Gudrun Schwarzer, Bianca Jovanovic: Entwicklungspsychologie der Kindheit
Rezensiert von Prof. Dr. Klaudia Winkler, 30.08.2016
Gudrun Schwarzer, Bianca Jovanovic: Entwicklungspsychologie der Kindheit.
Kohlhammer Verlag
(Stuttgart) 2015.
340 Seiten.
ISBN 978-3-17-021693-8.
39,00 EUR.
Standards Psychologie, herausgegeben von Marcus Hasselhorn, Wilfried Kunde & Silvia Schneider .
Thema
Die typischen Veränderungen während der Kindheit werden aus der Perspektive entwicklungspsychologischer Grundlagenforschung beleuchtet. Lässt es der Forschungsstand zu, werden Ergebnisse zu untypischen Entwicklungsverläufen ergänzt; Überlegungen, wie Wissen aus der Grundlagenforschung in der Praxis genutzt werden kann (translationaler Ansatz) runden die einzelnen Kapitel ab.
Autorinnen
Prof. Dr. Gudrun Schwarzer, seit 2003 Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Gießen, und ihre wiss. Assistentin an der Abteilung Entwicklungspsychologie, Dr. Bianca Jovanovic.
Entstehungshintergrund
Entwicklungspsychologie der Kindheit befasst sich in der Regel mit der Beschreibung und Erklärung der typischen Entwicklungsprozesse während der Kindheit. Im vorliegenden Lehrbuch werden darüber hinaus auch Entwicklungsstörungen der Kindheit, die Denken, Emotionen und Verhalten betreffen, berücksichtigt. Die Autorinnen beschreiten – im Bereich der entwicklungspsychologischen Lehrbücher – Neuland, indem sie dafür plädieren, einen sog. Translationalen Ansatz in der Entwicklungspsychologie zu implementieren, d.h. Ergebnisse der grundlagenorientierten Entwicklungspsychologie mit ihrem Fokus auf typische Entwicklungsverläufe sollen für die Erklärung untypischer Entwicklungsverläufe nutzbar gemacht werden.
Aufbau
Den Ausführungen zu „Kernthemen und Anwendungsfelder[n] der Entwicklungspsychologie der Kindheit“ (Kapitel 1) und den „Theorien der Entwicklungspsychologie der Kindheit“ (Kapitel 2) folgt die Vorstellung „Methodische(r) Verfahren und Untersuchungsdesigns“ (Kapitel 3) zur empirischen Untersuchung der Entwicklung in der Kindheit. Die einleitenden Kapitel werden durch die „Biologische[n] Grundlagen der Entwicklung“ (Kap. 4) abgerundet.
Die Kapitel 5-10 beinhalten die einzelnen Entwicklungsbereiche:
- „Körperwachstum Motorik“ (Kap.5),
- „Wahrnehmung“ (Kap. 6),
- „Kognitive Entwicklung“ (Kap. 7),
- „Sprache“ (Kap. 8),
- „Emotionale Entwicklung und Entwicklung des Selbst“ (Kap. 9) und
- „Soziale Entwicklung“ (Kap. 10).
Inhalt
In Kapitel 1 „Kernthemen und Anwendungsfelder der Entwicklungspsychologie der Kindheit“ und Kapitel 2„Theorien der Entwicklungspsychologie der Kindheit“ werden zentrale Entwicklungstheorien (u.a. Piaget, Wygotsky, Bandura, Freud, evolutionäre Ansätze, Kernwissenstheorien) vorgestellt. Interessant erscheint hier v.a. der Ansatz, diese Theorien auf die Erklärung untypischer Entwicklungsverläufe zu übertragen. Geht man von der Vorstellung einer dynamischen Interaktion zwischen Anlage, Umwelt sowie der Aktivität des Kindes aus, können auf diesem Hintergrund typische wie untypische Entwicklungsverläufe erklärt werden.
Kapitel 3 „Methodische Verfahren und Untersuchungsdesigns“ stellt unterschiedliche Wege zur Datengewinnung bei Säuglingen und Kleinkindern (Beobachtung) und bei Kindern (Interview) dar: Auswahl geeigneter Messinstrumente und Instrumente zur Entwicklungsdiagnostik und passender Studiendesigns.
Im 4. Kapitel „Biologische Grundlagen der Entwicklung“ wird Entwicklung als komplexes Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren vorgestellt; die epigenetische Perspektive unterstreicht die Bedeutung der Interaktion beider Bereiche: Die Beschreibung der Gehirnentwicklung zeigt auf, dass sich unsere „neuronale Hardware“ (S. 11) nach einem festgelegten Programm entwickelt, Umwelteinflüsse aber über die gesamte Lebensspanne eine bedeutsame Rolle spielen; die funktionale Organisation unseres Cortex wird neben genetischen Faktoren auch durch Erfahrung bedingt. Im Unterkapitel „Entwicklungsstörungen“ (4.3) werden atypische Verläufe ergänzt – verursacht durch genetische Defekte (Williams-Syndrom, Phenylketonurie), oder durch Teratogene (fetales Alkoholsyndrom).
Die folgenden Kapitel (5-10) fokussieren jeweils auf einzelne Entwicklungsbereiche.
Eingeleitet wird dieser Abschnitt durch Kapitel 5 „Körperwachstum und Motorik“. Gerade in den ersten Lebensjahren ist das körperliche Wachstum besser beobachtbar als andere Entwicklungsbereiche. Körperliches Wachstum und motorische Entwicklung sind eng verwoben, die motorische Entwicklung hat ihrerseits erhebliche Bedeutung z. B. für die visuelle Wahrnehmung des Kindes. Einerseits bedingt durch genetische Faktoren haben andererseits auch beim körperlichen Wachstum Faktoren wie Ernährung und weitere soziale Faktoren ihre Bedeutung. Ein Unterkapitel (5.3) wird den untypischen Verläufen in der motorischen Entwicklung gewidmet: „umschriebene motorische Entwicklungsstörung“, Spina bifida.
Kapitel 6 beschäftigt sich mit der Entwicklung der „Wahrnehmung“, der Relevanz der Wahrnehmung, die von Beginn der Entwicklung an die Grundlage sämtlicher Erfahrungen bildet – mit ihrer essentiellen Bedeutung für Denken, Emotionsregulation und das soziale Miteinander. Nach einem kurzen Blick auf die Theorien zur Wahrnehmung und einem Abschnitt zur Messung von Wahrnehmungsfähigkeit, geht die Autorin auf die Entwicklung der Wahrnehmung in verschiedenen Sinnesbereichen: Haptik, Geschmack, Geruch, auditive und visuelle Wahrnehmung, ein (6.3). Im Unterkapitel 6.5 werden untypische Verläufe der Wahrnehmungsentwicklung, wie z.B. Strabismus und zerebrale Sehbeeinträchtigungen, angesprochen.
Kapitel 7 „Kognitive Entwicklung“ geht der Frage nach, wie Kinder die Welt begreifen. Es startet mit einem Überblick über die Annahmen von Piaget (7.1) und über domänenspezifische Ansätze (7.2), bearbeitet dann die Entwicklung der Informationsverarbeitung und wird im Unterkapitel 7.4 mit untypischen Verläufen (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen) und Anwendungsbereichen der kognitiven Entwicklung in der Praxis (Kindliches Augenzeugnisgedächtnis) abgeschlossen.
Kapitel 8 „Sprache“ sucht nach Erklärungen für den kindlichen Spracherwerb: Welche Rolle spielen biologische Aspekte, Lernen und Kognition sowie soziokulturelle Einflüsse, wie geht er von statten: Erwerb der Phonologie (Erkennen von Phonemen, Rolle der Prosodie, die Artikulation) der Semantik, der Grammatik sowie der Pragmatik. Im Unterkapitel 8.6 werden untypische Verläufe der Sprachentwicklung sowie deren Diagnostik thematisiert.
In Kapitel 9 „Emotionale Entwicklung und Entwicklung des Selbst“ stehen die Entwicklung des Emotionsausdrucks, des Emotionsverständnisses, der Emotionsregulation -unter besonderer Berücksichtigung des Temperaments – im Mittelpunkt. Als besonders bedeutsam hat sich die Feinfühligkeit der Bezugsperson bei der Unterstützung der Emotionsregulation in den ersten Lebensmonaten erwiesen. Die Entwicklung des Selbst steht einerseits in Zusammenhang mit der Entwicklung des Bewusstseins, sie ist aber auch in vielfältiger Weise mit der Entwicklung der Emotionen verknüpft. Indikatoren zur Einschätzung der Entwicklung des Selbst (Spiegeltest, Sprechen über sich selbst, das Wort „Ich“ benutzen) werden beschrieben. Exzessives Schreien – ein Beispiel für einen untypischen Verlauf der Emotionsentwicklung – schließt das Kapitel (9.3) ab.
Kapitel 10 „Soziale Entwicklung“ hebt auf Bindung (Bowlby, 1969, 1984) als frühe Basis sozialen Miteinanders ab, die die Grundlage für viele weitere Entwicklungen bereitstellt. Das Ausmaß erlebter Sicherheit, das ein Kind in der Beziehung zu seiner Bindungsperson erreichen kann, unterstützt es bei der Regulation der Emotionen und hat Auswirkungen auf spätere enge emotionale Beziehungen (inneres Arbeitsmodell). Bereits Säuglinge zeigen Interesse an sozialer Interaktion und reagieren auf soziale Interaktionsangebote, ab 4 Monaten sind relativ strukturierte, reziproke Interaktionen mit einem Gegenüber möglich. Die Fähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit stellt die Grundlage für weitere soziale Fähigkeiten dar. Das erste eher intuitive Verstehen anderer Personen wird durch ein sozial-kognitives Verständnis ergänzt, das sich innerhalb der ersten 4 Lebensjahre hin zu einer komplexen Theorie of Mind (TOM) entwickelt. Beispiele für untypische Verläufe sozialer Entwicklung Bindungsdesorganisation, Bindungsstörung und Autismus schließen das Kapitel ab (10.5)
Diskussion
Mit „Entwicklungspsychologie der Kindheit“ liegt ein weiteres Lehrbuch zur Entwicklungspsychologie vor, allerdings fokussiert auf den Lebensabschnitt Kindheit (0 bis ca. 12 Jahre). Auf knapp 300 Seiten wird umfassend auf alle für diesen Lebensabschnitt wichtigen Entwicklungsbereiche eingegangen. Die in den Lehrbüchern bisher eher übliche Beschränkung auf die typischen Entwicklungsverläufe wird aufgegeben, die Autorinnen ergänzen in jedem Kapitel untypische Entwicklungen bzw. Störungen im Entwicklungsverlauf bei den einzelnen Entwicklungsbereichen. Wo es möglich ist, werden Befunde zu Anwendungsfragen ergänzt und gelegentlich auch Präventions- und Behandlungsmaßnahmen vorgestellt, sofern diese bereits evaluiert sind.
Fazit
Das Lehrbuch aus der Reihe Kohlhammer Standards Psychologie enthält die wesentlichen Grundlagen der Entwicklungspsychologie der Kindheit, ergänzt durch Abschnitte, in denen Entwicklungsstörungen Raum erhalten. Dies macht das Buch zu einem „besonderen“ Lehrbuch, das äußerst empfehlenswert ist.
Das Buch ist eher sparsam illustriert und vermittelt dadurch den Eindruck der Reduktion aufs Wesentliche – es kommt auch mit weniger als 300 Seiten aus. Hilfreich ist der gut strukturierte Aufbau der einzelnen Kapitel: jedes einzelne wird durch „Orientierungsfragen“ eingeleitet, eine Zusammenfassung schließt das jeweilige Kapitel ab.
Das vorliegende Lehrbuch eignet sich für alle Lernenden und Studierenden, die sich – prägnant dargestellt – einen Überblick über wesentliche Bereiche der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit verschaffen möchten.
Rezension von
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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