socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Theresa Beilschmidt: Gelebter Islam

Cover Theresa Beilschmidt: Gelebter Islam. Eine empirische Studie zu DITIB-Moscheegemeinden in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2015. 267 Seiten. ISBN 978-3-8376-3288-0. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Islam, wie er in Deutschland gelebt wird

An Tagen der offenen Tür empfangen Institutionen, Organisationen, Vereine, Kirchengemeinden und Moscheen Interessierte, informieren über ihre Arbeit und bieten Einblicke in sonst im allgemeinen nur für Zugehörige bekannte und praktizierte Räume an. Ziel ist meist, bei den fremden Besuchern falsche Vorstellungen und Vorurteile ab- und Empathie aufzubauen. Der und das Fremde wird, gelingt diese Türöffnung, dann zum Anderen, der ich selbst sein könnte! Ein solcher Perspektivenwechsel freilich ist nicht durch Verordnung oder Verpflichtung zum Besuch einer ansonsten fremden, möglicherweise abgelehnten Einrichtung möglich, sondern nur durch Dialog auf Augenhöhe (vgl. dazu: Richard Heinzmann / Peter Antes / Martin Thurner / Mualla Selcuk / Halis Albayrak, Hrsg., Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16646.php). Ein Beispiel dafür ist das Berliner ethnologische Aktionsforschungsprojekt „Brücken im Kiez“ (Werner Schiffauer, Schule – Moschee – Elternhaus. Eine ethnosoziologische Intervention, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20047.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Obwohl seit Jahrzehnten, als ehemalige Gastarbeiter, als Flüchtlinge und Asylbewerber und in der zweiten und dritten Generation der Eingewanderten als Eingesessene und deutsche Staatsbürger, mehr als vier Millionen Muslime in Deutschland leben und mehr oder weniger ihren Glauben praktizieren, und das Präsidentenwort – „Der Islam gehört zu Deutschland“ – im Raum steht, wird die Weltanschauung des Islam in der öffentlichen Meinung nach wie vor stark von Schlagwörtern wie „Kopftuch“, „Beschneidung“, „Frauenfeindlichkeit“ oder „Innere Sicherheit“ bestimmt. Wenn irgendwo im Land muslimische Gemeinden Anstalten machen, aus ihren bisherigen Hinterhofmoscheen auszuziehen und an zentraler Stelle des Wohnortes eine Moschee bauen wollen, regt sich nicht selten und auch militant Widerstand ob dieser „Zumutung“. Andererseits bilden sich in interkulturellen Gemeinden mittlerweile auch deutsch-muslimische, interreligiöse und interkulturelle Vereine, Runde Tische und Begegnungsstätten, in denen Kennen lernen, Verständigung und Kooperation praktiziert wird. Dadurch wird der ethnozentrierten, fremdenfeindlichen und rassistischen Einstellung – „Wenn ihr nicht so werdet wie wir, seid ihr unsere Feinde!“ (19.12.2009, www.socialnet.de/materialien/90.php) – eine praktizierte Empathie entgegen gesetzt.

Den Blick von oben auf die muslimischen Aktivitäten in Deutschland, wie er etwa von der institutionalisierten Deutschen Islam Konferenz (DIK) oder vom Bundesamt für Migranten und Flüchtlinge (BAMF) vorgenommen wird, um statistische Werte zu ermitteln, stellt Theresa Beilschmidt vom Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen ihre Dissertation mit dem Ziel gegenüber, „ihr Augenmerk auf das Gemeindeleben und die sozioreligiösen Praktiken von Mitgliedern in lokalen Moscheegemeinden (zu) richten“. Sie untersucht die Arbeit des Dachverbandes der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V.(DITIB) hinsichtlich ihres Gemeindelebens und ihrer Glaubensausübung. Dabei geht es ihr nicht um eine theoretische Auseinandersetzung mit islamischer Religiosität oder gar Ideologie, sondern um „die Beschreibung und empirisch begründete Theoretisierung des (religiösen) Gemeindelebens in Moscheen eines nicht-islamischen Landes“. Ihre Abgrenzung, die sie bei der Charakterisierung und Analyse des Selbstverständnisses, der Zielsetzung und von möglichen Einflussnahmen des Dachverbandes DITIB auf die angeschlossenen Moscheegemeinden gegenüber anderen Zusammenschlüssen, wie etwa der Islamischen Gemeinschaft Milli Görü? oder dem Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) vornimmt, ist gleichzeitig eine Positionierung weg von Sektenbildung und hin zu Organisationsstrukturen, die interne Mitgliederinteressen mit externen Erwartungen zu verbinden sucht.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der die Autorin ihr Verständnis von Religiosität, Gemeinde, Mitgliedschaft, Islam und MuslimInnen darlegt, gliedert sie ihre empirische Forschungsarbeit in weitere drei Kapitel und schließt sie mit einer Schlussbetrachtung und einem Ausblick ab. In der Darstellung ihres Forschungsfeldes unternimmt sie zum einen den Versuch einer Klärung der kontrovers diskutierten Abhängigkeiten von DITIB von Diyanet, der türkischen Religionsbehörde, mit der Aussage, dass die „DITIB mit dem Amt für religiöse Angelegenheiten einen engen Kontakt, jedoch keine strukturelle Verbindung“ habe und DITIB Diyanet lediglich als „spirituelle Autorität in der Theologie“ anerkenne. Dabei ist hilfreich, dass die Autorin einen historischen Blick auf die Verankerung des Laizismus in der türkischen Verfassung (1923/1937) richtet, der Entstehung und Entwicklung von Diyanet ab 1924 nachgeht und die Gründung von DITIB Mitte der 1980er Jahre in Deutschland nachvollzieht. Besonders die Ziele, die von DITIB in der Öffentlichkeit vertreten und propagiert werden, vermitteln einen Einblick in die konkrete Arbeit des Dachverbandes. Da ist zum einen das Primat: Religion ist Privatsache. Mit dieser „Repräsentation eines gemäßigten sunnitischen Islams der hanafitischen Rechtsschule“ stellt sich die Politik von DITIB als neutral, liberal, gemäßigt, apolitisch und auf die Privatsphäre beschränkt dar und tritt, in Abgrenzung zu anderen, radikalen und islamistischen Auffassungen (vgl. dazu auch: Klaus Hummel / Michail Logvinov, Hrsg., Gefährliche Nähe. Salafismus und Dschihadismus in Deutschland, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17750.php), für einen weltoffenen und liberalen Islam ein. In der aktuellen Politik der DITIB-Verantwortlichen zeigt sich damit eine ambivalente Haltung: Während sie sich einerseits darum bemüht, ihre ohne Zweifel vorhandenen Abhängigkeiten zu Diyanet zu relativieren und vorsichtig zu lockern, bestehen jedoch weiterhin Distanzen zu den mittlerweile (intellektuellen und wissenschaftlichen) reformtheologischen Bemühungen, den Islam tatsächlich zu einer „Verdiesseitigung“ hin zu entwickeln: „Wenn eine gute Gesellschaft machbar ist, so ist sie auch ‚islamisch‘ machbar“.

Die empirisch ermittelten Aussagen über die Gründe, weshalb Muslime in Deutschland Moscheen besuchen, die dem Dachverband DITIB angeschlossen sind, haben sicherlich für die Integrationsbemühungen in Deutschland Bedeutung. Da ist zum einen die Erkenntnis, dass der überwiegende Teil der türkischstämmigen Gläubigen nach wie vor eine starke, traditionelle Bindung an Traditionen und Mentalitäten ihres (ehemaligen) Heimatlandes und das ihrer Vorfahrenhaben und die Nähe ihres Dachverbandes haben und dessen Nähe

zum türkischen Staat gutheißen; gleichzeitig befürworten sie die Möglichkeit, die Moscheegemeinde als familiären und sozialen Ort benutzen zu können. Sie sehen darin die Chance, ihre gewohnte islamische Alltagskultur praktizieren zu können, jedoch nicht in dem Sinne, sich dadurch von der Kultur der Mehrheits- und Ankunftskultur zu entfernen und sich gewissermaßen zu ghettoisieren, sondern ihr islamisches, kulturelles Selbstverständnis in die Mehrheitskultur einzubringen. Dadurch entwickeln sich eher Anpassungs- denn Widerstandstendenzen in ihrer neuen Heimat.

Fazit

Die mit der gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsmethode „Grounded-Theory“ durchgeführte Studie über DITIB-Moscheegemeinden in Deutschland entstand in einem neunmonatigen Projekt als teilnehmende Beobachtung in drei ausgewählten, städtischen und ländlichen Moschee-Einrichtungen im Bundesland Hessen. Ziel der Forschungsarbeit ist, „die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie der Islam von den lokalen AkteurInnen in den Moscheegemeinden, die ihre Religiosität tagtäglich leben, gestaltet wird“. Die Ergebnisse ihrer Feldforschung zeigen sich in einer Reihe von neuen Erkenntnissen, die neue Blickrichtungen über das Wirken von Moscheegemeinden in Deutschland, mit durchaus allgemein aussagekräftiger Qualität, ermöglichen; etwa die Erkenntnis, dass „bei den Moscheegemeindemitgliedern nicht die vielbeschworene und häufig zitierte Individualisierung der Religiosität zu beobachten (ist), sondern vielmehr eine Subjektivierung ebendieser“. Das lässt auch die Vermutung zu, dass die Zielsetzungen und Arbeit von DITIB-Moscheegemeinden nicht ein „Dazwischen“ oder gar eine gesellschaftliche Parallelisierung fördern, sondern ein transnationales Bewusstsein als „Merkmal der Diversität“ (Faist) und der „Vielfalt“ (im Sinne eines Universalismusdenkens; vgl. dazu: Deutsche UNESCO-Kommission, „Unsere kreative Vielfalt“. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995/1997) bewirken will.

Aus der Studie lassen sich Erkenntnisse und Herausforderungen in mehrfacher Hinsicht gewinnen: Da ist die zwar nicht neue, aber im interreligiösen und interkulturellen Diskurs in Deutschland eher vernachlässigte Einsicht, dass sich der überwiegende Teil der in den DITIB-Moscheegemeinden organisierten Gläubigen sowohl als türkische als auch deutsche Staatsbürger empfinden, was für die Integrationsbemühungen in die Mehrheitsgesellschaft Konsequenzen haben sollte. In gleicher Weise orientieren sich die DITIB-Mitglieder an den kulturellen und mentalen, deutschen und türkischen Grundsätzen, was in jedem Fall gegen Bestrebungen zur Assimilation spricht. Da sind die zivilgesellschaftlichen Herausforderungen, dass der interreligiöse und interkulturelle Dialog auf Augenhöhe und gleichberechtigt stattfinden sollte; was in jedem Fall Ansprüche zur Durchsetzung von Formen der „Leitkultur“ zurückweist. Es geht um den Anspruch in einer pluralistischen und offenen Einwanderungsgesellschaft, auch islamische Religionsgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Grundlage und Zielperspektive ist, den „Islam als ‚normal‘ und nicht mehr als Fremdkörper“ im individuellen Alltag und im gesellschaftlichen Leben anzuerkennen. Mit der Forschungsarbeit verweist die Autorin auch auf weitere Perspektiven und Klärungsbedarf, die in der Studie nicht oder nicht ausreichend thematisiert werden; wie etwa das Herausfinden von weltanschaulichen Gemeinsamkeiten, die ein interreligiöses und interkulturelles Zusammenfinden der Menschen in der deutschen Gesellschaft befördern können; wie auch die notwendige Klärung über Unterschiede bei der Identitätsentwicklung und bei religiösen Praxen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.01.2016 zu: Theresa Beilschmidt: Gelebter Islam. Eine empirische Studie zu DITIB-Moscheegemeinden in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3288-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20254.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung