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Isabelle Noth, Ueli Affolter (Hrsg.): Schaut hin! Missbrauchs­prävention in Seelsorge

Cover Isabelle Noth, Ueli Affolter (Hrsg.): Schaut hin! Missbrauchsprävention in Seelsorge, Beratung und Kirchen. TVZ Theologischer Verlag Zürich (Zürich) 2015. 95 Seiten. ISBN 978-3-290-17785-0. 22,80 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die sieben Artikel des Bändchens beruhen auf Vorträgen einer Tagung zur Missbrauchsprävention im Mai 2014 an der Universität Bern (an der Theologischen Fakultät).

Anlass für die Tagung war ein Missbrauchsfall eines Soziotherapeuten in neun verschiedenen Einrichtungen im kirchlichen Umfeld im Kanton Bern. Als Folge dieses Falls entwarfen zwölf Organisationen aus dem Betreuungs- und Pflegebereich im Rahmen der nationalen Arbeitsgruppe Prävention die Charta zur Prävention von sexueller Ausbeutung, die an den Beginn des Tagungsbandes gestellt ist und in ihrer Wirkung in der Praxis reflektiert wird.

Herausgeberin und Herausgeber

Frau Noth ist Professorin für Praktische Theologie in Bern, Herr Affolter ist Koordinator der nationalen Arbeitsgruppe Prävention (in der Schweiz).

Aufbau

Nach drei Grußworten und der Vorstellung der Charta zur Prävention von sexueller Ausbeutung und ihrer Umsetzung in der Praxis, folgen sieben Beiträge zu verschiedenen Aspekten des sexuellen Missbrauchs.

Inhalt

Der erste Tagungsbeitrag ist dem Thema Grenzverletzungen in kirchlichen Institutionen, Intervention und Prävention, gewidmet. Hier wird die Frage aufgeworfen, weshalb im akademischen Bereich ein langes Zögern bestand, sich mit Missbrauch im kirchlichen Raum zu beschäftigen bzw. überhaupt hinzusehen. Implementierung von Schutzkonzepten, Gewalt in unserer Gesellschaft und Kenntnisse über Täterstrategien sind weitere Inhalte, die in diesem Beitrag angesprochen werden. Abgeschlossen wird der Vortrag mit Gedanken zur „Nestbeschmutzung“.

Der zweite Beitrag ist überschrieben mit „Risikofaktoren und Risikomanagement seelsorglicher Beziehungen“. Hier werden zunächst die Aspekte persönliche Lebenssituation und Machtverhältnisse thematisiert und mit dem Bindungsbedürfnis im geschützten Rahmen eines Beratungssettings eines Ratsuchenden verknüpft. Hier sind die Fachpersonen zur Reflexion eigenen Handelns besonders aufgefordert, wie sie mit dieser intensiven Suche nach Nähe umgehen können. Grenzüberschreitende Nähe von Fachpersonen verweist auf Defizite, die in Ausbildungen oft zu wenig thematisiert werden. In verschiedenen Lebenssituationen kommt es zunächst zu „Grenzdehnungen“, die übersehen und vernachlässigt werden, sich jedoch in den Gedanken der Fachperson zu Grenzüberschreitungen weiterentwickeln. In diesem ersten Abschnitt des Vortrages wird ausführlich auf die verschiedenen Lebenssituationen von Fachpersonen eingegangen und auf die beruflichen Besonderheiten von beispielsweise Beratungssettings, die zu grenzüberschreitenden und missbrauchenden Situationen führen. Anschließend werden die wenig definierten Strukturen von Seelsorge und Beratung thematisiert wie dies an Hausbesuchen deutlich wird, wo berufliches und privates Setting vermischt wird. Unter Strukturen sind auch die rechtlichen Grundsätze bei sexuellen Grenzverletzungen im professionellen Kontext zu verstehen, die einen gesellschaftlichen Diskurs anstoßen könnten. Der letzte Abschnitt widmet sich dem Aspekt der Prävention in Aus- und Weiterbildung oder in der Supervision. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Informationen und Richtlinien nicht ausreichen, vielmehr muss es zu einer realen Verknüpfung mit der individuellen Berufspraxis kommen. Risiken müssen analysiert und konkretisiert werden, um so das Verantwortungsbewusstsein zu schärfen. Abschließend wird auf spezifische Aspekte im Rahmen der Supervision eigegangen.

Der nächste Vortrag ist mit „Machtmissbrauch und Grenzverletzungen – Erkenntnisse und Perspektiven“ überschrieben. Nach einleitenden Begriffsklärungen wird auf verschiedene professionelle Beziehungen eingegangen und die unterschiedlichen Kontexte beleuchtet. Der zweite umfangreiche Teil widmet sich dem Machtmissbrauch und den Grenzverletzungen im sozialen Nahraum, beispielsweise in Familie oder Schule.

Ein Vortrag zum Thema Traumasensible Beratung und Kommunikation verknüpft mit Ressorcenorientierung schließt sich hier an.

Rechtsphilosophische und theologische Ausführungen und Fragen zum Aspekt Menschenrechte und Machtmissbrauch in Staat und Kirchen werden im vorletzten Beitrag behandelt, der ein Aufruf dazu ist, dass die Grundrechtsdiskussion in den Kirchen wieder aufgegriffen werden muss.

Abgeschlossen wird der Tagungsband mit „Mythen des seelsorglichen Selbstverständnisses“. Hier wird an zwei Fallbeispielen der Glaube an die eigene Unverletzbarkeit und der Mythos der eigenen Ungefährlichkeit als Fachperson reflektiert.

Diskussion und Fazit

Im Unterschied zu anderen Tagungsbänden sind die Inhalte dieses Bandes wenig redundant, auch ist das Niveau der Beiträge durchgängig qualitativ anspruchsvoll. Es sind weniger die konkreten Schritte einer möglichen Prävention im Rahmen der kirchlichen Arbeit, die den Band lesenswert machen, sondern die Fragen und Blickrichtungen auf Nähe und Distanz, auf Macht und Grenzverletzungen in der professionellen Arbeit, die gewinnbringend sind. Für Fachkräfte, die nicht bei Kirchen arbeiten, sind die meisten Beiträge ebenfalls von Bedeutung, da sich viele Situationen, Verhaltensmuster oder Fragestellungen von Macht und Machtmissbrauch auch in vielen anderen Arbeitsfeldern wiederfinden.

Die Beiträge sind nicht nur für Fachkräfte in Kirchen interessant, sondern auch für alle Fachkräfte in pädagogischen oder sozialen Arbeitsfeldern.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 17.02.2016 zu: Isabelle Noth, Ueli Affolter (Hrsg.): Schaut hin! Missbrauchsprävention in Seelsorge, Beratung und Kirchen. TVZ Theologischer Verlag Zürich (Zürich) 2015. ISBN 978-3-290-17785-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20190.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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