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Charlotte Berendonk: Den Menschen als Ganzes sehen

Cover Charlotte Berendonk: Den Menschen als Ganzes sehen. Wie Mitarbeitende in Pflegeheimen Biografiearbeit erleben und beschreiben. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. 376 Seiten. ISBN 978-3-8288-3492-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die Bedeutung der persönlichen Lebensgeschichte wird dann besonders klar, wenn der Zugang zu ihr bedroht erscheint, so wie bei Menschen mit fortschreitender Demenz. Biografiearbeit gilt in der Pflege und sozialen Betreuung als ein wertvolles Unterstützungs-Konzept, um lebensgeschichtliche Zusammenhänge (wieder) herzustellen sowie Selbstverständnis und Identität zu wahren. Sie ist von den Krankenkassen im Rahmen einer Qualitätssicherung der stationären Langzeitpflege erwünscht und Teil der Dokumentation. Die Wirksamkeit vieler Interventionen ist bereits belegt. In der Pflege-Praxis zeigt sich jedoch, dass die Begriffe „Biografie“ und „Biografiearbeit“ sehr unterschiedlich ausgelegt und angewandt wird.

Charlotte Berendonk untersucht wissenschaftlich, wie Mitarbeitende und Leitungskräfte in der Pflege Biografiearbeit verstehen, erleben und erfahren, und wie deren eigenes Biografie- und Biografiearbeits-Verständnis das persönliche Handeln beeinflussen. Mit Hilfe der Expertise von Pflegenden in unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen möchte sie Ansätze und Themen für die Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Biografiearbeit aufzeigen: insbesondere unter Berücksichtigung der Chancen und Erfordernisse für Menschen mit Demenz.

Autorin

Charlotte Berendonk ist examinierte Altenpflegerin und Diplom-Pflegewirtin (FH). In der Zeit von 2006 bis 2010 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungs-Projekt „Demenzkranke Menschen in individuell bedeutsamen Alltagssituationen“ (DEMIAN) am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg tätig und lernte die Pflegepraxis in über 20 Pflegeheimen kennen. Sie promovierte 2014 im Rahmen des Graduiertenkollegs Demenz der Robert-Bosch-Stiftung mit der vorliegenden Arbeit zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.). Die Robert-Bosch-Stiftung setzt sich mit der Unterstützung des Graduiertenkollegs besonders für praxisorientierte Forschung ein. Seit März 2015 absolviert sie ihr zweijähriges Postdoctoral Training unter Supervision von Dr. Vera Caine (Faculty of Nursing, University of Alberta) im Rahmen des von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Programms „Blickwechsel International. Junge Forscher gestalten neues Alter“ (www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/39607.asp).

Entstehungshintergrund

Bereits während ihrer Berufstätigkeit als Altenpflege-Fachkraft hatte Charlotte Berendonk das Biografiearbeit-Konzept als „wichtige Ressource im Beziehungsaufbau zwischen pflegebedürftigen Personen und Mitarbeitenden in Pflege und Betreuung“ kennengelernt. Später, als Pflege-Forscherin im DEMIAN-Projekt, fiel ihr auf, „wie unterschiedlich Mitarbeitende in Pflegeheimen vorgehen, um Informationen zur Lebensgeschichte der pflegebedürftigen Person zu erhalten“ (vgl. Kapitel 6.4.1.)

In den Mittelpunkt ihrer Forschungsbemühungen möchte sie deshalb die Akteure der Biografiearbeit selbst stellen. Sie interessiert sich in der vorliegenden Arbeit für die Pflegenden, ihre individuellen Motive, ihre Vorstellungen von Maßnahmen und Effekten der Biografiearbeit, ihre Beweggründe sowie ihre Strategien und Rahmenbedingungen für die Sammlung von biografischen Informationen und den Umgang damit im konkreten Pflegeprozess.

Aufbau

Die Wissenschaftlerin lässt den Leser Schritt für Schritt an ihrem zirkulären empirischen Forschungs-Prozess teilhaben. Ihr Datenmaterial erhebt sie in sieben Pflegeeinrichtungen über leitfadengestützte Interviews mit Pflege- und Betreuungspersonen, mit Leitungspersonen sowie in Gruppendiskussionen. Die Ergebnisse kategorisiert und abstrahiert sie zunehmend vor dem aktuellen theoretischen Hintergrund und der vielschichtigen internationalen Literaturlage. In Teilschritten fasst sie Zusammenhänge, Schlussfolgerungen und Ableitungen immer wieder zusammen und ordnet deren Bedeutung für den nächsten Forschungsschritt ein. Die Besonderheiten in Bezug auf Menschen mit Demenz bekommen dabei eigene Kapitel/Unterkapitel. Aus der Reflexion ihrer Studienergebnisse heraus entwickelt sie empirisch begründete Handlungsvorschläge: nicht nur für die Praxis von Biografiearbeit in der Langzeitpflege, sondern auch für die Entwicklung von Methodenbüchern zur Biografiearbeit sowie Implikationen für die Forschung.

Inhalt

Kapitel 1. Einführung

Kapitel 2 Theoretische Grundlagen der Biografie. Arbeitsbasis der Forscherin ist ein Identitäts- und Selbstverständnis, wonach Lebensgeschichte auch von Menschen mit Demenz lebenslang interaktiv mit anderen geteilt, neu rekonstruiert, in Beziehung gesetzt und vom aktuellen Standpunkt aus zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt wird. Sie lehnt sich dabei u. a. an den erarbeiteten Potenzialen aus dem DEMIAN-Projekt an.

Charlotte Berendonk geht der Frage nach, wie sich der Verlust von sprachlichen Fähigkeiten, Veränderungen am Gedächtnis und in der Kognition auf eine kohärente Biografie auswirkt. Sie verweist auf bisher wenig genutzte Ressourcen für die Biografiearbeit. Insbesondere stützt sie sich auf Ideen und Erkenntnisse zum Phänomen des Leibgedächtnisses als unbewusstem Teil des Gedächtnisses (vgl. Kapitel 2.2.2.) Sie folgt damit den Arbeiten von Thomas Fuchs, Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie an der Universität Heidelberg, der dem impliziten Teil des Gedächtnisses eine bedeutende Rolle für das Selbstverständnis von Menschen mit Demenz beimisst.

Kapitel 3 Theoretische Grundlagen der Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz. Biografiearbeit versteht die Autorin als erweiternde Handlungsoption in der individuellen und personenzentrierten Pflege und Betreuung in stationären Pflegeeinrichtungen. Sie legt ihr ein prozessorientiertes Verständnis zugrunde.

Kapitel 4 Empirischer Forschungsstand zur Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz. Als Ergebnis der Recherche von 60 internationalen empirischen Arbeiten zur Biografiearbeit hebt die Autorin Vielfalt von Interventionen mit Menschen mit Demenz und ihrer Potenziale hervor, aber auch ihre uneinheitliche Beforschung, sie verweist darauf, dass zum Teil die theoretische Fundierung fehlt und ganz besonders die Perspektive Pflegender und Betreuender. Allgemeine Aussagen zur Biografiearbeit aus der Pflegewirklichkeit deuten an, dass eine Reihe von Hindernissen in der Praxis wahrgenommen wird.

Kapitel 5 Ableitung von Zielen und Fragestellungen. Die Wissenschaftlerin leitet ihr wissenschaftliches Konzept ab, mit dem sie herausfinden möchte, wie persönliche Theorien die Praxis von Biografiearbeit beeinflussen. Das formuliert sie in drei Zielen und sieben abgeleiteten Fragestellungen.

Kapitel 6 Studiendesign und Methode. Charlotte Berendonk beschreibt und begründet das Studiendesign ihrer Arbeit. In ihrer Datenerhebung und -analyse lehnt sie sich an zwei Methoden der qualitativ-empirischen Sozialforschung an und kombiniert sie nach Erfordernissen ihres Forschungsgegenstandes: Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien (FST) und die Grounded Theory Methodologie (GTM). Qualität sichern helfen soll bei der Kodierung der Daten und Interpretation der Ergebnisse ein interaktiver Prozess mit Kolleginnen und Kollegen des Graduiertenkollegs. Feedbackprozesse finden in regelmäßigen Interpretationswerkstätten oder auch Fortbildungen an den beteiligten Pflegeheimen statt.

Kapitel 7 Studienergebnisse. In sieben Kernkategorien verdichtet Charlotte Berendonk zunächst Dimensionen, Eigenschaften und Merkmale und arbeitet verbindende Konzeptmuster der Biografiearbeit und ihrer Bedeutung für das individuelle Handeln heraus. Diese Verbindungen finden Eingang in elf subjektive Theorien ausgewählter Pflegender zur Biografiearbeit. Alle persönlichen Theorien stellt die Autorin ausführlich in Text und Grafik vor, um die Komplexität des vorherrschenden Biografiearbeits-Verständnisses bei Pflegenden zu verdeutlichen.

Als eine Spezifika der Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz versteht die Wissenschaftlerin Zuschreibungen von Pflegenden.(vgl. Kapitel 7.4.): So würde mitunter der Realitätsbezug der Erzählungen von Bewohnern in Frage gestellt, manchmal von der Entwicklung von Scheinwelten bei Menschen mit Demenz gesprochen. Die Autorin greift dazu den Begriff der Parallelbiografie auf, geht Bedeutungsvarianten auf den Grund sowie der Frage nach, wie man solchen Zuschreibungen besser begegnen kann.

Sie leitet in insgesamt vier Arbeitsschritten zwei Theorieskizzen zu den Verläufen von Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz ab. Beide Skizzen begründen sich durch „forschende Haltungen“ (vgl. Unterkapitel 7.4.2.2) Charlotte Berendonk versteht darunter den fortwährenden Prozess der Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte. Im Vordergrund steht das Erkunden und Entdecken von Informationen.

  1. Theorie: Interesse an gegenwärtig bedeutsamen Ereignissen des Lebens
  2. Theorie: Streben nach verlässlichen Angaben zur Lebensgeschichte

Kapitel 8. Diskussion und Schlussfolgerungen. Die Autorin setzt sich mit den Ergebnissen ihrer Arbeit im Licht der Literatur auseinander und zeigt Handlungsfelder auf. Ausgangspunkt ist ihre empirisch begründete Einschätzung, dass die Bedeutung des Leibgedächtnisses als Ressource für die Lebensgeschichte von Pflegenden eher unbewusst realisiert wird. Auch in der Fachliteratur sei diese Rolle des Leibgedächtnisses nicht adäquat abgebildet. Interventionsansätze und Methoden der Biografiearbeit müssen ihrer Einschätzung nach in ihrer Praktikabilität für Menschen in Pflegesituationen, insbesondere bei fortschreitender Demenz, überprüft werden.

Sie stellt bei Praxisanwendern und Theoretikern unterschiedliche Befunde zu den gewünschten Erträgen der Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz fest. Und sie beschreibt weitere Forschungs-Lücken, so Erfordernisse und Wirkpotenziale der Biografiearbeit für Angehörige oder auch ethische Aspekte der Informationssammlung sowie eine fehlende Beschäftigung zur Frage: Kann sich Biografiearbeit auch negativ auswirken?

In der Auseinandersetzung mit ihren eigenen Studien-Ergebnissen plädiert die Autorin für die Verbesserung der theoretischen Grundlagen der Biografiearbeit bei Pflegenden und eine deutlichere Verzahnung von Biografiearbeit und Pflegeprozess. Sie formuliert Eckpunkte für ein Biografiearbeits-Konzept und entwirft ein Modell zur Organisation der Biografiearbeit in der stationären Altenpflege. Formulierte Leitfragen sollen die Überprüfung bisheriger Biografiearbeits-Wirklichkeiten in stationären Einrichtungen erleichtern.

Fazit

Charlotte Berendonk hat sich in eine Forschungslücke hineingewagt und damit der Biografiearbeit in Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz zu einer Reihe theoretischer und praktischer Denkansätze und Anregungen verholfen. Die vorliegende Arbeit versteht die Wissenschaftlerin nicht als Methodenbuch der Biografiearbeit, wenngleich im Diskussionsteil von ihr immer wieder auf Interventionsformen eingegangen wird (vgl. Kapitel 7). Alle ihre Forschungsschritte sind verständlich und nachvollziehbar sowie mit acht Tabellen und 24 farbigen Abbildungen sehr veranschaulicht. Für Biografiearbeits-Interessierte bietet das Buch auf insgesamt 353 Seiten eine Reihe von Anlässen, das eigene Vorgehen zu reflektieren.

Sie räumt mit formalistischen Deutungen der Biografiearbeit in der stationären Altenpflege auf und zeigt: Biografiearbeit ist Beziehungsarbeit. Charlotte Berendonk ist so ein Beitrag zur systematischen Annäherung an ein hochkomplexes Praxis-Geschehen gelungen. Ihre Dissertation liefert auch einen Befund zur Arbeitswirklichkeit Pflegender sowie über die Rahmenbedingungen für gelingende Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz in der stationären Pflege. Das dürfte für die weitere Annäherung von Theorie und Praxis besonders interessant sein. Charlotte Berendonks hergeleitete Analysefragen zur Biografiearbeits-Praxis können außerdem Leitungskräfte in der Pflege dabei unterstützen, Multiplikatoren sowie Fortbildungsbedarf und Managementziele in den eigenen Häusern besser zu identifizieren. Dass es sich lohnt, darin sind sich alle im Rahmen der Dissertation Interviewten einig: Charlottes Berendonks wissenschaftlichen Hauptergebnisse – ihre beiden Theorieskizzen zu Verläufen der Biografiearbeit – bedürfen weiterer und vertiefender wissenschaftlicher Untersuchungen. Das ist ihr eigenes Fazit. Es ist dabei zu wünschen, dass die von ihr betonte Praktikabilität für die Zielgruppe der Menschen mit Demenz und Bedingungen der stationären Pflege und Betreuung stärker in den Fokus genommen werden als bisher. Charlotte Berendonk fiel das leicht, weil sie „aus der Praxis kommt“. Zugleich forderten ihre subjektiven Pflegerfahrungen sie in der wissenschaftlichen Arbeit besonders heraus, wie sie resümiert. In der Auseinandersetzung bedurfte es eines hoch reflexiven Prozesses und breiten Diskurses mit anderen Forscherinnen und Forschern. Die Ergebnisse dieses Ringens haben viele fruchtbare Potenziale.


Rezensentin
Ines Nowack
Fachjournalistin, biografischer Coach, Poesie- und Bibliotherapeutin
Homepage www.ines-nowack.de
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Zitiervorschlag
Ines Nowack. Rezension vom 24.03.2016 zu: Charlotte Berendonk: Den Menschen als Ganzes sehen. Wie Mitarbeitende in Pflegeheimen Biografiearbeit erleben und beschreiben. Tectum-Verlag (Marburg) 2015. ISBN 978-3-8288-3492-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20245.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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