socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wilfried Steinert (Hrsg.): Inklusion braucht gute Schulen - gute Schulen brauchen Inklusion

Cover Wilfried Steinert (Hrsg.): Inklusion braucht gute Schulen - gute Schulen brauchen Inklusion. Band I: Leitbild und Pädagogische Konzeption. Carl Link (Kronach) 2015. 180 Seiten. ISBN 978-3-556-06908-0. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die zu besprechende Publikation ist der erste Band einer vierbändigen Reihe zur schulischen Inklusion. Es ist ein Handbuch für vielfältiges Lehren und Lernen, das sich dem Leitbild und der pädagogischen Konzeptionen widmet. Die Inklusion von SchülerInnen mit Behinderung in das allgemeine Schulwesen ist das allumfassende Thema dieser Publikation.

Herausgeber

  • Stephan Lüke ist selbständiger Bildungsjournalist und Fachautor. 2003 gründete er in Bonn die Agentur für Bildung.
  • Inge Michels ist diplomierte Medienpädagogin. Als Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin schreibt sie zu Bildung und Familie, moderiert Fachveranstaltungen und arbeitet als Trainerin.
  • Wilfried Steinert ist ehemaliger Leiter der Waldhofschule Templin und Bildungsexperte. In letztgenannter Funktion setzt er sich seit 2010 freiberuflich mit der Inklusiven Bildung und der Entwicklung inklusiver Bildungsregionen auseinander. „Er ist Mitglied im Sprecherrat des ‚Expertenkreises Inklusive Bildung‘ der Deutschen UNESCO-Kommission und Mitglied des wissenschaftlichen Fachbeirates Inklusion des Brandenburgischen Bildungsministeriums“ (Klappentext).

Entstehungshintergrund

Als Motive für diese Publikation werden die UNESCO-Weltkonferenz in Salamanca von 1994 und insbesondere die 2009 in Deutschland ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 genannt

Aufbau

  1. Grußwort von Professor Dr. Michael Schratz
  2. „The winner is … die Waldhofschule Templin!“ – Eine Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises 2010 und ihre Geschichte
  3. Das Schulprogramm: viel mehr als eine Formsache
  4. Unverwechselbar: ein Leitbild entwickeln
  5. Kern einer inklusiven Schule: die pädagogische Konzeption

Inhalte

2003 widmete sich die Waldhofschule in Templin, eine Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, erstmals der Inklusion. 2010 erhielt sie für dieses Konzept den Deutschen Schulpreis. „Durch die konsequente Gestaltung ihres ganz eigenen Weges ist die Waldhofschule zum Modellbeispiel für eine inklusive Schule geworden“ (S. 24). Dies zu erreichen – und das waren seinerzeit auch die Erfahrungen der Waldhofschule Templin – erfordert viel Anstrengung, um vorhandene Barrieren in den Köpfen und Strukturen zu überwinden. Schließlich wurde sie eine Schule für alle. Schließlich wurde sie eine zweizügige integrative Grundschule, die die Jahrgänge 1 bis 6 umfasst, für etwa 210 SchülerInnen. 50% dieser SchülerInnen haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf.

Ein Jahr bevor die Integration an der Waldhofschule Templin realisiert wurde, träumten Schulleitung und Schulkollegium von einer Schule, die keine SchülerIn wegen seiner/ihrer Behinderung in jeder Hinsicht ausschließt und auf diese Weise allen SchülerInnen eine Teilhabe am schulischen Leben und an schulischer Bildung ermöglicht. „Damit wurde an der Waldhofschule bereits 2003 etwas begonnen, was nach den aktuellen Erfordernissen der Ratifizierung der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen künftig für alle Schulen in Deutschland verpflichtend werden soll“ (S. 27).

Wegmarken hin zur inklusiven Schule waren:

  1. die Analyse der Schulsituation und des Umfeldes
  2. das Prüfen der Ressourcen
  3. das Wahrnehmen der Ängste
  4. die Suche nach Unterstützung und Kooperationspartnern.

In einem Schulprogramm wird das Leitbild der Schule aufgeführt und begründet. Als Basis für die Schulkultur befasst sich das Schulprogramm mit der Ausgangslage und dem Leitbild der Schule. Beispielhaft wird die Entwicklung einer inklusiven Haltung an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule Bonn aufgeführt, die ihren Beginn ungefähr in der Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts hatte

Das Leitbild befasst sich mit den richtungsweisenden Zielen. „Es zeigt den Wertkonsens, auf den man sich in der Schule verständigt hat“ (S. 59). Hier geht es vor allem um langfristige Perspektiven. Als Leitbild der Waldhofschule Templin als Schule für alle gilt:
„Wir brauchen alle.
Wir bleiben zusammen.
Niemand bleibt zurück.
Niemand wird beschämt.

Auf den Anfang kommt es an: Die größten Anstrengungen unserer Schule gelten den kleinsten Menschen!“ (S. 75).

Die Entwicklung eines Leitbildes macht eine Schule einmalig, ist gewissermaßen die Visitenkarte und zeigt, wo die Reise in der Schule hingeht.

Auf dem Weg hin zu einer inklusiven Schule fällt und steht alles mit der pädagogische Konzeption, die acht W-Fragen beantworten soll:

  1. Was bist zu tun?
  2. Wer tut es?
  3. Welche Mittel sind dafür notwendig?
  4. Wann wird es getan?
  5. Wo passiert es?
  6. Wie passiert es?
  7. Warum wird es auf diese Weise durchgeführt?
  8. Mit wem führt wer es durch?

Die pädagogische Konzeption der Schule betrachtet:

  • die pädagogische Kultur;
  • die Kompetenz- und Leistungsförderung;
  • das Lernprofil;
  • die methodische und organisatorische pädagogische Arbeit;
  • die schulischen und außerschulischen Lernräume;
  • das Personalkonzept;
  • die Diagnostik, die Dokumentation sowie die Leistungsrückmeldung und ihre Bewertung;
  • die Zusammenarbeit mit den Eltern;
  • die Kooperationen
  • die besonderen Schwerpunkte.

Im Anhang erstellt die Projektmanagerin der Bertelsmann Stiftung Ina Döttinger eine Skizze zur Begleitung auf dem Weg zur inklusiven Schule: „Schulen werden sich häufig leichter auf dem Weg machen, wenn sie ihren Weg nicht alleine finden müssen […]. Die[…] Begleitung kann durch unterschiedlichste Partner stattfinden“ (S. 149).

Diskussion

Diskutieren möchte ich meine Haltung zu diesem Konzept, das sich mir zunächst als etwas Sozialromantisches und nicht zu Realisierendes aufzeigt. Aber es geht, wie in der Publikation dargelegt, dann wohl doch. Als zu einer Unzeit Geborener beklage ich als Mensch mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf in der körperlichen und motorischen Entwicklung, der sich 1982 im Alter von 12 Jahren nach einem schweren Schädel-Hirntrauma einstellte, ab der Klasse 8 eine schulische Ausgrenzung in meinem administratorisch angenommenen Förderbedarf (zu fragen ist hier auch, ob das wirklich der richtige sonderpädagogische Förderbedarf war oder lediglich ein Konstrukt der Schuladministration!) entsprechende Förderschulen, die:

  • z. B. für Einkäufe für den Hauswirtschaftsunterricht ungünstig am Stadtrand gelegen sind und diese Tätigkeit im Lebensmitteldiscounter für die Zubereitung einer Nudelpizza verunmöglichen. Als Behinderte erfahren wir durch das System Förderschule erst sehr spät – und bei permanenter Institutionalisierung überhaupt nicht – wie die Ordnung in o. g. Geschäften gestaltet ist;
  • durchgängige Institutionalisierung an Schultagen in einem – von der Schule etwa 11 Kilometer entfernt gelegenen – Internat für SchülerInnen mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf in der körperlichen und motorischen Entwicklung in der gymnasialen Oberstufe, die durch ihre terminliche Organisation soziale Beziehungen zu nicht sonderpädagogisch förderbedürftigen Gleichaltrigen schwer bzw. unmöglich machen.

In dieser Hinsicht ist der Waldhofschule Templin ganz viel Erfolg zu wünschen!

Fazit

SchulleiterInnen, LehrerInnen, Studierende, LehramtsanwärterInnen, die sich den Chancen und Herausforderungen der schulischen Inklusion stellen wollen oder müssen, gehören zu der Zielgruppe, die diesen Band rezipieren sollten. Lüke/Michels/Steinert stellen in dieser Publikation in kurzen fiktiven Porträts von SchülerInnen das mannigfaltige Spektrum von sog. Störern vor, die den geplanten Unterricht über Bord schmeißen können. Es werden die Bedürfnisse dieser Störenfriede erläutert, die für einen guten Unterricht zu beachten sind.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 120 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 22.03.2016 zu: Wilfried Steinert (Hrsg.): Inklusion braucht gute Schulen - gute Schulen brauchen Inklusion. Band I: Leitbild und Pädagogische Konzeption. Carl Link (Kronach) 2015. ISBN 978-3-556-06908-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20227.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!