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Joachim Walter: Sexualbegleitung und Sexualassistenz [...] mit Behinderungen

Cover Joachim Walter: Sexualbegleitung und Sexualassistenz bei Menschen mit Behinderungen. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2004. 228 Seiten. ISBN 978-3-8253-8314-5. 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Edition S.
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Herausgeber

Joachim Walter, Prof. Dr. rer.soc., Diplompsychologe, Pfarrer, Professor an der ETH Freiburg - Hochschule für soziale Arbeit; Vorstandsvorsitzender und fachlicher Leiter der Diakonie Kork Epilepsiezentrum. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sexualpädagogik und Sexualität geistigbehinderter Menschen. Im Übrigen scheint es mir wenig sinnvoll, die rund 20 Autorinnen und Autoren hier einzeln vorzustellen. Zu Wort kommen sowohl Menschen mit Behinderung, als auch Menschen die in irgendeiner Art und Weise mit Themen rund um Sexualität und Behinderung zu tun haben.

Vorgeschichte

Im November 2000 veranstalteten die Spastiker-Hilfe Berlin und der Arbeitskreis "Sexualität, Partnerschaft und Behinderung" eine bundesweite Fachtagung unter dem Motto "TABU - und zuMUTung". Vorträge, Seminare und Workshops thematisierten unter anderem auch sexuelle Assistenz als Service-Leistung für Menschen mit Behinderungen. In einer Schlussrunde wurden die ReferentInnen befragt, wie sie die Auseinandersetzung mit dem Thema weiterführen wollten. Joachim Walter versprach, in einem Buch die Diskussion einer bereiten Leserschaft zugänglich zu machen. So ist das vorliegende Buch eine Art Lesebuch mit teilweise anderweitig bereits publizierten, aber auch eigens für den Band verfassten Beiträgen.

Inhalt und Kommentierung

  • Menschenrecht. Grundlegend für das Thema ist sicher einmal die Anerkennung der Sexualität - im weitesten Sinne - als ein Menschenrecht und Lebensgrundbedürfnis.
  • Definition . In verschiedenen Beiträgen wird zwischen aktiver und passiver Assistenz bzw. Begleitung unterschieden, wobei die Grenzen auch fliessend sein können. Es wird auch darüber diskutiert, wie und ob Sexualbegleitung von Betreuenden selber geboten werden darf.
  • Eigene Sexualität. Ein zentraler Punkt scheint mir die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität zu sein. Mit der eigenen sexuellen Geschichte, eigenem Erleben, mit Scham, mit Grenzen, mit Norm- und Wertvorstellungen usw. Diese Auseinandersetzung ist wichtig für alle Menschen, die in irgendeiner Form beruflich mit dem Thema konfrontiert werden. Es gibt meines Erachtens kaum einen Lebensbereich, wo das persönliche Erleben, Empfinden usw. derart mit dem beruflichen vermischt wird, und wo versucht wird, dieses für sich als richtig Erkannte, auch anderen Menschen überzustülpen. Das Thema Sexualität verlangt grösstmögliche Bewusstheit, Klarheit und Ehrlichkeit. Auch darin, ob jemand in diesem Bereich nun eine assistenzartige Handlung übernehmen will oder nicht.
  • Grenzen wahren. Gerade in der heutigen Zeit, wo in der Öffentlichkeit so getan wird, als wären alle so locker unterwegs mit Themen der Sexualität, wo Sexualität als Life style präsentiert wird, der mit echtem inneren Empfinden nichts gemein hat, sondern wo es um Bilder geht, die befriedigt werden müssen, wo das Wort Scham nicht existiert, und so weiter, ist es absolut wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu achten, genauso wie die eines Gegenübers. Es bringt weder einem assistenznehmenden Menschen, noch einer zu Assistenz - auch im weitesten Sinne - verdonnerten Person etwas, wenn da nicht ganz klar Grenzen gesetzt, und eben auch geachtet werden. Sexualität ist etwas Kostbares und Fragiles, auch das gilt es zu achten.
  • Aufklärung. Selbstverständlich ist alles rund um Zärtlichkeit und Nähe wunderbar nährend, und muss nicht unbedingt erklärt sein. Aber es kann auch beängstigend, oder verunsichernd sein. So denke ich, dass auch eine Abklärung sinnvoll sein kann, inwieweit ein Mensch - gerade auch mit geistiger Behinderung - weiss und versteht, was in seinem Körper vor sich geht. Ich denke, gerade auch im Zusammenhang mit der hohen Missbrauchs- und Übergriffsrate, könnte es heilsam sein, wenn ein betroffener Mensch verstehen könnte, was eigentlich passiert ist, und warum nun alle plötzlich so heimlich und vage oder mitleidig tun. Wenn ich immer wieder höre und lese, dass gerade Frauen mit geistiger Behinderung keinen Geschlechtsverkehr wünschen, kann das sicher einmal so stehen gelassen werden. Aber genauso gut könnte man sich fragen, inwieweit es damit zusammenhängt, dass sie gar nicht recht weiss, was da eigentlich vor sich geht. Und die Frau als aufnehmender Teil ist stärker davon betroffen, als der Mann als eindringender Teil. Ich habe das Gefühl, und mache auch die Beobachtung, da lässt man Menschen mit Behinderung im Regen stehen.
  • Liebe. Mehrmals wird betont, Liebe lasse sich nicht kaufen. Ich denke eher, das hat mit dem engen Bild von Liebe zu tun, das wir in unserer Gesellschaft kultivieren. Wenn ich davon ausgehe, dass Liebe eine Energie ist, und dass sie frei fliessen kann, losgelöst davon, ob ich meinen Liebespartner vor mir habe, oder einen anderen Menschen, dann kann auch körpernahe und sinnlich erotische Sexualbegleitung sehr wohl mit sehr viel Liebe gegeben werden.
  • Rechtliches. Wichtig finde ich auch das Kapitel über die rechtliche Situation. Wobei mir scheint, dass da - noch - ein groser Graubereich besteht, der juristisch nicht in seiner vollen Bandbreite erfasst werden kann. Sexualassistenz und -begleitung ist im öffentlichen Bewusstsein noch relativ neu. Da sind immer noch Fragen, wie: "Ist es Prostitution?" zentraler, als der eigentliche Inhalt: "Ist Sexualität ein Menschenrecht?".

Zielgruppen

Weil das Buch breit angelegt ist, eignet es sich genauso für Fachleute aus dem pflegerischen/therapeutischen/betreuerischen Bereich, wie auch für Eltern von Menschen mit Behinderungen, interessierte Laien, oder Medienschaffende, die sich ernsthaft in die Thematik einlassen möchten.

Fazit

Das vorliegende Lesebuch kommt praxisnah und leicht verständlich daher. Die Vielfalt an Fachpersonen und betroffenen Menschen die hier zu Wort kommen, ermöglichen einen guten Einstieg ins Thema, ermöglichen Denkanstösse, und schaffen eine Grundlage für die persönliche Auseinandersetzung oder Auseinandersetzung in Teams.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 19.04.2005 zu: Joachim Walter: Sexualbegleitung und Sexualassistenz bei Menschen mit Behinderungen. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-8253-8314-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2019.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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