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Frank Bauer, Kornelia Sammet u.a. (Hrsg.): Lebenslagen am Rande der Erwerbsgesellschaft

Cover Frank Bauer, Kornelia Sammet, Franz Erhard (Hrsg.): Lebenslagen am Rande der Erwerbsgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3294-9. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Thema

Ein am Institut für Kulturwissenschaftlichen der Universität Leipzig durchgeführtes und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt zu ‚Weltsichten in prekären Lebenslagen‘ bildet den Ursprungskontext für diesen Herausgeber*innenband. Der Sammelband vereint Erkenntnisse und Beschreibungen aus verschiedenen empirischen Studien, die maßgeblich die subjektiv individuelle Wahrnehmung und Bewältigung von Armutslagen, sogenanntem Leistungsbezug sowie prekär Beschäftigen im Fokus haben.

Herausgeber*innen

Kormelia Sammet leitet als promovierte Soziologin nach mehrjährigen Vertretungsprofessuren aktuell ein Forschungsprojekt zur Titel gebenden Thematik nunmehr im internationalen Vergleich an der Universität Leipzig. Frank Bauer ist promovierter Soziologe und arbeitet seit 2004 am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Franz Erhard ist wissenschaftliche Lehrkraft im Bereich qualitativer Forschungsmethoden an der Universität Bielefeld.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband vereint zumeist fallrekonstruktive empirische Forschungen aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten. Zugleich „kommen die besonderen Lebensumstände und Erfahrungen in den Blick, denen die zu Aktivierenden ausgesetzt sind, die ihnen gewissermaßen ‚aufgegeben‘ sind und die sie vor bzw. neben ihrem Arbeitsmarktzugang bewältigen“ (S.13).

Nach einer den Kontext und die fachliche Motivation konturierenden Einführung der Herausgeber*innen werden in Kapitel I. unter der Überschrift ‚Zugehörigkeit und Ausgrenzung‘ zunächst vier Studien vorgestellt. Kornelia Sammet arbeitet maßgeblich an einem langzeitarbeitslosen Mann die subjektiven Erfahrungen von Ohnmacht und Fremdbestimmung heraus sowohl bezogen auf die biografisch subjektive Re-Konstruktion von Herkunft und Peergroup als auch auf Staat und Gesellschaft. Marlies Weißmanns Beitrag untersucht „[…] fragile Zugehörigkeitskonstruktionen bei Arbeitslosen“ (S.46) und den zentralen Stellenwert von Arbeit als Zugehörigkeitsfaktor in der Erwerbsarbeit. Philipp Fuchs untersucht mit statistischen Analysen (n=8000) das mit der Einführung des §16e SGB II arbeitsmarktpolitische Instrument für „eine potenziell unbefristete Förderung von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen für besonders arbeitsmarktferne Personen, die langfristig keine Chance auf eine ungeförderte Beschäftigung am Arbeitsmarkt haben“ (S. 67) und zeigt die Potenziale der Zugehörigkeitskonstruktion maßgeblich der durch diese Maßnahme fokussierten Menschen. Der dieses Kapitel abschließende, englischsprachige Beitrag von Giselle Vincett fokussiert anhand einer ethnografischen Gemeindestudie die subjektiven Perspektiven junger Menschen in Großbritannien auf die Bedeutung von Arbeit in der Selbstkonstruktion von Zugehörigkeit und macht zugleich aufmerksam auf die ‚versteckte Arbeit‘ in Form unbezahlter Betreuungsarbeit in der eigenen Herkunftsfamilie.

Im Kapitel II. wird die ‚Familie und der Umgang mit Bedürftigkeit‘ zeigt entlang dreier Fallstudien den Einfluss von Habitus auf Armutsbewältigung. Heike Ohlbrecht und Thomas Reim beforschen Familiensysteme, die den Ausschluss aus der Erwerbsarbeit als für sich normal erklären und durchaus in gewisser Weise als eine Form der Bewältigung akzeptieren. Frank Bauer und Matthias Jung beforschen das Konzept der sogenannten ‚Stadtteilmütter‘ in NRW und das Selbstverständnis der Teilnehmerinnen im programmatischen Spannungsbogen zwischen Nachbarschaftshilfe und Arbeitsmarktinstrument.

Im III. Kapitel befassen vier Beiträge das Thema ‚Prekäre Erwerbsarbeit‘. Daniel Bergelt und Franz Erhard beforschen den Niedriglohnbereich ‚Wachschutz‘ zwischen selbstzuschreibenden Statusattributen und Einkommensarmut. Gilles Renout untersucht die sogenannte ‚digitale Bohème‘ der Kleinselbständigen aus der Kreativwirtschaft in ökonomisch prekären Lebenssituationen im Spagat zwischen „Selbstverwirklichungshoffnungen“ (S. 206) und einem Leben am riskanten Rand der Erwerbsarbeit. Eine kritische Untersuchung sogenannter Solo-Selbständigkeit im Kontext einer sozialen Entkopplung und der Individualisierung der Risiken zeigen die Fallstudien von Cornelia Koppetsch, Sarah Speck und Alice Jockel. Abschließend werden „Formen des Umgangs mit Armut trotz Arbeit“ (S. 230), auch neudeutsch als working poor bezeichnet, durch Nadine Jukschat herausgearbeitet, maßgeblich in der Ambivalenz am Rande eines gesellschaftlichen Abstiegs und der noch bestehenden gesellschaftlichen Anerkennung durch Erwerbsarbeit.

Fazit

Dieser Sammelband ist eine Fundgrube für empirische, maßgeblich qualitativ rekonstruktive Forschungsarbeiten zur Titel gebenden Thematik der ‚Lebenslagen am Rande der Erwerbsgesellschaft‘. Die durchaus sehr unterschiedlich kontextualisierten Studien werden zumeist sehr nachvollziehbar und zugänglich dargelegt. Besonders beeindruckt das Buch durch die in allen Beiträgen deutliche Herausarbeitung der jeweiligen Adressat*innenperspektive in der je subjektiven Form der Lebensbewältigung und Sinnkonstruktion in einer Erwerbsarbeitsgesellschaft, in der das sogenannte Prekariat sich zu etablieren und zu normalisieren scheint. Die individualisierende und entsolidarisierenden Rede einer Aktivierungsstrategie, in der Arbeitslosigkeit dem Grunde nach maßgeblich verhaltensbedingt verursacht erscheint, zeigt sich nach wie vor prägend. Für die Handlungsfelder Sozialer Arbeit ist dies eine wesentliche Rahmung und Einflussgröße lebensalltäglicher Phänomene, weshalb dieses Buch für eine Kontextualisierung eben dieser Symptome ausgesprochen unterstützend ist.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 04.08.2016 zu: Frank Bauer, Kornelia Sammet, Franz Erhard (Hrsg.): Lebenslagen am Rande der Erwerbsgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3294-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20197.php, Datum des Zugriffs 19.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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