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Jurit Kärtner: Die Freiheit der Soziologie

Cover Jurit Kärtner: Die Freiheit der Soziologie. Der Grundbegriff der Moderne und die soziologische Theoriebildung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. 380 Seiten. ISBN 978-3-95832-077-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Das Buch untersucht das Wechselverhältnis von Freiheit und soziologischer Theoriebildung anhand von vier systematisierenden, die Erkenntnis-, Sozial- und Gesellschaftstheorien betreffenden Analysen. Indem die Gegenbegriffe zu Freiheit unter die Lupe genommen werden – nämlich Notwendigkeit, Kontingenz, Bindung und Zwang – beschreibt es freiheitstheoretische Grundprobleme. Es wird also eine Paradoxieanalyse durchgeführt, um die Freiheit als ein Grundlagenproblem der Soziologie in seiner theoriespezifischen Formulierung und Lösung nachzuvollziehen.

Autor

Jurit Kärtner studierte Soziologie mit dem Wahlpflichtfach Jura an der Universität Leipzig sowie Soziologie an der Universidad de Salamanca (Spanien). Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig und zudem für das Deutsche Jugendinstitut Halle tätig.

Entstehungshintergrund

Kärtner promovierte am Institut für Kulturwissenschaften in Leipzig mit der Arbeit, die dieser Publikation zugrunde liegt. Die Doktorarbeit wurde von Monika Wohlrab-Sahr (Leipzig) und Hartmut Rosa (Jena) begutachtet.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert.

Nach einer Einleitung (Kap. 1) folgt die Beschäftigung mit Karl Poppers Handlungs- und Situationstheorie (Kap. 2). Im dritten Kapitel geht es um Jürgen Habermas´ Handlungs- und System/Lebenswelt-Theorie. Die Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns Kommunikations- und Systemtheorie folgt im vierten Kapitel. Die letzte der vier analysierten Theorien ist Michel Foucaults Macht- und Gouvernementalitätstheorie (Kap. 5). Im sechsten Kapitel zieht der Autor ein Resümee.

Inhalt

Das Buch beschäftigt sich mit einem Grundbegriff der Moderne: Freiheit. Es zeigt, „wie unterschiedliche Soziologien unterschiedliche Freiheiten beschreiben oder auch ähnlichen Freiheitskonzepten einen unterschiedlichen theoretischen Stellenwert beimessen“ (S. 17). Dafür werden vier theoretische Zugänge ausgewählt: Popper und Habermas, die Freiheit als Faktizität begreifen, und Luhmann und Foucault, die von einer Freiheitszuschreibung ausgehen.

Für die Theorien von Popper und Habermas werden die methodologisch-erkenntnistheoretischen Ausgangspositionen herausgearbeitet, um anschließend die Relevanz der Freiheit für die jeweilige Theorie diskutieren zu können. Bei Popper steht die Tragik der Freiheit im Vordergrund, sich bei grenzenloser Freiheit selbst (und den gesellschaftlichen Fortschritt) zu gefährden. Habermas setzt auf eine Form der vernunftgemäßen Freiheit. „Es lasse sich eine in der kommunikativen Verständigung angelegte kommunikative Vernunft rekonstruieren, deren Befolgung Freiheit und gesellschaftliche Integration bedeutet“ (S. 356).

In der Diskussion von Luhmanns Freiheitsverständnis geht es ebenfalls zunächst um die methodologisch-erkenntnistheoretische Basis. Anschließend wird die Faktizität der Freiheitszuschreibung im Kontext des Problems der doppelten Kontingenz diskutiert. Luhmann fragt, „wie sich die faktische Freiheitszuschreibung bei der Annahme der Tatsache, dass doch ohnehin alles abläuft wie es abläuft, funktional erklären lässt“ (S. 356). Schließlich zeigt Kärtner auf, welche Lösungen sich bei Luhmann für das Problem der doppelten Kontingenz finden und welche Funktionalität sich der Freiheitssemantik beimessen lässt. Mit Hilfe der Kommunikations- und Systemtheorie lässt sich die Freiheitssemantik für moderne Gesellschaftsstrukturen differenziert analysieren.

In der Auseinandersetzung mit Foucault zeigt der Autor, wie der französische Sozialphilosoph eine normative und machttheoretische Perspektive als Ergänzung einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive anlegt. In der Skizze eines Urzustands der Moderne werden bei Foucault beide Perspektiven zu verbinden versucht.

Kärtners Studie zielt darauf, „den Stellenwert der Freiheit für die Soziologie (der Moderne) zu untersuchen, indem sie systematisch ausgewählte soziologisch-freiheitstheoretische Perspektiven analysiert, die insofern gleichberechtigt sind, als sie von unterschiedlichen, nicht selbst theoretisch ableitbaren Ausgangsentscheidungen ausgehen“ (S. 357).

Diskussion

Ganz alltäglich und selbstverständlich wird im sozialen Miteinander von der Freiheit von Individuen ausgegangen. Von der Freiheit zu entscheiden etwa oder von der Freiheit zu handeln. Auch in soziologischen Theorien wird mehr oder weniger explizit Freiheit oder Freiheitszuschreibung vorausgesetzt. Dass es sich lohnt, diesem Grundbegriff der Moderne in den Theorien genauer nachzuspüren, zeigt die Studie von Jurit Kärtner.

Das Buch besticht durch seine systematische Vorgehensweise. Immer wieder werden Tableaus entworfen, um die Argumentation auf den Punkt zu bringen. Dies ist auch nötig, um die abstrakten und theoretisch hergeleiteten Zusammenhänge übersichtlich darzustellen. Die auf einem hohen theoretischen Niveau arbeitende Analyse fordert die und den LeserIn und ist daher für theoretisch Geschulte geeignet.

Fazit

Eine interessante und wichtige Fragestellung, der mit einer originellen Herangehensweise nachgegangen wird. Ein Buch für an soziologischer Theorie interessierte LeserInnen.


Rezensentin
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 02.11.2017 zu: Jurit Kärtner: Die Freiheit der Soziologie. Der Grundbegriff der Moderne und die soziologische Theoriebildung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2015. ISBN 978-3-95832-077-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20271.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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