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Susanne Keuchel, Viola Kelb (Hrsg.): Diversität in der kulturellen Bildung

Cover Susanne Keuchel, Viola Kelb (Hrsg.): Diversität in der kulturellen Bildung. transcript (Bielefeld) 2015. 257 Seiten. ISBN 978-3-8376-3240-8. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

Perspektivwechsel kulturelle Bildung, Band 1.
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Thema

Wenn kulturelle Bildung dazu beitragen soll, „Kultur für alle“ zugänglich zu machen, tut sie gut daran, die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden, d.h. den unterschiedlichsten Zielgruppen Repräsentation und Ausdruck zu verschaffen.

Herausgeberinnen

Dr. Susanne Keuchel ist Direktorin der Akademie Remscheid für kulturelle Bildung und Honorarprofessorin an der Universität Hildesheim.

Die Diplompädagogin Viola Kelb ist derzeit Studienleiterin der Akademie Remscheid und in der Leitung des Projekts „Kultur macht stark“ tätig.

Autoren und Autorinnen

Von den weiteren zwölf Autoren und Autorinnen sind einige als Dozentinnen und Dozenten in Remscheid, andere bei KulturKontakt Austria in Wien tätig. Neben wissenschaftlichen oder Honorar-Mitarbeiter/innen an der Uni Erlangen-Nürnberg und FH Köln sind auch H.H. Uslucan, Professor für moderne Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, sowie freie Autoren beteiligt.

Entstehungshintergrund

Mit der vorliegenden Band will die Akademie Remscheid nicht nur eine neue Schriftenreihe zur Forschung und Fortbildung in der Kulturpädagogik starten, sondern auch einem neuen Arbeitsschwerpunkt erste Konturen geben.

Aufbau

Der Band ist in drei Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel finden sich vier Beiträge, die kulturelle Bildung daraufhin untersuchen, wie sie Diversität bislang umgesetzt hat.
  2. Das zweite Kapitel diskutiert in 5 Beiträgen die Möglichkeiten, wie kulturelle Bildung Diversität forcieren könnte.
  3. Weitere 4 Beiträge des 3. Kapitels berichten aus der Praxis der Fortbildung und Zielgruppenarbeit.

Inhalt

Mit Diversity ist zunächst die Tatsache bezeichnet, dass die Routinen von Individuen und Gruppen, ihre Einstellungen und Werte recht unterschiedlich sind, allerdings keineswegs als solche immer wahrgenommen und geschätzt werden. Die moderne Vielfalt von Ausdrucksformen, auch kommerzieller Kultur, hat, so Michael Wimmer, die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse und sozialen Hierarchien keineswegs beseitigt, sondern eher verschleiert.

Diversität ist die Einladung dazu, sich von herkömmlichen Auffassungen zu lösen, welche Kulturen als einheitliche, abgrenzbare, womöglich sogar mit Staatsgrenzen gleichgesetzten „Container“ verdinglichen. Für alle „rules and tools“ gilt, dass Menschen miteinander in Verbindungen stehen und sich miteinander austauschen, dieses oder jenes Item übernehmen oder weitergeben (Transkulturalität). Diese lässt sich für die Regeln des Alltags ebenso wie für die Künste nachweisen, wenn zum Beispiel, wie der Beitrag von Ernst Wagner verspricht, die unterschiedlichsten Verbindungslinien (z.B. Türken in München) jederzeit am architektonischen Stadtbild zu erkennen oder in Straßennamen zu finden sind.

Diversität ist ein Programm. Kulturelle Bildung steht hier vor den gleichen Aufgaben wie Bildung insgesamt: Zugänge öffnen, Chancen auf Teilhabe gerechter verteilen. Die Künste, etwa die Musik, wie das oft zitierte Beispiel Sistema in Venezuela zeigt, können benachteiligten Jugendlichen empowern, Selbstvertrauen und soziale Bindung geben.

Benachteiligung ist, wie Haci-Halil Uslucan anmerkt, u.a. daran festzumachen, dass der Anteil derjenigen, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, bei Kindern mit Zuwanderungsgeschichte deutlich höher ist als ihrem Bevölkerungsanteil entspräche. Bei Kindern aus Vietnam oder dem Iran ist der Anteil an den Abiturienten indes deutlich höher. Und auch bei Türkei-stämmigen Personen sind die Varianten, je nach sozialem Hintergrund, ganz erheblich. Die kulturelle Bildung hat dabei immer zu beachten, dass es kulturspezifische Begabungen wie auch Hemmnisse gibt (wenn Eltern musikalische oder poetische Talente als Luxus abtun).

Wieweit Diversität auch als Anerkennung und Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher vorankommt, hängt, so eine Hypothese von Susanne Keuchel und Chadi Bahouth, auch davon ab, welche Personen als Vermittler und in gewissem Umfang auch als Identifikationsfiguren zur Verfügung stehen oder als Modelle wirken.

Keuchel legt dazu eine umfassende Studie vor, die über 5.000 Förderanträge und Projektbeschreibungen zur kulturellen Bildung auswertet. Danach sind bei fast einem Drittel der Projekte Vermittler mit Migrationshintergrund namentlich benannt – wenn davon förderungsstrategische Fälle abgezogen werden, sind es immerhin noch 20 % aller Projekte, vor allem im Bereich von Theater, Film und Tanz.

Diversität müsste sich, wie Viola Kelb herausarbeitet, auch daran zeigen, dass migrantische Organisationen nicht bloß als „Zielgruppenlieferanten“, sondern konzeptionell beteiligt sind oder Trägerschaften (mit)übernehmen. Andererseits sollte diversitätsbewußte Bildungsarbeit nicht Zuschreibungen festigen oder Stereotypen vorantreiben. Damit würde man ja eine Person auf eine Eigenschaft oder ihre Herkunft hin reduzieren, während sie doch gleichzeitig auch verschiedenen anderen Bezugsgruppen angehört (sog. Intersektionalität) und durch eigene Identitätsarbeit Individualität stärkt. Insofern ist es durchaus ein Ziel, Kinder oder Jugendliche ganz unterschiedlicher Herkunft für eine kulturelles Angebot zu interessieren, etwa eine Fotogruppe. Dies spricht nun wieder nicht dagegen, dass, wie Michael Götting berichtet, die Deutsch-tamilische Gesellschaft den Fotoworkshop für Jugendliche mit tamilischen Hintergrund reserviert, die so die Sicherheit, aber auch das Selbstbewusstsein gewinnen, sich für andere Gruppen zu öffnen.

Diskussion

Im Wesentlichen beziehen sich die Arbeiten auf die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, obwohl Diversity sehr viel mehr Dimensionen kennt und Kategorien betrifft. Bezugspunkte müssten auf jeden Fall alle Aspekte sein, die im Antidiskriminierungsgesetz genannt werden (Geschlecht, Alter, Klasse, körperliche Verfassung, Religion, sexuelle Orientierung etc.). Barbara Neundlinger/Eva Kolm dokumentieren zurecht die bekannte Übersicht von Gardenswartz/Rowe, in der auch die Unterschiede des Familienstands, der Berufserfahrung oder Arbeitsinhalte, des Einkommens, Freizeitverhalten (Jugendkultur!), Szenen oder Lebensstile usf. vorkommen.

Ein Beispiel: Etwa zwei Drittel aller behinderten Kinder und Jugendlichen besuchen spezielle Fördereinrichtungen, ein Drittel die Regelschule. Was ist mit Inklusion? Kulturelle Bildung?

Auch die kulturelle Bildung steht vor diesem Dilemma, Zielgruppen auf eine Gemeinsamkeit anzusprechen, ohne sie auf diesen einen Unterschied festzulegen und letztlich (wieder) auszugrenzen.

Die Publikation erspart sich und der Leserschaft weitgehend die Diskussion um den Kulturbegriff, lässt aber doch etwas burschikos offen, ob von der künstlerischen Produktion oder den „rules and tools“ des Alltags die Rede ist. Sie erliegt auch da und dort dem Charme einer Formel wie „Transkulturalität“, die ja logisch weiterhin abgrenzbare Kulturen unterstellt, gerade wenn sie sich austauschen oder durchdringen. Die Lösung wäre wohl die, konkret und anschaulich für eine bestimmte Zeit und einen ausgewählten Raum die Items (eine Melodie, ein Game, eine Kirchturmkonstruktion etc.) zu benennen, die innerhalb dessen verschieden und/oder außerhalb dessen gleich sind.

Die Publikation schließt damit, aus einer Praxis zu berichten, die noch nicht wirklich überzeugt. Die Akademie Remscheid hat eine Fortbildung in diversitätsbewusster kultureller Bildung (DiKuBi) gestartet, die in den Lernzielen unbestimmt bleibt und durch Kommentare einiger Teilnehmer nicht schon analysiert ist. Der verkürzte Rückgriff auf bekannte Übungen aus interkulturellen Trainings, etwa Barnga (ohne Literaturnachweis noch Interpretation), reicht da nicht.

Ein Beitrag befasst sich mit Computergames. Der Bezug zu Diversity erschließt sich nicht, auch wenn es darum geht, dass Jugendliche älteren Personen die Games erklären. Die Hypothese, zunehmend würden auch nicht-westliche/nicht-weiße Helden als Identifikationsfigur angeboten und mithin Empathie, ja auch Diversitätsbewusstsein vermittelt, steht auf schwachen empirischen Füssen.

Der zunächst vielversprechende Beitrag zu „transkulturellen Methoden“ in der Tanzpädagogik ist leider unverständlich.

Gleichwohl ist die Akademie zu diesem anregenden Werkstattbericht zu beglückwünschen. Man darf auf die folgenden Studien gespannt sein.

Fazit

Die Akademie Remscheid legt einen Werkstattbericht vor, in dem wichtige Überlegungen zur Aufgabe der kulturellen Bildung in der globalisierten Moderne versammelt sind. Wenn kulturelle Bildung dazu beitragen soll, „Kultur für alle“ zugänglich zu machen, hat sie daran zu arbeiten, die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden, d.h. jenen Zielgruppen Repräsentation und Ausdruck zu verschaffen, die bislang benachteiligt waren.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 12.01.2016 zu: Susanne Keuchel, Viola Kelb (Hrsg.): Diversität in der kulturellen Bildung. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3240-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20202.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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