Guido Strunk, Günter Schiepek: Therapeutisches Chaos
Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, 09.08.2016
Guido Strunk, Günter Schiepek: Therapeutisches Chaos. Eine Einführung in die Welt der Chaostheorie und der Komplexitätswissenschaften. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. 155 Seiten. ISBN 978-3-8017-2497-9. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 36,90 sFr.
Thema
Komplexität und Nichtwissen sind zentrale Begriffe vielfältiger Diskurse in unterschiedlichsten Disziplinen. Insbesondere das Handeln und die Interaktionsgestaltung von Menschen sind komplex, intransparent und wechselwirkend. Dies betrifft den lebensalltäglichen Kontext von sogenannten Klient*innen, Adressat*innen, Patient*innen oder wie auch immer Menschen in einem bio-psycho-sozialen Professionskontext etikettiert werden. Zugleich sind diese Rahmungen für den professionellen Interaktionskontext bestimmend. Wenngleich das Buch vom therapeutischen Chaos handelt, besteht ein deutlicher Bezug zur Sozialen Arbeit. Der Lebensalltag der Menschen bildet die Grundlage des Sozialen. Die Bewältigung dieses Lebensalltags wird zum zentralen Gegenstand bio-psycho-sozialer Handlungsfelder. Die Zielstellung und professionsethische Leitlinie einer solchen ursprünglich als Alltagsorientierung, später im sich akademisch etablierenden Fachdiskurs immer stärker als Lebensweltorientierung gefassten Konzeptualisierung liegt nach Hans Thiersch in der Ermöglichung eines selbstbestimmteren, gelingenderen Alltags der Adressat*innen. Eine Befassung mit Alltag macht die Auseinandersetzung und zugleich die Akzeptanz von Komplexität notwendig. Komplexität im Alltag impliziert die Akzeptanz von relationalen Wechselwirkungsprozessen, ebenso von Intransparenz und Nichtwissen. Eine vorab antizipierte, extern gesetzte sogenannt zielfokussierte Steuerung wird abgelöst durch ein iterativ-partizipatives Co-Development. Die Akzeptanz von Selbststeuerungsprozessen und Autonomiebestreben sowie Selbstbestimmung der in Systemen agierenden und aufeinander wirkenden Akteure bildet folglich die Grundlage (und nicht das Problem) des Handelns. Dieses überschaubare Buch handelt von der Nichtvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens und wie durch eine Akzeptanz der Komplexität dennoch hilfreiche Interaktionen professionell gestaltbar bleiben.
Autoren
Guido Strunk ist promovierter Psychologe und Wirtschaftswissenschaftler, als habilitierter Betriebswirtschaftswissenschaftler u.a. als Privatdozent an der TU Dortmund tätig sowie an verschiedenen Hochschulen in der Lehre befasst. Er verantwortet complexity-research in Wien und hat zahlreiche Veröffentlichungen verfasst.
Günter Schiepek ist habilitierter Psychologe, leitet unter anderem das Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, ist Gastprofessor an verschiedenen Hochschulen und ein maßgeblicher Protagonist der (systemischen) Therapieforschung sowie Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
Aufbau und Inhalt
Dieser kurze Band „handelt vom Chaos, von den Abgründen der Komplexität, aber auch von ihrer Schönheit, Vielgestaltigkeit und Wandlungsfähigkeit. Es will die Grenzen der Vorhersehbarkeit, der Plan- und Beeinflussbarkeit menschlichen Verhaltens ausloten und zeigen, wie sich gerade an diesen Grenzen neue Möglichkeiten therapeutischen Handelns eröffnen“ (S.7). Hierzu werden zunächst in einer sehr nachvollziehbar unkomplizierten (!) Sprache die zentralen Begriffe der Komplexität, des Zufalls, der Kompliziertheit und eines Systems geklärt. Dabei wird teilweise unter Zuhilfenahme von grafischen Visualisierungen bzw. inhaltlichen Zusammenfassungen im Sinne eines didaktischen Lehrbuchs der Zugang zur inhaltlichen Auseinandersetzung sehr unterstützend strukturiert. Bei der Darlegung verschiedener Systemmodelle wird das idiografische, also den Einzelfall beschreibende Systemmodell, das internet-basiert eine Zeitreihentherapieforschung ermöglicht, beispielhaft als Zugang zu Komplexität vorgestellt. Ebenso beeindruckt die ‚Checkliste‘ zur Klärung, wie wahrscheinlich unter welchen Bedingungen Prozesse des Chaos auftreten werden. „Chaos ist in technischen Systemen störend, in lebenden Systemen aber ein Funktionsmodus von Gesundheit“ (S.63). Das zeigt als Zwischenfazit den Zugang zu organisierter Komplexität mit „Inseln der Ordnung“ (S.64), die im Folgenden durch verschiedene wissenschaftliche, zugleich bildgebende Verfahren den Zugang zu diesen zeitlichen und/oder räumlichen Mustern ermöglichen.
Mit Bezug zu psychotherapeutischen Veränderungen wird auf die Synergetik als „Theorie der Ordnungsübergänge“ (S.85) verwiesen und dabei in die Darstellung von Potenziallandschaften eingeführt, die durch entsprechende Interventionen gestaltbar werden, wenngleich festgehalten wird: „Man kann also Veränderungen nur anregen, nicht aber gezielt instruieren. Therapie ist und bleibt ein Prozess mit ungewissem Ausgang“ (S.92). Diese Veränderungen in der Potenziallandschaft als Ordnungsübergänge lassen sich in der hier vorgestellten Therapieforschung empirisch nachzeichnen. Und somit nutzbar machen: „Psychotherapie kann vor diesem Hintergrund als Prozess der Wiederherstellung der Selbstorganisationsfähigkeit komplexer Systeme verstanden werden“ (S.102).
Fazit
Dieses Buch ist eine großartige Einführung in die Komplexitätswissenschaft und zeichnet neueste Verfahren der Therapieforschung nach, die bereits schon länger bestehende therapeutische Ansätze durch Forschung nachvollziehbarer machen und zugleich bestärken. Zugleich ermutigt dieses Buch einen Transfer dieser Erkenntnisse in die Soziale Arbeit.
Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Inklusion, Partizipation, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.
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