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Susan M. Bögels, Kathleen Restifo: Mindful parenting

Rezensiert von Dr. phil. Karlheinz Valtl, 07.03.2016

Cover Susan M. Bögels, Kathleen Restifo: Mindful parenting ISBN 978-3-86781-111-8

Susan M. Bögels, Kathleen Restifo: Mindful parenting. Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern. Das Manual für ein 8-Wochen-Programm. Arbor Verlag (Freiburg) 2014. 550 Seiten. ISBN 978-3-86781-111-8. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.

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Thema

Das Buch „Mindful Parenting“ beschreibt die wissenschaftlichen Grundlagen und das Programm (Protokoll) eines Kurses für Eltern von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten.

Autorinnen

Susan Bögels ist Professorin für Entwicklungspsychopathologie an der Universität Amsterdam und Leiterin des universitären Forschungs- und Therapiezentrums UvA minds, an dem u.a. die Kurse des „Mindful Parenting“-Programmes angeboten werden. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die transgenerationale Weitergabe von psychischen Störungen (mehr über sie unter www.arbor-verlag.de/infos-zu-susan-bögels).

Kathleen Restifo ist Psychologin, Familientherapeutin und Achtsamkeitslehrerin. Sie ist spezialisiert auf familientherapeutische Interventionen für Kinder und Eltern mit emotionalen Störungen und arbeitet an dem von ihr gegründeten Zentrum Mindful Families sowie als Lehrbeauftragte an der Universität Maastricht (mehr über sie unter http://family-wise.org).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile

Zu Teil 1 Theoretische und empirische Grundlagen

Der erste Teil umfasst 83 Seiten. Das 1. Kapitel gibt eine Einführung in den „Mindful Parenting“ Kurs, seine Entstehung und seinen Nutzen für stressgeplagte Eltern.

Im 2. Kapitel werden Elternverhalten und elterlicher Stress aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive analysiert, im wesentlichen auf der Basis der Forschungen von Sara B. Hrdy und der Schematherapie nach Jeffrey Young.

Im 3. Kapitel werden die Ergebnisse der 3 von den Autorinnen selbst durchgeführten Evaluationsstudien zu verschiedenen Entwicklungsstadien des „Mindful Parenting“ Kurses diskutiert. Kernaussage: Das Programm wird gut angenommen, es gibt nur selten drop outs und die Effekte (Verbesserung des Elternverhaltens, erhöhte Achtsamkeit im familiären Umgang, Verbesserungen im Bereich der kindlichen und elterlichen Psychopathologie) sind signifikant und nachhaltig.

Zu Teil 2 Praxisteil: Der Acht-Wochen-Kurs „Mindful Parenting“

Dieser Praxisteil umfasst 428 Seiten und besteht aus einem Überblick über das Kursprogramm, seine Ziele und Elemente (4. Kapitel) und einer eingehenden Beschreibung der 8 Kursblöcke sowie der späteren Follow-up-Sitzung (5.-13. Kapitel). Den Abschluss bildet das 14. Kapitel mit Elternstimmen.

Die Themen und Inhalte der wöchentlich stattfindenden Sitzungen (zu jeweils rund 3 Stunden) des „Mindful Parenting“ Kurses sind:

  1. Erziehen im Autopilot-Modus. Kernthema: Ein Bewusstsein entwickeln für automatische Muster im Elternverhalten in alltäglichen Interaktionen sowie in Stresssituationen mit den Kindern. Betrachtung der situativen Unangemessenheit von anthropologisch vorprogrammierten überschießenden Stressreaktionen. Anbahnung eines bewussten Blicks auf die jeweils real gegebene Situation. - Hausaufgabe (u.a.): Achtsamkeit bei der Ausführung einer Routine-Interaktion mit dem Kind.
  2. Erziehen mit dem Geist des Anfängers. Kernthema: Austausch über die Erfahrungen, die die Eltern machen, wenn sie ihre Kinder unvoreingenommen („mit dem Geist des Anfängers“) betrachten, welche Eigenschaften sie dann an ihnen wahrnehmen, aber auch wie schwer es für sie häufig ist, die Kinder so zu sehen, ohne sich von Vorurteilen und vorgängigen Wertungen beeinflussen zu lassen, und wie schwer es ebenfalls ist, sowohl den Kindern wie auch sich selbst gegenüber freundlich zu bleiben. – Hausaufgabe (u.a.): Tagebuch führen über angenehme Erfahrungen.
  3. Sich wieder mit dem Körper verbinden. Kernthema: Schulung der Wahrnehmung des eigenen Körpers, Diskussion von angenehmen und unangenehmen Empfindungen in Alltags- und Stresssituationen. Es wird erkundet, wie oft diese Empfindungen und Körpersignale im Alltag mit Kindern übergangen werden – und wie viel es bringt, sich dieser Signale wieder bewusst zu werden und sie ggf. als Anlass zu Selbstfürsorge zu nehmen. – Hausaufgabe (u.a.): Tagebuch stressbelasteter Momente führen.
  4. Auf elterlichen Stress antworten, statt automatisch zu reagieren. Kernthema: In dieser Sitzung werden die eigenen automatischen Stressreaktionen betrachtet und analysiert: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Als Mittel, aus diesen automatischen Zyklen auszubrechen, wird die Übung des „3-Minuten-Atemraums“ genutzt (Lenkung der Aufmerksamkeit nach innen, Frage: Wie geht es mir gerade?, Achtsamkeit auf den Atem, dann auf den ganzen Körper). Diese Übung unterstützt die Fähigkeit, innezuhalten und wieder bewusster (statt reaktiv) auf kritische Situationen in der Familie zu antworten. – Hausaufgabe (u.a.): 3-Minuten-Atemraum bei Stress.
  5. Muster und Schemata in der Erziehung. Kernthema: Einfluss der eigenen Kindheitserfahrungen auf das Elternverhalten. Die Teilnehmer lernen kindliche Verhaltensschemata (= Modi, z. B. wütendes oder verletztes usw. Kind) und damit korrespondierende elterliche Verhaltensschemata (z. B. strafender oder fordernder usw. Elternteil) kennen. Sie explorieren Wege, wie sie daraus bewusst heraustreten und sich und ihren Kindern stattdessen mit Mitgefühl und Akzeptanz begegnen können. – Hausaufgabe (u.a.): Tagebuch spezifischer Stressmomente führen und identifizieren von Schema-Modi, die diesen zugrunde liegen.
  6. Konflikte. Kernthema: In dieser Sitzung wird erforscht, wie die Enge von wiederkehrenden Konflikten im Umgang mit Kindern verlassen werden kann und wie Achtsamkeit stattdessen „Weiträumigkeit“ entstehen lässt. Drüber hinaus wird exploriert, wie Eltern nach einem Konflikt mit dem Kind von einem neuen, achtsameren Ort aus auf es zugehen und bewusste Schritte zu einer „Reparatur“ der Beziehung initiieren können. – Hausaufgabe (u.a.): Bruch und Reparatur in Beziehungssituationen.
  7. Liebe und Grenzen. Kernthema: In dieser Sitzung werden Liebe und Güte im Umgang mit Kindern anhand der „Liebenden-Güte-Mediation“ (Metta-Mediation) geübt und erkundet. Hand in Hand damit geht das Setzen von Grenzen als Ausdruck von Liebe. – Hausaufgabe (u.a.): Achtsames Grenzen-Setzen.
  8. Ein achtsamer Weg durch die Elternschaft. In dieser Sitzung werden die Erfahrungen reflektiert, die die Eltern im Laufe des Kurses gemacht haben, und was sich in ihrem Verhalten gegenüber den Kindern verändert hat.
  9. Follow-Up (nach 8 Wochen Pause): Immer wieder neu beginnen. In dieser Sitzung findet ein Austausch darüber statt, wie die Eltern in den 8 Wochen seit dem Ende des Kurses für sich selbst gesorgt haben und inwieweit sie einen achtsamen Umgang mit ihren Kindern aufrecht erhalten konnten – bzw. welche Umstände und Reaktionen ihnen dies erschwert haben.

Zentrales fortlaufendes Element des Kurses sind meditative Übungen wie Sitzmeditation (mit Achtsamkeit auf Atem und Körperempfindungen), Gehmeditation und Metta-Meditation (s.o.) sowie meditativ-kontemplative Körperübungen wie der Body Scan (ein kontemplativer Streifzug durch den ganzen Körper) und leichtes Yoga. Diese Übungen werden in den Sitzungen eingeübt und sollen als tägliche Hausaufgabe zwischen den Sitzungen praktiziert werden, zusammen mit weiteren punktuellen Hausaufgaben, wie sie z. T. oben angegeben sind.

Die jeweiligen Sitzungen werden im Buch sehr detailliert beschrieben. Der Ablauf der Darstellung folgt dem Muster:

  • Einführung in den theoretischen und klinischen Hintergrund des Themas der Sitzung,
  • kurzer tabellarischer Leitfaden zum Ablauf,
  • eingehende Beschreibung der einzelnen Elemente des Ablaufs, einschließlich wortgenauer Anleitungen für Meditationen und Übungen, gefolgt jeweils von Kommentaren und Elternstimmen zu den einzelnen Übungen.
  • Den Schluss bildet die Besprechung der Hausaufgabe bis zur nächsten Sitzung.

Diskussion

Das Buch besticht durch seine Klarheit und Tiefe in der Darstellung, die ohne viel akademisches Beiwerk erzielt werden. Es wendet sich im wesentlichen an Praktiker_innen in der Kursleitung, lässt aber dennoch nichts an wissenschaftlicher Verlässlichkeit vermissen. Es wird deutlich spürbar, dass die Autorinnen sowohl als Wissenschaftlerinnen wie als Achtsamkeitslehrerinnen tätig sind und sich gleichermaßen den Ansprüchen beider Seiten verpflichtet fühlen.

Die Autorinnen stellen das von ihnen entwickelte Kursprogramm „Mindful Parenting“ in allen Details dar und lassen sich dabei mit großer Offenheit in ihre Karten schauen. Buch und Kursablauf stellen eine Weiterentwicklung der gegenwärtig in vielfältiger Weise sich entwickelnden achtsamkeitsbasierten Verfahren im Kontext von Psychotherapie und Erwachsenenbildung dar und entfalten ein sehr spezifisches Konzept für die Arbeit mit Familien mit Kindern (und z. T. auch Eltern) mit psychischen Störungen im klinischen und subklinischen Bereich. Die bewusste und z. T. detailgetreue Anlehnung an die Kursprotokolle von MBSR und MBCT schmälert dabei nicht das Verdienst der Autorinnen, einen eigenständigen Ansatz entwickelt zu haben.

Die Entstehung des Kurses/Buches in der Arbeit mit dieser spezifischen Zielgruppe bedeutet nicht zwangsläufig, dass Buch und Kurs nur für diese Zielgruppe genutzt werden können. Da auch die allgemeinen und alltäglichen Momente von Elternstress angesprochen werden, dürften sich viele Übungen und ggf. auch weite Teile des Kurskonzepts für die Arbeit mit unspezifischen Elternpopulationen eignen; dies wäre allerdings in einer ergänzenden Evaluationsstudie noch genauer zu untersuchen und zu präzisieren. Darüber hinaus enthält das Buch eine Fülle von Anregungen, die für die Gestaltung von Fortbildungen für Lehrer_innen genutzt werden können, da auch Lehrpersonen in zunehmendem Maße mit Schüler_innen konfrontiert sind, die psychische Auffälligkeiten aufweisen, und darauf vorbereitet werden sollten, damit sie nicht in reaktive Verhaltensweisen und „compassion fatigue“ verfallen.

Zu erwähnen ist auch, dass die Übersetzung dieses Buches ins Deutsche und damit das Zur-Verfügung-Stellen dieses Programmes für einen breiteren Nutzerkreis im deutschen Sprachraum eine bemerkenswerte verlegerische Leistung darstellt. Der Übersetzerin Dörte Fuchs es im übrigen gelungen, den sehr persönlichen und mit einer Herzensqualität verbundene Schreibstil der Autorinnen so ins Deutsche zu übertragen, dass es nicht als Übersetzung spürbar wird.

Fazit

Das Buch „Mindful Parenting“ beschreibt die wissenschaftlichen Grundlagen und das Programm (Protokoll) eines 8-wöchigen Kurses für Eltern von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten (und in geringerem Umfang auch für Eltern, die selbst unter psychischen Beeinträchtigungen leiden). Der Kurs wie auch das Buch adressieren darüber hinaus auch die allgemeinen Belastungen des Eltern-Seins (zu Möglichkeiten, das Kursangebot daher auf einen breiteren Adressatenkreis anzuwenden, vgl. Kapitel Diskussion).

Das dargestellte Kursprogramm basiert im wesentlichen auf den Ansätzen und Kursprogrammen der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness Based Stress Reduction, MBSR) nach Jon Kabat-Zinn und der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie (Mindfulness Based Cognitive Therapy, MBCT) nach Zindel Segal, Mark Williams und John Teasdale. Darüber hinaus enthält es in seiner neuesten Fassung (die dem Buch weitgehend zugrunde liegt) auch Elemente des Mindful Self-Compassion Programms (MSC) nach Christopher Germer und Kristin Neff sowie der Schematherapie nach Jeffrey Young.

Ziel des „Mindful Parenting“ Programmes ist es, Eltern zu helfen, den Stress des Elternseins (im allgemeinen sowie unter den besonderen Bedingungen psychischer Auffälligkeiten) zu bewältigen. Dazu werden den Eltern mit Achtsamkeit verbundene Fähigkeiten vermittelt, die sie auf ihren Erziehungsalltag und ihre Deutung der Erfahrungen mit ihren Kindern anwenden können. Ausgangspunkt des Programmes ist die Prämisse, dass es sinnvoller ist, in Familien mit hohem Stresspotential primär mit den Eltern zu arbeiten und ihnen Kompetenzen zu einem reflektierten, achtsamen und weniger von automatischen und impulsiven Reaktionen geprägten Elternverhalten zu vermitteln, anstatt mit den jeweils als schwierig bis psychisch auffällig diagnostizierten Kindern zu arbeiten, die in den jeweiligen Familiensystemen als Quelle des elterlichen Stresses wahrgenommen werden.

Zielgruppe des Buches sind in erster Linie Kursleiter_innen, die das „Mindful Parenting“ Programm selbst anwenden und die das ausführliche Manual zur Kursgestaltung als Anleitung nutzen können, sowie in geringerem Umfang Eltern (und andere Personen), die sich für dieses Programm und die Möglichkeiten zur Reduktion von elterlichem Stress interessieren und die die Teilnahme an einem „Mindful Parenting“ Kurs erwägen. Das Buch ist definitiv kein Elternratgeber und wird nur von Eltern mit einem außergewöhnlich hohen Vorwissensstand dazu genutzt werden können, ihr eigenes Elternverhalten ohne Teilnahme an einem „Mindful Parenting“ Kurs zu verändern (für diesen Zweck ist das Buch Mit Kindern Wachsen von Jon und Myla Kabat-Zinn besser geeignet). Wer sich nur einen Überblick über das Programm des „Mindful Parenting“ Kurses verschaffen will, ohne selbst einen solchen Kurs leiten zu wollen, ist u.U. mit folgendem Beitrag besser bedient: Susan Bögels, „Mindful Parenting“. A mindfulness course for parents in mental health treatment. In: Willard, Christopher / Saltzman, Amy (Eds.) (2015): Teaching mindfulness skills to kids and teens, New York / London: Guilford Press, p. 155-178.

(Das Buch sollte übrigens nicht verwechselt werden mit folgendem eher oberflächlichen amerikanischen Elternratgeber: Susan Burgess, „Mindful Parenting“. Reduce Stress, Eliminate Anxiety and Start Parenting in the Moment, eBook: Kindle 2015).

Rezension von
Dr. phil. Karlheinz Valtl
Senior Lecturer für Bildungswissenschaft am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien, Arbeitsschwerpunkt Pädagogik der Achtsamkeit

Es gibt 2 Rezensionen von Karlheinz Valtl.

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Zitiervorschlag
Karlheinz Valtl. Rezension vom 07.03.2016 zu: Susan M. Bögels, Kathleen Restifo: Mindful parenting. Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern. Das Manual für ein 8-Wochen-Programm. Arbor Verlag (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-86781-111-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20241.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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