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Cornelia Maier-Gutheil, Kira Nierobisch: Beratungswissen für die Erwachsenenbildung

Cover Cornelia Maier-Gutheil, Kira Nierobisch: Beratungswissen für die Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 136 Seiten. ISBN 978-3-7639-5652-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 21,56 sFr.
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Thema

Die Erwachsenen- und Weiterbildung ist ein plurales und uneinheitliches Feld, in dem der Ruf nach Beratung bzw. die Erfordernis zur Beratung zunehmen. Diese bereichsspezifische Beratung wird von biografiebedingten, strukturellen und organisatorischen Determinanten charakterisiert. In diesem Buch wird das Beratungswissen für dieses Gebiet systematisch entwickelt und dargeboten.

Autorinnen

Der Band erscheint in der Reihe Studientexte für Erwachsenenbildung, die vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) als herausgebende Institution konzipiert wird. Die Studientexte sind didaktisch als Selbstlernmaterial nutzbar.

Die beiden Verfasserinnen sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Expertinnen in der Erwachsenen- und Weiterbildung: Cornelia Maier-Gutheil lehrt am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg, Kira Nierobisch im Arbeitsbereich Erwachsenenbildung / berufliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Karin Dollhausen skizziert in den Vorbemerkungen (S. 7-8) wesentliche Stationen der ca. dreißigjährigen Beschäftigung des DIE mit dem Thema „Beratung“ in Monografien und Zeitschriften. In dieser Periode sei zwar die Beratung neben der Vermittlung und Planung in der „institutionalisierten und organisierten Erwachsenen- und Weiterbildung zu einer unverzichtbaren Größe im professionellen Aufgabenspektrum avanciert“ (S. 7), jedoch fehle es an einer konsistenten professionstheoretischen Verortung einer pädagogisch zu verstehenden Beratung, für die der vorliegende Band einen Einstieg liefere.

Aufbau

Der Studientext ist nach den Vorbemerkungen in folgende acht Kapitel untergliedert:

  1. Einführung (S. 9-10)
  2. Beratung: Genese und Handlungsfeld (S. 11-29)
  3. Differenzierungen, theoretische Ansätze und Systematisierungsmodelle (S. 30-45)
  4. Interaktionsgeschehen in der Beratung (S. 46-69)
  5. Beratungsformate (S. 70-93)
  6. Professionalisierung und Qualitätsentwicklung von Beratung (S. 71-105)
  7. Beratung als Steuerungsinstrument – ein kritischer Exkurs (S. 106-111)
  8. Herausforderungen und Perspektiven der Beratung (S. 112-118)

Den Beginn eines jeden Abschnitts markiert eine kurze Inhaltsangabe; das Ende kennzeichnen Fragen, die der Reflexion dienen, Aufgaben enthalten, motivieren, weitere Literatur heranzuziehen oder einen Transfer zu leisten. Außerdem sind Literaturtipps angefügt. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen veranschaulichen den Text. Definitionen, Checklisten, Erläuterungen zum Text und Zusammenfassungen sind in den Kapiteln optisch hervorgehoben. Weitere didaktische Lernmaterialien können im Internet-Angebot des DIE und auf der Verlags-Website abgerufen werden. Der Studientext enthält ein sechsseitiges Glossar, ein Literatur-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnis. Auf der letzten Seite des Buches sind eine deutsch- und englischsprachige Zusammenfassung abgedruckt.

Inhalt

Die „Einführung“ (Kapitel 1) formuliert das Ziel des Studientextes und gibt einen kurzen Überblick über die Gliederungspunkte.

Kapitel 2 „Beratung: Genese und Handlungsfeld“ gibt einen Einblick in die gesellschaftliche Entwicklung und die dadurch veranlasste institutionelle Verankerung von Beratung, bevor Beratung unter Rückgriff auf einschlägige Bezugsliteratur als „pädagogische Handlungsform“ (S. 14) expliziert und ein rekonstruktiver von einem kommunikativ orientierten Beratungstyp abgegrenzt wird. Im dritten Teil des Kapitels werden die Themenfelder von „Beratung in der Erwachsenenbildung“ (S. 21) benannt, die Institutionalisierung der Beratung in sechs Phasen unterteilt und auf das lebensbegleitende Verständnis von Beratung des European Lifelong Guidance Network (ELGPN), das sich auch im Nationalen Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (nfb) wiederfindet, rekurriert. Konstitutiv ist bei diesem an der Universität Heidelberg entwickelten Beratungsverständnis die Unterteilung in die Zielebenen der individuellen, der bildungs- und arbeitsmarktpolitischen und der gesellschaftspolitischen Ebene.

Kapitel 3 „Differenzierungen, theoretische Ansätze und Systematisierungsmodelle“ fokussiert die stark interdisziplinär orientierten Ansätze und empirischen Erkenntnisse zum Feld der Beratung zunächst entlang der Pole „Person und Organisation“, im zweiten Schritt entlang der Differenzierung „Beratung und Therapie“. Es folgen Kurzdarstellungen von Theorieansätzen aus der Psychologie, wie z.B. das psychoanalytische und das verhaltenstherapeutische Modell sowie die Hintergrundmodelle der Gesprächspsychotherapie und der systemischen Therapie. Als „pädagogische Systematisierungsmodelle“ (S. 40) werden exemplarisch die zwei im erwachsenenbildnerischen Umfeld empirisch überprüften Ansätze der „personenbezogenen Bildungsberatung“ und der „arbeitsweltbezogenen Beratung“ genauer beschrieben.

Kapitel 4 „Interaktionsgeschehen in der Beratung“ setzt die o.g. Differenzierungen voraus und expliziert in Anlehnung an die Handlungsdimensionen der informativen, der situativen und der biografieorientierten Beratung (Unterpunkt 3) eingangs die pädagogischen Handlungsformen innerhalb der Beratungsinteraktion. Im Anschluss daran werden die theoretischen Bedingungsfaktoren Beratungsbeziehung, Grundhaltung, Kommunikation, Methoden und Phasen behandelt, bevor die Konstitutionselemente einer interaktiv verankerten Beratungspraxis erläutert werden. Das Kernhandlungsschema der Beratung wird in acht Aufgaben unterteilt. Anhand einer von Pick 2015 entwickelten Merkmalsmatrix werden sowohl organisations- als auch personenbezogene Aspekte von Beratungsgesprächen mit Angabe der verschiedenen Rollen von Ratsuchendem und Beratendem vorgestellt: Dies sind Freiwilligkeit, Gesprächsrahmen, Problemverortung, Expertise, Problemdefinition, Grade der Redefinition des Problems, Prozess, Lösungsradius und Lösungsrahmen. Diese Merkmale können je nach Ausprägung eine Binnendifferenzierung der Beratung begründen.

Im Abschnitt „Beratungsformate“ (Kapitel 5) werden die „Ausformungen von Bildungsberatung“ (S. 70), wozu die Lern-, die Kurs-, die Studien-, die Berufs-, Karriere- und Laufbahnberatung gehören, nacheinander z.T. mit kursorischen Entwicklungsverläufen vorgestellt und definiert. Als besondere „Beratungsformate im Kontext der Erwachsenenbildung und der beruflichen Bildung“ (S. 70) werden die kollegiale Beratung, die Mediation, das Coaching, die Supervision und das Mentoring in den Grundzügen beschrieben sowie die Unterschiede erklärt. Weiterbildungsberatung wird von den Autorinnen in Anlehnung an Faulstich und Zeuner als Oberbegriff verstanden, die sich nach ihren Funktionen in Lern-, Kurs-, Programm-, Bildungslaufbahn-, Institutionen- und Systemberatung ausdifferenzieren kann.

Der erste Schritt auf dem Weg zur „Professionalisierung und Qualitätsentwicklung von Beratung“ (Kapitel 6) ist das auf die Aspekte Person, Organisation, Prozess und Gesellschaft bezogene Kompetenzprofil der Beratenden einschließlich von Standards „guter Beratung“. Danach werden „Dokumentation und Evaluation“ (S. 98) von Beratung kurz und übersichtlich präsentiert.

Der kritische Exkurs „Beratung als Steuerungsinstrument“ (Kapitel 7) greift das Instrument der „regulativen Beratung“ (S. 106) auf, das zum einen Zugänge kanalisiert, verpflichtenden und / oder prüfenden Charakter haben oder in Gutscheinform auftreten kann und deshalb mehr oder minder standardisierbar ist. Zum anderen gibt es mit der aufsuchenden Beratung auch präventive und niedrigschwellige Formen regulierter Beratung, die vorwiegend in sozialpädagogischen Kontexten zu finden sind.

Als „Herausforderungen und Perspektiven der Beratung“ (Kapitel 8) werden für die Beratungspraxis die Zielgruppen, die Formate (z.B. e-Formen), die Aus- und Weiterbildung, die Internationalisierung, die Interdisziplinarisierung, die bildungspolitischen Entwicklungen, das Wissensmanagement und die beraterische Haltung identifiziert. Was die Beratungsforschung anbetrifft, monieren die Verfasserinnen Desiderate hinsichtlich einer „differenzierten und vergleichenden Forschung“ (S. 115) einschließlich eines ergänzenden Bezugs von quantitativen und qualitativen Ergebnissen. Ferner fehlen zielgruppenbezogene und wirkungsorientierte Studien und die Verankerung der empirischen Ergebnisse in den Aus- und Weiterbildungsprogrammen. Für die akademische Professionalisierung seien Maier-Gutheil und Nierobisch zufolge folgende Themenfelder progressiv zu bearbeiten: die Heterogenität der Beratung als Faktum, bundesländer- und ländergesetzliche Grundlagen, akademische Aus- und Weiterbildung und Ausbildungsstandards, wissenschaftliche Begleitung/Beratungsforschung sowie das beraterische Selbstverständnis im gesellschaftlichen Kontext.

Diskussion

Mit dieser als Studientext konzipierten Publikation wird ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum individuellen Kompetenzerwerb von bereits aktiven Beratern und Beraterinnen oder in einem Studium auf Beratung sich Vorbereitende getan. Allen Interessierten wird ein Wissenskompendium angeboten, das viele Andockstellen an bereits vorhandene Elemente bietet und individuell nutz- und kombinierbar ist, je nachdem mit welcher disziplinären Vorbildung sich jemand dem Beratungswissen annähert.

Die Autorinnen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, Beratung in der Erwachsenen- und beruflichen Bildung als kommunikative pädagogische Interaktion mit dem Ziel zu verstehen, dass Erwachsene ihre „persönlichen Entwicklungsziele formulieren“ (S. 7), die Einbettung in organisationale und strukturelle Kontexte erkennen und nach der Beratungsphase ihre Entscheidungen treffen und verantworten. Auf dieser bildungswissenschaftlichen Basis etabliert sich ein angemessener Scharfsinn gegenüber „bedingten“ oder mit Konsequenzen verbundenen Beratungsformen, der „Ökonomisierung von Personen“ (S. 110) oder Beratung als reiner Prozessbegleitung.

Fazit

Dieser Studientext bietet konzentriertes Grundlagenwissen zur Beratung und fordert die Lesergruppen, seien es Studierende oder sich Weiterbildende auf angenehm intensive Art und Weise, indem anspruchsvolle Reflexions- und Transferaufgaben gestellt werden. Die Gliederung des Buches ist gut nachvollziehbar; sie führt den Leser und die Leserin vom Allgemeinen zum Besonderen. Innerhalb der einzelnen Kapitel wird immer wieder auf bereits behandelte Aspekte verwiesen, so dass sich Querverbindungen etablieren können, der Leser und die Leserin eingeladen wird, zurück zu blättern und noch einmal nachzulesen – insofern ist die Publikation auch didaktisch gelungen und kann als Basislektüre für Studiengänge empfohlen werden. Das Buch liefert, was es im Titel verspricht: Wer sich diesen Band geistig angeeignet hat, verfügt über relevantes Beratungswissen in der und für die Erwachsenen- und Weiterbildung. Was ihm oder ihr noch fehlt – die Beratungsperformanz –, kann nur durch Übung erworben werden. Dieser Band passt deshalb vorzüglich in die Reihe des DIE, setzt dessen wissenschaftsbasierte, thematische Auseinandersetzung mit Beratung fort und trägt auf diese Weise dazu bei, die „kollektive Professionalisierung“ (S. 94) zu fördern.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 04.01.2016 zu: Cornelia Maier-Gutheil, Kira Nierobisch: Beratungswissen für die Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-7639-5652-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20222.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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