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Eberhard Göpel, Viola Schubert-Lehnhardt (Hrsg.): [...] Kommunale Gesundheitsförderung

Cover Eberhard Göpel, Viola Schubert-Lehnhardt (Hrsg.): Gesundheit gemeinsam gestalten 2. Kommunale Gesundheitsförderung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. 260 Seiten. ISBN 978-3-935964-61-6. 19,80 EUR.

Reihe: Gesundheit gemeinsam gestalten - 2.
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Die Herausgeber und das Fachbuch

Die Herausgeber des Bandes sind Viola Schubert-Lehnhardt, habilitierte Medizinethikerin, Projektleiterin an der Forschungs- und Informationsstelle beim Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Sprecherin des Initiativkreises Frauen und Gesundheit in der Stadt Halle, sowie Eberhard Göpel, Mediziner und Pädagoge, ist Professor für Gesundheitsförderung an der Hochschule Magdeburg-Sterndal im Studiengang Gesundheitsförderung und -management und Gründungsmitglied der Gesundheits-Akademie, Forum für sozialökologische Gesundheitspolitik und Lebenskultur, Bielefeld (www.gesundheits.de).

Die These und der Aufbau

Angesichts vielfältiger prekärer Lebenslagen, welche die Gesundheit in der Risikogesellschaft bedrohen, konzentriert sich die Kernfrage auf das Problem, wie Gesundheit gemeinsam gestaltet werden kann (S. 7). "Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zu Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können É Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur beim Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen", soweit die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1986.

Göpel und Schubert-Lehnhardt weisen, bezugnehmend auf Trojan, darauf hin, dass durch die WHO ein Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik vollzogen wurde: "Mit dieser Fokussierung auf den Lebensraum und die Lebensweisen des Alltags des Menschen wird eine grundlegende Umorientierung öffentlicher Gesundheitspolitik angestrebt, die den Kommunen als sich selbst verwaltende Gebietskörperschaften, eine zentrale Rolle und Verantwortung für eine nachhaltige Daseinsvorsorge im Interesse ihrer BürgerInnen zuweist" (S. 7). Das Ziel des vorliegenden Buches ist es, Initiativen vorzustellen, die im Kontext dieses Paradigmenwechsels entwickelt und umgesetzt wurden. Die Herausgeber möchten dazu beitragen, die Leser zu inspirieren um ähnliche Projekte zu entwickeln.

Nach der Einleitung ist das Buch gegliedert in 4 Abschnitte.

  1. Im ersten Abschnitt geht es um "Gesundheitsfördernde Städte- und Gemeindeentwicklung" (S. 19-86),
  2. im zweiten Abschnitt  um "Infrastrukturen für eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung" (S. 89-152),
  3. im dritten Abschnitt um "Methodische Ansätze für die Berichterstattung und Zielbestimmung" (S. 155-173) und im
  4. vierten Abschnitt um "Geschlecht und soziale Ungleichheit als Thema der Gesundheitsförderung" (S. 177-243).

Abgeschlossen wird das Werk mit einem Anhangzur "Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der WHO" (S. 244-249), zur "Internationalen Union für Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung" (S. 250-251) und mit Angaben zu den Autorinnen und Autoren (S. 252-257).

Einleitung

In der Einleitung(S. 7-16) zeigen die beiden Herausgeber auf, was es bedeutet kann, Gesundheit gemeinsam zu gestalten. Der Hintergrund sind die Initiativen für eine gesundheitsfördernde Kultur im kommunalen Lebensraum. Mit der Fokussierung auf den Lebensraum und die Lebensweisen des Alltags des Menschen wird eine grundlegende Umorientierung öffentlicher Gesundheitspolitik angestrebt, so die Herausgeber. Das "Gesundheitsmotiv" wäre dabei ein Ausdruck eines allgemeinen Lebensinteresses aller Menschen mit einer integrierenden Zielsetzung einer multikulturellen Gesellschaft, zumal "(É) in Zeiten raschen sozialen Wandels und ökologischer Krisen das Leben vieler Menschen gefährdet ist" (S. 8). Mit dieser These wird ein Anschluss gefunden an ein soziologisches Thema seit Emile Durkheim. Als globale Herausforderungen sind zu berücksichtigen, dass soziale Unterschiede sich verschärfen:

  • Nachhaltige, salutogenetische und sinnstiftende Lebensweisen sind keine Privilegien von ExpertInnen
  • Das Gesundheitsmotiv, unnötiges Leiden und einen vorzeitigen Tod zu vermeiden verbindet alle Menschen
  • Gesundheitsförderung muss zwischen individuellen Lebensbedürfnissen und kollektiven Notwendigkeiten glaubhaft vermittelt werden
  • Es ist das Ziel, die reflexive Selbstaufklärung der Menschen zu unterstützen und sie zu befähigen, grundlegende Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen
  • Menschliche Gesundheit entsteht im Lebensprozess. Insofern ist der Alltag von zentraler Bedeutung
  • Der sozialen Verständigung über eine menschengemäße Gestaltung der alltäglichen Lebensräume kommt eine große Bedeutung zu
  • Neben dem geogaphischen Lebensraum (Dorf, Stadt, Stadtviertel) haben die Institutionen des Arbeitsalltags ein besonderes Gewicht - von der Welt der Kinder und Heranwachsenden bis zu älteren Menschen

Zusammengefasst richtet sich die Stärkung gesundheitsfördernder Lebensbedingungen auf familiäre, wohnliche, nachbarschaftliche, betriebliche und lokale Lebenszusammenhänge. Dabei geht es um einen Ausgleich von Lebenschancen, "(É) wo eklatante Defizite die selbstbestimmte Sorge für ein gelingendes Leben beeinträchtigen" (S. 9). Die Ziele und Programme der WHO (Gesunde Städte Projekt; Umsetzung der Grundsätze der Ottawa-Charta; UN-Konferenz von Rio de Janeiro von 1992) einerseits und die sozial- und gesellschaftspolitischen Diskurse andererseits, lassen sich in folgende gesundheitsrelevante Diskurse ausdifferenzieren (S. 10-11):

  • Gesundheitsdiskurs
  • Umweltdiskurs
  • Gemeinwohldiskurs
  • Demokratiediskurs
  • Diskurs sozialer Sicherung
  • Tätigkeitsdiskurs
  • Staatsdiskurs
  • Qualitätsdiskurs

Um die gesundheitspolitischen Ziele wirkungsvoll zu bündeln, wir vorgeschlagen, mit Blick auf die Finanzwirtschaft, rechtlich selbständige Stiftungen und Fonds zur Finanzierung der Gesundheitsförderung aus der Taufe zu heben:

  • Ein öffentlicher "ZukunftsFonds Gesundheit"
  • Eine Fonds-Konstruktion, die auch private Beteiligungen, Zuwendungen und Schenkungen für wirkungsvolle Maßnahmen der Gesundheitsförderung honoriert
  • Eine Fonds-Konstruktion, die es Menschen mit guten Ideen und Konzepten ermöglicht, diese durch unbürokratische Formen öffentlicher Unterstützung auch zu realisieren
  • Eine Fonds-Konstruktion die durch öffentliche Abgaben auf gesundheitsschädigende Produkte deren Verbreitung einschränkt
  • Eine Fonds-Konstruktion zur subsidiären Förderung lokaler Bürgerstiftungen 

Die Herausgeber stellen abschließend fest, dass Ansätze wirkungsvoller Gesundheitsförderung vorliegen. Das Gesundheitsmotiv müsste im politischen Raum wirkungsvoll unterstützt und entfaltet werden. Die Beiträge in dem vorliegenden Buch sollten hierzu Anregungen geben und, wie oben erwähnt, die Leser inspirieren sich aktiv zu beteiligen (S. 15).

1 Gesundheitsfördernde Städte- und Gemeindeentwicklung

Im ersten Abschnitt  wird die "Gesundheitsfördernde(n) Städte- und Gemeindeentwicklung" (S. 19-86) dargestellt auf der Basis von 5 Berichten.

Im 1. Aufsatz bespricht die AG Gesundheitsfördernde Städte- und Gemeindeentwicklung (S. 19-24) fünf Thesen:

  1. Der gegenwärtige gesellschaftliche Wandel erzeugt vielfältige prekäre Lebenslagen
  2. Städte und Gemeinden müssen neue Funktionen zur Sicherung der kommunalen Daseinsvorsorge übernehmen
  3. Integrierte Programme gesundheitsfördernder Stadt- und Gemeindeentwicklung eröffnen neue Entwicklungschancen
  4. Für nachhaltige Entwicklungen sind tragfähige Infrastrukturen für gemeindeortientierte Gesundheitsförderung notwendig
  5. Die Verschränkungen von globalen und lokalen Entwicklungen erfordern eine neue Politik der Gesundheitsförderung in Europa und auf der Ebene von Bund, Ländern und Gemeinden

Im 2. Aufsatz bespricht Dr. Günter Klein, Leiter des Zentrums für Umwelt und Gesundheit der WHO in Bonn, die Kommunale Gesundheitspolitik im Kontext der Landes-, Bundes- und Europapolitik (S. 25-47). Ausgangspunkt ist die These - im Kontext der Entwicklung eines Gesundheitsmotivs als Lebensinteressen aller Menschen, dass das Jahrhundert der Partnerschaft vor uns liegt - lokal und global (S. 46). Zur Operationalisierung dieser These bespricht Klein politische Vereinbarungen und ihre Umsetzung - der Wirtschafts- und Standortfaktor Gesundheit; die Integration von globalem Denken und lokalem Handeln; das Handlungsmotiv "Gesundheit für alle"; Perspektiven der Urbanisierung, Gesundheit als Kernbereich der Entscheidungsprozesse mit einer Beteiligung der Öffentlichkeit und aller relevanter "Stakeholders", intersektoralem Arbeiten, Gleichheit, Nachhaltigkeit und einer breiten Wissensbasis; Investitionen in Europa zur Harmonisierung ökonomischer Prinzipien; die Durchsetzung des Verursacherprinzips und des Versorgungsprinzips im Gesundheitswesen; die Förderung von Partnerschaft und Vertrauen in einer europäischen Bewegung; "Gesundheit für alle" oder "Alle für Gesundheit"; das Protokoll Wasser und Gesundheit mit einer partnerschaftlichen Verhandlung für das Menschenrecht auf Wasser; die internationale Vernetzung von Prävention; Klimaschutz zum Schutz der Gesundheit; die Charta für Verkehr, Umwelt und Gesundheit mit der Perspektive gesundheitsfördernder Verkehrssysteme. Die Integration der erwähnten Public-Health-Strategien lässt, so Klein, auf ein neues Politikumfeld hoffen (S. 44) mit Aktionen  auf den Gebieten der Gesundheitsinformation, der Abwehr unmittelbarer Gesundheitsgefahren und der Weiterentwicklung der Determinanten der Gesundheit.

Klaus-Peter Stender, Sekretariat Gesunde Städte Netzwerk Hamburg, untersucht im 3. Aufsatz das Netzwerk Gesunde Städte. Gesundheit wird auch in Rathäusern entschieden!(S. 25-47).  Ausgangslage ist die These, dass Gesundheit nicht "hergestellt" werden kann; vielmehr, so die These, geht es darum, Chancen für Gesundheit zu schaffen: hier mit Bezug zur Kommunalpolitik (S. 47). Der Beitrag umfasst vier Kapitel. Im 1. Kapitel wird Gesundheit als kommunalpolitische Aufgabe vorgestellt. Im 2. Kapitel wird das Verhältnis von Stadt und Gesundheit erörtert - auch mit Blick auf drei Dilemmata. Im 3. Kapitel wir die Stärkung von Gesundheitsförderung und Prävention aufgezeigt mit der Perspektive, dass die Förderung der Gesundheit eine Investition in die Lebensgrundlagen bedeutet. Beantwortet wird die Frage nach Präventionsprinzipien und die Frage, welche kommunalen Gesundheitskompetenzen gesunde Städte ausweisen. Im 4. Kapitel wird das Netzwerk Gesunde Städte im Überblick referiert. Seit der Gründung im Jahr 1988 sind die Meilensteine dieses Netzwerkes:

  • Gesunde Städte Preis, Internationale Gesunde Städte Symposien und regionale Zusammenschlüsse
  • Selbst-Evaluation, Gesunde Städte Kompetenzzentren und Gesunde Städte Handlungskonzept
  • Vorsorgende Kommunalpolitik, erfolgreiche Praxisbeispiele, Kooperationskompetenz und Stärkung von Öffentlichkeitsaktivitäten
  • Rostock - Gesunde Städte Preisträger, Landesrahmenprogramm Gesunde Stadt Hamburg, Gesunder Kreis Unna
  • Kommunikationsaufgabe Gesundheitsförderung, verknüpfende Aktivitäten und Strukturen in den Kommunen und Strukturen und Kompetenz

Im 4. Aufsatz referieren Christa Böhme, Dr. Rolf-Peter Löhrund Ulla-Kristina Schuleri-Hartj, Deutsches Institut für Urbanistik Berlin, über den Zusammenhang der sozialen Stadt mit der Gesundheit (S. 66-80) und dargestellt in 6 Kapiteln. Im 1. Kapitel geht es um das Bund-Länder-Progamm Soziale Stadt: Anlass und Ziele. Im 2. Kapitel besprechen die Autoren/Innen Handlungsansätze und Handlungsinstrumente des Programms Soziale Stadt. Im 3. Kapitel geht es um benachteiligte Stadtteile und gesundheitliche Probleme. Im 4. - 6. Kapitel analysieren Böhme, Löhr und Schulder-Hartj die Gesundheitsförderung als Handlungsfeld sozialer Stadtteilentwicklung, Stadtteilbezogene Strategien zur unmittelbaren Gesundheitsprävention und -förderung und die Stärkung von Gesundheitsförderung in der sozialen Stadtteilentwicklung.

Marcus Pierk und Stefanie Wulf, Agenda-Transfer/Bundesweite Servicestelle Lokale Agenda 21, besprechen im 5. Aufsatz die Bedeutung von Nachhaltig gesund: Die lokale Agenda 21 (S. 81-89). Mehrere Aspekte werden von den Autoren in das Zentrum gerückt.

  1. wird die These diskutiert, dass Städte und Gemeinden eine wichtige Handlungsebene für eine zukunftsfähige Entwicklung sind. Der Startschuss für die lokale Agenda 21 fiel 1992 auf dem UN-Gipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. "Was die Agenda 21 jedoch so einzigartig macht, ist die Einsicht, dass zukunftsicherndes Handeln auf dem wechselseitigen Zusammenspiel ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Strukturen beruht" (S. 81). Deutlich wird, dass es auf die Wechselwirkungen zwischen "physischen, geistigen, biologischen und ökonomischen / sozialen Außenbedingungen" ankommt, so die Agenda 21 (S. 81).
  2. wird die These vertreten, dass Ursache und Lösung der Probleme in Kommunen nahe beieinander liegen. Um diesem Widerspruch zu begegnen und das Gesundheitsmotive zu fördern, sollen, so im Kapitel 28 der Agenda 21, die Städte und Gemeinden mit ihren Bürgerinnen und Bürgern, der Wirtschaft, den Kirchen, Vereinen und Verbänden ein eigenes Handlungsprogramm aufstellen. Inzwischen haben 2.400 Städte, Gemeinden und Landkreise einem Beschluss zur Aufstellung einer lokalen Agenda 21 gefaßt. 
  3. kommen vielfältige Ansätze in unterschiedlichen Bereichen zur Geltung wie "Wirtschaft und Arbeit", "Umwelt- und Naturschutz" oder "Stadtentwicklung und -planung". Insofern ist die Agenda 21 mehr als ein "Umweltprojekt". Angestrebt wird die Verbindung von Wirtschaft und Ökologie. Jedoch fehlt es zunehmend an Finanzen und Personal (S. 83).
  4. werden erfolgreiche Programme für die Gesundheit vorgestellt: Rostock und Halle an der Saale. In Rostock arbeiten, angestoßen vom Gesundheitsamt, die meisten Ämter im Rahmen des Gesunde Städte-Projekts mit dem Agendabüro der Stadt zusammen. Jährlich finden Konferenzen statt. Beispielsweise war im Jahr 2003 "Armut" das beherrschende Thema. Konkrete Maßnahmen wurden im Ortsteil Evershagen ergriffen, einem Ortsteil mit hoher sozialer Benachteiligung. Der Grundgedanke, eine gesunde Stadt zu schaffen, hat in Halle an der Saale dazu geführt, "(É) dass eine Vernetzung aller Vereine, Institutionen, Ämter und das Engagement der BürgerInnen der Schlüssel zur erfolgreichen Entwicklung der Stadtteile war" (S. 84-85).
  5. wird der Aufsatz abgeschlossen mit einem Beitrag zur "Gesundheit als Thema im Nachhaltigkeitsprozess" (S. 85). Beispiele kommen aus Brühl mit Maßnahmen gegen Lärm, gesunde Ernährung mit Lebensmitteln aus der Region in Berliner Kindertagesstätten, Gesundheitsförderung von Migranten/Innen in Hannover oder die Gründung von zwei Gesundheitshäusern in Unna. Zahlreiche Beispiele sind nachzulesen in der Internetdatenbank: www.gute-Beispiele.net.

2 Infrastrukturen für eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung

Im zweiten Abschnitt wird das Thema der "Infrastrukturen für eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung" (S. 89-152) diskutiert. Auf dem Hintergrund von sechs Präsentationen werden Organisationen und Institutionen im Kontext infrastruktureller Maßnahmen vorgestellt.

Im 1. Aufsatz bespricht Stefan Kröger, Dipl.-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Gesundheitshäuser, Gesundheitszentren und -läden als Orte der Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte am Beispiel des Gesundheitszentrums Osnabrück (S. 89-102). Die Abhandlung ist in zwei Abschnitte gegliedert. Unter Berücksichtigung der historischen Methode wird in einem 1. Schritt  die Gründung (seit 1980) Etablierung, Neuorientierung (seit 1996), besondere Angebote für Benachteiligte und die aktuellen Planungen vorgestellt. Insgesamt geht es in den Gesundheitszentrum um:

  • Stärkung der persönlichen Kompetenz
  • Unterstützung von Gemeinschaftsaktionen
  • Schaffung gesunder Lebenswelten
  • Gesundheitsförderliche Gesamtpolitik
  • Neuorientierung der Gesundheitsdienste

Hinsichtlich der Benachteiligtenarbeit wurden spezielle Gesprächsgruppen aufgebaut:

  • Junge Frauen aus der Türkei, der ehemaligen Sowjetunion, unterschiedlicher Länder
  • Junge Frauen mit Behinderung und/oder chronischen Krankheiten
  • Junge arbeitslose oder Sozialhilfe beziehende Frauen

Aktuelle Planungen rücken die folgenden Schwerpunkte ins Zentrum der Gesundheitsarbeit:

  • Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten
  • Menschen mit Depressionen
  • Menschen in sozialer Isolation

In einem 2. Schritt  werden die Funktionsbereiche von Gesundheitshäusern aufgezeigt:

  • Bürgerbeteiligung an gesundheitsrelevanten kommunalen Entwicklungsprozessen
  • Partizipative Projekte setting-orientierter Gesundheitsförderung
  • Gruppen- und themenbezogene Formen der Gesundheitsinformation, -bildung und -beratung
  • Gesundheitsbildung
  • Therapeutische und beratende Dienste
  • Projektentwicklungen und Koordinationsleistungen
  • Demonstrations-, Vermittlungs- und Verkaufstätigkeiten
  • Unabhängige Initiativ-, Informations- und Beschwerdestelle

Zusammenfassend stellt Kröger fest, dass Gesundheitszentren ein wichtiger Ort der Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte ist. Jedoch fehlt es an einem Bundesmodellprojekt zur finanziellen Unterstützung dieser Arbeit. Insofern ist "(É) Deutschland auch weiterhin ein Entwicklungsland bezüglich der Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte" (S. 98).

Im 2. Aufsatz berichtet Jörg Espei, Dipl.-Sozialpädagoge, Gesundheitsamt/Gesundheitshaus Münster, über unabhängige Patientenstellen - bürgernahe Serviceeinrichtungen im Gesundheitsbereich (S. 103-110). Seit der Förderung bestehender Patientenberatungsstellen durch die Krankenkassen (§ 65 b Sozialgesetzbuch V) nehmen die Anfragen nach Patientenberatung zu. Zielgruppen sind einmal die Bürger einer Stadt oder Gemeinde, die Gesundheitsleistungen beanspruchen möchten, aber auch Mitarbeiter in Bildungs- und Beratungseinrichtungen, bei den Sozialdiensten der Krankenhäuser, Mitarbeiter in ambulanten Pflegediensten oder Apothekenmitarbeiter. Mindeststandards, Personal- und Sachkosten, Kooperationspartner und die Evaluation wird vorgestellt, zumal eine wissenschaftliche Begleitung der Beratungsstellen erforderlich ist (S. 108).

Im 3. Aufsatz erklärt Jochen Hartlieb, MPH, die Neuorientierung und Weiterentwicklung von Gesundheitshäusern(S. 110-126). Gesundheitshäuser sind, so Hartlieb, eine Ergänzung zu klassischen Gesundheitsämtern. Seit 13 Jahren haben sich die Gesundheitshäuser etabliert; sie erfüllen eine bürgerorientierte Servicefunktion mit dem Augenmerk auf bislang nicht erreichte Bevölkerungsgruppen (S. 110). Zu ihren klassischen Hauptaufgaben zählen:

  • Gesundheitsförderungs-, Präventions- und Gesundheitsbildungsprogramme
  • Aktive Unterstützung von Selbsthilfegruppen
  • Kontakte zwischen Bürgern und Anbietern von Gesundheitsleistungen
  • Gesundheitsinformationen

Der theoretische Hintergrund für die Gesundheitshäuser ist das Konzept der Salutogenese bei Antonowsky (S. 111-112). Salutogenese ist nicht nur eine Frage von Copingstrategien, sondern eine Frage der Lebenseinstellung. In vier Kapiteln untersucht Hartlieb die Weiterentwicklung der Gesundheitshäuser. Nach der Einleitung wird erstens der Begriff der Gesundheit seit der WHO-Definition mit besonderem Blick auf die Salutogenese dargelegt. Zweitens analysiert der Autor das Konzept der Gesundheitsförderung vs. Prävention. Hartlieb kommt zu dem Schluss, dass die Leitidee der Gesundheitsförderung eine Verortung im kommunalen Gesundheitssystem erfordert durch ein qualifiziertes kommunales Gesundheitsmanagement. So wird drittens das kommunale Gesundheitsmanagement expliziert. Da Gesundheitshäuser als kommunaler Ort der Gesundheitsförderung definiert sind, so Jochen Hartlieb,sind sie als "Zentrum für Innovation, Bedarfsentwicklung, Zukunftsforschung, Bürgerorientierung und Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Gesundheit" (S. 116) zu verstehen. Mit der Änderung des Gesetzes für den Öffentlichen Gesundheitsdienst in NRW (ÖGDG) haben sich auch die Aufgabenprofile der Gesundheitshäuser gewandelt. Hauptparameter sind die Bürgerorientierung, Politikfeldübergreifende Konzeption und die interkulturelle Kompetenz.

Viertens schlägt sich dieser Befund in einer "Vier-Modulen-Theorie" nieder:

  • Modul 1 mit Gesundheitsservice und Bürgerorientierung
  • Modul 2 mit Gesundheitsangebote wie Verbraucherschutz, Gesundheitsversicherung oder interkulturelle Kompetenz
  • Modul 3 mit der Gesundheitskommunikation wie Selbsthilfekonferenz, Ehrenamt als kommunales Sozialkapital, Gesunde Städte Netzwerk oder Öffentlichkeitsarbeit
  • Modul 4 mit dem Gesundheitswissen auf dem Hintergrund der kommunalen Gesundheitsberichterstattung wie auch zur Unterstützung der Frage nach der sozialpolitischen Umsetzung

Abschließend stellt Hartlieb fest, dass Gesundheitshäuser ein weitsichtiges Instrumentarium sind; ihr Wirkkraft steht in einem Spannungsverhältnis von Selbstentwicklung, Kohärenz bei den Bürgern und das Engagement der Führungs- und Entscheidungsebenen in den Kommunalveraltungen (S. 123-124). 

Im 4. Aufsatz untersucht Peter Irmer, Dipl.-Theologie und Gesundheitswissenschaftler, das Konzept der bürgernahen Gesundheitsförderung durch interprofessionelle Qualitätszirkel (S. 126-137). Das Ziel dieses Prokjektes ist verbunden mit der Projektidee, einen interprofessionellen Qualitätszirkel "Gesunde Lebensstile für junge BürgerInnen" zu unterstützen. Ansatzpunkte sind die sozial-kommunikativen Kompetenzen der AkteurInnen selbst, wie die Zusammenarbeit innerhalb der Netzwerkstruktur des Gesundheits- und Sozialwesens. Hintergrund ist das Instrument des ärztlichen Qualitätszirkels aus den 90er Jahren. Weitere Projektziele sind hierbei die Vernetzung der Arbeit von AkteurInnen des Gesundheits- und Sozialwesens wie die Verbreitung des Konzeptes der Salutogenese. (S. 128). Irmer kommt zu dem Fazit, dass es durchaus gelingen kann, beizutragen zur Verbesserung eines gesundheitlichen Lebensstils bei jungen BürgerInnen (S. 134).

Im 5. Aufsatz berichtet Ines Mula, wissenschaftliche Mitarbeiter an der Hochschule Magdeburg-Stendal, über die gemeindebezogene Gesundheitsförderung. Erfahrungen mit einer überregionalen Weiterbildung (S. 126-137). Die Weiterbildung versteht sich als Beitrag für mehr Professionalität in der Gesundheitsförderung und wird für folgende Tätigkeitsbereiche angeboten:

  • Öffentliche Verwaltungen im Gesundheits-, Sozial- und Umweltbereich
  • Krankenkassen oder Unfallversicherungen
  • Wohlfahrtsverbände
  • Netzwerkprojekte (Gesunde-Städte-Projekt, Lokale Agenda, Gesundheitsfördernde Schulen)
  • Selbsthilfeorganisationen, Bürgerinitiativen, lokale Arbeitsgemeinschaften
  • Lokale Projekte im Gesundheits-, Sozial- und Umweltbereich

Im Zuge der Praxisorientierung der Weiterbildung haben sich die Studierende mit folgenden Projektthemen befasst:

  • Ein Konzept für ein Gesundheitshaus entwickeln
  • Aufbau einer Selbsthilfe-Kontaktstelle oder eines PatientInnen-Netzwerkes
  • Aufbau eines Aktionsbüros Gesunde-Stadt und Lokale Agenda 21
  • Zukunftswerkstätten zum Thema "Wohlfühlen in der Stadt"
  • Initiierung einer lokalen Gesundheitskonferenz
  • Bildung eines lokalen Netzwerkes Sucht-Prävention
  • Planung einer lokalen Bürgerstiftung Gesundheitsförderung
  • Planung einer lokalen Vernetzungsstruktur für settingsorientierte Projekte
  • Planung einer lokalen Innovations-Werkstatt "Gesundheit"
  • Realisierung von lokalen Gesundheitsaktionen für spezifische Personengruppen
  • Stadtentwicklungsprojekte (Mobile Stadt, Kinderfreundliche Stadt)
  • Planung eines grünen Marktes für ökologische Produkte

Im 6. Aufsatz berichtet Prof. Dr. Eberhard Göpel, Herausgeber, über Neue Finanzierungsformen für die kommunale Gesundheitsförderung durch einen ZukunftsFonds Gesundheitsförderung (S. 147-153). Seit 80er Jahren sind im Kontext der Gesundheitsbewegung Ideen und Projekte entwickelt worden (S. 147):

  • Konzepte für eine wirkungsvolle Unterstützung von Selbsthilfeaktivitäten durch öffentliche Kontakt- und Informationsstellen
  • Konzepte für ganzheitliche Therapie und Rehabilitationsformen, welche die gesundheitlichen Kompetenzen der Patientinnen nutzen und fördern
  • Konzepte für eine wirkungsvolle Vertretung von Patienteninteressen in der Krankheitsversorgung, die zu einer Qualitätsverbesserung beitragen können
  • Konzepte für differenzierte Formen der Gesundheitsförderung für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Wertvorstellungen
  • Konzepte für eine gesundheitsfördernde Organisationsentwicklung in den Institutionen des Alltagslebens (Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Verwaltungen, Krankenhäuser, Heime, Gefängnisse)
  • Konzepte für eine gemeinwesenorientierte, kommunale Gesundheitsförderung, die eine aktive Bürgerbeteiligung für eine nachhaltige Stadtentwicklung unterstützen
  • Konzepte für lokale Gesundheitshäuser und nachbarschaftliche Orte der Gesundheitsförderung

Die Finanzierung der Projekte ist mager gesichert bis zur "ehrenamtlichen Selbstausbeutung" (Göpel). Auf diesem Hintergrund ist die Entwicklung einer Finanzierungsstruktur mehr als geboten. Verschiedene Finanzierungsformen werden von Eberhard Göpel besprochen:

  • Landesstiftungen zur modellhaften Erprobung von Projekten in der Gesundheitsförderung
  • Bundesstiftungen zur Entwicklung von öffentlichen Vorbild- und Leitfunktionen, zur Unterstützung von Entwicklungspotentialen in Problemregionen und als Beitrag für eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik
  • Mittel-Akquise auf der Ebene der lokalen Bürger-Stiftungen wie z.B. in Italien erprobt
  • Mittel-Akquise und auf der Ebene der Bundesländer durch subsidiäre Landesstiftungen

3 Methodische Ansätze für Berichterstattung und Zielbestimmung

Im dritten Abschnitt  werden Methodische Ansätze für die Berichterstattung und Zielbestimmung (S. 155-175) wie

Im 1. Aufsatz bespricht Joseph Kuhn, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, die Gesundheits- und Sozialberichterstattung (166-164). In Brandenburg werden sowohl auf der kommunalen Ebene als auch auf der Landesebene Gesundheits- und Sozialberichte erstellt, geregelt in § 15, Brandenburgisches Gesundheitsdienstgesetz (BbgGDG). Themen der Gesundheits- und Sozialberichterstattung in Brandenburg von 1994 - 2003 waren:

  1. Gesundheitswesen im Umbruch (1994)
  2. Infektionsreport (1994)
  3. Erster Behindertenbericht (1994)
  4. Allergievorsorgeprogramm (1994)
  5. Mundgesundheit der Kinder und Jugendlichen (1995)
  6. Infektionsreport (1995)
  7. Familienbericht (1997)
  8. Gesundheit der Schulanfänger (1997)
  9. Gesundheit und Arbeitswelt (1997)
  10. Landesaltenbericht (1998)
  11. Brandburgische Daten zum Gesundheitswesen 1998
  12. Menschen mit Behinderungen im Land Brandenburg (1999)
  13. Sozialpolitik im Überblick (1999)
  14. Einschüler in Brandenburg: Soziale Lage und Gesundheit (1999)
  15. Brandenburger Sozialindikatoren 2000
  16. Soziale Lage und Gesundheit von jungen Menschen (2001)
  17. Brandenburger Sozialindikatoren 2001 (Tabellen)
  18. Brandenburger Sozialindikatoren 2002 (Tabellen)
  19. Demenz als sozialpolitische Herausforderung (2003)
  20. Zwei Geschlechter, zwei Gesundheiten? (2003)

Joseph Kuhn bespricht zur Vertiefung der Gesundheits- und Sozialberichterstattung Indikatoren wie Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Bevölkerung, Arbeitsmarkt, Einkommen, Bildung, Wohnen, Gesundheit, Behinderung und Pflege wie die Politik und den Rechtsstaat. Abschließend diskutiert der Autor die These, dass die Berichterstattung eine "Element der Zivilgesellschaft" ist, "(É) in der der moderne Staat die Bürger und die fachlichen Akteure (Verbände, Sozialversicherungsträger etc.) zur demokratischen Mitwirkung einlädt - mit Rückwirkung auf die Planung, Organisation und Gestalt der Berichterstattung (S. 163).

Im 2. Aufsatz befasst sich Prof. Dr. Barbara Dippelhofer-Stiem, Soziologieprofessorin an der Universität Magdeburg und im Jahr 2002 zuständig für die Gesundheitsberichterstattung des Landes Sachsen-Anhalt, mit der Frage, inwiefern die Gesundheitssozialisation ein tragfähiger theoretischer Ansatz für den Survey(S. 164-173) ist. Hintergrund der Analyse ist der Befund, dass die Gesundheits- und Sozialberichterstattung weitgehend deskriptiv Daten sammelt und zu Berichten zusammenfasst. Das Ziel ihres Beitrags ist es, "(É) exemplarisch zu erörtern, ob und wie dieser umgekehrte Weg der post-hoc-Theoretisierung von Survey-Daten in der Gesundheitsforschung weiter zu entwickeln ist" (S. 165). Erkenntnisleitend dient als Konstrukt die Gesundheitssozialisation, maßgeblich inspiriert von Klaus Hurrelmann (1994). Die realisierte Netto-Stichprobe umfasst 2090 deutsche Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Als Erhebungsinstrument dient ein standardisierter Fragebogen mit 147 Orginalvariablen. Vielfältige Variablen werden einbezogen:

  • Die gesundheitliche Lage der Bevölkerung
  • Die salutogenen Ressourcen, Wertigkeiten und Verhaltensweisen

Wissenschaftliche spannend wird es sein, auf dem Hintergrund der Untersuchungen, die Frage zu besprechen, "(É) wie fruchtbar der epistemologische Weg der post-hoc-Anbindung von Surveys an theoretische Begriffe und Konzepte sein kann und inwieweit die Theoriebildung davon profitieren wird (S. 171).

4 Zusammenhang von Geschlecht und sozialer Ungleichheit

Im vierten Abschnitt wird der Zusammenhang von Geschlecht und sozialer Ungleichheit als Thema der Gesundheitsförderung (S. 177-243) erörtert.

Im 1. Aufsatz erörtert Dr. habil. Viola Schubert-Lehnhardt, Mitherausgeberin des vorliegenden Buches, die Frage nach einer geschlechterspezifischen kommunalen Gesundheitsförderung - dargestellt am Beispiel des Netzwerkes "Frauen und Gesundheit" in Sachsen-Anhalt und des "Initiativkreises Frauen und Gesundheit" in der Stadt Halle (S. 177-182). Ausgangslage ist der Befund, dass Frauen anders krank sind als Männer hinsichtlich der Ursachen, Ausprägung und Empfinden von Gesundheit und Krankheit (S. 177). Kritisch gesehen wird eine "mechanistische Sicht auf Gesundheit und Krankheit" (S. 177); sie widerspricht den ganzheitlichen Gesundheitsverständnis von Frauen, so Schubert-Lehnhardt. Seit 1997 besteht in Sachens-Anhalt das Netzwerk "Frauen und Gesundheit" mit dem Ziel, frauenspezifische Gesundheitsförderung und -versorgung zu ermöglichen. Das Hauptanliegen "(É) ist ein gegenseitiger Austausch zu Frauengesundheitsfragen und das gemeinsame und unterstützende Handeln auf diesem Gebiet" (S. 178). Die Netzwerkerinnen treffen sich vierteljährlich zu einer Beratung, in der Aktivitäten besprochen und vorbereitet werden (Tagungen, Foren, Gesprächsrunden, Referate und Anfragen). Schwerpunkte des Netzwerkes sind:

  • Frauengesundheit aus Frauensicht definieren und anwaltschaftlich dafür eintreten
  • Einfluss auf Gesundheits- und Sozialpolitik nehmen
  • Frauen zum Thema Gesundheit zusammenführen
  • Gesundheitskompetenzen und Selbstbestimmung von Frauen stärken

Konkret wurde in Halle ein Frauengesundheitsforum eingerichtet. Es handelt sich um eine präventivmedizinische Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Hallenser Universitätsfrauenklinik. Auch ist geplant eine geschlechtsspezifische Berichterstattung aufzubauen.

Im 2. Aufsatz untersucht Inés Brock, Landesvorsitzende BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit, Soziales und Arbeitsmarkt bei den Grünen, die Familiengesundheit am Beispiel von Sachsen-Anhalt (S. 183-191). Die Autorin referiert über gesundheitliche Ungleichheit, sozialepidemiologische Risikofaktoren und paradoxe Phänomene in der postmodernen Gesellschaft. Der Bezugspunkt für die Defizitanalyse ist der demographische Umbruch. Neben der Sozialen Sicherheit ist auch die Volksgesundheit bedroht. Dabei geht sie von der These aus, dass trotz aller Bemühungen um Gesundheitsvorsorge und Präventionsprojekte, die folgenden Generationen in Deutschland jeweils kränker sein werden, als die vorherigen (S. 183). Inés Brock plädiert als "Lösungsansätze" - im Zuge des Präventionsgesetzes - die Verhältnisprävention gleichberechtigt neben die Verhaltensprävention zu stellen (S. 189). Familiengesundheit für Kinder und Jugendliche, so Brock, tangieren z.B. die Bereiche Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung. Weitere Ansätze sind eine kindorientierte Sozialpolitik als Basis einer gesundheitlich gestärkten Kinderpopulation. Integrativ könnten Familiengesundheitszentren sein. "Neben der Beratung zur gesunden Lebensführung (Ernährung, Tagesgestaltung, Rhythmus der Familien, Rituale, Kommunikationsstil, Streitkultur, Integration und Bedeutung von Besergung, Befähigung zur aktiven Erholung im Familienalltag) gehört dazu: die Entwicklung von Selbstwahrnehmung, das Erkennen gegenseitiger Stärken und Fähigkeiten und die gegenseitige Wertschätzung (S. 191).  

Im 3. Aufsatz berichtet Thomas Altgeldüber Männergesundheit(en) - Neue Krankheiten, alte, blinde Flecken und die Herausforderungen einer zielgruppengerechten Gesundheitsversorgung (S. 192-220). In fünf Kapiteln setzt sich der Autor mit dem Thema auseinander. Im ersten Kapitel  wird Mortalität und Morbidität im Geschlechtervergleich referiert. Befunde sind, dass Männer im Vergleich zu Frauen früher sterben und anders krank sind. Statistische Vergleichskategorien sind:

  • Tab. 1: Lebenserwartung bei Geburt und im Alter von 20 und 60 Jahren
  • Tab. 2: Sterbefälle durch Suizid
  • Tab. 3: Geschlechterverhältnis an bösartigen Neubildungen
  • Tab. 4: Relative 5-Jahres-Überlebensraten bei Krebsarten nach Geschlecht und Lokalisation
  • Tab. 5: Krebsfrüherkennung 2000
  • Tab. 6: Häufigste Diagnosen von aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten/Innen
  • Tab. 7: Wiener Männer, die mindestens einmal pro Woche Sport betreiben nach dem Alter
  • Tab. 8: Zunahme der Arbeitsbelastungen in den letzten zwei Jahren
  • Tab. 9: Sterblichkeit wegen Diabetes mellitus (ICD-9) in Wien seit 1980 nach Geschlecht

Im zweiten Kapitel wird die These erörtert, ob Männerkörper als neuer Markt für die Pharma- und Wellness-Industrie interessant sind. Beispielsweise steht auf der "Hitliste" neuer Männerkrankheiten, so Altgeld, folgende Diagnosen (S. 205):

  • Männliches Klimaterium
  • Erektionsstörungen
  • Schönheitschirurgie
  • Osteoporose
  • Männerdepression
  • Adoniskomplex, d.h. Schönheitswahn und Körperkult.

Im dritten Kapitel  untersucht der Autor die These, dass die neuen Steuerungsinstrumente in der Gesundheitsversorgung wie Disease Management-Programme (DMP) und DRGs weitgehend geschlechterinsensibel sind. "Im Mittelpunkt der DMPs stehen Leitlinien für die Behandlung der jeweiligen Erkrankung, die in wissenschaftlichen Studien auf Wirksamkeit, Sicherheit und Nutzen überprüft worden sind, sogenannte evidenzbasierte Leitlinien" (S. 210). Beispielsweise berücksichtigen die bisher genehmigten Programme für Diabetes mellitus Typ 2 keinerlei Geschlechtsdifferenzierungen auf, obwohl die Mehrzahl der in Deutschland pro Jahr durchgeführten 28.000 Fußamputationen als Spätfolge von Diabetes bei Männern (S. 211). Die Geschlechterinsensibilität ist von der Koordinationsstelle Frauen und Gesundheit NRW 2003 für die noch nicht verabschiedeten DMPs zu Herzkreislauferkrankungen im Vorfeld kritisiert worden (www.frauengesundheit-nrw.de) (ebenda). Auch für die Einführung von Fallpauschalen in der stationären Versorgung liegen noch keine Angaben über die Wertigkeit von Geschlecht als Faktor bei der Gewichtung von Fällen vor. Geschlechtsdifferenzierende Kriterien sind nicht vorgesehen.

Im vierten Kapitel zeigt Altgeld das Gesundheitsförderungsparadox auf. Dieses Phänomen zeigt sich bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsförderungsangeboten (S. 213):

  • Frauen nehmen die Angebote viel stärker in Anspruch
  • Frauen sind bei der Angebotsauswahl aktiver
  • Frauen zeigen sich in der Kursarbeit aktiver

Zur Überwindung der Geschlechterinsensibilität in der Gesundheitspolitik wie eines Gesundheitsförderungsparadox plädiert der Autor im fünften Kapitel für ein "Diversity management" als Zukunftsaufgabe der Gesundheitsversorgung und -förderung". Vier Handlungsfelder für die Entwicklung einer männergerechteren Gesundheitsförderung und -versorgung werden skizziert:

  1. Ausdifferenzierung von klar umrissenen Subzielgruppen
  2. Sensibilisierung und Qualifizierung von Multiplikatoren im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich für männerspezifische Gesundheitsproblematiken und Gesundheitsförderungsansätze
  3. Entwicklung einer jungen- und männerspezifischen Gesundheitskommunikation
  4. Implementation von Gendermainstreaming als Querschnittsanforderung und Qualitätsmerkmal von Gesundheitsförderung und Prävention

"Diversity Management" - ein Konzept aus der Personalentwicklung - heißt wörtlich übersetzt "Unterschiedlichkeit". Gesetzt wird auf eine Managementstrategie, die bewusst die individuelle Verschiedenheit fördert. "Insbesondere müssen ihn einer älter werdenden Gesellschaft mit sich vergrößernden sozialen Unterschieden das Lebensalter und die soziale Lage stärker berücksichtigt werden, wenn die vielbeschworene Zukunftsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens wirklich gesichert werden soll" (S. 220).

Im 4. Aufsatz untersuchen Dr. Raimund Geene, MPH, Geschäftsführer von Gesundheit Berlin e.V. und Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Leiter der AG Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Gesundheitsförderung im Setting als Beitrag zum Abbau sozial ungleicher Gesundheitschancen.  Die Autoren zeigen die Funktion der Primärprävention auf zum Abbau sozial ungleicher Gesundheitschancen. Bezug genommen wird auf das Setting-Konzept (S. 225) mit Erfahrungen in den Settings Betrieb und Schule und mögliche Rückschlüsse auf Settingaktivitäten im Stadtteil. Als Praxisbeispiel werden über primärpräventive Aktivitäten in Berlin berichtet (S. 232).

Abschlossen wird der Sammelband mit einem Bericht zur Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung und zur Internationalen Union für Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung (Adresse: 2, rue Auguste Comte, 92170 Vanves, France; email: mclamarre@iuhpe.org)

Die Darstellungsart, der Schwierigkeitsgrad und bibliographische Kriterien

Ist das Werk inhaltlich wertvoll so ist es redaktionell doch mit beachtlichen Schwächen versehen. Was jedem Studenten/In im Grundstudium abverlangt wird, nämlich eine Seminararbeit mit einer klar strukturierten Gliederung zu versehen, wurde hier ignoriert. Das strukturelle Chaos erschwert die Lektüre. Auch haben einige Autoren nicht die Zeit gefunden, ihre Literaturlisten beizufügen. Diese Autoren erwarten nun, dass die Leser bei ihnen anrufen, um die Literaturlisten abzufordern - ein unzumutbarer Aufwand für ein Buch, das immerhin Û 19,80 kostet. Auch fehlen Sach- und Personenregister. Das Buch ist wohl auf die Schnelle gemacht und insofern nicht solide.

Fazit

Abgesehen von den redaktionellen Schwächen dieses Buches, wird der Leser eingeführt in den sozialen Konstruktionsprozess von Gesundheit auf dem Hintergrund gesundheitsfördernder Städte- und Gemeindeentwicklung, dem Aufbau von Infrastrukturen der Gesundheitsförderung, der besonderen Bedeutung des Zusammenhangs von Geschlecht und Gesundheit wie der Reflexion methodischer Ansätze, wobei der Beitrag von Barbara Dippelhofer-Stiem zur Gesundheitssozialisation wissenschaftlich besonders wertvoll ist. Der Kommentar des Mabuse-Verlags, lautet: "Die Autorinnen dieses Buches plädieren für eine Wiederbelebung des Kommunalen in Deutschland. Sie vermitteln vielfältige Anregungen für eine gemeindebezogene Gesundheitsförderung und eine öffentliche Gesundheitspolitik, die die politische Handlungsfähigkeit der Kommunen stärkt". Zusammengefasst geht es um die Stütze salutogenetischer Strukturen mit dem Ziel, Gesundheit als Kraftquelle zu stärken (Hurrelmann & Laaser). Das Werk ist inhaltlich informativ und zukunftsweisend.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 01.08.2006 zu: Eberhard Göpel, Viola Schubert-Lehnhardt (Hrsg.): Gesundheit gemeinsam gestalten 2. Kommunale Gesundheitsförderung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-935964-61-6. Reihe: Gesundheit gemeinsam gestalten - 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2023.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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