socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Holger Lindemann (Hrsg.): Teilhabe ist das Ziel – der Weg heißt: Inklusion

Cover Holger Lindemann (Hrsg.): Teilhabe ist das Ziel – der Weg heißt. Inklusion. Beiträge zur Umsetzung der Inklusion in Oldenburg. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-3367-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

‚Inklusion‘, ‚Partizipation‘ und ‚Teilhabe‘ sind zentrale Begrifflichkeiten des rezensierten Bandes. Innerhalb einer aktuellen wissenschaftlichen Diskussion stellen sie ein Paradebeispiel für sogenannte Begriffscontainer dar. Darunter werden moralisch aufgeladene emanzipatorische Schlagwörter verstanden, unter die man sehr Vieles fassen kann, ohne etwas Spezifisches damit aussagen oder bewirken zu müssen. Diesem Argument des ‚Mehr Schein als Sein‘ kann jedoch am besten durch sehr praktische Prozesse entgegengewirkt werden. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Kommunen in Deutschland ihrer Verantwortung, die UN-Behindertenrechtskonvention vor Ort umzusetzen, gestellt. Dabei wurden zahlreiche Planungsprozesse initiiert und konkrete Inklusionsmaßnahmen durchgeführt.

Auch die Stadt Oldenburg befindet sich in solch einem Inklusionsprozess. Das besprochene Buch stellt einen Teil dieses Prozesses vor und trägt dabei sehr anschaulich dazu bei, die Begriffscontainer ‚Inklusion‘, ‚Partizipation‘ und ‚Teilhabe‘ mit Leben, Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten zu füllen. Und das ist es doch was zählt, denn – wie heißt es im Vorwort so treffend – „es geht um unveräußerliche Menschenrechte und nicht um eine sozialromantische Mode“ (S.7).

Herausgeber und AutorInnen

Dr. Holger Lindemann, der Herausgeber des Sammelbandes ist Privatdozent und Lehrkraft der sonder- und rehabilitationspädagogischen Psychologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er hat die Projektleitung der Begleitforschung zur AG ‚Inklusion an Oldenburger Schulen‘ inne.

Bei den Autoren und Autorinnen des Sammelbandes handelt es sich sowohl um Beteiligte aus der Praxis des Oldenburger Inklusionsprozesses als auch aus der wissenschaftlichen Begleitforschung.

Entstehungshintergrund

Seit 2012 gibt es in der Stadt Oldenburg die AG ‚Inklusion an Oldenburger Schulen‘. Diese Arbeitsgruppe ist Teil eines gesamtstädtischen Inklusionsprozesses. Der Herausgeberband ist ein Resultat der wissenschaftlichen Begleitforschung dieser Arbeitsgruppe.

Aufbau und Inhalt

In seinem einführenden Beitrag umreißt der Herausgeber ganz allgemein das aktuelle Verhältnis von Rechten, Pflichten und Chancen bezogen auf die gesellschaftliche Teilhabe. Inklusion bedeutet demnach, dass jeder Mensch das individuelle Recht auf Teilhabe bzw. Nicht-Teilhabe zugesprochen bekommt und auch die Chance hat, dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Um dies zu gewährleisten, haben wir die Pflicht, gesellschaftliche Prozesse und Strukturen so zu gestalten, dass sie möglichst wenige Diskriminierungs-, Besonderungs- und Exklusionsrisiken bergen.

Den zweiten Beitrag stellt ein übersetzter Artikel von Vernor Munoz - UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung – dar. Der Autor diskutiert das internationale Recht auf inklusive Bildung und stellt einige Empfehlungen und Maßnahmen zur Verwirklichung dieses Rechtes vor.

Auch der dritte Beitrag ist von Holger Lindemann selbst formuliert. Der Herausgeber stellt hier Einblicke in die Projektstruktur und inhaltliche Arbeit der AG ‚Inklusion an Oldenburger Schulen‘ vor. Insgesamt sind über 150 Personen unmittelbar an diesem sehr partizipativen Arbeits- und Einigungsprozess beteiligt. Unter dem bezeichnenden Titel ‚Radikal in den Ideen – behutsam in der Umsetzung‘ berichtet Lindemann über Prozessdynamiken, Stolpersteine und Lernerfahrungen. Insbesondere die 12 aufgeführten Gelingensbedingungen des Oldenburger Prozesses, stellen eine prägnante Praxishilfe für kommunale Inklusionsprozesse dar.

Um den Inklusionsprozess zu koordinieren und kontinuierlich weiterzuentwickeln, hat die Stadtverwaltung Oldenburg eine Stabsstelle für Inklusion eingerichtet. Susanne Jungkunz, die derzeitige Inhaberin dieser Stelle, zeichnet in ihrem Beitrag den Verlauf des gesamtstädtischen Inklusionsprozesse nach. Dabei geht sie insbesondere auf die strukturelle Erarbeitung von inklusiven Werten, auf die Erstellung des Aktionsplanes und auf die inklusive Ausrichtung der Stadtverwaltung ein.

‚Unterstützung des Lernens und Verhaltens im inklusiven Setting‘ – unter dieser Überschrift haben die beiden Wissenschaftlerinnen der Oldenburger Universität Marie-Christine Vierbuchen und Carolin Reinck ihren Artikel verfasst. Hierin stellen sie zunächst ein schulisches Rahmenmodell zur Gestaltung inklusiver Settings vor, dann betonen sie die Bedeutung von spezifischen Weiterbildungsangeboten von Lehrkräften und diskutieren abschließend verschiedene Unterrichtsmethoden und Unterstützungsmaßnahmen.

„Teilhabe kann nur gelingen, wenn Inklusion gelingt“ (S.85), so lautet die Kernaussage von Andrea Erdély in ihrem Beitrag: ‚Alle reden mit! Inklusion durch unterstützte Kommunikation‘. Die Oldenburger Pädagogikprofessorin analysiert zunächst die Funktionen, Methoden und Bedarfe von unterstützter Kommunikation, deren Ziel es ist, exkludierende Kommunikationsbarrieren zu überwinden. Im Anschluss daran stellt sie das Konzept des Oldenburger Methodenzentrums für unterstützte Kommunikation dar.

Einen aufschlussreichen Einblick in den inklusiven Unterricht mit blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern geben Melanie Abraham, Maria Krenkel, Dagmar Pradel und Ute Wild in ihrem Beitrag. Die vier Autorinnen stellen die Arbeit des seit über 20 Jahren tätigen ‚Mobilen Dienstes Förderschwerpunkt Sehen‘ vor, für den sie aktiv sind. Sie schildern ihre Praxiserfahrungen und betonen die Unverzichtbarkeit dieses Dienstes für die inklusive Beschulung der Betroffenen. Dies wird eindrücklich mittels jeweils einem Interview mit einem sehbehinderten und einem blinden Schüler unterstrichen.

Den Alltag in einer Oldenburger integrierten Gesamtschule schildern die beiden dort tätigen PädagogInnen Malte Hunold und Silke Lühmann. Dabei legen sie den Fokus auf die personellen Ressourcen in multiprofessionellen Teams, die Einsätze von Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern und den gemeinsamen binnendifferenzierten Unterricht.

Über ein interessantes im Januar 2015 gestartetes Modellprojekt berichtet Janina Schröder. Sie leitet das sogenannte ‚Insel-Haus‘ an einer Oldenburger Grundschule. Dabei handelt es sich um eine „Vertrauensstelle, Talent-Werkstatt und [einen] Kurort für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen im sozial-emotionalen Bereich“ (S.141).

Ein weiteres Schulprojekt stellt die Sonderpädagogin Anne Christine Dettmers vor. Die ‚Intensiv-Lese-Schulung‘ richtet sich an SchülerInnen einer Oldenburger Förderschule um „ihnen die Möglichkeit zu geben, sich eine Zeit lang ausschließlich dem Lesen zu widmen, Unsicherheiten zu beseitigen und auf einem individuell angepassten Niveau arbeiten zu dürfen“ (S. 155).

Martina Jaeck von der Oldenburger Kontaktgruppe Down Syndrom berichtet in ihrem sehr kurzen Beitrag von ihren persönlichen und sehr positiven Erfahrungen mit Inklusion im Freizeitbereich. Sie stellt dabei insbesondere heraus, wie wichtig eine komplikationslose und vorurteilsfreie Willkommenskultur in den Vereinen und Freizeiteinrichtungen ist.

Die Ergebnisse einer Bürgerbefragung die 2014 mit 649 Oldenburger Bürgern und Bürgerinnen durchgeführt wurde, werden von Theresa Ehmen und Holger Lindemann vorgestellt. Bei der Befragung sollte das Bewusstsein und die Einstellung in Bezug auf Inklusion bei der Bevölkerung ermittelt werden. Neben Daten zum Kenntnisstand und dem Verständnis von Inklusion, konnten auch Informationen zu Wünschen/ Hoffnungen und Ängsten/ Befürchtungen gewonnen werden.

Den Abschluss des Bandes stellt ebenfalls ein Artikel des Herausgebers, diesmal gemeinsam mit Melanie Verena Holle, dar. Der Beitrag thematisiert wiederum die Ergebnisse einer Forschungsbefragung. Es handelt sich um eine 2012/2013 durchgeführte Gesamterhebung an den Oldenburger Schulen bezüglich der ‚Wünsche und Befürchtungen von Lehrkräften zur Inklusion‘. Dabei zeigt sich, dass insbesondere eine unsichere Ressourcenlage das gewichtigste Argument gegen Inklusion darstellt und oftmals die idealen Werte überlagert.

Diskussion

Auf den ersten Blick suggeriert der Titel des besprochenen Bandes ‚Teilhabe ist das Ziel – der Weg heißt: Inklusion‘ und insbesondere der erläuternde Titelzusatz ‚Beiträge zur Umsetzung der Inklusion in Oldenburg‘ eine Auseinandersetzung mit einem gesamtstädtischen Inklusionsprozess. Aber, das rezensierte Buch stellt keine detaillierte Aufarbeitung des gesamten Oldenburger Inklusionsprozesses dar – auch wenn dieser in den ersten Beiträgen immer wieder thematisiert wird – sondern fokussiert in der Hauptsache auf die schulische Inklusion vor Ort. Von dieser ersten Verwirrung einmal abgesehen, handelt es sich um ein sehr erfahrungs- und aufschlussreiches Buch, insbesondere für alle kommunalen Akteure, die in ähnlichen kommunalen Projekten unterwegs sind. In ihrem Grußwort formuliert die Sozialdezernentin der Stadt Oldenburg den Anspruch, die Publikation will „Anregungen für Menschen an anderen Orten, die sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzen“ sein (S.8). Aus meiner Sicht wird der Sammelband diesem Anspruch - insbesondere bezogen auf die schulische Inklusion – gerecht. Die LeserInnen finden hier zahlreiche Beispiele, die illustrieren wie inklusives Lernen und Leben geplant, koordiniert und verwirklicht werden kann. Dabei werden ehrliche, aufschlussreiche und spannende Einblicke in einen kommunalen Inklusionsprozess gewährt. Fast alle AutorInnen sind in den Prozess selbst involviert, was den Band zu einer vielfältigen Sammlung von konkretem Erfahrungs- und Handlungswissen werden lässt.

Ausgehend von einem umfassenden Inklusionsverständnis führt der Sammelband den Leser von Beitrag zu Beitrag immer weiter in die ‚Tiefen‘ des Oldenburger Inklusionsprozesses. Dabei bleiben die Aussagen verständlich und sehr gut nachvollziehbar.

Holger Lindemann formuliert in einer seiner Kernaussagen: „Wer zum Gelingen von Inklusion beitragen möchte, sollte sich an den Praxisbeispielen orientieren, die funktionieren.“ (S.44) Ich würde sagen, Oldenburg stellt eines der vielen guten Praxisbeispiele dafür dar, dass Inklusion gelingen kann. Dank der besprochenen Publikation ist dieses Beispiel sehr lesenswert aufgearbeitet und erfährt hoffentlich einen hohen Bekanntheitsgrad. Der Herausgeber hält sich jedenfalls dankenswerterweise an seine 12. Gelingensbedingung von Inklusionsprozessen: „Tun Sie nicht nur Gutes, sondern reden Sie auch darüber!“ (S. 45).

Fazit

In dem rezensierten Buch ist es gelungen einen kommunalen schulischen Inklusionsprozess sehr praxisnah und verständlich aufzuarbeiten und dabei gleichzeitig die Materie mit wissenschaftlichem Sachverstand zu durchdringen und entsprechend zu analysieren. Es ergänzen sich aufschlussreiche und handlungspraktische Inhalte mit einer durchgängig fundierten inklusiven Zielsetzung. Dabei kommen sowohl analytische als auch praktische Stimmen des Oldenburger Prozesses zu Wort, die nicht nur Mut machen, sondern gleichzeitig ganz konkrete Wege aufzeigen, wie Inklusion auf kommunaler und schulischer Ebene verwirklicht werden kann. Bei diesem Sammelband handelt es sich demnach um ein ideenspendendes und bestärkendes Buch für alle, die in kommunalen Inklusionsprozessen aktiv sind bzw. aktiv werden wollen.

Denn, um es mit dem im Band zitierten Kurt Marti zu sagen: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin wir kämen, wenn wir gingen“ (S.140).


Rezensent
Marcus Windisch
M.A. Bildung und Soziale Arbeit Zentrum für Planung und Evaluation sozialer Dienste Universität Siegen
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Marcus Windisch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marcus Windisch. Rezension vom 29.01.2016 zu: Holger Lindemann (Hrsg.): Teilhabe ist das Ziel – der Weg heißt. Inklusion. Beiträge zur Umsetzung der Inklusion in Oldenburg. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3367-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20204.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung