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Mike Seckinger, Liane Pluto u.a.: Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Cover Mike Seckinger, Liane Pluto, Christian Peucker, Eric Santen: Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine empirische Bestandsaufnahme. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3381-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Mit der vorliegenden Studie wird eine lange klaffende Lücke in der OKJA geschlossen: Nun liegt endlich wieder eine große bundesweite Erhebung zur OKJA vor. Das vorliegende Buch stellt aber nicht nur eine breite Datengrundlage zur Verfügung, sondern diskutiert die Befunde im Rahmen der aktuellen Debatte zur OKJA und deren Herausforderungen in einem intensiven Zusammenhang. Damit ist die Veröffentlichung weit mehr als eine Darstellung einer großen empirischen Forschung, sondern auch ein inhaltlich konzeptioneller Beitrag zur Weiterentwicklung der OKJA, die unbedingt notwendig ist.

Aufbauend auf den Strukturdaten zu Finanzen, Personal usw. entwickeln die Autor/-innen im Laufe ihrer Veröffentlichung eine fast lückenlose Bearbeitung aller relevanten Themen der OKJA, in diese sie dann auch weitere Daten aus DJI-Studien oder auch lokalen Studien einbeziehen.

Auch in der theoretischen Fundierung und der Bezugnahme auf den Theorie- und Konzeptdiskurs der OKJA ist diese Veröffentlichung absolut auf der Höhe der Zeit, und wird deshalb vom Fachpublikum mit großer Spannung und Erwartung zur Kenntnis genommen werden.

Damit hat das DJI auch endlich wieder einen starken Beitrag zur Weiterentwicklung der OKJA geleistet, ein Arbeitsfeld, welches im Diskurs der Jugendhilfe – auch beim DJI – von den großen Themen der Jugendhilfe etwas verdrängt wurde.

Aufbau und Hinführung

Das Inhaltsverzeichnis informiert über den Aufbau des Buches. Die insgesamt 18 Kapitel sind ab Kapitel 2 in die Teile A bis D unterteilt.

Das erste Kapitel („Herausforderungen und Spannungsfelder der offenen Kinder- und Jugendarbeit – eine Hinführung“) führt in die Herausforderungen und Spannungsfelder der OKJA ein. Mit diesem Teil wird auch die Platzierung dieses Werkes innerhalb der Diskussion um die OKJA beschrieben sowie sein vorrangiger Fokus auf die institutionellen, strukturellen Bedingungen der OKJA.

Dass die Veränderungen der OKJA nicht im luftleeren Raum geschehen, sondern eingebettet sind in veränderte Bedingungen des Aufwachsens wird im Kapitel 1.2 sehr konzentriert auf vier Seiten beschrieben.

Es folgt ein Teil zu den Trends in der OKJA, die die Autor/-innen fokussieren auf:

  1. Kinder als Hauptzielgruppe,
  2. die neue Rolle der Jugendarbeit in der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern,
  3. die Auswirkungen des demographischen Wandels,
  4. die finanziellen Restriktionen vieler Kommunen und
  5. die Veränderung des Alltags von Kindern und Jugendlichen im Sinne einer weiteren Verhäuslichung.
  6. Der sechste Aspekt bezieht sich auf die immer wieder geforderte präventive Wirkung der OKJA.
  7. Der siebte Trend wird im Zusammenhang mit der Bedeutung von Bildung beschrieben.

In einem weiteren Schritt geht es im nächsten Teil um Spannungsfelder der OKJA, die als Ambivalenzen beschrieben werden:

  • Die Orientierung an allen Kindern und Jugendlichen oder an spezifischen Zielgruppen,
  • Angebotsorientierung versus offenem Betrieb,
  • die Kooperation mit Schule,
  • Justiz und Polizei als drittes Spannungsfeld,
  • die Ambivalenz zwischen Jugendeinrichtungen als Orten für ausschließlich Kinder und Jugendliche oder der Orientierung an Familien und weiteren Zielgruppen bis hin zu Senioren
  • sowie das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Aufträgen an die Jugendarbeit und der Ausrichtung an den Interessen der Kinder und Jugendlichen.

Damit ist eine sehr interessante und vielschichtige Grundlage geschaffen worden, die aber auch nicht zu breit ausfällt.

Wie in modernen Studien heute üblich, steht zunächst eine Kurzfassung der zentralen Befunde im Vordergrund, die für Schnellleser und andere die wichtigsten Ergebnisse in einzelnen Abstracts zu den unterschiedlichen Themen zusammenfasst.

Zu Teil A: „Strukturelle Bedingungen und Angebotsstruktur“

Nach den Daten zu Gründungsjahr und Bestand (Kapitel 2) geht es in Kapitel 3 um „Trägerschaft und Unterstützungsleistungen durch die Träger“. Für die Weiterentwicklung der OKJA ist die Trägerfrage von erheblicher Bedeutung, weil konzeptionelle Entwicklungen, aber auch Personalentwicklung im Wesentlichen auch durch den Träger vorangetrieben werden können. Deshalb ist noch mal erstaunlich, wie groß der Anteil der Einrichtungen (22 %) ist, der nur eine Einrichtung als Angebot zur Verfügung stellt. Auch in der Frage der Trägerschaft existieren große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die den gesamten Band durchziehen und die Landschaft der Offenen Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich sehr markant strukturieren. So ist der Anteil der eingetragenen Vereine in Ostdeutschland mehr als doppelt so hoch als in den westlichen Bundesländern!

Sehr aufschlussreich sind die in 3.2 vorgestellten Unterstützungsleistungen durch die Träger, die wiederum sehr stark von dessen Größe abhängig sind. Seite 38: „Die Trägerschaft differenziert nach öffentlichen und freien Trägern, hat keinen Einfluss auf die Unterstützungsleistungen. Von Bedeutung ist vielmehr, ob der Träger nur eine oder mehrere Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit betreibt bzw. auch noch andere Einrichtungen als diejenigen der Offenen Jugendarbeit in seiner Trägerschaft hat“.

Positiv im gesamten Buch ist die Form, dass jedes Einzelkapitel mit einem kurzen Fazit abschließt, in dem noch einmal die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden. Deutlich wird: „Angesichts des öffentlichen (Legitimations-)Drucks, dem sich die Jugendarbeit in der heutigen Zeit ausgesetzt sieht, überrascht die fast bei der Hälfte der Einrichtungen fehlende Lobbyarbeit von Seiten der Träger“.

Kapitel 4 „Finanzielle Ausstattung“ zeigt ein Bild der OKJA, in der die Finanzsituation sich nicht wirklich dramatisch verschlechtert hat (so wie oft behauptet), insgesamt der Bereich aber eine unzureichende finanzielle Ausstattung aufweist. Besonders aufschlussreich, wie zusätzliche Finanzmittel durch die Einrichtungen akquiriert werden (Kapitel 4.3 ab S. 45) und im Fazit die realistische Einschätzung: „Gemessen am Anteil der Ausgaben für die Kinder- und Jugendarbeit hat sich ihr Stellenwert innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe in den letzten Jahren nicht verbessert“ (S. 56).

Hier wird auch das heterogene Bild der OKJA sehr gut beschrieben, die Autor/-innen versuchen im ganzen Band diese Balance zu halten, in dem sie etwa zur finanziellen Situation feststellen: „Ein Großteil der Einrichtungen hat nur geringe Mittel zur Verfügung das Angebot zu gestalten. Nach wie vor gibt es Einrichtungen die gut ausgestattet sind und weitere finanzielle Zuwächse verzeichnen können“ (S. 56 f.).

Kapitel 5 befasst sich mit der „Personalsituation“, die vor allem durch eine weitere Abnahme des Anteils vollzeitbeschäftigter Mitarbeiter/-innen gekennzeichnet ist. Neben diesem generellen Befund gibt es aber auch interessante einzelne Aussagen, etwa dass die Jugendzentren anscheinend Probleme haben „die bei ihnen in den Einrichtungen geleistete freiwillige und ehrenamtliche Unterstützung als solche zu erkennen und deren Leistung nach außen z. B. gegenüber kommunalpolitischen Entscheidungsträgern darzustellen“ (S. 58).

Wie sehr Personalausstattung und Einrichtungsstrukturen zusammenhängen wird deutlich, aber auch die absoluten Zahlen sind für das Feld und dessen Weiterentwicklung von besonderem Interesse. So etwa Seite 61: „Im bundesweiten Durchschnitt hat eine Einrichtung 2,3 Stellen“. Neben den großen Trends zeigen sich viele Details, wie etwa die Tatsache, dass 42 % der Einrichtungen angeben, dass ihr hauptamtliches Personal auch für andere Angebote und Einrichtungen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist (S. 61). D. h. besonders die Landkreissituation ist immer mehr dadurch gekennzeichnet, dass das Personal der OKJA nicht nur in diesem Bereich tätig ist, sondern auch in der Kooperation mit Schule bzw. einer personell ausgeweitete Nachmittagsbetreuung.

Die Prekarisierung dieses Bereiches zeigt sich in der Personalsituation sehr deutlich, insofern als 47 % der Einrichtungen, die über fest angestelltes Personal verfügen, befristete Stellen haben (S. 64). Dazu zeigt sich wieder der große Ost-West-Unterschied: Denn in ostdeutschen Einrichtungen liegt der Anteil der befristeten Beschäftigten mehr als doppelt so hoch als in den westdeutschen Einrichtungen. Der Blick auf weitere Beschäftigungsgruppen wie Honorarkräfte und geringfügig Beschäftigte (S. 66) zeigt das breite Personalspektrum jenseits hauptamtlicher Fachkräfte, das typisch ist für die OKJA.

Auch im Ausbildungsabschluss des Personals tauchen wieder die großen Ost-West-Unterschiede auf, erwartungsgemäß auch in der Eingruppierung (S. 71). Auch zur Frage der Personalknappheit bzw. der Einschätzung der Personalrekrutierung (S. 72 ff.) gibt es Aussagen, die aber (noch) nicht auf breite erhebliche Probleme in der Personalrekrutierung schließen lassen. Im Fazit wird der eklatante Ost-West-Vergleich noch einmal zusammengefasst: „Die im Vergleich am besten ausgestatteten Einrichtungen befinden sich in westdeutschen kreisfreien Städten und die am schlechtesten ausgestatteten Einrichtungen in ostdeutschen Landkreisen“ (S. 74). Was in diesem Teil fehlt, ist die Untersuchung der Altersstruktur der Mitarbeiterschaft in der OKJA und der damit verbundenen Fragen nach Überalterung, Verweildauer etc.

Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem „Freiwilligen Engagement“ und zieht auch weitere Datenquellen hinzu wie Daten aus AID:A dem DJI-Survey des Deutschen Jugendinstituts. Wie schwer die Definition freiwilligen Engagements in der Jugendarbeit ist, wird insofern deutlich, als selbst „bei den selbstverwalteten Jugendzentren 14 % angeben keine Freiwilligen zu haben“ (S. 80). Hier wird die Altersstruktur der Ehrenamtlichen untersucht, die insbesondere in Westdeutschland bei den 14- bis 17jährigen am stärksten ist. Besonders aufschlussreich ist das Tätigkeitsspektrum der Ehrenamtlichen in einem breiten Gefälle zwischen der Begleitung oder Durchführung von Freizeiten bis hin zu Verwaltungstätigkeiten.

Die Autor/-innen kommen zu der, meiner Ansicht nach, sehr realistischen Einschätzung, dass sich die Jugendarbeit schwer tut, ihr freiwilliges Engagement richtig einzuschätzen, welches jedoch auch schwer definierbar scheint: z.B. in der Frage wo bzw. ab wann man von ehrenamtlicher Mitarbeit sprechen kann. „Dass mehr als ein Fünftel der Jugendzentren angeben, über keine Ehrenamtlichen zu verfügen, signalisiert hingegen auch, dass die Leistungen von Besucher/-innen, die immer mal wieder bestimmte Tätigkeiten übernehmen und mit dazu beitragen, dass das Jugendzentrum am Laufen gehalten wird, nicht ans Licht gebracht werden und sie somit auch nur eine unzureichende Würdigung erfahren“ (S. 91).

Kapitel 7 beschäftigt sich mit den „Öffnungszeiten“, die nach wie vor im Wesentlichen in der Woche liegen, d. h. der Sonntag ist der häufigste Schließtag mit 48 % der Einrichtungen, die an diesem Tag geschlossen haben (S. 99). Hier, wie an vielen Stellen, ziehen die Autor/-innen immer wieder andere Untersuchungsergebnisse hinzu, wie etwa die von Koss und Fehrlen (2003) oder die NRW-Strukturdatenerhebung. Auf Seite 100 f. wird die Bedeutung der Öffnungszeit in den Schulferien unterstrichen; aber es wird auch deutlich, dass die Öffnungszeiten insgesamt durchaus in Bewegung gekommen sind.

„Räumlichkeiten und Nutzung durch andere“ stehen im Fokus des Kapitel 8: Sehr interessant ist hier die Untersuchung der Frage, wie die Räume der Jugendeinrichtungen auch von anderen Gruppen, Organisationen genutzt werden: Erstaunlich ist der hohe Wert von über einem Drittel der Jugendzentren, deren Räumlichkeiten von anderen sozialen Organisationen für andere Zielgruppen genutzt werden (S. 109). Nicht verwunderlich ist, dass in einem Viertel der Einrichtungen Jugendverbände zu den Nutzern der Räume gehören. Erstaunlich ist jedoch die hohe Nutzung der Räume durch Jugendliche im privaten Bereich, die mit der Größe der Einrichtung und auch der Öffnungszeit ansteigen und insgesamt eine vielfältige Nutzung zeigen. Positiv ist die große Ausstattung mit Außenbereichen (84 % der Einrichtungen, S. 111). Dies zeigt, dass Jugendeinrichtungen eine attraktive Ressource darstellen, die etwa von anderen Arbeitsbereichen intensiv genutzt werden, z. B. durch die Schulsozialarbeit.

Mit der zentralen Frage nach „Ausstattung und Angeboten“ beschäftigt sich Kapitel 9: Hier wird deutlich, dass sich die Ausstattung der OKJA inzwischen modernisiert hat, „dass die sogenannten neuen Medien inzwischen auch für die Offene Jugendarbeit an Bedeutung gewonnen haben“ (S.115). Internetcafé und Zugang gehören für 44 % der Einrichtungen in Ostdeutschland und für 65 % der Einrichtungen in Westdeutschland zum Standard. Typisch für die OKJA sind aber, nach wie vor, Offener Treff und Café und die damit verbundenen Funktionen.

Im Weiteren versuchen die Autor/-innen eine Typisierungen vorzunehmen (S. 125 ff.), in denen sie Angebote und Schwerpunkte der Einrichtungen verschiedenen Bereichen zuordnen. Die Autor/-innen unterscheiden vier Angebotstypen zwischen einen jugendverbandsnahen, einem eher medienpädagogisch orientiertem, einen jugendsozialarbeitsorientierten und einem schulorientierten Typ (S. 126).

Zu Teil B: „Wer geht ins Jugendzentrum?“

In Teil B beschäftigt Kapitel 10 sich nun mit „Besucher/-innen und Nichtbesucher/-innen“ von Jugendzentren (S. 128 ff.). Mit dem Rückgriff auf regionale Studien geht es zunächst um Einflussfaktoren der Nutzung von Jugendzentren wie Kontextfaktoren, das „Hören-Sagen-Problem“ (S. 118) und die Merkmale seitens der Angebote. Teil 10.2 stellt nun die wichtigsten Ergebnisse zur Nutzung von Jugendzentren vor, unter Einbeziehung der Daten des Surways „Aufwachsen in Deutschland“ (S. 141). „Insgesamt gibt etwa ein Fünftel (18 %, ungewichtet) der Personen aus der Altersgruppe der 13- bis 32jährigen an, ein Jugendzentrum besucht zu haben“ (S. 142). Wie schon bekannt, nimmt die Nutzung von Jugendzentren mit zunehmendem Alter deutlich ab, so dass die Autor/-innen sagen können, dass Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 20 Jahren Jugendzentren am häufigsten besuchen. Es folgen dann Differenzierungen nach Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungshintergrund.

Zusammenfassend zeigen sich erwartungsgemäß, aber auch abweichende Ergebnisse im Vergleich zu bundesweit diskutierten Trends: Alter und Geschlecht als Einflussfaktoren sind weiterhin wichtige Aspekte für die Nutzung, genauso wie die Überrepräsentanz von bildungsfernen jungen Menschen. Überraschend ist aber das Ergebnis auf Seite 145: „Die Ergebnisse zeigen keine Überrepräsentation von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Vielmehr weisen Detailanalysen auf die Notwendigkeit der Differenzierung nach ethnischer Herkunft bzw. Herkunftsfamilien hin, da sich diese in Bezug auf die Inanspruchnahme von Jugendzentren zum Teil deutlich voneinander unterscheiden und es zudem innerhalb der ethnischen Gruppen stark voneinander abweichende Muster der geschlechtsspezifischen Inanspruchnahme gibt“ (S. 145).

Im Kapitel 11: „Besucher/-innenstruktur – Befragung von Einrichtungen“ und Kapitel 12 („Wen wollen die Jugendzentren erreichen? Anspruch und Wirklichkeit“) weisen die Autor/-innen zu Recht darauf hin, dass es sich bei den empirischen Daten nicht um eine tatsächliche Besucher/-innenbefragung handelt. Deshalb nehmen sie hier auch andere Datenquellen mit in die Auswertung und kommen zu dem erwartungsgemäßen höheren Anteil männlicher Besucher mit 61 % gegenüber weiblichen Besucherinnen mit 39 %. Auch hier existieren wieder starke Ost-West-Unterschiede! Im nächsten Abschnitt untersuchen sie die Frage, wen Jugendzentren erreichen wollen und arbeiten sehr genau die in der Praxis verbreitete Diskrepanz, zwischen dem Anspruch für alle offen zu sein und andererseits bestimmte Besucher/-innengruppen erreichen zu wollen, heraus. Aufschlussreich ist der Hinweis auf Seite 158, dass sich etwas mehr als ein Drittel der Befragten aber keine konzeptionellen Gedanken über die Frage der Zielgruppe macht.

Als Strategien um Besucher/-innen zu gewinnen, wird vor allen Dingen Öffentlichkeitsarbeit, inhaltliche Ausrichtung der Angebote, aber auch die Kooperation mit Schulen und anderen genannt. „Für 72 % der Einrichtungen ist die Zusammenarbeit mit Schule der Weg um aktiv Besucher/-innen zu gewinnen“ (S. 167). Bei der Frage der Zugangsbeschränkungen zeigt sich das Problem der Auswertung der Daten, da es hier nicht nur um aktive Zugangsbeschränkungen wie Hausverbot (immerhin 42 % der Einrichtungen arbeiten auch mit Hausverboten, S. 170), sondern auch gezielte Angebote für z. B. Mädchen oder Jungen, die in gewisser Weise dann auch ausgrenzend wirken.

Zu Teil C „Auswahl spezifischer Anforderungen an die Offene Kinder- und Jugendarbeit“

Es folgt der dritte Teil der Gesamtauswertung „Teil C Auswahl spezifischer Anforderungen an die Offene Kinder- und Jugendarbeit“.

Dieser Teil beginnt in Kapitel 13 mit dem Umgang mit „Beratungsbedarfen“ in Jugendzentren, ein Thema das immer wieder in der Literatur zur OKJA aufgegriffen wurde (Deinet 1978). Die Liste der Themen zu denen Beratungsformen, die in der OKJA (S. 179) angeboten werden, zeigt die aktuellen Themen: „in mehr als einem Drittel der Jugendzentren suchen Kinder und Jugendliche Beratung zum Thema Schulden“ (S. 180). „Die Einrichtungen reagieren teilweise intensiv auf den Beratungsbedarf und sind zum Teil auch fachlich dafür vorbereitet; sie ziehen externe Berater dazu und arbeiten mit relevanten Einrichtungen zusammen“ (S. 187).

Ein weiteres Kapitel (14.) dieses dritten Teils beschäftigt sich mit der Frage von „jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Jugendzentren“ und auch dem pädagogisch konzeptionellen Umgang mit diesem schwierigen Thema. Dabei fällt auf, dass sich insgesamt nur ein kleiner Teil der befragten Jugendzentren pädagogisch konzeptionell mit den Migrationshintergründen beschäftigt (S. 193). Interessant ist auch der Hinweis auf Seite 193: „Eine wichtige Erklärung dürfte sein, das Konzeption in einem Teil der Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in der alltäglichen Arbeit eine geringe Rollen spielen, nicht nur im Hinblick auf das Thema Migration“.

Im Fazit betonen die Autor/-innen noch einmal die Bedeutung der Jugendzentren als wichtigen Ort für alle Kinder und Jugendlichen und die alltägliche Inanspruchnahme durch Jugendliche mit Migrationshintergrund. „Aber es bestehen, was den Anteil der Besucher/-innen mit einem Migrationshintergrund angeht, große, insbesondere regionale Unterschiede zwischen den Einrichtungen, die vor allem die Bevölkerungsstruktur der jeweiligen Region widerspiegeln“ (S. 207).

Der nächste Themenbereich bezieht sich auf die aktuelle Frage, wie offen die OKJA für „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen“ (Kapitel 15) ist, deshalb werden zunächst einige Begriffe geklärt und auf Seite 212 folgt der Hinweis, dass fast 47 % der Einrichtungen angeben, von Kindern und Jugendlichen mit einer Lernbehinderung besucht zu werden. Dies ist mit Abstand die größte Gruppe! Bei 12% der Jugendzentren arbeiten Mitarbeiter/-innen, die eine Zusatzqualifikation für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen erworben haben (S. 220)!

„17 % der Jugendzentren beschreiben die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung als ein relevantes Thema ihrer alltäglichen Arbeit“ (S. 226). Im Fazit stellen die Autor/-innen fest, dass sich im fachlichen Selbstverständnis der einzelnen Einrichtungen erhebliche Unterschiede zeigen. Dabei unterschieden sie zwischen einem Teil der Einrichtungen (S. 226), die auf spezifische sonderpädagogisch unterstützte Freizeitangebote setzt; ein weiterer Teil der Jugendzentren, die auf eine stärkere Öffnung ihres Hauses insgesamt, also nicht beschränkt auf behindertenspezifische Angebote fokussiert und ein dritter Teil der Einrichtungen setzt eher auf zufällige nicht bewusst herbeigeführte Nutzungen durch Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Kooperationen mit Behinderteneinrichtungen führen zu einer intensiven Nutzung der Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit einer Behinderung (Zitat S. 226).

Ein weiteres Kapitel (16.) thematisiert das schwierige Thema „Partizipation“ mit dem Untertitel: „selbstverständlich und doch häufig nur eine Spielwiese!“ Schon in diesem Untertitel wird die ambivalente Einschätzung deutlich, die sich auch in den Zahlen widerspiegelt. Auf Seite 232 finden wir eine Rangfolge der Möglichkeiten, Kritik und Veränderungswünsche zu äußern, angefangen bei den Gesprächen mit Hauptamtlichen bis zu Gesprächsrunden und Zukunftswerkstatt. „Konkret danach gefragt, ob es ein Mitbestimmungsgremium in der Einrichtung gibt, bejahen dies 53 % der Einrichtungen“ (S. 237).

Im Fazit auf Seite 242 wird diese ambivalente Situation noch einmal zusammengefasst, die sich auch in den Einschätzungen der Einrichtungen zur Beteiligung widerspiegelt. Bei bestimmten Punkten wie der Einstellung von Personal stößt die Mitbestimmung schnell an Grenzen (S. 240). Die Autor/-innen betonen noch einmal die besondere Rolle der Fachkräfte und schreiben am Schluss: „Den Kern professionellen Handelns vor allem darin zu begreifen, Gelegenheitsstrukturen zu eröffnen und Jugendliche in ihrer Selbsttätigkeit zu unterstützen ist noch als fachlicher Standard zu etablieren“ (S. 242).

Das Kapitel 17 beschäftigt sich mit den Bezügen der OKJA zur „Nachmittagsbetreuung von Schulkindern“. Wichtig das Ergebnis, das 33 % der Jugendzentren bundesweit im Rahmen der Nachmittagsbetreuung mit Schulen kooperieren. Dies schwankt von Bundesland zu Bundesland sehr deutlich. Auch gibt es große Stadt/ Land Unterschiede (Seite 247). 38 % in kreisfreien Städten machen im Rahmen der Ganztagsschule Angebote, aber nur 29 % in Landkreisen. Bundesweit gibt es aber keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Angeboten im Rahmen der Ganztagsschule und öffentlicher Trägerschaft, so wie es manchmal aussieht. Aufschlussreich sind auch die Ausführungen zu den Rahmenbedingungen, das 46 % der Jugendzentren angeben, keinen vertraglichen Rahmen mit Schulen zu haben, nur 19 % bejahen dies uneingeschränkt (S. 249).

Sehr aufschlussreich sind auch die Ausführungen zum Ort des Angebotes Schule oder Jugendzentrum, denn diese finden zu 58 % ausschließlich im Jugendzentrum statt. Bei nur 16 % der Jugendzentren finden die Angebote ausschließlich in der Schule statt (S. 252). Auch die Frage der Anwesenheitspflicht wird thematisiert und die konzeptionellen Überlegungen zu schulbezogenen Nachmittagsangeboten zeigen unterschiedliche Entwicklungen, ebenso die Auswirkungen des schulbezogenen Nachmittagsangebots auf die Einrichtungen. Hier überwiegen die positiven Auswirkungen. Von Interesse ist auch die Frage, ob solche Angebote zum Kernangebot der Einrichtung gehören oder als zusätzliche Angebote betrachtet werden.

Im Fazit wird noch einmal deutlich gemacht, dass ein Drittel der Einrichtungen der OKJA die Zusammenarbeit mit Schulen im Rahmen der Nachmittagsbetreuung als Angebotsspektrum heute beinhaltet (258 f.).

Zu Teil D „Methodische Anlage und Literatur“

In Kapitel 18 wird das methodische Vorgehen ausführlich dokumentiert.

Fazit

In einer Zeit, in der die OKJA vor großen Herausforderungen (z.B. aktuell in der Arbeit mit Geflüchteten) und Veränderungen ihrer Rahmenbedingungen (z.B. die Entwicklung von der Halbtags- zur Ganztagsschule) steht und nach ihrer Zukunftsfähigkeit gefragt wird, kommt diese breite empirische Studie gerade zur rechten Zeit und schließt eine lange klaffende Lücke. Die Studie stellt aber nicht nur ein umfangreiches Zahlenwerk zur Verfügung, sondern beschreibt den Stand und die aktuelle Situation eines großen Arbeitsfelds auch im Zusammenhang der unterschiedlichen konzeptionellen Diskurse und Positionierungen, etwa der im Feld nach wie vor sehr kontrovers diskutierten Kooperation mit Schule.

Der große empirische Teil der Darstellung der Ergebnisse, der Befragung und deren Interpretation wirken nie langweilig, sondern sind immer eingebettet in die aktuellen Diskurse der OKJA. Wie bei vielen anderen Studien notwendig, müssen die Ergebnisse nicht erst „übersetzt“ werden in die Debatte um Stand und Entwicklung der OKJA, sondern die Autor/-innen schaffen die wichtigsten Verbindungen in ihren Interpretationen und den besonders in den Fazits zu jedem Kapitel.

Deshalb ist das Buch viel mehr als eine empirische Bestandaufnahme, es ist ein Werk zur aktuellen Situation, den Herausforderungen und Perspektiven der OKJA, die sich an vielen Stellen andeuten auch wenn dies nicht die Hautperspektive der Autoren ist.

Dass es jetzt endlich wieder eine bundesweite, breite empirische Basis zur OKJA gibt, stärkt diesen Bereich sowohl in der internen Diskussion um die zu entwickelnden Perspektiven als auch in der Außendarstellung und Legitimation. Einrichtungen, Träger und Kommunen können sich nun vergleichen und den eigenen Standort besser bestimmen, eine wichtige Grundlage für unbedingt notwendige Weiterentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.


Rezensent
Dr. rer.soc. Ulrich Deinet
Dipl.-Pädagoge, Professur für Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und –Entwicklung (fspe@hs-duesseldorf.de); Mitherausgeber des Online-Journals „Sozialraum.de“. Arbeitsschwerpunkte: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung
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Zitiervorschlag
Ulrich Deinet. Rezension vom 06.01.2016 zu: Mike Seckinger, Liane Pluto, Christian Peucker, Eric Santen: Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine empirische Bestandsaufnahme. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3381-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20196.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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