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Wolfgang Kühnel, Darius Zifonun (Hrsg.): Übergänge erfolgreich gestalten

Cover Wolfgang Kühnel, Darius Zifonun (Hrsg.): Übergänge erfolgreich gestalten. Übergangsmanagement Schule – Ausbildung – Studium. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-7799-3256-7. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Biographische Übergänge bieten vielfältige Entwicklungsperspektiven und Herausforderungen. Unbekannt sind für Jugendliche nach dem Schulbesuch die „neuen Ufer“ der Ausbildungs- und Studienwege und die Berufswelt, komplex und riskant die zu treffenden Entscheidungen (zwischen verschiedenen Schulformen, Ausbildungs- bzw. Studienwegen u.a.) und offen ist, wie sich die eigenen bisher entwickelten auf die neu geforderten Kompetenzen beziehen lassen.

Das tradierte Wissen der Elterngeneration erscheint auf die neuartigen Herausforderungen der Jugendgeneration nur bedingt übertragbar und nützlich. Das sehen häufig auch die Eltern selbst und halten sich in dieser Situation mit Einschätzungen und Empfehlungen zurück. Von den Jugendlichen wird dies dann – da sie sich letztlich häufig an familiären Vorbildern und Empfehlungen orientieren – oft als zusätzliches Entscheidungsvakuum erlebt.

Sozialwissenschaftliche Forschung will die institutionellen Gegebenheiten, sowie die Handlungs- und Entscheidungspfade der Jugendlichen im Übergang Schule-Beruf nachzeichnen. Auch ist sie in beratender Funktion aufgefordert Vorschläge für die Ausgestaltung von schulischen und beruflichen Bildungsmaßnahmen zu machen, um die Erfolgschancen für eine dauerhafte und subjektiv befriedigende Integration (in Schule, Hochschule, auf dem Arbeitsmarkt u.a.) der Jugendlichen zu erhöhen.

Entstehungshintergrund

Wolfgang Kühnel und Darius Zifonun – zwei Soziologen aus Berlin und Marburg – fungieren als Herausgeber des Buches. Sie wollen die Ergebnisse des Forschungsprojekts (qualitative Fallanalysen) mit dem Stand der Forschung zu beruflichen Übergängen zwischen Schule und Beruf abgleichen und einen Beitrag zur empirischen Fundierung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse liefern. Zusammen mit weiteren Soziologen der Universitäten Berlin und Augsburg (Maria Keil und Lisa-Marian Schmidt, zum engeren Forschungsteam gehörig) und der Leiterin des Forschungsschwerpunktes Übergang im Jugendalter des Deutschen Jugendinstituts (DJI; Dr. Birgit Reißig) entstand das Buch als Theorie-Praxis-Integration zu Fragen der Gestaltung des Übergangsmanagements nach der allgemeinbildenden Schule.

Der besondere Beitrag und aktueller Anlass der Publikation liegt in der Veröffentlichung der Studie mit ihren qualitativen Fallanalysen.

Aufbau

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln.

Nach der Einleitung folgen zwei Kapitel, die den Forschungsstand zu biographischen Übergängen von der allgemeinbildenden Schule in das Berufsbildungssystem und die Hochschule sowie eine sozialwissenschaftliche Analyse zu institutionellen Fragen des Übergangssystems liefern. Dem schließen sich zwei Kapitel an, die die methodischen Grundlagen der Studie, deren Ergebnisse aus den Fallanalysen zweier Berliner Schulen darstellen, ein Kapitel, das die Stadtteilarbeit im BIK-Projekt auf der Grundlage der Lebensweltorientierung und des Empowerment-Ansatzes darstellt und einem zusammenfassenden Fazit mit Diskussion.

Inhalt

In ihrer Einleitung geben Wolfgang Kühnel und Darius Zifonun einen Problemanriss zum „Mismatch“ zwischen der Nachfrage nach betrieblichen Ausbildungen durch unvermittelte Bewerber_innen, dem Fehlen von Ausbildungsplätzen und der von den Betrieben formulierten mangelnden Eignung und Ausbildungsreife von Ausbildungsplatzbewerber_innen. Das in der Bildungs- und der Biographieforschung diskutierte Problem veränderter (beruflicher) Statusübergänge wird sozialwissenschaftlich eingeordnet und in Bezug auf die schulische Berufsorientierung und Übergangsvorbereitung reflektiert.

Das zweite Kapitel – von Birgit Reißig geschrieben – liefert einen Blick auf Veränderungen der schulischen und beruflichen Entwicklungsetappen im Jugendalter. Mit umfangreichen empirischen Daten beschreibt die Autorin die Veränderungen an der ersten und zweiten Schwelle (Übergang Schule-Berufsausbildung, Übergang Berufsausbildung-Betrieb) für verschiedene Schulabschlüsse. Daraus leitet sie auch die besondere Bedeutung der Übergangsvorbereitung im Kontext der Berufsorientierung in besonderem Maße für bildungsbenachteiligte Jugendliche ab.

Veränderte Fragen in der Lebenslauf- und Bildungsforschung zeigt Wolfgang Kühnel in Kapitel 3 auf und stellt diese in Beziehung zu Entwicklungen des Bildungssystems und Anforderungen des Arbeitsmarktes. Hier interessieren den Autoren sowohl die institutionellen Strukturen, die Perspektive der Jugendlichen verschiedener Bildungsgänge, wie auch die kritische Bewertung der Entwicklungspfade für strukturell benachteiligte Jugendliche aus seiner Position als Wissenschaftler. Seine Argumentation belegt Kühnel mit Ergebnissen des Nationalen Bildungsberichts und weiteren empirischen Untersuchungen.

Maria Keil und Lisa-Marian Schmidt führen im Kapitel 4 in die methodischen Grundlagen der Studie ein und liefern zentrale Ergebnisse daraus in einem umfangreichen Kapitel. In der methodischen Anlage bezieht sich die Studie auf die Grundprinzipien der Grounded Theory Methodologie von Anselm Strauss (1998). Zentrales Moment sind Leitfadeninterviews mit Schülern und Fachvertretern (Lehrern, Beratern, Coaches und Programmleiter). Darüber hinaus wurden weitere Dokumente (Programmflyer, Konzeptionen, Homepages der Institutionen u.a.) ausgewertet.

Das Kapitel liefert zentrale Ergebnisse der fünf Untersuchungsfelder. Beteiligt waren zwei Berliner Schulen (Rudolf-Virchow-Oberschule; Hector-Peterson-Schule), ein berufsvorbereitendes Stadtteilprojekt der FAA Bildungsgesellschaft (Berufsorientierung im Kiez; BIK), ein Mentorenprojekt der LIFE e.V. und die Handwerkskammer. Sehr interessant erscheinen mir die fallvergleichenden Ergebnisse der Studie. Bei einem sehr ähnlichen Verständnis biographischer Übergänge zeigen sich jeweils adressatenspezifische Übergangsverläufe und als Kernproblem der Übergangsvorbereitung der strukturelle Ressourcenmangel hinsichtlich Personal und Maßnahmedauer.

Eine Fokussierung erfährt nun in Kapitel 5 der Vergleich der beiden Schulen. Maria Keil und Lisa-Marian Schmidt stellen die Instrumente der Schulen zur Ausgestaltung der Berufsvorbereitung vor, ihre Grundprinzipien für die Berufsorientierung, die spezifischen Schwerpunktthemen der Jahrgangsstufen 7 – 10 sowie der Sekundarstufe II und die Wissensbestände und Handlungslogiken der im Osten Berlins gelegenen Schule. Es erfolgt ein Exkurs über die Wurzeln des Verständnisses von Polytechnik in der früheren DDR.

Im Folgenden geht es um die Gestaltung des Übergangs durch die Schüler_innen auf Basis der Leitfadeninterviews und deren Typisierung auf Grundlage der Zukunftsziele, des Wissens um die Umsetzungsmöglichkeiten, der Handlungsmuster und der aktuellen Lebenssituation der Jugendlichen. Es werden 4 Typen des Übergangshandelns abgeleitet: „Aktiviertes Subjekt“; „Subjekt ohne Übergangsvorbereitung“; „Sich selbst überlassener Aufsteiger“ und der „Individualist“.

Die zweite Fallanalyse charakterisieren die Autorinnen in ihrer Überschrift als subjektorientierten Integrationsprozess. Es ist eine integrierte Sekundarschule im Bezirk Friedrichhain-Kreuzberg gelegen mit fast 100% nicht-deutscher Herkunftssprache. Die Ganztagsschule wird mit ihren inhaltlichen Schwerpunkten, mit ihrer curricularen Ausrichtung, der Teilhabe an der Förderung Berliner Brennpunktschulen und der berufsorientierten Übergangsgestaltung beschrieben. Neben der Spezifik der schuleigenen Praxisklassen bestehen Kooperationen mit Projekten und Beratungsangeboten durch externe Organisationen bzw. Praxispartner. Ausführlich wird auf die schulinterne Gestaltung der Berufsvorbereitung mit den einzelnen Jahrgangsthemen und das Verständnis der Übergangsbegleitung eingegangen.

Auch für diese Schule werden die aus den Leitfadeninterviews abgeleiteten Grundzüge der Übergangsgestaltung, der schulischen und beruflichen Ziele und den Handlungsstrategien durch die Schüler und deren Wahrnehmung durch die begleitenden Fachleute vorgestellt.

Es folgt nun abschließend eine fallvergleichende Analyse beider Schulen.

Kapitel 6 (Autorin: Maria Keil) beschreibt das Projekt „Berufsorientierung im Kiez“. Hier treffen sich auf Grundlage eines stadtteilorientierten Ansatzes Aspekte der Berufsorientierung mit allgemeiner Jugendsozialarbeit. Die Autorin führt in die Spezifik der sozialräumlichen Konzeption, der aufsuchenden und anerkennenden Jugendarbeit ein und erläutert die cliquen- und subjektorientierte Ausrichtung des Projektes. Die allgemeinen Ausführungen, die durch die Prinzipien des Empowerments, der stärkenorientierten Arbeit und des Mentoringansatzes konkretisiert werden, belegt die Autorin durch Passagen aus den Experteninterviews.

Das Fazit in Kapitel 7 – von Maria Keil, Wolfgang Kühnel, Lisa-Marian Schmidt und Darius Zifonun verfasst – bündelt die empirischen Ergebnisse und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den verschiedenen institutionellen Kontexten, den Deutungs- und Handlungsmuster der Jugendlichen und der befragten Experten heraus. Das Buch schließt mit offenen Fragen zu den erforschten Handlungsstrategien der Jugendlichen, einigen Implikationen für die Praxis im Kontext der Übergangsvorbereitung und dem Hinweis auf weitergehenden Forschungsbedarf.

Das Buch bietet im Anhang die Transkriptionsregeln und die Übersicht zu den befragten Personen und die Dokumentenanalyse im Kontext der Fallanalysen, sowie kurze Angaben zu den Autor_innen.

Zielgruppen

Im Buch selbst finden sich keine Angaben zum Adressatenkreis. Meines Erachtens ist das Buch informativ für Sozialwissenschaftler, die im Themenfeld der Berufsorientierung und Übergangsbegleitung forschen und die Ergebnisse der Berliner Studie kennenlernen wollen. Informativ ist das Buch auch für Fachkräfte, die im Kontext der Berufsorientierung und in der Übergangsbegleitung tätig sind. Es liefert für die Ausgestaltung schulischer Berufsorientierung und stadteilorientierter Arbeit mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen Anregungen und Ideen. Die Publikation lässt sich gewinnbringend im Studium der Sozialen Arbeit bei Veranstaltungen zum Themenschwerpunkt Jugendberufshilfe und aufsuchende Jugendarbeit einbinden. Auch kann es im Studium der Berufspädagogik beispielsweise bei der Konzeption von Forschungsprojekten im Master-Studium wertvolle Anregungen und Hintergrundwissen liefern.

Diskussion

Es liegt mit dem Buch ein Forschungsbericht von qualitativen Fallanalysen vor, der die Deutungs- und Handlungsmuster der Jugendlichen und der begleitenden Fachpersonen (Mikroebene) und die konzeptionelle Gestaltung der Bildungseinrichtungen (Mesoebene) integriert. In dieser Zusammenführung gelingt ein multiperspektivischer Zugang zum Thema. Über die verschiedenen Adressatengruppen hinaus zeigt sich bei den Jugendlichen insgesamt ein Festhalten an einem Konzept der Normalbiographie. Inwiefern dies auf dem Hintergrund der Sozial- und Bildungsbenachteiligung der Teilnehmer im stadtteilorientierten Projekt BIK eine realistische Perspektive sein kann, muss offen bleiben. Insofern kommt der subjekt- und lebensweltorientierten Arbeit (Selbstwertstärkung, Entwicklung von Bewältigungsstrategien und sozialen Kompetenzen, Kriminalitätsprävention) in Abgrenzung zur Konzentration auf eine am industriegesellschaftlichen Konzept der Normalbiographie orientierten Sichtweise eine vorrangige Bedeutung zu.

Die Autor_innen verweisen darauf, dass die Veränderung der Übergangsvorbereitung auf dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ein weitergehendes Forschungsfeld darstellt.

Fazit

Das vorliegende Buch bietet meines Erachtens zweierlei: es liefert Grundlagen zum Forschungsstand von Übergängen aus der allgemeinbildenden Schule in weitergehende Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen und stellt empirische Ergebnisse der Berliner Fallanalysen vor.

Als sozialwissenschaftliche Studie will sie Mikro- und Mesoebene verbinden, um den Kontext der Akteure adäquat zu beschreiben und das Akteurshandeln auf der Grundlage ihrer Deutungen nachvollziehbar zu machen.

Um über den Forschungskontext hinaus nützliche Lektüre zu sein, wären Handlungsempfehlungen für die Entscheidungsträger im Bildungs- und Ausbildungssystem empfehlenswert, sowie für Studierende weiterführende Literaturempfehlungen und Anregungen für weitergehende Forschungsfragen hilfreich.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 22.08.2016 zu: Wolfgang Kühnel, Darius Zifonun (Hrsg.): Übergänge erfolgreich gestalten. Übergangsmanagement Schule – Ausbildung – Studium. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3256-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20206.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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