socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stephanie Jentgens: Lehrbuch Literaturpädagogik

Cover Stephanie Jentgens: Lehrbuch Literaturpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis der Literaturvermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3330-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Institutionelle Kontexte wie Schule und Hochschule galten lange Zeit als Bastionen des Lesens und der Leseförderung. Seit einigen Jahren bilden sich jedoch außerinstitutionelle Leseinstanzen in Kindergärten, Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der Bibliotheken heraus, die eigene Angebote zum Lesen und zur Leseförderung bereithalten. Mit dem Begriff „Literaturpädagogik“ werden jene Handlungsfelder beschrieben, die neben schulischen auch außer- und vorschulischen Initiativen dienen. Dazu stellt der Band die einzelnen Handlungsfelder vor, bietet eine Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur, beschreibt die Praxis der Literaturpädagogik und nennt wesentliche organisatorische Hilfestellungen.

Autorin

Dr. Stephanie Jentgens (geb. 1964) hat sich nach einem Magisterstudium der Fächer Germanistik, Politikwissenschaft und Psychologie 1994 promoviert. Sie war Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendliteraturforschung an der Universität Köln und ist seit 1995 Dozentin für Literatur an der Akademie Remscheid für kulturelle Bildung. Dort leitet sie seit 2009 u. a. das Qualifizierungsprogramm Literaturpädagogik, aus dem auch Teile des vorliegenden Bandes hervorgegangen sind.

Entstehungshintergrund

Die Akademie Remscheid bietet seit einigen Jahren Fortbildungs- und Zertifizierungskurse und -programme zur Literaturpädagogik an, vorrangig für Berufspraktiker im Bereich Elementarpädagogik und Bibliotheksarbeit, aber auch für Lehrkräfte der Primar- und Sekundarstufen. Im entsprechenden Jahrbuch Kulturpädagogik und im Jahresbericht der Akademie sind in den letzten Jahren vorbereitende Überlegungen und Vorstufen des Buches publiziert worden, wie die Autorin mehrfach betont.

Aufbau und Inhalt

Nach drei Grußworten von Verantwortlichen der Leseförderung und der Jugendliteraturforschung und einem kurzen Vorwort ist der Band in vier Abschnitte gegliedert, die um ein Literatur- und Abbildungsverzeichnis ergänzt sind:

  1. Grundlagen der Literaturpädagogik
  2. Kinder- und Jugendliteratur
  3. Praxis der Literaturpädagogik
  4. Organisatorische Hilfestellungen

Das kompakte erste Kapitel erläutert die Bedeutung und die Aspekte der Literaturpädagogik. So definiert Jentgens den Begriff nach einigen Abwägungen als „Teil eines Bildungsprozesses, der dem Individuum hilft, seine Möglichkeiten zu entfalten.“ (S. 18) Zugleich unterstütze Literaturpädagogik „das Kind oder den Jugendlichen bei der Aneignung von relevanten Qualifikationen“ (S. 18), worunter die genauer vorgestellten Handlungsfelder Sprechen und Zuhören, Erzählen, Lesen und Schreiben subsumiert werden. Jeweils detailliert werden die Entwicklungen der Kompetenzen über die Lebensspanne des (Klein-)Kindes bis zum Jugendlichen referiert, ferner „Gedanken zum literaturpädagogischen Handeln“ (S. 49) vorgestellt: „informieren, beraten, arrangieren und animieren“ (S. 49). Dazu entwickelt Jentgens einen Qualifikationsrahmen, der verschiedene Niveaustufen professioneller Literaturpädagogen-Tätigkeit bzw. -Expertise ausweist und auch zur Selbstreflexion über die eigenen Kompetenzen respektive Entwicklungsfelder einlädt.

Das zweite Kapitel stellt die zentralen Medien des literaturpädagogischen Handelns vor: die Kinder- und Jugendliteratur. Nach einem knappen historischen Abriss, der bis ins Mittelalter zurückreicht, werden epochenspezifische Entwicklungstrends und Merkmale überblicksartig dargestellt. Dem schließt sich eine begriffliche Klärung an, was „Grundbegriffe des Diskurses über Kinder- und Jugendliteratur“ (S. 73) sind: Die Autorin unterscheidet fiktionale von faktualen Texten, fantastische von realistischer Literatur, ferner erläutert sie Gattungen, Genres, Buchtypen und bildgestützte Publikationsformen. Erkennbar instruktiv angelegt sind die Überlegungen zur „Beschreibung und Analyse von Kinder- und Jugendliteratur“ (S. 78), welche Kategorien zur Analyse des Erzählens, der Sprache und der Beschreibung von fiktionaler wie Sachliteratur umfassen. Gleichfalls akzentuiert Jentgens aktuelle Entwicklungen im medialen bzw. intermedialen Kontext, sie betont, dass Kinder- und Jugendliteratur einerseits „zunehmend über technische Medien vermittelt“ (S. 89), anderseits „durch andere Medienangebote ergänzt“ (S. 90) werde. Die kurze „Orientierung auf dem Literaturmarkt“ (S. 97) macht neugierig auf ein dynamisches Segment: „Jedes Jahr gibt es über 8000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt. (…) Auch die Welt der ca. 70 Kinder- und Jugendbuchverlage ist in einem ständigen Wandel begriffen.“ (S. 97)

Sachlich wie seitenmäßig bildet das dritte Kapitel den Schwerpunkt des Einführungswerkes in die Literaturpädagogik, da hier die „praktische Arbeit der Literaturpädagogen“ (S. 99) vorgestellt und beschrieben wird. Aspekte wie Adressat, literarischer Text, Kontext und Vermittler werden systemisch reflektiert, u. a. durch eine genaue Beschreibung der kindlichen und jugendlichen Entwicklung, ferner die Fragestellung, welche Bücher bzw. Buch-/Medientypen in welcher Entwicklungsphase eine konstruktive Rolle spielen können. Diverse methodische Anregungen, die praxisnah beschrieben werden, erhöhen den Gebrauchswert des Bandes. Ferner werden Werke der Kinder- und Jugendliteratur für die verschiedenen Entwicklungsphasen exemplarisch analysiert, etwa Delphine Bournays „Krümel und Pfefferminz. Wilde Tiere“, Alexie Shermans „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers“, Anna Gavaldas „35 Kilo Hoffnung“ oder Kevin Brooks „iBoy“.

Im vierten Kapitel zeigt sich, dass sich der Band als praxisorientierte Einführung in das Themenfeld der Literaturpädagogik versteht. Unter der Überschrift „Organisatorische Hilfestellungen“ werden zunächst Ideen und Konzepte zur Projektplanung und -durchführung vorgestellt, wobei Jentgens einen Fokus auf die besondere „Projekt-Dramaturgie“ von literaturpädagogischen Projekten bzw. Veranstaltungen legt. Im Folgenden finden sich Ausführungen zur Evaluation und Nachhaltigkeit, wozu der Band im Anhang auch einen Evaluationsbogen mitliefert. Die Autorin betont mehrfach, dass es für erfolgreiche und nachhaltige Projektentwicklungen auf wesentliche Aspekte wie „Freiwilligkeit, Selbsttätigkeit, sinnliche Zugänge und eine positive Atmosphäre“ (S. 215) ankomme. Darüber hinaus finden auch literaturpädagogische Projekte nicht in einem rechtsfreien Raum statt, hingegen kommt rechtlichen Fragen wie der Vervielfältigung und öffentlichen Wiedergabe von (literarischen) Texten, aber auch dem Jugendschutz und der Aufsichtspflicht eine wesentliche Rolle zu. Des Weiteren stellt sie daran anknüpfend relevante Arbeitsmittel vor, u. a. Institutionen, Initiativen und Vereine zur Literaturvermittlung wie den Arbeitskreis für Jugendliteratur, den Friedrich-Bödecker-Kreis und die Stiftung Lesen, ferner nennt und verortet sie knapp wichtige Fachzeitschriften und Medien zur Information und Meinungsbildung.

Abgerundet wird die Einführung durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit zahllosen weiterführenden Angaben.

Diskussion

Lehrbücher haben grundlegende Funktionen wie Gegenstandsklärung und Sachverhaltserhellung. Diesen Ansprüchen wird Stephanie Jentgens mehr als gerecht. Dies ist einerseits auf die Sachkenntnis der Autorin zurückzuführen, anderseits kann sie auf jahrelange praktische Erfahrungen verweisen. Wer ein Projekt zur Leseförderung und kulturellen Bildung durchführen möchte oder wer in Berufsausbildung und Studium grundlegende Informationen zur Kinder- und Jugendliteratur oder zu den Kompetenzbereichen sucht, wird im vorgestellten Lehrbuch reichlich Material in stringenter und klar präsentierter Form finden.

Fazit

Pädagogische Bemühungen um Lese- und Literaturförderung sind seit dem durchschnittlichen Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei internationalen Leistungsstudien en vogue. Jentgens Lehrbuch richtet sich dabei an die Akteure im schulischen, aber auch im außerschulischen Bereich, etwa in der vorschulischen Früherziehung und bei den verschiedenen Formen der Leseanimation. Konsequent auf die Praxis der Lesevermittlung und Literaturpädagogik ausgerichtet, gelingt es dem Lehrbuch, die Basisinformationen zu den Konzepten, den Medien und den Formen der Literaturpädagogik zu vermitteln. Damit ist der Band nicht nur als Begleitlektüre für Seminare und Fortbildungen, sondern auch für das Selbststudium bestens geeignet.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Torsten Mergen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 20.04.2016 zu: Stephanie Jentgens: Lehrbuch Literaturpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis der Literaturvermittlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3330-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20274.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung