socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ronald Grätz, Hans-Joachim Neubauer (Hrsg.): Human Rights Watch

Cover Ronald Grätz, Hans-Joachim Neubauer (Hrsg.): Human Rights Watch. Einsatz für eine menschenwürdige Welt. Steidl (Göttingen) 2016. 208 Seiten. ISBN 978-3-95829-144-7. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Ohne Menschenrechte gibt es keine humane Zukunft

Die „globale Ethik“, wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 konstituierte Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bezeichnet wird, gilt als machbare und durchsetzbare Vision, dass die Menschheit von einer Kultur des Krieges, von Gewalt, Egoismus, Ethnozentrismus und Nationalismus zu einer Kultur des Friedens, der Verständigung und Humanität gelangen könne; auf der Grundlage nämlich, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens bildet“. Zur 50jährigen Wiederkehr der Etablierung der Menschenrechtsdeklaration hat die UNESCO eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Der damalige Generalsekretär der Sonderorganisation der Vereinten Nationen, Federico Mayor, hat darauf hingewiesen, dass die Vision vom Übergang von einer Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens nur Wirklichkeit werden könne, wenn die Regierungen in der Welt diese Herausforderung Ernst nehmen, dass dazu aber auch jede Gesellschaft und jedes Individuum tagtäglich und aktiv einen Beitrag dazu leistet, Gewalt und Konfrontation, Egoismus und Macht durch Vernunft und Solidarität zu ersetzen. Die Auseinandersetzungen um die Frage, ob die Menschenrechte allgemeingültig und allgemeinverbindlich oder relativierbar zu verstehen und anzuwenden sind, durchziehen die lokalen und globalen Diskussionen in der (Einen?) Welt bis heute. Zwar kann man feststellen, dass die (formale) Anerkennung der Menschenrechtsdeklaration mittlerweile von fast allen Staaten auf der Erde vollzogen ist, dass aber andererseits weiterhin in vielen Ländern und Regionen der Welt Menschenrechtsverletzungen stattfinden, relativiert, vertuscht und verschwiegen werden (vgl. dazu z. B.: Jos Schnurer, zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 11.12.2008, www.socialnet.de/materialien/46.php; sowie: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, 10.04.2015, in: http://www.sozial.de/Schnurers Beiträge).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Das grundsätzliche Problem bei der Durchsetzung der Anerkennung und Verwirklichung der Menschenrechte im lokalen und globalen Zusammenleben der Menschen besteht darin, dass die in der Deklaration aufgeführten Menschenrechte und Grundfreiheiten der Menschen im konkreten, gesellschaftlichen Vollzug als Rechts- und ethische Idee und Vorsatz voranstehen, aber deren Durchsetzung nur als völkerrechtlicher Appell und Norm möglich ist. Es gibt keine „Menschenrechtspolizei“, es sei denn, das Staats- und Rechtsverständnis basiert und agiert auf den Grundlagen der Menschenrechte. Immerhin: Im Juli 1998 haben 120 Staaten der Erde in Rom die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs mit Sitz in Den Haag beschlossen. Der iStGH soll über Verbrechen gegen Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen von Individuen, nicht von Staaten richten. Diese Festlegung ist ein Manko der an sich positiven Initiative, über Menschenfeindlichkeit und Menschenrechtsverletzungen zu urteilen. Ein Hemmschuh für die mögliche Wirkungskraft der internationalen Rechtsinstitution besteht auch darin, dass eine ganze Reihe von Ländern bisher dem Vertrag nicht beigetreten sind und den Internationalen Strafgerichtshof aus egoistischen, nationalistischen oder rechtsargumentativen Gründen ablehnen, wie z. B.: USA, China, Indien, Irak, Iran, Israel, Kuba, Nordkorea, Pakistan, Russland, Syrien, Saudi-Arabien, Sudan und die Türkei. Beobachter vermuten, dass die Kritik am iStGH von denen komme, die ihn zu fürchten hätten.

Neben dieser UN-offiziellen Etablierung eines Rechtsinstruments zur Verfolgung und Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen haben sich im lokalen und globalen Diskurs zur Verteidigung der Menschenrechte insbesondere nichtstaatliche Bürgerrechts- und Menschenrechtsorganisationen entwickelt, die in den einzelnen Ländern und Gesellschaften gewissermaßen als Mahner und Wächter für Menschenrechte tätig sind. Die NGOs haben sich im Dachverband „Association Européenne pour la défense des Droits de l´Homme (AEDH)“ mit Sitz in Paris zusammengeschlossen. Die bereits 1922 gegründete Initiative trägt mit ihren rund 180 weltweit tätigen Mitgliedsorganisationen dazu bei (in Deutschland, die Berliner Internationale Liga für Menschenrechte e.V.), „durch politische Einflussnahme – wenn nötig mit Druck – auf Regierungen, Parteien, Wirtschaft, Kirche oder Verbände die Verwirklichung und Weiterentwicklung der Menschenrechte gemeinsam mit anderen Vereinigungen und als Teil der sozialen Bewegungen voranzutreiben sowie Verstöße gegen diese abzuwehren“.

Der Generalsekretär des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa) und Herausgeber der Zeitschrift für internationale Perspektiven: Kulturaustausch, Ronald Grätz, und der Berliner Kulturwissenschaftler, Autor und Publizist Hans-Joachim Neubauer geben den wie immer vom Steidl-Verlag haptisch und ästhetisch gestalteten Gesprächsband „Human Rights Watch. Einsatz für die Menschenrechte“ heraus.

Aufbau und Inhalt

Die Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte kann als eine der grundlegenden, existentiellen Herausforderungen der Menschheit verstanden werden. Die Vereinten Nationen haben mit der Etablierung des „United Nations High Commissioner for Human Rights“ einen wichtigen Anker gesetzt. Human Rights Watch (HRW) ist eine bedeutsame, US-amerikanische, weltweit wirkende Menschenrechtsorganisation mit Sitz in New York. Sie wurde 1978 im Prozess der Verhandlungen zur Beendigung des Kalten Krieges der Schlussakte von Helsinki gegründet und hat sich mittlerweile zu einer bedeutenden Friedens- und Menschenrechtsorganisation entwickelt. Rund 400 hauptamtliche und weitere ehrenamtliche Engagierte sind in mehr als 90 Ländern tätig, um in Zusammenarbeit mit lokalen NGOs und Regierungen den Finger in die Wunden der Menschenrechtsverletzungen zu legen und durch Mahnungen, Öffentlichmachung und Vereinbarungen auf Diskriminierung, Korruption, Folter, Todesstrafe und andere Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und Menschenrechte und Gerechtigkeit einzufordern.

Durch die Berichterstattung und Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen ist HRW zu einem unbequemen Fingerzeiger für Individuen und Regierungen geworden, die das Recht auf Menschenwürde und Freiheit missachten, und zu einem Hoffnungssignal für deren Durchsetzung. Die NGO wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Anerkennungen bedacht, unter anderem 2016 mit dem Theodor-Wanner-Preis des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Die Initiative hat mit dem Preis bisher Personen ausgezeichnet, die in ihrer Arbeit den Dialog der Kulturen und Friedens- und Völkerverständigung fördern: 2009 Daniel Barenboim, 2010 Carla Del Ponte, 2011 Jacques Delors, 2013 Yoko Ono und 2014 Ernesto Cardenal. Der Menschenrechtspreis für 2016 erhielt Human Rights Watch als gemeinnützige, unabhängige Organisation. Die Stifter wollen damit darauf aufmerksam machen, dass es nicht allein der Initiative von Einzelpersonen bedarf, um eine globale Ethik zu verwirklichen, sondern vor allem auch gesellschaftliche Initiativen wie HRW dazu notwendig sind.

Der Geschäftsführer von HRW, Kenneth Roth, erläutert in dem Interview die Zielsetzung und Arbeitsweise seiner Organisation, verweist auf Hürden und Hindernisse im Spannungsfeld von lokalen Akteuren und supranationalen Institutionen und vermittelt Eindrücke, „welche Anstrengungen nötig sind, um die Menschenrechte in einer Zeit zu verteidigen, die von den Folgen des Klimawandels ebenso geprägt wird wie von wachsender Ungleichheit und religiös motivieren gewaltsamen Konflikten“. Mit dem Titel „Keine Religion besitzt das Monopol auf Gut oder Böse“ wird deutlich, dass wesentliche Elemente der Menschenrechtsarbeit individuelle, institutionelle und materielle Unabhängigkeit, Objektivität und furchtloses Engagement mit Augenmaß sind. Gewissermaßen als sein Credo, das Anhaltspunkt und Motivation für eigene Menschenrechtsaktivitäten sein kann, lautet: „Ich glaube nicht, dass die Umstände den Menschen ihr Verhalten vorschreiben… Der Spielraum menschlichen Handelns ist entscheidend. Viele Menschen streben nach mehr Wohlstand oder Macht, aber nur einige setzen auf Unterdrückung und Brutalität, um ihr Ziel zu erreichen…“.

Die Menschenrechtsaktivistin Zema Coursen-Neff ist bei HRW für Kinderrechte zuständig. Sie engagiert sich bei der Initiative „Global Coalition to Protect Education from Attack“, und sie ist davon überzeugt: „Mangel an Bildung bedeutet Finsternis“. Ziel ihrer Arbeit ist vor allem darauf aufmerksam zu machen, dass und wie Kinderschutz in Kriegs- und Krisensituationen ermöglicht und Formen von Menschenrechtsverletzungen, wie z. B.: Kinderarbeit, Kinder in Haft, Kindersoldaten, Situation von Migrantenkindern, aufgedeckt, bewusst gemacht und verhindert werden können. Trotz dieser zahlreichen (und steigenden?) Menschenrechtsverletzungen am Wohl und der Entwicklung von Kindern vermittelt die Aktivistin eine positive und ermutigende Botschaft: „Wenn man wirkliche Veränderung sieht, lächelt man. Die Menschen, denen wir begegnen, haben oft unvorstellbare Verluste erlitten… Aber wir treffen auch unvorstellbar tapfere Menschen…“.

Der in Ungarn geborene, US-amerikanische Milliardär George Soros ist bekannt geworden durch sein philanthropisches Engagement. Mit der von ihm gegründeten Open Society Foundation fördert er zahlreiche soziale Projekte in den Bereichen freie, liberale Gesellschaft, Transparenz und Menschenrechte. 2010 hat er der HRW 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt. Er sieht in den Aktivitäten der zivilgesellschaftlichen Akteure keine Konkurrenz zu verpflichtendem, demokratischem und freiheitlichem Handeln, sondern eine Ergänzung als „soft power“ und Chancen, nicht allein mit militärischer und institutioneller Macht Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden, sondern auch mit „weichen“ Strategien an das Gewissen von Unterdrückern zu appellieren. Er betont, dass er mit seinem finanziellem Engagement keinerlei Einfluss auf die Arbeit von Human Rights Watch nimmt, sondern der NGO vertraut, mit Kompetenz gute Arbeit zu leisten.

Einen wesentlichen Teil des Buches nehmen Farbbilder des US-amerikanischen Fotojournalisten, Filmemachers und Medienwissenschaftlers Ed Kashi ein. Mit den Serien „Sugar Cane“ und „Syrian Refugees“ stellt er Situationen dar, die Menschenwürde verletzen; wie z. B. „Im Zuckerrohr: Eine Arbeiter-Epidemie“. In den mittelamerikanischen Ländern Nicaragua und El Salvador sterben rund ein Drittel der Zuckerrohrarbeiter an chronischem Nierenversagen, einer Krankheit, die durch bessere Arbeitsbedingungen und Gesundheitsvorsorge vermieden werden könnte. Die „Arbeiter-Epidemie“ grassiert nicht nur in den lateinamerikanischen Ländern, sondern ebenfalls in Indien und Sri Lanka und fordert nicht nur in diesen Ländern, sondern weltweit zu Veränderungen heraus. Mit der zweiten Fotoserie verweist Ed Kashi auf „Syriens verlorene Generation“. Er erzählt mit seinen Bildern das Leid von kurdischen Flüchtlingen und dokumentiert über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg die Unmenschlichkeiten und Zukunftslosigkeiten, die insbesondere Kinder und Jugendliche im syrischen Bürgerkrieg erleiden. „Wir müssen uns darum kümmern, wenn wir den Kreislauf von Gewalt durchbrechen und positiven Einfluss nehmen wollen“. Ed Kashi klagt an! Er will aber auch aufklären! Er will mit seinen Erzählungen in Bildern „die Personen, die ich fotografiere oder filme, menschlich ( ) zeigen, ihre Würde zu wahren sowie den Menschen die Augen ( ) öffnen, sodass sie zumindest daraus lernen und vielleicht sogar danach handeln“.

Fazit

Die Text- und Fotodokumentation über die Ziele und Arbeitsweisen der bekannten, internationalen Nichtregierungsorganisation „Human Rights Watch“ ist ein Wachmacher in den Zeiten der Gesättigtheit und Trägheit, des ethnischen, nationalen und populistischen Egoismus auf der einen, und den globalen Veränderungsprozessen mit der immer weiter auseinanderdriftenden, entgrenzten Schere zwischen Wohlhabenheit und Armut auf der anderen Seite. Die Antwort darauf ist eindeutig: Ohne die Verwirklichung der Menschenrechte, wie sie in der globalen Ethik der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen postuliert ist, gibt es keine humane, gerechte Zukunft der Menschheit. Das Engagement von HRW mag als Exempel für zahlreiche weitere Aktivitäten von Individuen und Nichtregierungsorganisationen dienen. Die Engagierten von Human Rights Watch und der Fotojournalist Ed Kashi stellen fest: „Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel!“. Es wäre gut, dies zu sehen, zu hören, wahr zu nehmen und darauf mit eigenem Engagement zu reagieren – in der schulischen und außerschulischen Bildungs- und Aufklärungsarbeit, im individuellen und gesellschaftlichen Wachsein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1244 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.07.2016 zu: Ronald Grätz, Hans-Joachim Neubauer (Hrsg.): Human Rights Watch. Einsatz für eine menschenwürdige Welt. Steidl (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-95829-144-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20258.php, Datum des Zugriffs 20.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Referent/in Studienorganisation, Mühldorf a. Inn

stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!