socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marius Otto: Zwischen lokaler Integration und regionaler Zugehörigkeit

Cover Marius Otto: Zwischen lokaler Integration und regionaler Zugehörigkeit. Transnationale Sozialräume oberschlesienstämmiger Aussiedler in Nordrhein-Westfalen. transcript (Bielefeld) 2015. 416 Seiten. ISBN 978-3-8376-3267-5. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Polnische Staatsangehörige mit deutschen Wurzeln sind in den 1980er Jahren nach Deutschland, speziell nach Nordrhein-Westfalen migriert. Soweit sie als Schlesier und Schlesierinnen in Ost-Oberschlesien, den Südwestpolnischen Industriegebieten (vormals Woiwodschaft Kattowice der VR Polen) beheimatet waren, haben sie ein ausgeprägtes Bewusstsein als Minderheit mitgebracht.

Die Frage ist nun, in welcher Weise dieser besondere Herkunftskontext in ihre neue Lebensformen hineinwirkt.

Autor

Marius Otto ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geografischen Institut der RWTH Aachen und wurde mit dieser Studie promoviert.

Aufbau

Der Autor hat diese Studie in 13 Kapitel gegliedert.

In den ersten Kapiteln erläutert er seinen konstruktivistischen Ansatz und den Begriff des transnationalen Sozialraums.

Die Geschichte dieser Region wird im Detail, auch anhand von Karten, dargelegt, wobei es eben vor allem darum geht, die Bedeutung dieses politischen Konstrukts für die Bevölkerung zu erfassen.

Ein weiteres Einführungskapitel widmet sich der Integration der Aussiedler generell und in NRW speziell.

Im 7. Kapitel begründet der Autor seine Methodik des offenen Interviews. Tatsächlich kann er auf 44 Personen, darunter auch Ehepaare, zurückgreifen, mit denen er Interviews führte.

In den folgenden sechs Kapiteln analysiert Otto die Gesprächsergebnisse in Hinsicht auf die Mobilität der Protagonisten, ihr Selbstverständnis, ihre materiellen Verhältnisse, ihr Zugehörigkeitsgefühl, ihre Identität, schließlich ihre Perspektiven in transnationalen Lebensformen.

Inhalt

Der konstruktivistische Ansatz geht davon aus, dass Räume zwar auch politisch definiert sein können, etwa durch Staatsgrenzen oder Verwaltungsbezirke, aber gestaltet und gelebt werden durch die Akteure, die ihnen erst Bedeutung geben. Dies zeigt sich mitunter auch dadurch, dass die Menschen an ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer Zugehörigkeit festhalten und damit ihren Raum füllen, (gerade) auch wenn die politischen Grenzen sich verändern und über historische Bestände, Traditionen hinwegzugehen scheinen.

Eben dies ist nun der Fall, wenn es um eine Region geht, die heute einen Großteil der Woiwodschaft Slaskie (Schlesien) umfasst, die in der Zeit der Volksrepublik Woiwodschaft Kattowice hieß.

Für die Aussiedlerinnen und Aussiedler, die als Schlesier und Schlesierinnen im Zentrum dieser Studie stehen, ist diese Gegend Oberschlesien (im Unterschied zum zweiten, nördlicheren Teil Schlesiens, also Niederschlesien mit der Hauptstadt Breslau). Noch genauer gesagt geht es eigentlich um Ost-Oberschlesien, nämlich den östlichen Teil Oberschlesiens, der bei der Teilung 1921 Polen zugesprochen wurde (im Unterschied zum westlicheren Teil, der damals als Regierungsbezirk Oppeln, heute als Woiwodschaft Opole firmiert).

Die deutschstämmige Bevölkerung Oberschlesiens sprach schlesisch, einen eigenen, deutsch-durchsetzten Dialekt des Polnischen.

Diese Schlesier und Schlesierinnen konnten in den 1980er Jahren (wie andere polnische Staatsbürger/innen auch) als polnische Touristinnen und Touristen in die Bundesrepublik fahren (und bleiben), insbesondere aber auch in aller Form auswandern und den Aussiedler-Status problemlos erwerben. Alle Personen, die Otto hierzu nach 25 Jahren oder mehr interviewt, berichten über eine präzise Behandlung und wohlwollende Aufnahme in Westdeutschland.

Aus der Fülle des Materials gewinnt Otto tiefe Einblick in die Lebenswelt dieser Immigrantinnen und Immigranten, die sich in vielerlei Hinsichten als höchst heterogen darstellen. Manche sind noch vor 1945, unter deutscher Herrschaft geboren, manche haben als „mitgenommene“ Kinder oder Jugendliche Schule und Freundeskreis abrupt verlassen müssen. Für alle war der Lebensstandard, der sie in Deutschland erwartete bzw. den sie sich erarbeiten, überwältigend und half auch über manche Zweifel hinweg, ob die Migration der richtige Schritt war. Was die Akteure seither, insbesondere auch nach Öffnung der Grenzen und dem EU-Beitritt Polens an transnationalen Lebensformen entwickelt haben, ist beeindruckend. Es gibt ein Ehepaar, das berufsbedingt mobil ist und jeweils einen Haushalt in Deutschland und in Polen führt. Es gibt offensichtlich zunehmend Rentner/innen, die die Sommermonate im eigenen Haus in Oberschlesien genießen. Junge Leute aus dem Ruhrgebiet verbringen immer häufiger das Wochenende bei den Freunden in Kattowitz (und fahren dazu einige hundert Kilometer). Doch ist Mobilität nur ein Weg, die Beziehungen zu pflegen bzw. lebendig zu halten; Briefe,Pakete, Mails, Facebook, polnische Sender, natürlich auch die polnische Community vor Ort tragen dazu bei.

In NRW selbst haben sich viele Oberschlesier in Vereinen zusammengefunden, andere lehnen dies als integrationsschädlich gänzlich ab. Erstaunlich viele Befragte wünschen keinerlei Kontakt vor Ort mit Polen oder Polinnen aus anderen Regionen, tragen denen noch irgendwie nach, dass die Oberschlesier als „Hanysy“ gehänselt und überhaupt von den „Gorole“, den einheimischen oder aus dem (von der Sowjet-Union beanspruchten) Osten zugezogenen polnischen Familien, besonders von den Funktionären der Volksrepublik unterdrückt worden waren.

Otto fasst die unterschiedlichen Muster transnationaler Zugehörigkeit in einzelne Typen zusammen. Da sind z.B. jüngere Aussiedler, die sich der Gruppe der Oberschlesier verbunden fühlen, dort ihre „Heimat“ sehen, aber im Ruhrgebiet leben und bleiben wollen, kaum noch den Dialekt verstehen. Ältere Aussiedler erklären Oberschlesien zum „sozialen Paradies“, wo sich die Menschen (noch) verstehen und einander helfen.

Diskussion

Die vorliegende Studie fördert unser Verständnis von Migration. Während z.B. Palenga-Möllenbeck veranschaulichte, wie Polinnen und Polen, beruflich, aber auch persönlich bedingt, zwischen Deutschland und Polen pendeln, kann Otto eindrucksvoll zeigen, wie sich polnische Staatsbürger/innen aus Oberschlesien in Westdeutschland ansiedeln und integrieren, und doch zugleich ihre Herkunft aus Oberschlesien, ihre Identität als Schlesier nicht aufgeben, sondern mehr oder weniger weiterleben, ja auch neu entdecken, mitunter auch idealisieren. Überraschend ist vielleicht doch, dass sich das seit jeher angespannte Verhältnis zwischen der polnischen und der schlesischen Gemeinschaft auch häufig im Zielkontext fortsetzt.

Die Vorstellung ist ja weit verbreitet, dass Migration eine einfache Bewegung von Personen ist, die sich von A nach B begeben, um dort dauerhaft zu bleiben und sich flugs zu integrieren. Auch die vorliegende Studie kann demgegenüber sehr fein herausarbeiten, dass Migrantinnen und Migranten transnationale Räume herstellen, die viele Optionen eröffnen. Dabei spielen kollektive Identitäten offenbar eine nachhaltige Rolle. Wer als Mitglied einer Minderheit unterwegs ist, bleibt dabei vielleicht umso mehr der Herkunft verpflichtet, jedenfalls verbunden.

Fazit

Marius Otto berichtet über die Vielfalt der Lebenswelten, die Aussiedler/innen aus Oberschlesien in den letzten 25 Jahren in Westdeutschland gestaltet haben. Dazu gehören gerade auch die transnationalen Beziehungen, die durch Mobilität und diverse Medien hergestellt und gepflegt werden. Im Ergebnis orientieren sich die befragten Personen immer, zum Teil erheblich an ihrem Herkunftskontext, mitunter auch in idealisierender Form.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 82 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 11.01.2016 zu: Marius Otto: Zwischen lokaler Integration und regionaler Zugehörigkeit. Transnationale Sozialräume oberschlesienstämmiger Aussiedler in Nordrhein-Westfalen. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3267-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20203.php, Datum des Zugriffs 29.04.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!