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Thomas Bolm: Mentalisierungs­basierte Therapie

Cover Thomas Bolm: Mentalisierungsbasierte Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-497-02540-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Mentalisieren ist ein jüngeres psychologisches Konstrukt, das Elemente aus der Psychoanalyse, der Entwicklungspsychologie, den Kognitionswissenschaften, der Affektforschung und der Neurobiologie berücksichtigt. Mentalisieren bedeutet, die inneren psychischen, d.h. mentalen Zustände wie Gefühle, Gedanken und Absichten bei sich und bei anderen wahrzunehmen, als dem Verhalten zugrunde liegend zu begreifen und darüber nachdenken zu können.

Thomas Bolm stellt mit der „Mentalisierungsbasierten Therapie (MBT)“ ein Konzept vor, welches primär für die Behandlung von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen entwickelt wurde. Der Fokus liegt auf der Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit der Patienten. Schwerpunkte, und gleichzeitig Besonderheiten des Buches, stellen die ausführliche Darstellung der Borderline-Persönlichkeitsstörung auf die Mentalisierungsfähigkeit, die Einbettung der MBT in den stationären (deutschen) Kontext und die Darstellung der Relevanz der Gruppe als ‚idealer Ort zum Mentalisieren‘ (im Stationsalltag) dar.

Autor

Thomas Bolm ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Gruppenpsychotherapie und Gruppenlehranalytiker (D3G). Er ist Chefarzt von MentaCare, Zentrum für psychische Gesundheit Stuttgart.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gibt zunächst eine Einführung in die Definition von Persönlichkeitsstörungen, letztendlich eingeengt auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), wie sie seitens der internationalen Klassifikationssysteme DSM-IV, DSM-V und ICD-10, erfolgen. Danach widmen sich die folgenden 20 Seiten der Epidemiologie, der Diagnostik, der Ätiologie und der Behandlung der BPS.

Im zweiten, mit ‚Geschichte‘ überschriebenem Kapitel wird beschrieben, wie sich MBT als neue Methode aus der klinischen Notwendigkeit heraus entwickelt hat.

Das dritte Kapitel stellt sehr anschaulich die bindungstheoretischen, aber auch die entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Grundlagen des Mentalisierungskonzepts dar. Bolm zeigt auf, das in der Ätiopathogenese schwerer Persönlichkeitsstörungen aufgrund der repetitiven Fehlabstimmungen entwicklungspsychologisch zentraler Spiegelungsbeziehungen in den frühen und frühesten erfolgten Bindungserfahrungen die Fähigkeit zum Mentalisieren stark eingeschränkt ist. Angst aktiviert das Bindungssystem, eine sichere Bindung hingegen aktiviert das Explorationssystem. Bei Menschen, die unter schweren strukturellen Störungen leiden, werden in den Momenten, in denen das Bindungssystem hyperaktiviert ist, Exploration und Mentalisieren fast völlig blockiert. Ein „holding mind in mind“ (S. 47) kann in diesen Momenten nicht stattfinden. Wenn die Mentalisierungsfähigkeit nicht verfügbar ist, sind Identitätsentwicklung, Bindung, Subjekt-Objekt-Trennung und das Kohärenzerleben des Selbst beeinträchtigt. Neben Kennzeichen von Mentalisierungsstörungen räumt Bolm dem Pseudo- und dem Hypermentalisieren Platz ein. Hypermentalisieren meint das panische Nachdenken und ruhelose Grübeln, das jedoch nicht zu einer produktiven Integration der verschiedenen Selbstanteile und zur Entwicklung vertiefter mentalisierender Fähigkeiten führt. Pseudomentalisieren meint die scheinbar reflektiert wirkende, jedoch oberflächlich angelernte und stereotype Kommunikation (S. 66).

Mit dem therapeutischen Prozess befasst sich das nächste und umfangreichste Kapitel. Es stellt den Schwerpunkt des Buches dar. Die theoretischen Verortungen werden in die therapeutische Praxis integriert. Dargestellt werden diagnostische Verfahren zur Überprüfung der Mentalisierungsfähigkeit. Nach der Indikationsstellung wird – mit einem kurzen Exkurs zu „mentalisierungsbasiert arbeiten als niedergelassener Psychotherapeut“ (S. 96) das MBT-Setting im Klinikalltag erläutert. Ein Unterpunkt widmet sich spezifischen MBT-Interventionstechniken. Sämtliche dargestellte Interventionstechniken sind auf die Verbesserung, Herstellung oder Wiederherstellung des gemeinsamen Mentalisierens ausgerichtet. Bolm stellt in den verschiedenen Techniken wie „bewusstseinsnah intervenieren“ (S. 130) oder „Mentalisierungsbrüche suchen und Verbindungen schaffen“ (S. 128) immer wieder heraus, wie sich der Therapeut auf die aktuelle Mentalisierungskapazität der Patienten einstellen und seine Interventionen diesen aktuellen Möglichkeiten anpassen sollte.

Die letzten drei Kapitel nehmen insgesamt 20 Seiten ein. Das 5. Kapitel, Evaluation, enthält einige knappe Informationen zur Evidenzbasierung von MBT und ihrem Umfeld. Der Ausblick auf künftige Entwicklungen besteht aus einer zweiseitigen Zusammenfassung zur (Weiter-)Entwicklung von MBT im klinischen Kontext und der kurz skizzierten Idee der Mentalisierungsförderung im Rahmen von Organisationen und Politik.

Diskussion

Thomas Bolm benennt in der Einleitung als Anspruch an sein Buch, ein „ausgesprochenes MBT-Praxisbuch“ (S. 9), „eine hilfreiche Begleitung durch die klinische Realität“ (S. 9) dem Lesenden zur Verfügung zu stellen. Dies ist ihm auch gelungen. Es ist ein Buch, welches Freude darauf weckt, mit MBT, insbesondere im stationären Gruppenkontext, zu arbeiten. Es ist kein Buch, vom welchem der Leser die Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen zu erwarten hat, sondern ein praxisnahes Arbeitsbuch. Gerade da der Anspruch kein theoretischer ist, wird nicht ganz ersichtlich, warum im ersten Teil der Definition im Rahmen der Klassifikationssysteme und der Epidemiologie und Gesundheitsökonomik von BPS so einem breiten Raum zugedacht werden. Das Therapiekapitel und der darauf folgende Praxisteil wecken viel Lust darauf, mit mentalisierungsbasierten Interventionen in der Praxis zu arbeiten. Etwas unvermittelt stehen einige Unterpunkte der letzten Kapitel nebeneinander. Der Autor entwickelt sehr gute Gedanken, bspw. zur Idee der Implementierung von mentalisierungsbasierten Interventionen in Organisationen und Politik, diese bleiben jedoch aufgrund der Kürze (halbe Seite) sehr bruchstückhaft.

Fazit

Die Publikation ist ein sehr lesenswertes Buch für alle, die sich mit der Mentalisierungsbasierten Therapie, insbesondere bei Persönlichkeitsstörungen im stationären Kontext, beschäftigen wollen. Der Autor bietet eine absolut gelungene Auseinandersetzung mit dieser Thematik an. Er legt damit einen weiteren Grundstein, um der Mentalisierungsbasierten Therapie einen dauerhaften Platz in der psychoanalytischen Theoriebildung zu sichern.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 10.06.2016 zu: Thomas Bolm: Mentalisierungsbasierte Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-497-02540-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20265.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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