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Christiane zur Nieden: Sterbefasten

Cover Christiane zur Nieden: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit - Eine Fallbeschreibung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-86321-287-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-86321-337-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema und Autorin

Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, auch Sterbefasten genannt, ist ein bisher wissenschaftlich wenig beachtetes und bearbeitetes Thema. Es ist eine natürliche Form des Sterbens, ein suizidaler Beweggrund, wodurch nicht durch aktives Handeln, sondern durch Unterlassen der selbstbestimmte Tod eintritt.

Christiane zur Nieden, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Beraterin für Kommunikation am Lebensende greift die genannte Thematik auf, indem sie authentisch beschreibt, wie sie ihre 84- jährige Mutter bei dem Sterbefasten begleitet hat. Sie verweist dabei auf widersprüchliche Gedanken und Gefühle, auf ungelöste Fragen, die sie sich stellte.

Das Buch will Betroffenen und Angehörigen zeigen, dass ein selbstbestimmtes und würdevolles Sterben bei gut angeleiteter Begleitung auch zu Hause möglich ist.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile mit differenzierten, in der Regel sehr kurzen Unterkapiteln gegliedert, die durchnummeriert sind:

  1. Tagebuch eines Sterbens und
  2. Fallbeschreibung eines Sterbefastens.

Zu Teil 1

Der erste Teil und davon das erste Kapitel sind überschrieben mit „Der letzte Atemzug“. Nach dreizehn Tagen des freiwilligen Entschlusses, auf Essen und Trinken vollständig zu verzichten, sei der Puls ihrer Mutter verlöscht. Die Familie hatte Zeit, diesen außergewöhnlichen Wunsch zu akzeptieren und ihr Sterben zu begleiten.

In „Erste Hinweise“ äußert sie den Wunsch zum selbstbestimmten Sterben gegenüber ihrem Schwiegersohn, der selbst Arzt ist und diese würdige Form des Sterbens von vielen Patienten gut kennt.

Im dritten Kapitel „Rosenmontag – der Entschluss“ wird der Ernst der Situation deutlich. Die Mutter hatte Schlaftabletten genommen und war entschlossen, so sterben zu wollen.

Im vierten Kapitel „Gründe“ beschreibt die Tochter ihre Mutter als eine freundliche, liebenswerte Frau, adrett, immer gut gekleidet und geistig rege, die an der Entwicklung der Enkel besonderes Interesse hatte. Mit zunehmendem Alter hätten sich die Unannehmlichkeiten allerdings gehäuft und ließen sie in Unselbständigkeit geraten und sie war abhängig von der Zeit und dem guten Willen der anderen.

Veilchendienstag – Gefühlschaos“ ist der Titel von Kapitel fünf. Die Familie spricht mit der Mutter über ihren Entschluss, schön sterben zu wollen, woraufhin im folgenden Kapitel „Schöner Tod“, agitiert wird, dass es gut wäre, wenn man Zeit hätte, sein Sterben zu begreifen, sich zu verabschieden und letzte Dinge zu regeln.

Am „Aschermittwoch- Nagende Zweifel“ versucht die Tochter, sie zu überreden, am Leben weiter teil zu haben, aber die Mutter ist fest entschlossen, sterben zu wollen.

Auf die Frage „Warum ausgerechnet jetzt?“ gibt es keine Antwort, denn Gefühle kommen selten zum günstigen Zeitpunkt und sie verlangen dennoch eine sofortige Reaktion.

Im Kapitel neun mit dem Titel „Klärung“ wird der Tochter bewusst, dass sie kein Recht habe, ihrer Mutter, die das Leben nicht mehr als lebenswert empfindet, aufzuzwingen. Sie spürt die Entschlossenheit der Mutter, bewusst, überzeugt, bereit, dieses Mal ohne Sedierung, ihr Vorhaben zu realisieren.

Im Sterbeprozess ist ständig jemand bei ihr „Zuhause“, hier sei mehr Leben während des Sterbevorgangs zu spüren als in normalen Zeiten.

Der „Durst“ spielt in Kapitel elf eine Rolle. Sterben sei in den seltensten Fällen leichtes und selbstbestimmtes Sterben schon gar nicht. Die Mutter möchte in ihren wachen Zeiten „Aufräumen“, indem sie ihre Patientenverfügung erneut unterschreiben möchte.

Im Kapitel dreizehn „Verabschieden“ möchte die Mutter ihren Schmuck noch mit warmen Händen an die Mädchen verteilen und sie möchte sehen, wie sie aussieht, wenn sie stirbt. Deshalb ist das folgende Kapitel mit „Lachen“ überschrieben.

Beim „Deal mit Gott“ steht die Frage im Raum, wie lange es die Mutter noch aushalten muss, bis sie wirklich sterben kann und es wird im darauf folgenden Kapitel gefragt „Dauert es noch lange?“. Es wird resümiert, dass es nichts mehr zu grübeln gäbe, alles sei gesagt und gedacht. Die Mutter habe die Zeit wunderbar genutzt, um sich von allen zu verabschieden, sich zu bedanken, zu entschuldigen und sie zu beschenken.

Im Kapitel „Freunde“ sei der Tod schon im Zimmer, aber die Lebenszeit sei zu nutzen, gleich wie begrenzt sie auch sei.

Endlich“ ist es so weit. Der Tod habe die Arme schon um die Mutter gelegt in dieser ruhigen, fast heiligen Atmosphäre.

Zu Teil 2

Es folgt Teil II („Fallbeschreibung eines Sterbefastens“) mit Kapitel neunzehn „Begriff und Geschichte“. Methoden wie das Erhängen, das Erschießen oder ein Sprung von einem Felsen werde der Kategorie „Sterben der Narren“ zugeordnet, das Sterben durch Fasten sei dagegen ein „Sterben der Weisen“. Letzteres würde in genialer Weise sowohl eine physiologische als auch eine spirituelle Reinigung beim Menschen bewirken.

Der „Physiologie des Sterbefastens“ ist dem nächsten Kapitel vorbehalten. So sei es nicht das Einstellung der Nahrung, die zum Tod führt, sondern die Dehydrierung. Die Nieren können durch die fehlende Flüssigkeit den Harnstoff nicht mehr ausscheiden, was zur Müdigkeit beiträgt und man letztlich in den Tod hinein schlafe. Der Körper stelle sich schon nach 24 Stunden völligem Nahrungsentzugs auf einen Hungerstoffwechsel ein, so dass sich der Blutkreislauf verlangsame und die Körpertemperatur sinke (S. 64). Des Weiteren käme es bei einem selbstgewählten Verzicht zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen (Glückshormonen). Das Sterbefasten sei „todsicher“, einzig der Todeszeitpunkt sei ungewiss.

Eine „Gute Begleitung und geeignete Orte“ seien notwendig für gelungenes Sterbefasten. Ab dem vierten oder fünften Tag würde die körperliche Schwäche immer größer, so dass es nicht mehr möglich wäre, sich allein zu versorgen. Deshalb wäre ein Sterben Zuhause am einfachsten und würdevollsten. Im Hospiz wäre ein Sterbefasten nicht möglich.

Der „Ärztlichen Unterstützung“ widmet sich Kapitel zweiundzwanzig. Wichtig sei es, dass der Arzt Beruhigungsmittel für die Nacht oder für Ruhephasen am Tag verschreibe und beim Sterbefasten als Begleiter mit zur Verfügung stehe.

Im nächsten Kapitel steht das Thema „Sterbefasten aus der Sicht eines Hausarztes“ im Fokus der Betrachtungen. Den Auftrag dazu erteile der Sterbende, er möchte nicht ins Krankenhaus eingewiesen werden. Es handele sich beim Sterbefasten um einen natürlichen Tod, weil keine Einwirkung von außen stattfinde. Zum gesunden Leben gehören Alterungsprozesse und Degeneration dazu und im Idealfall auch ein behütetes und schmerzfreies Sterben und zwar in einer selbstbestimmten Form und an einem selbstgewählten Ort (S. 86).

Die richtige Pflege“ steht im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen von Kapitel vierundzwanzig. Die Mundpflege habe nicht nur den Zweck der Begleitung, sondern sei außerordentlich wichtig für das geglückte Sterbefasten. Grundsätzlich sollten alle Befeuchtungen des Mundes zuckerfrei sein, da durch die Aufnahme von Zucker Insulin ausgeschüttet wird, das das Hungergefühl verstärke.

Der „Pflege von Schleimhäuten und Augen“ ist das folgende Kapitel gewidmet. Unterstützend wirken Augentropfen, weil diese durch den Flüssigkeitsmangel trocken würden und Feuchtigkeitscremes bei allen Körperöffnungen.

In „Gelungene Kommunikation“ wird konkret und direkt gefragt, warum jemand gerade jetzt diesen Sterbewunsch verspürt und ob es nicht möglich wäre gegen ihn für einen Lebenswunsch zu plädieren. Die Grundbedingung einer solchen Kommunikation sei die ehrliche und offene Akzeptanz dieses Wunsches (S. 99).Lebenssatt zu sein bedeute eher eine Zufriedenheit, eine Sättigung mit einem positiven Fazit.

Kapitel sechsundzwanzig gibt „Anregungen für die verbleibende Zeit“. So wird der Vorschlag unterbreitet eine „Lebensabschiedsfeier“ zu gestalten, wo sich alle noch einmal persönlich verabschieden können. Die Zeit sollte zum Nachdenken über das Leben, die eigenen Fehler genutzt werden und es sollte nicht vergessen werden, ihre Liebe dem anderen gegenüber auszusprechen.

Im folgenden Kapitel werden die „Rechtlichen Voraussetzungen“ geklärt. Jeder habe das Recht, sein Leben zu verwerfen, auch wenn er dieses völlig gesund und auf unabsehbare Dauer fortsetzen könne. Erst wenn durch einen Arzt bestätigt wird, dass der Sterbewillige seine Entscheidung freiverantwortlich getroffen habe und nicht unter Druck Dritter stehe, wird er nicht mehr Garant des Lebens, sondern Garant des Sterbewillens sein (S. 116).

Die „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht“ sollten unbedingt miteinander verbunden werden. Für Angehörige ergäben sich nach der neuen Gesetzeslage als Suizidhelfer eines Sterbefastenden keine strafrechtlichen Konsequenzen, weil er nicht geschäftsmäßig handele.

Im Kapitel achtundzwanzig „Suizid“ wird erörtert, welche Methode auch zur Selbsttötung gewählt werde, sie bereite anderen Personen Leid und wäre zudem nicht einmal mit Sicherheit zielführend. Das Sterbefasten hinterlasse keine traumatisierten Angehörigen wie bei harten Suiziden, da er gewaltlos und passiv wäre.

Mit „Schuld“ ist ein weiteres Kapitel überschrieben. Wenn sich ein Suizident zu erkennen gäbe, werde er sofort stigmatisiert, doch eine seine Identität akzeptierende Kommunikation werde ihm häufig verweigert. Das Sterbefasten dagegen böte eine autonome und selbstbestimmte Möglichkeit, im Kreise der Lieben zuhause zu sterben (S. 147).

Im letzten und damit dreißigsten Kapitel „Mut“ plädiert die Autorin dafür, das Sterbefasten eines nahen Angehörigen zu begleiten, sich dieser mutigen Aufgabe zu stellen.

Am Ende des Buches folgen ein kurzes Nachwort und eine Danksagung. Die Reaktionen auf das Sterbefasten der Mutter seien vom völligen Unverständnis, Ablehnung, Verdrängung bis hin zu bewundernder Anerkennung und Hochachtung gewesen.

Fazit

Diese Publikation ergreift von Anfang bis zum Ende und dennoch ist sie ermutigend, denn das Sterben ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Auch wenn das Buch durch die kurzen Kapitel, die meist nur eine bis zwei Seiten lang sind, etwas zergliedert wirkt, der rote Faden war dennoch immer sichtbar. Es ist beeindruckend, wie ehrlich, offen und authentisch die Ausführungen sind, geht es doch um die eigene, ganz individuelle Aufarbeitung einer Familiengeschichte. Es wird dem Anspruch, Betroffenen und Ehrenamtlichen eine Hilfe zu sein, voll gerecht, obgleich das Sterbefasten zuweilen etwas zu glorifizierend dargestellt wird. Es nimmt aber auf jeden Fall die Angst, ein solches Sterben in die eigene Betrachtung einzubeziehen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 21.07.2016 zu: Christiane zur Nieden: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit - Eine Fallbeschreibung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-287-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20220.php, Datum des Zugriffs 14.08.2020.


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