmenbedingungen auf die Gestaltung der Versorgungspraxis aus unterschiedlichen Perspektiven dar. Die zum Teil sehr anschaulich präsentierten Beiträge des zweiten Kapitels können beispielsweise für Verantwortliche in der Gesundheitssystemgestaltung, aber auch für in der Praxis im Management Tätige zahlreiche Anreize für neue Auseinandersetzungen bieten. Personen, die sich in der Pflege- und Gesundheitsforschung engagieren sowie Lehrende und Studierende pflegewissenschaftlicher Studiengänge werden sich insbesondere durch die Beiträge des letzten Kapitels angesprochen fühlen.

Fazit

Das vorliegende Buch zum Thema Macht und Fürsorge im Kontext von Medizin und Pflege ermöglicht vielfältige Auseinandersetzungen mit der Thematik auf unterschiedlichen Ebenen. Das breite Spektrum an Beiträgen zeigt, wie unterschiedliche Fragestellungen dieser Thematik diskutiert und bearbeitet werden können. Leserinnen und Leser erhalten durch die Gestaltung des Buches in übergreifende Kapitel und untereinander unabhängige Beiträge die Möglichkeit, für sich selbst jeweils passende Beiträge auszuwählen. Die Lektüre des gesamten Buches wird vor allem für die Leserinnen und Leser interessant sein, die sich z.B. im Rahmen ethischer Diskussionen der Vielfältigkeit der Thematik nähern möchten.


Rezensentin
Prof. Dr. Katja Makowsky
MPH, Dipl. Pflegewirtin, Gesundheits-und Krankenpflegerin, Professorin für Pflegewissenschaft, FH Bielefeld
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Zitiervorschlag
Katja Makowsky. Rezension vom 11.07.2016 zu: Frank Mathwig, Torsten Meireis, Markus Zimmermann, Rouven Porz (Hrsg.): Macht der Fürsorge? Moral und Macht im Kontext von Medizin und Pflege. TVZ Theologischer Verlag Zürich (Zürich) 2015. ISBN 978-3-290-17763-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20189.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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