Hermann Haken, Günter Schiepek: Synergetik in der Psychologie
Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, 18.08.2016
Hermann Haken, Günter Schiepek: Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten.
Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG
(Göttingen) 2010.
2., korrigierte Auflage.
780 Seiten.
ISBN 978-3-8017-2311-8.
69,95 EUR.
CH: 118,00 sFr.
Systemvoraussetzungen der DVD-ROM-Beil.: Windows ME/2000/XP; J2SE Runtime Environment (Java Runtime Environment), Programm, um Microsoft-Excel-Tabellen anzeigen zu können, Programm, um Microsoft-PowerPoint-Präsentationen anzeigen zu können (PowerPoint Viewer befindet sich auf der DVD), IBM-kompatibler PC ab 800 MHz (Pentium oder AMD); min. 64 MB RAM, besser 128 MB RAM; DVD-Laufwerk, Lautsprecherboxen, Maus; Soundkarte, min. VGA-Monitor, Auflösung 800 x 600 (High-Color, 16 Bit).
Thema
Die Lehre der Synergetik – kurz dem Zusammenwirken – spielt in einer von Komplexität und Nichtwissen geprägten Gesellschaft eine grundlegende Rolle. Auf der Grundlage ursprünglich naturwissenschaftlicher Forschung und physikalischer Erkenntnisse zu Chaos, Ordnungssystemen, Selbstorganisationsprozessen und derlei werden diese für das Verstehen bio-psychischer und sozialer Vorgänge erklärbar und nutzbar gemacht. Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Grundlagenwerk zur Synergetik, wobei die einzelnen Kapitel durchaus einzeln studierbar sind. Dies ermöglicht einem fast 800 Seiten umfassenden Wissenschaftsbuch einen durchweg angenehmen Zugang.
Autoren
Hermann Haken ist promovierter Mathematiker und habilitierter Physiker, und war, neben zahlreichen internationalen Gastprofessuren, bis zu seiner Emeritierung (1995) für 35 Jahre als Professor für theoretische Physik an der Universität Stuttgart tätig. Er ist der zentrale Entwickler der Synergetik auf Grundlage seiner Forschungen zur Lasertheorie. Er hat zahlreiche, international rezipierte Veröffentlichungen verfasst und verfügt über vielfältige Auszeichnungen.
Günter Schiepek ist habilitierter Psychologe, leitet unter anderem das Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, ist Gastprofessor an verschiedenen Hochschulen und ein maßgeblicher Protagonist der (systemischen) Therapieforschung sowie Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
Aufbau und Inhalt
Das umfangreiche Buch ist in acht Hauptkapitel gegliedert.
In Kapitel 1 wir ‚Das Problem der Ordnung‘ grundlegend und mit verschiedenen beispielhaften Zugängen einführend dargelegt und in unterschiedlichen Disziplinbezügen diskutiert. So wird beispielsweise im Kontext von Unternehmen und Organisationen geklärt, wie Interaktionsmuster und Ordnungsbildungen entstehen und zugleich dauernden Veränderungen unterliegen müssen.
In Kapitel 2 wird die ‚Synergetik – die Wissenschaft der Selbstorganisation‘ kompakt auf ca. 70 Seiten eingeführt. Dabei werden die zentralen Begriffe lehrbuchhaft geklärt und beispielhaft nachvollziehbar gemacht. Zahlreiche Visualisierungen unterstützen den inhaltlichen Zugang. Teilweise finden sich auf der beigefügten DVD entsprechende Animationen, Audioeinspielungen und Powerpointfolien als vertiefende Erklärung.
Kapitel 3 befasst sich sehr umfangreich mit dem ‚Gehirn als selbstorganisierendes System: Kognition – Emotion – Verhalten‘. In viele detaillierte Unterkapitel gegliedert wird wiederum entsprechend eines Lehrbuchs sehr beispielhaft in und durch die hochanspruchsvolle Thematik und Materie geführt. Hierbei wird der titelgebende Bezug zur ‚Synergetik in der Psychologie‘ nachvollziehbar bspw. mit Fokussierungen zu Gedächtnis, Entscheidungsfindungen, Identität und (Selbst-)Bewusstsein.
In Kapitel 4 werden ‚Philosophische Fragen der Synergetik‘ diskutiert. So wird bspw. sehr differenziert der ‚Einwand des Physikalismus‘ erörtert und argumentativ nachvollziehbar geklärt. Ebenso wird das Verständnis einer ‚Einheit der Wissenschaft‘ in einem transdisziplinären Sinne ausgebreitet sowie ‚Kriterien zur Beurteilung des Erklärungspotentials von Theorien‘ dargelegt.
Nun folgen drei Kapitel, die aus meiner Perspektive eher einen anwendungsorientierten Charakter der zuvor erläuterten Grundlagen der Synergetik in der Psychologie haben.
Kapitel 5 befasst sich mit ‚Psychotherapie‘, wobei eingangs eine großartige Klärung ‚jenseits der Therapieschulen‘ inklusive einer synergetischen Definition von Psychotherapie (S.327) erfolgt, die im Grunde auf den folgenden 120 Seiten sehr differenziert hergeleitet und erklärt wird.
In Kapitel 6 sind ‚Soziale Systeme‘ der zentrale Gegenstand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. So werden in diesem Kontext bspw. die therapeutische Kommunikation, soziale Kopplungen, Gruppendynamik oder Gewalt in Gruppen durch die Synergetik beschreibbar.
Kapitel 7 befasst den Themenkomplex des ‚Management‘, wobei nachvollziehbarerweise das Management von Veränderung einen zentralen Aspekt einnimmt.
Das Kapitel 8 rundet das Buch mit Aspekten der ‚Entwicklungen und Perspektiven‘ der Synergetik ab, wobei sich ein Unterkapitel mit ‚Synergetik lehren und lernen‘ befasst und einen sehr umfangreichen sogenannten Lernzielkatalog für ein synergetisches Prozessmanagement skizziert.
Ein gut 50 seitiges, geradewegs eine Bibliothek füllendes Literaturverzeichnis, ein Stichwortregister sowie die bereits erwähnte, mit 51 Animationen bestückte DVD sind ebenfalls Bestandteil dieses Lehrbuchs. Dass – neben der fachlich-inhaltlichen Brillanz – trotz der bei diesem Verlag üblichen hohen gestalterischen Gesamtqualität dem Rezensenten ein Rechtschreibfehler (S.519) auffällig wird, erweist sich als Hinweis auf die berüchtigte Stecknadel im Heuhaufen als das schmunzelnd angemerkte stetige Ordnungsmuster der Unsteuerbarkeit selbst solcher Qualitätsprozesse.
Fazit
Dieses wissenschaftliche Lehrbuch überzeugt durch seine inhaltlich-fachliche Tiefe und die differenzierte Darlegung einer hochanspruchsvollen, transdisziplinären Materie. Dabei wird der Zugang durch die didaktische Gestaltung, die sprachliche Schärfe ohne unnötige Abstraktionen, die differenzierte und in den Unterkapiteln kurzgehaltene Gliederung, die vielfältigen Visualisierungen sowie die unterschiedlichsten Praxisbezüge und Anwendungsbeispiele ausgezeichnet gewährleistet. Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen sollten sich gegebenenfalls nicht von Formeln abschrecken lassen. Zugleich können wie bereits eingangs erwähnt die acht Hauptkapitel durchaus einzeln studiert werden. Dieses Lehrbuch sollte in keiner Bibliothek der Sozialen Arbeit fehlen und in Seminaren den Zugang zum besseren Verständnis einer durch Komplexität und Nichtwissen geprägten Gesellschaft dienlich werden.
Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Inklusion, Partizipation, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.
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