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Philipp Hübl: Der Untergrund des Denkens

Cover Philipp Hübl: Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2015. 477 Seiten. ISBN 978-3-498-02811-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Autor

Die meisten, denen Philipp Hübl bekannt ist, dürften ihn wohl als Autor des 2012 im selben Verlag erschienenen Sachbuch-Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen“, einer gleichermaßen intelligenten wie unterhaltsamen Einführung in die moderne Philosophie kennen. Manche aber auch als Bruder eines bekannten Models (Johannes Hübl). ZEIT-Leser(innen) erinnern sich seiner vielleicht als Autor des geistreich-amüsanten Artikels „Ich denke, also fahr ich“ (DIE ZEIT v. 30.12.2015, S. 67; nachzulesen unter www.philipphuebl.coma). Dort beschreibt der in 1975 in Hannover Geborene, der sich später Berlin als neue Heimat wählte und der derzeit in Stuttgart lehrt, den ICE als „neuen Ort des akademischen Diskurses“ (ebd.); ob die DB dafür Drittmittel bereitgestellt hat, ist unklar.

Der Autor lehrt als Juniorprofessor „Theoretische Philosophie“ am Philosophischen Institut der Universität Stuttgart (www.uni-stuttgart.de/philo/mitarbeiter/aktuelle_mitarbeiter/huebl.html). Darauf ist der Studienstiftler (Studienstiftung des deutschen Volkes) und Fulbright-Scholar vorbereitet durch Studien der Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford sowie Lehrtätigkeiten an der RWTH Aachen sowie der HU Berlin (www.philipphuebl.com/). An familiärer und schulischer Förderung hat es ihm nicht gemangelt: englischsprachiges Internat mit Platon-Lektüre im (Alt-)Griechisch-Unterricht etwa. Mit dem vorliegenden Buch setzt der Autor ein Unternehmen fort, das er mit seiner (unveröffentlichten) philosophischen Dissertation „Action and Consciousness“ (Humboldt - Universität zu Berlin, 2010) begonnen hat.

Thema

Den Untertitel „Eine Philosophie des Unbewussten“ sehe ich nach Lektüre des Buches als den eigentlichen Titel an; „Der Untergrund des Denkens“ ist ein geistreiches Wortspiel. Mögliche Leser(innen) des Buches, die in Sachen Philosophie wenig bewandert sind, mögen sich angesichts des so charakterisierten Projekts fragen: Wieso eigentlich ist so etwas wie das Unbewusste Gegenstand der Philosophie? Die erste Antwort lautet: Philosophie, und gerade das markiert sie selbst als wichtigsten Unterschied zwischen sich und anderen Wissenschaften, die sich nur auf Teile der Wirklichkeit beziehen, Philosophie bezieht sich ihrem eigenen Anspruch nach auf das Ganze, das Ganze der Welt, das Ganze des Menschen. Da gehört das Unbewusste dazu.

Eine zweite Antwort könnte lauten: Immer wenn die Frage beantwortet werden muss, was denn menschliches Denken von dem seiner nächsten tierischen Verwandten so unterscheidet, dass es als wesentliches! Unterscheidungsmerkmal zwischen „tierisch“ dort und „menschlich“ hier taugt, wird als Besonderheit des Menschen „Selbst-Bewusstsein“ postuliert und darauf hingewiesen, nur er zeige ein Denken, das man in seiner ausgereiften Form „Philosophieren“ nennen könne. Es gibt kein Philosophieren ohne Bewusstsein im genannten Sinne. Daher: Sich mit dem Unbewussten zu beschäftigen, scheint für die Philosophie unumgänglich in Zeiten, da das Bewusstsein durch Verweis auf die Macht des Unbewussten in Frage gestellt wird.

Bliebe noch die Teilfrage offen: Seit wann beschäftigen sich Philosophen denn mit Fragen und Antworten der auf einzelne Gegenstände gerichteten empirisch verfahrenden Wissenschaften? Etwa mit Fragen und Antworten zum Unbewussten, wie sie auch die Psychologie, hier die „Leitdisziplin“ (so der Autor ganz zu Recht auf S. 38) stellt und gibt. Die Antwort lautet: Schon immer. Zumindest gilt das, wenn wir auf die westliche Philosophie schauen und deren Anfänge im Denken jener sehen, von denen wir Zeugnis haben. Und dann sind wir bei den Vorsokratikern, allen voran Thales von Milet, dem ältesten (ca. 630-560 v. Chr.) ionischen Naturphilosophen, der seit Aristoteles als Ahnherr der griechischen und damit westlichen oder abendländischen Philosophie gilt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem Zentralstück, das mit einer Einführung auf S. 7 beginnt und einem Dank auf S. 369 endet. Damit entfallen – dies zur Beruhigung von Leser(inne)n, in denen die o. g. Gesamtseitenzahl von 478 Fluchttendenzen auslösen könnte – nur gut drei Viertel des Buchumfangs auf den Textteil. Der Löwenteil des restlichen Viertels findet sich im Anhang.

Das Zentralstück wird eröffnet mit Einführung: Das entfesselte Unbewusste. Die für die Mehrzahl der Menschen wichtigste lebenspraktische Frage im Zusammenhang mit „dem Unbewussten“ ist die, ob man bzw. frau denn eigentlich „Herr(in) im eigenen Haus“ sei. Der daran von Sigmund Freud gesäte Zweifel verlor im Laufe der Jahrzehnte seine Bedrohlichkeit im selben Maße, wie die Psychoanalyse an Deutungshoheit in den Sozial- und Humanwissenschaften verlor. Neuerdings aber kommt die Bezweifelung aus ganz anderer Ecke: empirisch verfahrende Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen taten und tun nichts Geringeres, als die menschliche Willensfreiheit zu bezweifeln oder gar völlig als „Hirngespinst“ in des Wortes wahrstem Sinne darzustellen. Im deutschsprachigen Raum gehören zu solchen (Be-)Zweiflern etwa der in der Hirnforschung tätige Philosoph und Zoologe Gerhard Roth (https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Roth_(Biologe)) und der für seine neurophysiologischen Forschungen bekannte Mediziner Wolf Singer (https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Singer).

Keine Bange, meint der Autor, wir könnten weiterleben wie bisher. „Erstens entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten als maßlose Übertreibungen. Zweitens machen uns die wenigen unbewussten Einflüsse nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Und drittens zeichnet uns Menschen die kritische Vernunft aus, die wir bewusst einsetzen und durch Training verbessern können, um uns gegen Einfluss zu schützen.“ (S. 9) Und Später: „Was bleibt übrig? Oder anders gefragt, an welchen Stellen ist der Begriff des Unbewussten überhaupt sinnvoll? Nur im Fall des kognitiven Unbewussten, also bei der Informationsverarbeitung unterhalb der Bewusstseinsschwelle.“ (S. 16)

In Philosophisches Handwerk benennt der Autor die sieben Fragen, die Philosophie an Forschungsmethoden, Befunde und Theorien der (hier: Human-)Wissenschaften stellen kann:

  1. Was ist damit gemeint? (Begriffs-Klärung)
  2. Was wird untersucht? (Art der Daten und deren Gewinnung)
  3. Was hängt womit zusammen? (Korrelation und Kausalität)
  4. Gibt es Versuche, die die Theorie belegen? (und nicht nur eine einzelne Hypothese)
  5. Was zeigt das Experiment? (Folgerungen)
  6. Ist das Ergebnis auf andere Bereiche übertragbar? (Verallgemeinerung)
  7. Ist die These neu? (Originalität).

Den Kern von Uneinsichtiger Geist macht eine Betrachtung und Bewertung der Introspektion aus. Diese Methode der Innenschau oder Selbstbeobachtung hat nach Autorenansicht hinsichtlich des Gegenstandes „Geist“ ihre Grenzen (daher die Rede vom „uneinsichtigen Geist“): „Die Brille der Introspektion muss also zugleich Lupe, Fernrohr und Taschenlampe sein, denn unser Bewusstsein ist meistens transparent, einzelne Erlebnisse sind schwer zu isolieren, überlagert von anderen, verzerrt durch unser Vorwissen, verändert durch die Aufmerksamkeit, teilweise eingebildet und dazu noch ungenau beschrieben.“ (S. 74)

In Rätselhaftes Bewusstsein präsentiert, diskutiert und bewertet der Autor Bewusstseinstheorien, darunter auch solche, die mit zwei hypothetischen Konstrukten arbeiten, die auch und gerade in Kreisen der deutschen Philosophie eine gewisse Popularität haben: „Emergenz“ und „Supervenenienz“. Ich zitiere zur Anschauung eine zentrale Passage: „Kennt man die Eigenschaften aller Moleküle des Hirns, kann man noch nicht davon ableiten, welche Eigenschaften das Bewusstsein hat. Bewusstsein besteht aus phänomenalen Erlebnissen und nicht aus Molekülen. In diesem Fall scheint das Ganze mehr als die Summe seiner Teile zu sein. Daher nennen einige Forscher diese besondere Form der Abhängigkeit auch Emergenz. Mit dem Bewusstsein scheint etwas Neues in die Welt zu kommen.

Ich schließe mich der unausgesprochenen Mehrheitsmeinung an, die man auch Keiner-hat-eine-Ahnung-Position nennen könnte. Bewusstsein superveniert auf dem Hirn, aber wie das vonstatten geht, bleibt das größte Rätsel der Menschheit.“ (S. 85)

Das Kapitel Selektive Aufmerksamkeit handelt von Aufmerksamkeit und Reizen sowie deren Wechselspiel. Dem Autor scheinen drei Aspekte von Aufmerksamkeit bedeutsam: „Erstens verändert Aufmerksamkeit den Informationsfluss, indem sie eine Auswahl trifft… Zweitens verändert Aufmerksamkeit das Bewusstseinsfeld, indem es, zumindest einigen Theorien zufolge, Reize intensiviert, verbindet oder neu sortiert… Drittens ist Aufmerksamkeit in ihren Kapazitäten beschränkt.“ (S. 120f)

Verdrängte Wünsche beinhaltet eine Auseinandersetzung mit Sigmund Freud. Dessen Anhänger(innen) werden sich von den kritischen Bemerkungen des Autors unbeeindruckt zeigen. Der etwa: „Nur weil die Interpretation eines Traumes beispielsweise am Ende eine bedeutungsvolle Geschichte ergibt, kann man daraus nicht schließen, dass der Traum selbst bedeutungsvoll war, also wirklich Hinweise auf verdeckte Wünsche enthielt.“ (S. 160). Ganz der Kritik fällt Sigmund Freud ohnehin nicht heim: „Wie die heutige Forschung teilt auch Freud Wünsche und Emotionen in zwei Teile auf, nämlich den mentalen Inhalt, der bei Freud ‚Vorstellung‘ heißt, und den mentalen Modus, der sich als eine phänomenal erlebte, körperlich gefühlte, kurz affektive Komponente äußert.“ (S. 165)

In Getäuschtes Selbst finden wir Beispiele dafür, wie wir uns ganz alltäglich falsch einschätzen. Oft zu unserem Vorteil falsch einschätzen! Beispielsweise zu unserer psychischen Gesundheit falsch einschätzen; zu realistischer Selbsteinschätzung neigen nämlich Menschen, die gemeinhin als „depressiv“ gelten.

Unsichtbares Ich klärt zunächst einmal die Frage, was eine „Person“ denn ausmache, anhand dreier Fragen: Was eigentlich macht ein Wesen zu einer „Person“? Wie können Personen über längere Zeiträume hinweg dieselben bleiben, obschon sie sich verändern („personale Identität“)? Was ist das Individuelle einer Person, seine „Persönlichkeit“? Die Ausführungen des Kapitels widmen sich hauptsächlich der zweiten Frage, der nach der „personalen Identität“ und damit der nach dem „Ich“.

In Instinktive Sprache „geht es um die Macht der Worte“ (S. 214). Wie stark beeinflussen Worte und Wörter unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln? Der Autor referiert dazu theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Studien.

Unterschwellige Wahrnehmung handelt von unbewussten Einflüssen in Alltagssituationen, besonders der Alltagssituation, in der unsere Wahrnehmung heutzutage gezielt beeinflusst wird: beim Einkaufen. Zur Thematik gab es in den letzten Jahren einige Versuche, die hier dargestellt und (methoden-)kritisch auf ihre Aussagekraft geprüft werden. Diese Versuche erreg(t)en über den engeren Fachkreis hinaus Interesse, weil sie sich um die Frage drehen, ob und in welchem Maße wir unbewusst manipulierbar sind.

Intuitives Entscheiden widmet sich in der Gegenüberstellung von Intuition und Logik einer Thematik, über die schon in der europäischen Antike diskutiert wurde und unter Begrifflichkeiten wie „Bauch und Verstand“ oder „Gefühl und Vernunft“ auch im heutigen Alltagsdiskurs zu finden ist. Einen breiten Raum nimmt dabei ein die Auseinandersetzung mit dem deutschen Psychologen Gerd Gigerenzer (vgl. etwa „Risiko“. München: Bertelsmann, 2013; socialnet-Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/15450.php)

In Kontrolliertes Handeln legt der Autor die Unterschiede zwischen (geplantem) Handeln, Routinen und Automatismen dar und weist auf die Denkfehler hin, die entstehen (können), wenn man diese drei beim Argumentieren nicht sauber auseinander hält.

Konzentrierte Vernunft stellt und behandelt die praktisch bedeutsame und theoretisch interessante Frage: „Doch wie macht man das, den Verstand gegen die Ablenkung ins Feld zu führen?“ (S. 336) Durch bewusste Aufmerksamkeit. Und die steht in enger Verbindung mit Selbstbeherrschung. „Aufmerksamkeit hilft uns also nicht nur, Informationen über die Welt besser aufzunehmen, in Begriffe zu fassen und langfristig zu speichern. Selbstbeherrschung als aktive Kontrolle der Aufmerksamkeit ist zudem einer der stärksten Faktoren in der Lebensführung. Wer sich gut konzentrieren kann, ist glücklicher, hat mehr Freunde, lebt gesünder und verdient mehr als die Abgelenkten.“ (S. 343)

Das Buch schließt mit dem Ausblick: An der langen Leine des Bewusstseins. Dessen Kern macht eine nach den vorstehend genannten Kapiteln gegliederte Zusammenfassung aus.

Nach dem kurzen Dank findet sich ein mehr als 100 Seiten umfassender Anhang, der alles beinhaltet, was man von einem Buch mit wissenschaftlichem Anspruch gemeinhin erwartet:

  • Endnoten (Anmerkungen am Buchende; 45 Seiten)
  • Literaturverzeichnis (50 Seiten) sowie
  • Sach- (10 Seiten) und Personenregister (4 Seiten).

Diskussion

Mit den im vorliegenden Buch behandelten Fragen beschäftig(t)en sich auch andere Philosophen. So erschien 2015 etwa zeitgleich das Buch „Ich ist nicht Gehirn“ (Berlin: Ullstein) des Bonner Philosophieprofessors Markus Gabriel (https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Gabriel). Die Darmstädter Philosophieprofessorin Petra Gehring (https://de.wikipedia.org/wiki/Petra_Gehring) macht in ihrer Doppelrezension des vorliegenden Buches und jenes von Markus Gabriel darauf aufmerksam, dass schon zuvor von verschiedenen deutschsprachigen Autoren eine ganze Reihe philosophisch-kritischer Thesen zum Thema vorgebracht worden seien (FAZ-Rezension vom 16.1.2016; nachzulesen unter www.philipphuebl.com/pdf/FAZ_Rezension_Untergrund_Jan_2016_Webseite.pdf). Jene Autoren, so moniert die Rezensentin, würde man in beiden Büchern freilich vergeblich suchen.

Wäre das vorliegende Buch eine philosophische Habilitationsschrift, wöge solches Fehlen schwer. Aber das ist es nicht. Vielmehr tritt es mit dem Anspruch auf, ein wissenschaftlich fundiertes und umfassendes Sachbuch aus der Feder eines akademischen Philosophen zum Thema „das Unbewusste“ zu sein. Diesen Anspruch löst das Buch ein. Es ist in einer Sprache geschrieben, die es auch Nicht-Philosophen leicht macht, es zu lesen und seine Inhalte zu verstehen – trotz formaler Schwächen und inhaltlicher Unzulänglichkeiten, von denen unten noch die Rede sein wird.

In der Einleitung hatte der Autor geschrieben, wir könnten weiterleben wie bisher. „Erstens entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten als maßlose Übertreibungen. Zweitens machen uns die wenigen unbewussten Einflüsse nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Und drittens zeichnet uns Menschen die kritische Vernunft aus, die wir bewusst einsetzen und durch Training verbessern können, um uns gegen Einfluss zu schützen.“ (S. 9) Damit war das Programm skizziert, das im Buch entfaltet wurde. Was Philipp Hübl vorzutragen weiß, ist überzeugend. Wer seine grundsätzliche Einschätzung schon vorher teilte, hat dafür nach der Buchlektüre (weitaus) mehr Argumente. Und wer gänzlich bzw. in diesem oder jenem der drei genannten Punkte gegenteiliger Ansicht war, könnte ins Zweifeln geraten sein oder seine Meinung geändert haben. Das ist das große Verdienst dieses Buches, auch wenn hie und da Kritisches anzumerken ist, wie das im Nachfolgenden geschieht.

Der Autor stellt in seinem Buch immer mal wieder Untersuchungen, meist sind es Experimente, dar. Solche (Kurz-)Darstellungen sind selbst für Psycholog(inn)en, die darin noch am ehesten geschult werden, immer wieder ein kleines Kunststück. Das kann mal besser und mal schlechter ausfallen. Ein nach meiner Beurteilung schlechter ausfallendes ist die Darstellung eines Experiments des US-amerikanischen Psychologen Michael Posner auf S. 116: „Probanden sollten auf ein Kreuz inmitten eines Bildschirms scharfstellen. Dann bekamen sie die Aufgabe, links einen Knopf zu drücken, wenn ein Stern im linken, und rechts, wenn er im rechten Augenwinkel auftauchte. Die Personen waren schneller und machten weniger Fehler als die neutrale Vergleichsgruppe, wenn sie vorher an derselben Stelle im Augenwinkel ein Signal sahen, auch wenn ihr Blick die ganze Zeit auf das Kreuz fixiert war.“ Alles klar? Wer seinem eventuellen Unverständnis abhelfen und wissen möchte, worin das Posner-Experiment wirklich bestand und welche sehr differenzierten Resultate es zeitigte, sei auf die wikipedia-Darstellung des Spatial-Cueing-Paradigmas (https://de.wikipedia.org/wiki/Spatial-Cueing-Paradigma) verwiesen.

Solche Gelegenheiten des Nachprüfens gibt es nicht allzu oft, weil einschlägige Informationen nur selten so schnell greifbar sind. Mitunter kann man gar keine eigene Erkundung einziehen, einfach weil der Autor keine Quelle angibt. Beispielsweise zu dem auf den Seiten 178 – 179 berichteten Versuch. Um anzudeuten worum es geht: „Außerdem können wir selbst unsere unbewussten Konfabulationen erkennen, wenn wir einen Abstand zu uns selbst einnehmen… Das belegt auch ein Versuch, in dem Probanden Geld für das Lösen von Aufgaben bekamen.“ (S. 178; es folgt eine Versuchsdarstellung) Hier die Quelle zu wissen, ist besonders deshalb von Interesse, weil es bei der vorliegenden Untersuchung um Fairness geht; und dieses Thema erregt derzeit bei den Human- und Sozialwissenschaften größtes Interesse (vgl. etwa Sarah F. Brosnans und Frans B. M. de Waals Science-Artikel „Evolution of responses to (un)fairness“ vom September 2014; einsehbar unter http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/publications/articles/Brosnan_deWaal_2014.pdf).

Der Autor behandelt viele theoretische Ansätze und das in aller Regel mit Bravour. So etwa das Konzept der „Supervenienz“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Supervenienz) mit Seitenblick auf das Konzept der „Emergenz“ (vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz). Dort umschifft der Autor geschickt all die Klippen, die mit dem behandelten Thema gegeben sind und schließt mit dem Resümee: „Ich schließe mich der unausgesprochenen Mehrheitsmeinung an, die man auch Keiner-hat-eine-Ahnung-Position nennen könnte: Bewusstsein superveniert auf dem Hirn, aber wie es vonstatten geht, bleibt das größte Rätsel der Menschheit.“ (S.85) Welche Erklärungs- oder Verstehenskraft, so meine Frage, hat denn dann das Konzept der Supervenienz? Nach meinem Dafürhalten: dieselbe wie das Konzept „Gott“, das man mancherorts ja bis heute zur Erklärung dafür heranzieht, weshalb der Mensch im Unterschied zum Tier so sei, wie er ist. Für mich gehört das Supervenienz-Konzept in dieselbe Klasse von „Erklärungen“ wie die Schöpfergott-Vorstellung.

Dem Autor hingegen ist es bitterernst mit dem Konzept der Supervenienz. Man kann das illustrieren an einem auf S. 193 zu findenden Absatz: „Hood [siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Bruce_Hood_(psychologist)] verkündet, das ‚Selbst‘ habe keinen Ort im Hirn, an dem es ‚konstruiert‘ werde. Doch diese These ist doppelt vorschnell, denn erstens konstruiert das Hirn ohnehin nichts, und zweitens spricht das Unvermögen, ein Hirnareal eindeutig als den Sitz des ‚Selbst‘ zu identifizieren, noch nicht gegen dessen Existenz. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Selbstsinn ein Charakteristikum unseres Bewusstseins ist, dann ist unser ‚Selbst‘ genau dort, wo auch unser Bewusstsein ist. Es superveniert auf elektrischen Entladungsmustern im Haupthirn.“ Ob man hier Argumentieren oder Fabulieren am Werk sieht, hängt einzig und allein davon ab, welche Erklärungs- und Verstehenskraft man „Supervenienz“ zuschreibt.

Dissens zwischen Autor und Rezensent gibt es nicht nur in „Glaubens“-, sondern auch in Meinungsfragen. Da spricht Philipp Hübl etwa auf S. 55 vom „polnischen Psychologen Kurt Lewin“. Das einzige Argument, dass man für die Kennzeichnung „polnisch“ heranziehen kann, ist der Umstand, dass Kurt Lewins Geburtsort Mogilno (jetzt wie damals dieselbe Schreibweise) heute auf polnischem Staatsgebiet liegt. Nach solcher Logik müsste man von Emanuel Kant (geboren 1724 im heutigen Kaliningrad) als „russischem“ Philosophen und von Sigmund Freud (geboren 1856 im heutigen P?íbor) als „tschechischem“ Psychoanalytiker reden. Das macht nach Maßstäben sowohl der angelsächsischen wie der kontinentaleuropäischen Philosophie keinen Sinn. Und ein anderes Argument als die heutige! staatliche Zugehörigkeit kann man für Kurt Lewin als „Polen“ nicht ins Feld führen.

Alles andere spricht dagegen. In seinem Geburtsjahr (1890) lag Kurt Lewins Geburtsort auf dem Gebiet des Deutschen Reiches und weder konfessionelle noch ethnische noch kulturelle Merkmale rechtfertigen, ihn als „Polen“ zu bezeichnen. Er war das Kind jüdischer Eltern, in deren Haus – wie in der ganz überwiegenden Mehrzahl der jüdischen Haushalte und Familien der Ortschaft und des Kreises Mogilno sowie anderer Teilen Posens – Deutsch gesprochen wurde. Deshalb hatte der Gymnasiast Kurt Lewin auch keine Einstiegs- oder Umgewöhnungsschwierigkeiten, als er nach dem 1905 erfolgten Umzug der Familie nach Berlin das Charlottenburger Kaiserin-Augusta-Gymnasium besuchte. Keiner der aus der Migrationsforschung bekannten Belastungsfaktoren hemmte seine Gymnasialkarriere – ganz einfach, weil er nach keinem einzigen Kriterium ein „Migrantenkind“ war, zu dem ihn der Autor mit seinem „polnisch“ machen will.

Neben Glaubens- und Meinungsunterschieden gibt es auch solche des Geschmacks. Auf den Seiten 65 – 67 lässt sich der Autor darüber aus, in welchem Verhältnis zueinander unterschiedliche sensorische Wahrnehmungen stehen. Bei der Weinverkostung – und eben dieses Beispiel spielt bei des Autors Ausführungen eine zentrale Rolle – fragt man beispielsweise recht genau nach dem Verhältnis von „Auge“ (Farbe), „Nase“ (Geruch) und „Mund“ (Geschmack und Abgang) fragen. Zu Recht weist der Autor auf der Basis von Forschungsergebnissen darauf hin, dass „sich selbst Experten fast ausschließlich von der Farbe und kaum vom eigentlichen Geschmack leiten“ (S. 65) lassen. Hier benutzt der Autor den Begriff „Geschmack“ in dem vagen alltagssprachlichen Sinne, dass damit der Sinneseindruck gemeint sei, der aus dem Zusammenspiel von Schmecken und Riechen (sowie Tast- und Temperaturempfindungen aus der Mundhöhle) entsteht. So weit, so ungenau.

Falsch wird es, wenn der Autor an späterer Stelle notiert: „Wir schmecken hauptsächlich mit der Nase.“ (66) Das ist ein Un-Sinns-Satz. Sinn machen würde ein Satz wie der: „Das Riechen ist für das Geschmacksempfinden bedeutsamer als das Schmecken.“ Darüber könnte man diskutieren. Nicht aber darüber, dass wir hauptsächlich mit der Nase schmecken. Mit der Nase riechen wir. Schmecken aber tun wir mit dem Mund. Ob, um bei der Weinverkostung zu bleiben, ein Mosel-Riesling ein gelungenes Säure-Süße-Spiel hat, kann man (und frau) nur entscheiden, wenn sie / er den Wein (zu Testzwecken auch mit verbundenen Augen und Nasenklammer) wirklich in den Mund nimmt; dann schmeckt! man, einige Erfahrung voraus gesetzt, ob das Säure-Süße-Spiel gelungen ist oder nicht.

Kommen wir abschließend noch einmal auf Formalia zu sprechen. Oben wurde ja bereits darauf hingewiesen, dass es mitunter unmöglich ist, eine vom Autor benutzte Quelle ausfindig zu machen. An anderen Stellen ist das zwar nicht unmöglich, aber doch sehr aufwändig. Das rührt her von der doch recht eigenwilligen Art, wie im vorliegenden Buch der Quellennachweis geführt wird. Er geschieht hier über „Endnoten“. Damit bezeichnet man Anmerkungen in einem Drucklayout, die im Gegensatz zu auf gleicher Seite zu findenden Fußnoten an das Ende – eines Kapitels, Buchteils oder Gesamtwerkes – ausgelagert werden. In Endnoten ausgelagerte Anmerkungen sind aufwändiger nachzuschlagen als solche in Fußnoten, besitzen dafür aber den Vorteil, die Textseiten nicht mit Anmerkungen zu überfrachten, so dass die Konzentration auf den Haupttext leichter fällt. So weit, so gut.

Schlecht aber: Am Anfang des Buches, wo der rechte Platz dafür wäre, findet sich kein Hinweis, wie es sich hier mit den Endnoten verhält und wie das Ganze zu handhaben sei. gibt. Manche Leser(innen) werden von der Existenz der Endnoten erst dann Notiz nehmen, wenn sie nach dem Textende auf sie als ersten Teil des Anhangs stoßen. Im Text nämlich findet sich kein Hinweis auf eine zugehörige Endnote! Üblich ist dafür eine Verknüpfung der Art, dass im Text etwa durch eine nachgestellte Hochzahl (Beispiel: Aristoteles1) auf eine Notiz in den End- oder Fußnoten hingewiesen wird. Nichts dergleichen hier. Man muss zuerst in den Endnoten lesen und sich von da aus zum Text, von dem die Seitenzahl und zu dem Stichworte angeben sind, zurück bewegen und in diesem suchen. Zur Illustration wähle ich, um die Geduld der Leser(innen) nicht überzustrapazieren, nur die erste Endnote; sie ist paradigmatisch).

Das ist unter den Endnoten auf S. 370 zu lesen: „S. 7 ‚Vernunft als Merkmal des Menschen‘: Aristoteles charakterisiert den Menschen als Tier, das Vernunft hat (zoon logon echon) und Staaten bildet (zoon politikon), in Aristoteles, Politik 1235a 9f.“ (eine Quellenangabe die nur für Fachhistoriker(innen) und -philosoph(inn)en Sinn macht). Will nun ein Leser wissen, zu welcher Textstelle diese Anmerkung gehört, dann muss er die ganze S. 7 darauf hin befragen, auf welche Textstelle diese Endnote wohl passen könnte. Am ehesten wohl auf den in der Mitte von S. 7 zu findenden Satz: „Von der antiken griechischen Philosophie über die europäische Aufklärung bis in die Moderne galt eigentlich die Vernunft als dasjenige Merkmal, das uns Menschen von Tieren unterscheidet.“ Aber sicher darf man sich dessen nicht sein, und all das nach soviel Mühe.

Man ahnt: Für die Mehrzahl der Normalleserschaft des Buches sind die Endnoten umsonst geschrieben. Und wer von Wissensdrang beseelt und mit Frustrationstoleranz gesegnet ist, fragt sich bei vielen Endnoten, was sie denn eigentlich „belegen“ sollen. Bleiben wir beim vorliegenden Beispiel. Die Endnote belegt, dass und wo Aristoteles das gesagt hat, was er gesagt haben soll. Aber was ist mit „über die europäische Aufklärung bis in die Moderne“? Belege? Fehlanzeige!

Fazit

Das vorliegende Werk ist ein wissenschaftlich fundiertes und umfassendes Sachbuch aus der Feder eines akademischen Philosophen zum Thema „das Unbewusste“. Es ist in einer Sprache geschrieben ist, die es auch für Nicht-Philosophen leicht macht, es zu lesen und seine Inhalte zu verstehen. Trotz formaler Schwächen und inhaltlicher Unzulänglichkeiten sei es zur Lektüre empfohlen allen Angehörigen der Sozialen Kultur, die sich in gebotener Tiefe und notwendiger Breite über die derzeitige Diskussion zum Unbewussten informieren möchten. Hochschullehrer(innen), die in der Ausbildung für Soziale Arbeit zum Unbewussten referieren, sollten das Buch (oder ein vergleichbares) kennen, um auf der Höhe der Zeit zu sein.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 07.03.2016 zu: Philipp Hübl: Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2015. ISBN 978-3-498-02811-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20239.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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