socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gerhard Jäger: Partnerschaft und Psychose

Cover Gerhard Jäger: Partnerschaft und Psychose. Wie psychisch erkrankte Menschen Partnerschaft erleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 304 Seiten. ISBN 978-3-7799-3336-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Liebe, Ehe und Partnerschaft haben im Leben der meisten Menschen eine zentrale Bedeutung. Die psychologische Forschung hat unter anderem gezeigt, dass eine stabile und befriedigende Paarbeziehung einer der bedeutsamsten Faktoren für persönliches Glück, Lebensqualität und Gesundheit darstellt. Zugleich ist eine „funktionierende“ Paarbeziehung eine der wichtigsten Ressourcen für die (gemeinsame) Bewältigung von Belastungen und kritischen Lebensereignissen. Für psychisch erkrankte Menschen gilt dies häufig in besonderer Weise. Gerade eine schwere und chronisch verlaufende psychische Störung kann ein gravierendes Handicap für das Knüpfen und die Aufrechterhaltung einer Partnerbeziehung sein. Aus der Forschung wissen wir, dass es Menschen mit Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis in dieser Hinsicht besonders schwer haben. Allerdings gibt es speziell zu diesem Thema noch relativ wenig Forschung. Vor diesem Hintergrund befasst sich Gerhard Jäger in dem hier vorgestellten Band mit der Frage, wie Menschen mit einer Psychose Partnerschaft erleben.

Autor

Gerhard Jäger (Jg. 1965), Dr. phil., Dipl.-Pädagoge, ist Mitarbeiter bei der Gemeindepsychiatrie im Ostalbkreis. Das vorliegende Buch ist seine erste Veröffentlichung.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die Publikation einer Dissertation, die im Jahr 2015 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil. angenommen wurde. Die Idee zu der Dissertation und die Durchführung der Studie stehen in engem Zusammenhang zu der Berufstätigkeit des Autors im Bereich der gemeindepsychiatrischen Versorgung psychisch kranker Menschen.

Aufbau

Das Buch umfasst einschließlich Literaturverzeichnis 301 Seiten mit sechs unterschiedlich langen Kapiteln. Es enthält zehn Abbildungen und zwei Tabellen, jedoch kein Sachwortverzeichnis.

Inhalt

In einer kurzen Einleitung (5 Seiten) erläutert der Autor zunächst die Themenfindung seiner Dissertation und den Aufbau der Arbeit.

In dem 21 Seiten umfassenden Kapitel 2 referiert der Autor Forschungsbefunde und theoretische Konzepte, die er für das Thema seiner Dissertation als relevant erachtet. Er hält fest, dass es ein Forschungsdefizit im Hinblick auf Paarbeziehungen psychisch erkrankter Menschen gibt: „Vor allem hinsichtlich einer subjektiven Perspektive der untersuchten psychisch erkrankten Menschen [finden sich] nur wenige zuträgliche Publikationen, so dass die Forschungslage hierzu tatsächlich als brüchig bezeichnet werden kann“ (S. 31).

Die Methodologie und der Ablauf der durchgeführten Studie werden in Kapitel 3 erläutert, welches 28 Seiten umfasst. Um die subjektive Perspektive psychisch erkrankter Menschen hinsichtlich des Themas Partnerschaft adäquat untersuchen zu können, wählte der Autor ein qualitatives Forschungsdesign. In Anlehnung an Fritz Schütze führte er biographische („narrative“) Interviews mit psychotisch erkrankten Personen durch, die zum Befragungszeitpunkt oder früher in einer Paarbeziehung lebten bzw. gelebt hatten. Mit 14 Studienteilnehmern, die im Kontext gemeindepsychiatrischer Unterstützungsangebote gewonnen werden konnten, wurden einmalige Interviews geführt, aufgezeichnet und transkribiert. Neun der Interviews erwiesen sich laut Autor als im Sinne der Fragestellung brauchbar. Diese wurden zunächst fallweise sequenziell ausgewertet und danach fallübergreifend verglichen. Drei der analysierten Biographien wurden schließlich als „Eckfälle“ ausgewählt, die gleichsam prototypisch die im gesamten Interviewmaterial rekonstruierten, mit der Psychose in Verbindung stehenden Paarbeziehungsmuster repräsentieren.

In Kapitel 4 werden die Analyseergebnisse der drei ausgewählten „Eckfälle“ sehr ausführlich dargestellt. Mit 181 Seiten ist dies das bei weitem umfangreichste Kapitel. Der erste Eckfall („Frau Neuhaus“) steht für wechselnde Partnerschaften, die von Instabilität und Diskontinuität geprägt sind. Der zweite Eckfall („Frau Steinle“) repräsentiert das Ausbleiben von Partnerschaften bzw. die Abkehr davon. Der dritte Eckfall schließlich (Herr Gerlach“) steht für Partnerschaften im Kontext von Überforderung und der Hinzuziehung professioneller Hilfe. Sämtliche Eckfälle werden unter Verwendung des originalen biographiebezogenen Interviewmaterials dargestellt, wobei die einzelnen Themenblöcke in ihrer sequenziellen Abfolge herausgearbeitet und abschließend die zentralen Analyseergebnisse zusammengefasst werden.

Im Kapitel 5 (44 Seiten) wird eine „Theoretisierung der Ergebnisse vorgenommen. Dabei weist der Autor unter anderem darauf hin, dass bei psychotisch erkrankten Menschen durchaus mehrere der in den Eckfällen beschriebenen Tendenzen zum Tragen kommen können. Das „psychosetypische Partnerschaftserleben“ zeichne sich durch psychosebedingte Beziehungsirritationen und spezifische Beziehungshindernisse aus. Zugleich gebe es vielfach eine Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach einer festen Paarbeziehung und diesbezüglichen Vorbehalten und Befürchtungen. Der Autor zeigt auf, dass eine Psychose prinzipiell einen gravierenden Stressor in einer Paarbeziehung darstellt; vor allem bei nicht hinreichenden Bewältigungsressourcen, fehlenden sozialen Kompetenzen, Überforderung und Aggression/Gewalt in der Beziehung ist das Risiko für eine Trennung erhöht, was zum Teil zu entwicklungshemmenden Resignationstendenzen führen könne. Ein Spezialfall werden Paarbeziehungen zwischen zwei psychisch erkrankten Partnern angeführt, die meist im psychiatrischen Versorgungskontext entstehen und oft durchaus positiv erlebt werden. Abschließend versucht der Autor, seine Ergebnisse theoretisch-modellhaft zu verdichten, indem er beziehungsbelastende Erkrankungsfaktoren sowie Zusammenhänge zwischen Biographie, Psychose und Partnerschaftserleben beschreibt.

Ein Fazit zieht der Autor Im Kapitel 6 (6 Seiten). Grundsätzlich erachtet der Autor eine „am Verstehen und Akzeptieren der erkrankten Person orientierende Herangehensweise gesunder Partner bzw. auch eventueller professioneller Hilfepersonen“ (S. 291) als günstig, um zu einer Stabilisierung des Betroffenen und der Partnerschaft beizutragen. Auf der Grundlage einer „verstehensorientierten Herangehensweise“ könnten z.B. auch von anderen Autoren vorgeschlagene paar- und familientherapeutische Interventionen, Kommunikationstraining sowie Training sozialer Kompetenzen hilfreich sein.

Diskussion

Wie der Autor in der Einleitung zu Recht feststellt, waren Partnerschaften von Menschen mit schizophrenen Psychosen bislang nur relativ selten Gegenstand wissenschaftlicher Studien, gerade im deutschsprachigen Bereich. Vor diesem Hintergrund ist es sehr zu begrüßen, dass sich Gerhard Jäger in seiner Dissertation eingehend mit dieser Thematik beschäftigt hat. Auch der gewählte qualitative Forschungsansatz ist prinzipiell gut geeignet, um das subjektive Partnerschaftserleben psychisch erkrankter Menschen differenziert zu rekonstruieren. Aufgrund seiner Konzeption als akademische Abschlussarbeit ist der vorliegende Band primär für ein wissenschaftliches Publikum interessant. Gleichwohl weist die Arbeit gerade in dieser Hinsicht etliche Schwächen auf. So finden sich in dem für eine Dissertation ungewöhnlich schmalen Literaturverzeichnis (5 Seiten) primär deutschsprachige Fachbücher, während neuere und aktuelle Zeitschriftenartikel sowie internationale (auch qualitative) Studien zur Thematik des Buchs praktisch gar nicht rezipiert wurden. Damit erscheint die (zutreffende) Feststellung eines Forschungsdefizits wenig fundiert. Bezüglich der theoretischen Verortung der Fragestellung vermisst der Leser die Diskussion etablierter und offensichtlich themenrelevanter theoretischer Konzepte und Modelle, wie z.B. Partnerschaftskonzepte, commitment, Paardynamik, dyadisches Coping, „illness identity“ und „we-disease“. In methodischer Hinsicht räumt der Autor ein, dass die gewählte Vorgehensweise nicht den Anspruch der Grounded Theory einlösen kann, eine aus den Daten ableitbare Theorie zu entwickeln, da z.B. kein theoretisches Sampling realisiert wurde und das Kriterium der „theoretischen Sättigung“ nicht angestrebt wurde. So betrachtet, sind die dargestellten „Eckfälle“ zwar phänomenologisch durchaus interessant, spiegeln aber wahrscheinlich nicht die Pluralität von Partnerschaften psychotisch erkrankter Menschen wider. Komplett ausgesparte Themen sind z.B. der Kinderwunsch und die Elternschaft von psychisch erkrankten Menschen – Aspekte, die bekanntlich einen sehr engen Zusammenhang zum Erleben von Partnerschaft aufweisen. Den Schlussfolgerungen für die Praxis ist prinzipiell zuzustimmen. Angesichts der Tatsache, dass der Autor ein sehr erfahrener Praktiker ist, ist es schade, dass er hier nicht die Möglichkeit genutzt hat, konkrete partnerschaftsbezogene Unterstützungsangebote für psychisch kranke Menschen zumindest zu skizzieren.

Fazit

Die vorliegende Studie von Gerhard Jäger ist in erster Linie für eine akademisch-wissenschaftliche Leserschaft interessant, weniger jedoch für Betroffene, Angehörige oder Praktiker. In wissenschaftlicher Hinsicht bleiben etliche Fragen offen, doch erhalten Leserinnen und Leser einige interessante Einblicke in das Partnerschaftserleben von psychotisch erkrankten Menschen.


Rezensent
Prof. Dr. phil. habil. Johannes Jungbauer
Diplom-Psychologe; Supervisor (BDP). Professor für Familien- und Entwicklungspsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen
Homepage bit.ly/1IDXkB4
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Johannes Jungbauer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Johannes Jungbauer. Rezension vom 23.05.2016 zu: Gerhard Jäger: Partnerschaft und Psychose. Wie psychisch erkrankte Menschen Partnerschaft erleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3336-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20209.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung